SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 9. Juli 1898
49. Jahrgang
A usr m s.
Schweres Unglück ist am 9. Juni ds. Js. über viele Bewohner des südöstlichen Odenwaldes hcrein- gebrochen. Ein Wolkenbruch hat. auf nahezu 35 Kilometer Ausdehnung von Nord nach Süd, umfangreiche Zerstörungen an Gebäuden, Wegen, Ufern und Grundstücken angerichtet. Gebäude und Brücken wurden schwer beschädigt und weggerissen, Vrunnenleitungen und Bewässerungsanlagen zerstört, bedeutende Flächen Gelände durch Wegschwemmen des Ackerbodens, sowie durch Ueberstuthung mit Geröll, Steinen und Schutt ent- werthet. Straßen und Wege sind oft metertief au^ge- rissen, im Grundbau zerstört und unpassirbar gemacht. Vieh ist ertrunken, Mobiliargegenständc, insbesondere Ackergeräth cha ten sind durch das Wasser vielfach weggeführt und schwer beschädigt werden. Das obere Müm- lingthal und das Sensbachthal zeigen traurige Bilder der Verwüstung. Die an sich schon nicht wohlstehende Gebirgsgegend wird durch diese Schäden überaus hart getroffen. Viele Bewohner derselben sehen nicht allein einen großen Theil der diesjährigen Erndte, sondern auch die Früchte jahrelangen Fleißes und mühevoller Arbeit bei Anlage und Bau der Felder vernichtet, sie sind der Verarmung ausgesetzt und ihren Landwirth- schaftsbetrtcben droht der Ruin, wenn nicht rasche und ausreichende Hilfe eintritt.
Angesichts dieser schweren Prüfung richten wir daher an die vielbewährte Opferwilligkeit der Bewohner des Großherzogthums Hessen und der Nachbarländer die Bitte, durch freiwillige Geldspenden die Noth der von dem Wetterschaden heimgesuchten Bewohner des südöstlichen Odenwaldes lindern zu helfen.
An die verchrliche Presse richten wir die Bitte, diesen Aufruf durch kostenfreien Abdruck weiter verbreiten und Geldspenden gütigst entgegeunehmen zu wollen. Geldsendungen bitten wir an den Schatzmeister des Comites, Regierungsrath Wlck in Erbach i. O., gefälligst gelangen zu lassen. Außerdem ist jeder der Unterzeichneten bereits solche in Empfang zu nehmen.
Erbach im Odenwald, den 12. Juni 1898.
Das Comit«; zur Unterstützung der durch Wolkenbruch Geschädigten:
Fey, Kreisrath des Kreises Erbach, Wick, Reg.-Rath, Vorsitzender. Schatzmeister.
Arthur Graf zu Erbach. Elias zu Erbach-Fürstenau. Fabrikant Arzt, Stockheim. Bürgermeister Bär, Stein- buch. Bauer, Mitglied des Kreisausschusses, Rcichels- heim. Oberamtsrichter Beisler, Michelstadt. Bickelhaupt, Gräflicher Hofkammerrath, Erbach. Landtagsabgeordnetcr Breimer, Beerfelden. Gutsbesitzer Dr. jur. Breimer, Beerfelden. Landtagsabgeordneter Brunner, Stockheim. Breidenbach, Amtsrichter, Beerfelden. Diehm, Kreisbauinspektor, Erbach. Realschuldirektor Dr. Gerhard, Michelstadt. Hänsel, Kreistechniker, Michclstadt. Bürgermeister Hieronymus, Michclstadt. Bürgermeister Ihrig, Stein < bach. Oberpfarrer Junker, Beerfelden. Kiefer, Bürgermeister, Falken-Gesäß. Kleinschmidt, Kreisschulinspektotv Erbach. A. Kredel, Mitglied des KreisausschusseH' Michelstadt. P Kredel, Mitglied des Kreisausschusses, Elsbach. Lang, Posthalter, Hetzbach. Marburg, Rentner, Michelstadt. Marguth, Oberpsarrer, Michelstadt. Müller, Beigeordneter, Stockheim. Penther, Oberstlieutenant u. Bezirkscommandeur, Erbach. Schäfer, Bürgermeister, Unter-Mossau. Scherer, Mitglied des Kreisausschusses, Höchst. Schnellbächer, Pfarrer in Schöllenbach. Scriba, Stadtpfarrer, Erbach. Schwinn, Bürgermeister, Hetzbach. Schwinn, Bürgermeister, Schöllenbach Schwinn, Bürgermeister, Untcr-Scnsbach. Seip, Bürgermeister und Mit- ■ glied des Kreisausschusses, Beerfelden. Siefert, Bürgermeister, Ober-Sensbach. Stegmüller, Bürgermeister,; Erbach. Veith, Pfarrer, Erbach. Volk, Bürgermeister, Hebstahl. von Wachter, Gräflicher Hofrath, Michclstadt.
Walther, Bürgermeister, Schönnen.
Deutsches Reich.
Berlin. Don der Nordlandreise unseres Kaisers, welche am Montag angetreten wurde, wird gemeldet, daß am Dienstag die „Hohenzolleru" die Höhe von Helsingör bei vortrefflicher Fahrt passierte. Es ist Aussicht auf gutes Wetter. Der Monarch ist wohlauf. — Die Ferien des Kronprinzen Wilhelm und seines Bruders Eitel Fritz begannen am Mittwoch. Beide Prinzen werden sich zunächst nach Kiel zu ihrer Mutter
und dann mit dieser auf vier Wochen nach Wilhelmshöhe bei Cassel sich begeben.
— Die Berichte über die Seeschlacht bei Santiago auf Cuba enthalten für uns Deutsche eine nachdenkliche Lehre. Sie zeigen nachträglich, welch ungeheuere Verantwortung auf dem deutschen Reichstage lastete, als er das Flottengesetz zu berathen hatte. Eine Flotte, die nicht ganz auf der Höhe der Zeit steht, die nicht über die erforderliche Anzahl von Schlachtschiffen erster Classe verfügt, ist heute ein schwimmender Kirchhof. Die Seeschlacht von Santiago aber liefert nachträglich eine glänzende Rechtfertigung für den Flottenplan der deutschen Regierung.
Köln, 6. Juli. Bei der durch Pioniere vorgenommenen Sprengung der alten Hafengebäude flogen in Folge eines angeblich fehlgegangenen Schusses Holz- und Steinstücke in die benachbarten Häuser. Ein Holzklotz durchschlug die Fensterrahmen einer besetzten Wirthschaft und traf einen 74jährigen Gast; in einem Metzgerladen durchschlug ein schwerer Stein die Ladenthcke; zwei Personen wurden verletzt. Die Fensterscheiben sämmtlicher Nebenhäuser sind gesprungen, einzelne Füllungen herausgerissen.
Ausland.
Wien, 6. Juli. Ein Augenzeuge der Ereignisse vor Santiago seit Sonntag meldet vom Bord des österreichisch- ungarischen Torpedorammkreuzers „Kaiserin und Königin Maria Theresia": Die „Maria Theresia" ist mit 77 Flüchtlingen h er eingclausin. Das Schiff lief Sonntag früh die Küste von Kuba 20 Meilen östlich von Santiago an und steuerte dann westlich. Um 10 Uhr früh waren die an Bord Befindlichen Augenzeugen der Aktion. Das Gefecht spielte sich in westlich formirten Kiellinien ab. Der Gcschützkampf wurde in einer Entfernung bis zu 1500. Iards geführt. Sinnen 1 & Stunden war die spanische Flotte trotz ihrer guten Haltung in Brand geschossen und vollkommen vernichtet. Die brennenden Schiffe „Jnfanta Maria Teresa", „Almirante Oqnendo," und „Biscaya" strandeten einzeln freiwillig 10 bis 20 Meilen westlich von Santiago. Man sah von Bord der „Maria Theresia" aus die Schiffe explodiren. Die Torpedobootzerstörer wurden in den Grund gebohrt. Der „Cristöbal Colon" strandete etwa 60 Meilen westlich. Die amerikanische Flotte blieb unversehrt. Die Spanier erlitten sehr schwere Verluste. Die Amerikaner hatten nur zwei Todte und wenig Verwundete.
London, 6. Juli. Drei britische Schiffe kamen gestern mit 122 Flüchtlingen im Hafen von Kingston an. Die Flüchtlinge sind zumeist Briten. Als diese drei Schiffe den Admiral Sampson um die Erlaubniß baten, in den Hafen von Santiago einfahren zu dürfen, rieth er ihnen, außerhalb des Hafens zu bleiben, weil drinnen vermuthlich Minen gelegt wären. Nunmehr wurden Boote abgesandt, die die Flüchtigen ausnahmen. Nach ihren Berichten sind während des Bombardements der Forts einige Geschosse in die Stadt geworfen worden, so daß das Passiren der Straßen mit Gefahr verbunden war. Der spanische Erzbischof, sowie der Civil- und der Militärgouverneur von Santiago hielten gestern eine Konferenz ab, in d.r beschlossen wurde, nach Madrid zu telegraphiren und durch General Blanco die Erlaubniß zur Uebergabe der Stadt zu erwirken, damit auf diese Art das Bombardement vermieden würde. Die Spanier leiden unter dem Mangel an Lebensmitteln. Sie besitzen nur Reis und Regenwasser. Wie berichtet wird, hat der französische Konsul Santiago mit 400 Männern, Frauen und Kindern verlassen und ist nach Cuebitas geflohen. Als die Flüchtlinge in die Nähe der spanischen Vorposten gelangten, feuerten diese auf sie und verwundeten zwei Frauen, unter denen sich auch die Tochter des Konsuls befindet.
Madrid, 5. Juli. Gerettete Mannschaften von der „Teresa", die in Santiago angekommen sind behaupten, daß nur die „Teresa", „Oqucndo", „Pluton" und „Furor" mit Feuer an Bord auf den Strand aufliefen, während die „Cristöbal Colon" und die „Biskaya" am Horizont verschwanden und vom Feind nicht verfolgt wurden. Die Enttäuschung ist hier furchtbar. Viele wollen noch nicht an das Unglück glauben. Das Kabel in Santiago ist angeblich unterbrochen, weil die ausländischen Kabcl- beamten vor der Beschießung die Stadt verließen. Die klerikalen Zeitungen predigen den Krieg bis aufs Messer. Die Konservativen selbst erklären, es sei nicht an der
Zeit, für den Frieden einzutreten. Ein in Madrid ein- getrossener Kubaner behauptet, die allgemeine Stimmung auf Kuba sei derart den Amerikaner feindlich, daß die Freiwilligen, wenn Spanien Kuba aufgeben sollte, den Gehorsam verweigern und den Krieg selbst dann fort- sitzen würden, wenn Santiago von den Amerikanern gewonnen würde; sie behaupten nämlich, man habe die Mittel, um noch zwei Jahre hindurch Widerstand leisten zu können, und die Ausständigen selbst würden die Spanier während des Krieges mit Amerika nicht bekämpfen. — Auch die Regierung will noch nichts von Fricdensverhandlungcn wissen.
Washington, 4. Juli. Eine Depesche des Admirals Sampson aus Siboney vom 3. Juli besagt: Die spanische Flotte machte heute früh 9 Vz Uhr den Versuch, zu enikommen. Um 2 Uhr Nachmittags war auch das letzte spanische Schiff, der „Cristöbal Colon", 60 Meilen westlich von Santiago ausgelaufen und strich die Flagge. Die „Maria Theresa", der „Almirante Oqucndo" und die „Vizcaya" wurden gezwungen, auf den Strand zu laufen, in Brand gesteckt und in die Luft gesprengt, weniger als 20 Meilen von Santiago. Der „Furor" und der „Pluton" wurden schon vier Meilen vom Hafen zerstört. Auf unserer Seite wurde einer getödtet und zwei verwundet. Die Verluste auf Seiten des Feindes betragen wahrscheinlich einige Hundert, welche durch Schüsse, durch das Feuer, die Explosionen und durch Ertrinken umgekommen sind. Wir haben ungefähr 1300 Gefangene gemacht, unter denen sich auch Admiral Ccr- vera befindet.
— Dem New Dorker Blatte „Evening Telegr." wird nach einem Telegramm aus Santiago vom Sonntag folgende Darstellung des Ausfalls der Flotte Cer- veras gemeldet: Das Flaggschiff Cerveras eröffnete die Reihe der spanischen Schiffe. Die amerikanischen Schiffe gingen sofort in Stellung, eröffneten aber das Feuer erst, als die Spanier die Hasenausfahrt bereits überwunden hatten. Cervera richtete den Kurs gegen Westen und fuhr so dicht als möglich an der Küste entlang. „Viskaya" und „Oqucndo" folgten dem Admiralsschiff. Dann kamen Torpedoboote. Jetzt begannen plötzlich die amerikanischen Panzer zn feuern. Die Spanier mußten einen wahren Hagel von Kugeln und Granaten aus- halten. Nichtsdestoweniger erwiderte die „Cristöbal Colon" ununterbrochen das Feuer. Als sie 10 Meilen von Morro-Kastell entfernt war, mußte sie jedoch gegen die Küste abschwenken. Die „Vizcay" und „Oqucndo" hatten die Lücke ausgefüllt, welche durch das Abschwenken der „Cristöbal Colon" in der Reihe entstanden war, als auch sie schon gezwungen waren, noch unter dem Feuer sich gegen die Küste zurückzuziehen. Die Schiffsbesatz- ungen vollführten Thaten größter Tapferkeit. Die ameri= kani chen Schiffe litten wenig unter dem Feuer der Schiffe Cerveras. Ein einziges Schiff ist beschädigt. Ein Torpedoboot, welches der Küste zu nahe kam, ist in die Luft geflogen.
— Die Einzelheiten über die Schlacht am letzten Freitag berichten Rühmliches von dem Muth und der Ausdauer der Spanier. Die Amerikaner hätten 2000 Gefangene gemacht. Die Spanier hätten mindestens 1000 Tode gehabt. — Nach einer anderen Meldung erlitt die dem General Lawton gegenüberstehende Division bei El Cancy einen Verlust von 2000 Todten und Verwundeten. Die Gerungenen und Gefallenen im Centrum und auf dem linken Flügel beziffern sich auf nahezu 4000 Mann. Einige Kompagnien der Amerikaner sollen sämmtliche Offiziere verloren haben, auch mehrere Obersten und Oberstlieutenants seien gefallen.
Halifax, 6. Juli. Das Schiff „Eromartyshire" stieß am 3. Juli im dichten Nebel 60 Meilen »üblich von Sable Island mit dem französischen Dampfer, Babour- gogne" mit 800 Passagieren zusammen. Die „Babour- gogne" sank sofort, nur 170 Passagiere und 30 Mann von der Besatzung wurden gerettet. Fast sämmtliche Offiziere der „Babourgogne" sind ertrunken.___________
—Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 8. Juli.
* — Endgiltig angestcllt wurde Lehrer Ferrea u von Breitenbach als Musiklehrer an das Seminar zu Schlüchtern. Lehrer Zimmer zu Züntersbach an die ev. Schule daselbst. Versetzt wurde Lehrer Fischlcin von Oberzell nach Breitenbach bei Schlüchtern. Vorläufig angestellt wurden die Lehramtscandidaten Stau piß