WüchternerMtung
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56. Mittwoch, den 13. Juli 1898. 49. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Auf seiner Nordlandreise ist unser Kaiser von Odde aus über Eide am Sonnabend in Bergen, der bedeutenden norwegischen Handelsstadt und Festung, eingetroffen. Das Wetter ist herrlich und an Bord der „Hohenzollern" alles wohl. Am Sonntag hielt der Monarch selbst den Gottesdienst auf seiner Jacht ab. — In Odde fand am Freitag Vormittag die feierliche Enthüllung des Denkmals für den verunglückten Lieutenant v. Hahnke von der „Hohenzollern" in Gegenwart des Kaisers statt; ein zahlreiches Publikum aus der ganzen Umgegend wohnte der eindrucksvollen und würdigen Feier bei. Nach Beendigung derselben ging der Kaiser an Bord der „Hohenzollern" wieder in See.
— Nach einer im „Reichsanzeiger" über das Rentengesetz veröffentlichten Statistik sind im Jahre 1897 93 Güter zur Rentengutsbildung verwandt und davon 915 Rentengüter mit 9900 Hektar ausgelegt worden. Die Gesammtfläche der Restgüter betrug 7821 Hektar. Der Taxwerth der Rentengüter belief sich auf 7 068 269 Mark. Das ist pro Hektar 707 Mark. Die Veräußerer erhielten neben Anzahlungen, Privatrenten und Hypotheken für 4 842,369 Mk. Rentenbriefe. Insgesammt sind zur Ausführung des Gesetzes vom 7. Juli 1891 bis Ende 1897 802 Güter zur Rentengutsbildung verwandt. Die ganzen Güter umfassen 183 379 Hektar, die aufgetheilten Ländereien 77 283 Hektar. Es wurden 7104 Rentengüter ausgelegt, darunter 5054 Neuansiedelungen, 2050 Zukäufe. Es sind 4506 in deutscher, 2292 in polnischer Hand. Der Kaufpreis beträgt pro Hektar durchschnittlich 776 Mk., davon 1 886 838 Mk. in Rente, 13 620 250 in Kapital, die Veräußerer erhielten unter anderem an Rentenbriefen 42 081 067 Mark.
— Wie die „Nat.-Ztg." mittheilt, haben nach einer soeben erfolgten Schluß-Abrechnung die deutschen Arbeiter zur Unterstützung der englischen streikenden Maschinenbauer rund 263 000 Mark aufgebracht. — Das Geld hätte besser angewandt werden können; denn erreich haben die englischen Maschinenbauer bekanntlich nicht das geringste.
— Eine Station zur Er'orschung und Heilung der Tollwuth wird im Königlichen Institut für Infektionskrankheiten zu Berlin eingerichtet werden, so daß alsdann von tollen Hunden, Katzen re. gebissene Menschen nach der Pasteur'schen Methode Heilung finden können. Es ist dies das erste derartige Institut iu Deutichland.
Hamburg, 8. Juli. In Ottensen verhaftete der Polizeiinspektor Engel einen Handlungskommis aus Linden bei Hannover bei der Verausgabung eines falchen Fünfmarkscheines. Die Nachforschungen führten zur Entdeckung einer Falschmünzer-Werkstätte an der Eims- büttler Chaussee, wo die Lithographiesteinc zur Herstellung von falschen Fünfmarkscheinen und Zehnpfennig-Post marken gefunden wurden. Die falschen Postmarken und 150 falsche Fünfmarkscheine wurden beschlagnahmt Die Scheine tragen sämmtlich die Nummer I 159,383 Berlin, 13. Jan. 1882.
Münster (West?.), 8. Juli. Das hiesige Schwurgericht verurtheilte den 22jährigen Bäcker Fritz Flechtner aus Ostrick bei Werne, welcher seinen eigenen Vater mit dem Beil erschlagen hat, zu 15 Jahren Zuchthaus.
Mainz, 6, Juli. Seither war es in Hessen sehr vielfach gebräuchlich, daß Volksschullehrer Nebenbeschäftigungen trieben, zu welchem Behufe sie sich auf den Namen ihrer Frauen lautende Gewerbspatente ertheilen ließen. So haben besonders auf diesem Wege und hauptsächlich in Rheinhessen viele Volksschullehrer Wein- Handel betrieben, was aus Weinhandelskrei'en oft zu Beschwerden geführt hat. Infolge dieser Beschwerden hat die oberste Schulbehörde nach angestellten Erhebungen jetzt verfügt, daß auch den Lehrerfrauen in Zukunft^ kein Gewerbspatent mehr ertheilt wird. ...............
Ausland.
Aus der Schweiz. Das Volk des schweizerischen CantonS Zürich hat soeben die Frage, ob die Frauen als Advokaten zugelassen werden sollen, mit 21 700 gegen 20 000 Stimmen bejaht. Die Universität Zürich hat zuerst Frauen zum Universitätsstudium zügelnsten, folglich ist cd konsequent, ihnen auch die Ausübung des Anwaltsberu es zu ermöglichen. Ein Aufruf der „Züricher Frauenvereine" begründet die Zulassung der Frauen -um Anwaltsberuf u. A. damit, daß im Jahre 1895
fünfzehn Prozent der von dem Züricher Bezirksgericht verhandelten Prozesse aus Ehescheidungsprozessen, fünf Prozent aus Vaterschaftsklagen bestanden. Es sei Vortheilhaft, daß die klagende oder verklagte Frau von einem weiblichen Advokaten vertreten werde. Dies sei auch deshalb billig, weil in Zürich die Frauen doktoriren, ferner sich als Privatdozentinnen habilitiren dürfen.
Paris, 9. Juli. Der Deputirte Deloncle, der Bruder des Kapitäns des untergegangenen Dampfers „Bourgogne" richtete einen Brief an den „Temps", worin er die Hoffnung ausdrückt, daß ein Theil der für verloren gehaltenen Passagiere und Mannschaften noch am Leben sei, da Niemand die „Bourgogne" habe versinken sehen, und da es möglich sei, daß das Wrack oder doch einige Trümmer davongetrieben und bei dem herrschenden Nebel schnell unsichtbar geworden seien.
Washington, 9. Juli. Das Kriegsdepartement in Washington hat soeben die Nachricht erhalten, daß das Bombardement Santiagos heute Mittag begann. General Shafter telegraphirt an die Regierung, er habe nunmehr die von den Amerikanern in den Kämpfen am 1. und 2. Juli erlittenen Verluste vollständig festgestellt. Es seien 22 Offiziere nnd 208 Mann gefallen, 81 Offiziere und 1203 Mann verwundet, und 79 Mann werden vermißt. Admiral Sampson glaubt, daß das spanische Panzerschiff „Cristobal Colon" noch zu retten wäre, da es noch in gutem Zustande sei) auch sei in gewissem Maße die Hoffnung auf Erhaltung der „Maria Theresa" und der „Vizcaya" berechtigt.
Lokales irnd Provinzielles.
* Schlächtern, 12. Juli.
* — Wir lesen in auswärtigen Zeitungen seit voriger Woche öfters von einer Wiederherabsttzung der infolge der neuerlichen hohen Getreidepreise stark aufgeschlagenen Brotpreise. So meldet die Seminarstadt U s i n g e n: Die hiesigen Bäcker sind dem Beispiel anderer Städte wie Limburg, Diez, Montabaur rc. gefolgt und haben seit einigen Tagen auch einen Brodabschlag von 5 Pfg. per Laib eintreten lassen. Nunmehr kostet erste Sorte wieder 50 Pfg., zweite Sorte 45 Pfg. — Von den Bäckern hier in Schlüchtern hat man derartiges bis jetzt noch nicht vernommen.
* — In einer Bekanntmachung des Herrn Regiernngs- präsidentcn im Amtsblatt der Königlichen Regierung in Cassel wird darauf anfmerksam gemacht, daß die sämmtlichen vormals Kurhessischen Staatsanleihen zur Rück zahlung gekündigt worden sind. Die Inhaber der noch nicht eingelösten Schuldverschreibungen und Prämien scheine werden daher aufgefordert, sie bei. der Regierungshauptkasse in Cassel oder dem Bankhau'e M. A. v. Rothschild u. Söhue in Frankfurt a. M. zur Einlösung einzureichen. — Die Einlösung der am 1. September d. J. fällig werdenden Zinsabschnitte der Landeskreditkasse wird bei der Landeshauptkasse in Cassel vom 22. August d. I. an, sowie außerdem bei den ständischen Landesrentereien des Regierungsbezirks Cassel erfolgen.
* — In verschiedenen Blättern finden wir die Meldung, daß die Ausübung der Jagd des Sonntags erlaubt sei, und daß Jagdscheine nur während der Jagd vorgezeigt zu werden brauchen. Diese Meldung stützt sich auf eine Entscheidung des Kammergcrichtes. Um irrthümlichen Auffassungen zu begegnen, machen wir darauf aufmerksam, daß die Entscheidung des Kammergerichtes für das Gebiet des ehemaligen Kurfürstenthums Hessen nicht zutrifft. Hier war die Ausübung der Jagd an Sonn- und Feiertagen von jeher verboten (vergl. u. A. Kurhess. Ministerial-Ausschreiben vom 13 Mai 1801). Der § 13 der Polizei-Verordnung vom 31. Dezember 1886 bctr. die ältere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage, hat also lediglich den bestehenden Rcchtszuüand wiedergegeben. Hiernach ist auch heute noch im Gebiete des ehemaligen Kurfürstenthums Hessen jede Art der Jagdausübung an Sonn- und Feiertagen verboten. Was ferner die Rechte der Gensdarmen bezw. Polizei Beamten zur Revision der Jagdscheine angeht, so trifft auch die hier angeführte Entscheidung des Kammergerichtes für den diesseitigen Bezirk nicht zu. Nach der noch heute giltigcu kurhess. Verordnung vom 18. August 1817 bedarf Jedermann zur Führung eines Schießgewehres einer Erlaubniß (sogen. Waffenschein). Mit der Ertheilung eines Jagdscheines ist selbstverständlich auch die Genehmigung zur Führung eines Schießgewehre- ertheilt. Die Gensdarmen und Polizeibeamten
sind daher jederzeit befugt, von dem Träger eines Gewehres eine Legitimation zu verlangen.
— Hamburger Turnfest. Die Turner des Mittelrheinkreises, die sich am deutschen Turnfest in Hamburg betheiligen, treffen, wie jetzt bestimmt ist, Freitag, den 22. Juli in Frankfurt ein, um am Abend um 9,15 Uhr mit einem Extrazug gemeinschaftlich die Reise fortzusetzen. Ausgenommen davon sind die Mitglieder des Gaues Frankfurt; sie fahren, etwa 100 Köpfe stark, an demselben Abend, aber mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug um 12 Uhr, der den Extrazug überholt. In Hannover soll der letztere einen mehrstündigen Aufenthalt haben, um der gesummten Mannschaft des Mittelrheinkreises eine Probe der Stabübungen zu ermöglichen. Am vergangenen Sonntag, Vormittags 9 Uhr waren sämmtliche Preisturner des Mittelrheinkreises in der Turnhalle des Turnvereins in Frankfurt a. M., Sandweg 2, zu einer gemeinschaftlichen Uebung anwesend.
~ *— Das Concert der Gesellschaft Tyroler-Sänger S ch a u m a n n u. Fink am letzten Sonntag im „Stern" hier war außerordentlich zahlreich besucht und wurden die Vorträge vom Publikum mit großen Beifall ausgenommen. Es wird daher Vielen erwünscht sein zu erfahren, daß die Gesellschaft auf allseitigen Wunsch am nächsten Freitag Abend noch einmal Concert giebt. Ebenso findet morgen, Mittwoch, bei Halbreiter in Steinau ein Concert statt. (Siehe Inserat.)
Steinau. Für die Fernsprechanlage Steinau Ulmbach« Hintersteinau-Freiensteinau-Hauswurz ist die Gebühr für ein einfaches Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten, welche bisher 1 Mark betrug, auf 50 Pfennig ermäßigt worden. — Am Montag den 11. d. M. fand in Marborn die feierliche Grundsteinlegung unserer neuen Kirche statt.
C»vctt, 9. Juli. Unser Soolbad erfrort sich in diesem Monate eines regen Besuchs. Die Zahl der augenblicklich anwesenden Badegäste soll über 200 betragen. Nicht weniger besetzt ist die bekannte Sodener Naturheilanstalt, das Sanatorium, die augenblicklich von 120 Kurgästen in Anspruch genommen wird.
Salmünster, 8. Juli. Am Sonntag Nachmittag fand hier eine Versammlung des Volksvereins für das kathol. Deutschland statt.
Aus der Wetterau. (Der Storch von Gambach.) Bei dem Dorfe Gambach in der Wetterau steht, wie der „Frkf. Gen.-Anz." mittheilt, an der Landstraße etwas von dem Orte entfernt das Chausseehaus. Dort nisteten im verflossenen Jahre Störche, die auch bald Junge be« kamen. Eines dieser Jungen warfen die Alten, jedenfalls als „überzählig" aus dem Neste und es blieb hilflos auf der Erde liegen. Ein Junge vom Chausseehaus nahm sich des armen Geschöpfes an und zog es auf, bis es im Herbste dem Schwärme folgend wegzog und nicht mehr gesehen wurde. Auch in diesem Frühjahr ließ sich der Storch nicht mehr sehen, bis er vor wenigen Tagen plötzlich wieder auf dem Hofe erschien und auf seinen Wohlthäter vom vorigen Jahre zulief. Seitdem wohnt der Storch wieder vollständig bei seinen „Hausleuten", sucht sein Futter auf den benachbarten Wiesen und kehrt jeden Abend nach Hause zurück, um im Stall oder Scheuer seine Unterkunft zu suchen.
Hanau, 8. Juli. Nachdem nunmehr die ministerielle Genehmigung zur Erbauung eines Getreidelagerhauses in hiesiger Stadt eingetroffen ist, wird in aller Kürze mit den Bauarbeiten begonnen werden. Das Lagerhaus kommt auf die nördliche Seite des Bebraer Bahnhofes zu stehen. Die Bauarbeiten sind der Firma Fr. Rumpf, Hanau übertragen worden, und zwar hat die Firma den Auftrag, die Arbeiten so zu fördern, daß schon im Herbst laufenden Jahres das Gebäude seinem Zwecke übergeben werden kann.
Frankfurt, 5. Juli. Das Schwurgericht verurtheilte nach 6tägiger Verhandlung den Kaufmann Siddi Schwarzenberger, den Gründer der -eutsch-überseeischen Handelsgesellschaft, wegen betrügerischen Baukerotts und Betrugs zu 3 Jahren Zuchthaus und 6000 Mark Geldstrafe. — Ein angehender Künstler erbte vor etwa einem halben Jahre, als seine Mutter starb, ein Kapital von 52 000 Mk. in Werthpapieren. Bald nachdem er die Erbschaft in seinen Händen hatte, fing er an ein luxuriöses Leben zu führen, er ging auf Reisen und ließ sich auch bethören, in Monaco sein Glück zu versuchen. Am 30. Juni hatte er von seinem Erbe noch