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«M 47. Samstag, den 11. Juni 1898. 49. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Juni. Der Kaiser setzte am Mittwoch die Tags zuvor begonnenen Truppenbesichtigungen in Potsdam fort.
— Das preußische Staatsministerium hat, wie der „Reichsanzeiger" miltheilt, beschlossen, an sämmtliche Ressortminister das Ersuchen zu richten, durch geeignete Anordnungen dafür Sorge zu tragen, daß den Beamten ihrer Ressorts die Ausübung des Wahlrechts am Tage der Reichstagswahl möglichst erleichtert werde.
— Fünfzig Schlösser besitzt der Kaiser und zwar in Berlin: das Königl. Palais, Schloß Bellevue, Schloß Monbijou; in Potsdam: das Neue Palais, Schloß BabelSberg, Sanssouci, die Orangerie, das Stadtschloß, Marmorpalais, das Schloß auf der Pfaueninsel, Jagdschloß Stern, Belvedere am Pfingstberge, Sacrow, Char- lottenhof, das Bayrische Haus im Wildpark und das Landhaus Alexandrowska; in Cassel: Stadtschloß, Wilhelmshöhe, Löwenburg; in Hannover: das Residenzschloß. Ferner gehören dem Kaiser die Schlösser in WieSbaden, Urville, Straßburg i.E., Stolzenfels, Springe, Burg Sonneck a. Rh., Rominten, Schönhausen bei Berlin, Schwebt a. O., Benrath, Breslau, Brühl, Celle, Char- lottenburg, Erdmannsdorf, Freienwalde a. O-, Jagdschloß in der Goehrde, Jagdschloß Grunewald, Georgsgarten, Burg Hohenzollern, Homburg v. d. Höhe, HubertuSstock, Jägernhof bei Düsseldorf, KönigSberg L P., KönigSwusterhausen, Letzlingen, Osnabrück, Oliva und Koblenz.
— Die deutschen Truppen in Kiautschau find in Keinen Lagern an der Grenze vertheilt. Krankheiten herrschen nicht, aber Wasser giebt es nicht reichlich und auch wenig Baumwuchs. Die deutschen Soldaten haben gründliche Reinigung vorgenommen, und der Platz macht schon den Eindruck eines gut in Ordnung gehaltenen Lagers. Gegenwärtig besteht noch keine dauernde Niederlassung. BiS jetzt kann man noch nicht von Handel reden. Nur die Asiatische Bank hat eine kleine Filiale in Kiautschau eröffnet. Ein Dampfer befördert jede Woche die Post nach Sanghai. Es ist Raum für alle Anlagen da: für Docks, Hafenbauten, Befestigungen und Kasernen. Die Soldaten haben sozusagen alle Arbeit zu verrichten, da nur wenig Kulis da find. Nur zum Lasttragen werden eine Anzahl verwandt. Für die Feldbatterien benutzen die Deutschen Maulesel.
— 23 Millionen Mark haben die in Deutschland lebenden Spanier durch freiwillige Sammlungen zu Gunsten ihres bedrängten Vaterlandes aufgebracht. DaS Geld wurde zum größten Theile in barem Golde nach Hamburg gesandt, von wo es über England nach Spanien gesandt werden soll. Ein besonderer Abgesandter der auch die Gaben der in England wohnenden spanischen Unterthanen in die Heimath bringen und der Regierung zur Verfügung stellen soll, begleitet die Sendung nach Madrid.
Wilhelmshaven, 3. Juni. Eine falsche Marine- kapelle hat während der Pfingsttage in Hannover konzertirt. Ein von hier entlassener Musiker hatte sich einige Civil- mustker angeworben, steckte diese in eine der Marineuniform täuschend ähnliche Marinekleidung und kündigte dann seine Konzerte als solche von der „Marinekapelle aus Wilhelmshaven" an. Da die unter Leitung des kaiserlichen Musikdirigenten Wöhlbiet stehende Kapelle den Kaiser auf seinen Seereisen zu begleiten, auch wohl häufig „Hohenzollernkapelle" oder „Kaiserkapclle" genannt wird, so hatten die Konzerte natürlich viel Zulauf. Der findige Kapellmeister nannte sich dreist und gottesfürchtig »kaiserlicher Mufikdirigent" und hat diesen Titel ganz ungenirt auch in Korrespondenzen geführt, so daß mehrfach Briefe mit dieser Adresse hier einliefen. Die ge- schädigte Kapelle wird gegen den Schwindler klagbar werden.
In Bayern erfolgten vom 15. bis 28. Mai täglich Hagelschläge, die namentlich dem in Blüthe stehenden Winterroggen viel Schaden zufügten, vom 22. bis 28. Mai wurden 275 Gemeinden betroffen.
Mainz, 7. Juni. Die Hinrichtung des Mörders Simon Merz fand heute früh um 6 Uhr im hinteren Hofe des Justizgebäudes mittelst Guillotine durch den Scharfrichter Brand aus Gotha statt. Die Staatsanwaltschaft hatte anßer den zwölf Einlaßkarten, welche noch dem Gesetz der Bürgermeisterei zugestellt werden müssen, um zwölf Zeugen zu laden, nur eine sehr beschränkte Zahl Karten ausgegeben.
Ein Prozeß in Zabern, der in mehrfacher Hinsicht allgemeines Interesse erweckt, ist am Schluß der vergangenen Woche durch Urtheilsspruch beendigt worden. Der Anlaß des Streites liegt über ein Jahr zurück. Auf der vorjährigen Gustav-Adolfversammlung hatte ein protestantischer Pfarrer Dr. Gerbert aus Saarburg einen Vortrag gehalten, indem er u. A. erzählte, daß gelegentlich des Frohnleichnahmsfestes in Alberschweiler ein I4jähriger Knabe halbnackend an ein Kreuz gebunden war An dem Altar hätten zu beiden Seiten zwei betende Mädchen gekniet und der die Procession leitende Geistliche habe vor diesem Altar seine priesterlichen Uebungen ver- richlet. Dr. Gerbert wurde darauf in erster Instanz „wegen einiger an die Erzählung geknüpften beleidigenden Aeußerungen" zu 500 Mark Geldstrafe verurtheilt. Gegen dieses Urtheil legten beide Parteien Berufung ein. Bei der Verhandlung in der Berufungsinstanz erregte namentlich das Auftreten des Rechtsanwalts Dr. Stiewe allgemeines Aufsehen, der in seinem Plaidoyer u. a. auch ausführte, daß dem Katholicismus in Deutschland durchaus die Vorherrschaft gebühre und daß der deutsche Kaiser unbedingt Katholik sein müsse. Das Urtheil der Berufungsinstanz war von dem erst er- gangenen aber wesentlich verschieden. Pfarrer Gerben in Saarburg wurde jetzt nur wegen Beleidigung in zwei Fällen zu 30 resp. 50, also zusammen nur 50 Mk. Geldstrafe verurtheilt; außerdem soll das Urtheil in mehreren Zeitungen veröffentlicht werden und der Beklagte die Prozeßkosten tragen.
Ansland.
Madrid, 8. Juni. Beim Verlassen des Ministerraths theilten der Kriegs- und Marineminister trostlose Nachrichten aus Manila mit. Aguinaldo ist es gelungen, den gesammten Archipel, ausgenommen Visayas und Min- danao, aufzuwiegeln. Ungeheuere Jnsurgentenschaaren, durch die Amerikaner bewaffnet, umzingeln Manila. General Augustt hat sich mit den verfügbaren Truppen eingeschlossen und kabelt, ihm bleibe nichts übrig, als sammt seinem Heere ehrenvoll zu sterben. Die Nachricht übt hier eine furchtbare Wirkung aus.
New Dorf, 8. Juni. Aus Cap Haitien veröffentlicht das „Journal" noch folgende Einzelheiten, welche bei der Beschießung von Santiago vorgekommen wären: 10 Panzerschiffe dampften vor dem Forts hin und her und feuerten über 1500 Schuß allein aus schweren Geschützen ab. Nach einer Stunde näherten sich die Schiffe dem Eingänge des Hafens und bemerkten, daß „Reina Mercedes" mit der Vorbereitung zur Sprengung des Wracks der „Merrimac" beschäftigt war. Ein von dem Oregon abgegebener Schuß traf die Reina Mercedes, riß alle Oberbauten nieder und tödtete einige Mannschaften. Cervera befahl, das Schiff zu verlassen. Alle Forts einschließlich Fort Morro liegen in Trümmern. Am Nachmittage griff die spanische Infanterie und eine Kavallerie-Abtheilung die amerikanischrn Marinemannschaften an, die in der Nähe von Daiguiri landeten. Mit Hilfe der Aufständischen, die in der Nähe waren, gelang es der amerikanischen Abtheilung aber eine Stellung einzunehmen, von wo sie später die Spanier mit schweren Verlusten zurückschlugen. Jetzt werden schwere Geschütze gelandet.
China. Eine höchst bedeutsame Veränderung in der Regierung Chinas steht nach einem englischen Blatte bevor. Das Tsungliyamen habe beschlossen, Singafu, die Hauptstadt der Provinz Shanfi, an Stelle Pekings zur Reichshauptstadt zu machen; General Tung Fu-Ching, der jüngst erfolgreich den Amstand in Kiangsu unterdrückte, sei nach Peking berufen und dann an der Spitze einer großen Truppenmacht nach einem Punkt auf halbem Wege zwischen Peking und Singafu gesandt worden, um dem Hofe während seiner Reise nach der neuen Hauptstadt Schutz zu gewähren. Der Platz liegt südwestlich von Peking, nicht weil von der Mündung des Weibo in den Hoangho.
In Australien gab es bisher 5 von einander unabhängige Staaten: Ncufüdwales, Viktoria, Südaustralien, Westaustralien und Tasmanien. Diese 5 einzelnen Staaten werden j<&t, nachdem verschiedene Versuche in früheren Jahren gescheitert waren, zu einer Conförderation zusammengeschlossen werden. Das BundeSgesetz, welches in diesen Tagen zur Annahme gelangen wird, enthält als bedeutsamste Bestimmung diejenige, daß der australische Bund „Commvawealth of Australia" heißt, seine einzelnen
Glieder führen den Namen „Staaten". Die gesetzgebenden Faktoren ft. b die Königin und das Parlament, das aus Senat und Abgeordneten-Haus besteht. Das Wahlrecht — allgemein, direkt, geheim — ist für beide Kammern gleich, ebenso die Qualifikation der zu Wählenden. Jeder Staat, ob klein ob groß, wird durch 6 Senatoren vertreten, während sich die Zahl der Unter« Hausmitglieder nach der Einwohnerzahl richtet.
Lokales ««d Provinzielles.
* Schlüchtern, 10. Juni.
*— Vom Monat Juli glaubt Falb, daß er sich durch zahlreiche Gewitter, reichlichen Regen, kühle Temperatur, Schneefälle in den Gebirgsgegenden, stürmisches Wetter und Erderschütterungen auszeichnen werde. Noch weniger erfreulich ist die Voraussage für den folgenden Monat: Im ersten Drittel zahlreiche Gewitter mit erheblichen Niederschlägen, im zweiten Drittel erheblicher Rückgang der Temperatur, zunächst mit bedeutenden Landregen, welche dann durch Gewitter abgelöst werden. Das letzte Drittel ist anfangs kalt, später sehr warm, die Landregen werden durch Gewitter abgelöst. In den Alpen Schneefall. Der 31. August ist der stärkste kritische Tag erster Ordnung. Und der September? Er hat drei Perioden der Niederschläge. Das erste und das letzte Drittel sind am reichsten damit bedacht. Im Oktober wird die erste Hälfte des Mona's ziemlich trockenes Weiter haben, dagegen die zwciie überaus reich an Niederschlägen sein, infolge dessen fast allgemein in Mitteleuropa Hochwasser und Ueberschwemmungen ein« treten. Wir wollen wünschen und hoffen, daß die düsteren Prophezeihungen Falbs nicht eintreten werden.
* — Es scheint, daß die Theuerung ihren Höhepunkt überschritten hat. Die Getreidepreise auf den am Nieder- rhem maßgebendem Neuster Krvchrmarkt nutz wenigsten» beträchtlich gesunken. Die Notierungen für Weizew sanken dort in den letzten Tagen von 27,10 auf 24,50 Mark, für Roggen von 18,20 auf 17,30 Mark. Auch die Bäcker sehen sich veranlaßt, die Brotpreise wieder zu ermäßigen. Aus anderen Orten wird gemeldet, daß die Brötchen, die in den letzten Wochen immer kleiner wurden, wieder „wachsen."
* — Die Roggenblüthe hat nunmehr in Folge der fruchtbaren Witterung in verschiedenen Gegenden begonnen. Die herrschende Luftbewegung wird während der Blüthezeit namentlich von den Landwirlhen gern gesehen. Gleich den Wellen auf dem Wasser wallen die üppigen Aehrenfelder, und da die Halme, die jetzt eine bedeutende Höhe aufweisen, auch während der Blüthe noch fortwachsen, so ist berechtigte Hoffnung auf einen reichlichen Körner- und Strohertrag vorhanden.
* — Eine für den gesammten Handwerker- und Kaufmannsstand wichtige Erklärung einer bestimmten Art des unlautern Wettbewerbs, des Abwendigmachens von Kunden durch unwahre Angaben, hat unlängst das Reichsgericht gegeben. Es hat nämlich das Heranziehen von Kunden durch unwahre Angaben zum Schaden von Konkurrenzfirmen als Betrug im engern Sinne deS Strafgesetzbuches bezeichnet. Bedeutsam ist hierbei der besondere Ausspruch, daß der Nachweis eines zweifelhaften Schadens nicht erforderlich sei, sondern daß auch der fragliche Nutzen, welcher der Firma unter Umständen entgangen ist, geltend gemacht werden können.
*— Beamten-Penfionen. Es scheint noch nicht genügend bekannt zu sein, daß die in den Ruhestand versetzten Beamten ihre Pension monatlich per Postanweisung erhalten können, wenn sie einen entsprechenden Antrag stellen. Der preußische Eisenbahn-Minister ist jetzt noch einen Schritt weiter gegangen, indem er verfügt hat, daß die Postanweisungen über die per Post zu zahlenden Pensionen für Eisenbahn-Beamte bereits am letzten Werktage vor dem Tage der Fälligkeit eingeliefert werden, damit die Empfänger spätestens am 1. eines jeden Monats im Besitze ihrer Pensionen sich befinden.
* — Sendungen nach Ostasien und Australien. Die Kaiserliche Oberpostdireklion schreibt: Seitens der Ab- sender von Packetsendungen nach Ostasien und Australien, die mit den Reichspostdampfern befördert werden sollen, wird bei Einlieferung der Sendungen auf den Abgang der Schiffe oft keine Rücksicht genommen, sodaß bir Sendungen im Einschiffungshafen oder bei der betreffenden Auswechselungsstelle unter Umständen mehrere Tage lagern müssen. Hierdurch erwachsen hinsichtlich Postfrachtstücke, deren Einschiffung in Genua oder Neapel