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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

46. Mittwoch, den 8. Juni 1898. 49. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juni. Der Kaiser hat am Donnerstag Abend einen auf wenige Tage berechneten Ausflug nach dem Osten der Monarchie angetreten. Als nächstes Reiseziel war Marienburg in Aussicht genommen, wo der Kaiser den Fortgang der Erneuerungs-Arbeiten an der alten Marienburg besichtigte. Von dort ging die Reise nach Danzig, wo verschiedene Besichtigungen er­folgten. Auf dem Rückwege nach Berlin war ein Auf­enthalt in Stettin geplant, der benutzt werden sollte, um den Werken desVulkan" einen Besuch abzustatten. Dem Wiedereintreffen des Kaisers in Berlin wurde am Montag entgegengesehen.

Seit fast drei Monaten weilt jetzt Prinz Heinrich auf chinesischem Boden und alle Meldungen aus dem fernen Osten bekunden, daß die prinzliche Mission zur Stärkung des deutschen Prestige in China außerordent­lich viel beigetragen hat. Es dürfte interessiren, einen Ueberblick über die Thätigkeit des Prinzen zu geben. Am 8. März begrüßte der Donner der Geschütze des prinzlichen Geschwaders das chinesische Gestade und die Kreuzer liefen in Hongkong ein. Nach fünfwöchigem Aufenthalt dampfte der Prinz-Admiral mit derGefion" nach der Gützlaff-Jnsel, die er am 17. April erreichte. Vormittags landete er in Wusung und besuchte Schanghai. Am 23. April erfolgte die Vereinigung der ganzen prinzlichen Division an der Mündung des Min-Flusscs, und alle Schiffe dampften nordwärts nach Kiautschau, wo die Ankunft am 5. Mai erfolgte. Nach viertägigem Aufenthalt ging der Prinz mit seinem Geschwader über Tschifu nach Toku, wo er den Besuch in Peking und die Fahrt nach der chinesischen Mauer unternahm. Inzwischen wurde die ,,®-fion" nad) Kiautschau dechachirt, um dort als Wachtschiff zu dienen. Prinz Heinrich dampfte am 26 Mai mit den KreuzernDeutschland" undKaiserin Angusta" nach dem russischen Pachtgebiet Port Arthur und traf am 30. Mai im neuen englischen Pachtgebiet Weihaiwei ein.

In Jerusalem wird, wie derDoss. Ztg." ge­schrieben wird, die Einweihung der Erlöserkirche am 18. Oktober, dem Geburtslage Kaiser Friedrichs, er­folgen. Da diese Feier gleich der Wittenberger am 31. Oktober 1892 zu einem großem evangelischen Feste gestaltet werden soll, so werden sämmtliche protestantische Fürsten und Kirchen inner- und außerhalb Deutschlands noch in diesem Monat eine Einladung erhalten. Sämmt­liche Vertreter und Abgeordnete sollen in gemeinsamer Fahrt von der italienischen Küste ab die Reise nach Palä­stina antreten und werden einige Tage früher dort ein- treffen als der Kaiser und die Kaiserin mit Gefolge.

DasMilitär-Wochenblatt" bestätigt, daß der General-Lieutenant und Commandeur der 5. Division Frhr. v. d. Goltz an Stelle des Generals Vogel von Falckenstein mit der Wahrnehmung der Geschäfte der General-Inspektion des Ingenieur- und Pionier-Corps und der Festungen beauftragt ist. General-Lieutenant v. d. Goltz ist erst 55 Jahre alt; er hat eine glänzende Lauf­bahn hinter sich. Im Jahre 1883 folgte er dem Rufe des Sultans Ardul Hamid, um das türkische Heer zu reor­ganisieren. Der letzte türkisch-griechische Krieg hat den überzeugenden Nachweis gebracht, wie fruchtbar seine 10jährige Wirksamkeit auf diesem Felde gewesen ist.

Die Fürsorge für die nothleidenden Landwirthe bringt noch etwas ein. Schon früher ist einmal die Frage erörtert worden, wie viel Herr v. Plötz als Präsi­dent des Bundes der Landwirthe bezieht, und er selbst hat darüber folgende Auskunft gegeben:Ich erhalte als Ersatz für meine baaren Auslagen für alle Reisen zwischen der Hetmalh und Berlin sowie für den Aufent­halt in Berlin pro Jahr 4000 Mark und außerdem für alle Reisen in dre preußischen Provinzen und deut­schen Bundesstaaten feste Sätze . .. . Diese meine Reise- liquidationen erreichen durchschnittlich pro Jahr noch nicht 1500 Mark." Man wird zugeben müssen, daß namentlich die Summe von 4000 Mark für den Auf­enthalt in Berlin eine recht anständige ist, besonders wenn man bedenkt, daß Herr v. Plötz als Landtags abgeordneter für den Aufenthalt in Berlin auch noch täglich 15 Mark bezieht und außerdem noch im Hause des Landwirthebundes über eine schöne Wohnung ohne Bezahlung verfügt. Nun aber wird derBoss. Ztg." neuerdings geschrieben, daß Herr v. Plötz nicht mehr 4000, sondern sechstausend Mark als Entschädigung be­zieht. Vielleicht hängt das mit den jüngster Zeit gestie­

genen Getreidepreisen zusammen. Bei Reisen erhält Herr v. Plötz außerdem täglich 20 Mark. Nun kann natürlich der Bund der Landwirthe seine Beamten be­zahlen, so gut er will; den vielen ihm angehörigen kleinen Bauern aber wird es ganz angenehm sein, zu erfahren, mit welch kärglicher Besoldung sich der Präsi­dent einer nothleidenden Gesellschaft behelfen muß.

Aus Ostpreußen. Eine für die industriellen Verhältnisse Deutschlands, insbesondere für die Interessen der inländischen Bernsteinindustrie hochwichtige Ent­scheidung steht wie wir hören, nahe bevor. Die Regie­rung ist infolge der Entwickelung, die die Bernstein­industrie in den letzten Jahren genommen hat, entschlossen, die Gewinnung und den Vertrieb des Bernsteins in eigene Regie zu übernehmen, falls sie, wie zu erwarten, über den Ankauf mit dem Geheimen Commerzienrath Becker zu einer Einigung gelangt. Wenn auch auf Grund gesetzlicher Bestimmungen der Staat das Regal, das heißt das Recht auf Inbesitznahme des gesammten Bernsteins in Ostpreußen hat, so ist diesem Rechte doch durch die Befugnisse des Grundbesitzers eine Schranke gezogen. Wider den Willen des Grundeigenthümers kann der Staat trotz seines Regals, an den Bernstein nicht heran. Es ist nun als eine durch geologische Unter­suchungen der letzten Jahre festgestellte Thatsache anzu- sehen, daß die bernstcinführende Erde sich in recht bau- lohnender Beschaffenheit unter denjenigen Besitzungen befindet, die der Geheimrath Becker (Inhaber der Firma Stantien u. Becker) im Laufe der Jahre angetauft hat. Es handelt sich hierbei um ein Terrain von 6000 Morgen. Dazu treten noch die gesammten anderen Unternehmungen, die vorhandenen Arbeiterwohlfahrtsein­richtungen, Fabriken, Arbeiterhäuser rc. sowie das große Lager an Bernstein. Die Beckersche Anlage ist das größte industrielle Unternehmen Ostpreußens und be­schäftigt weit über 1000 Arbeiter und sonstige Ange­stellte. Der Kaufpreis würde wohl mehrere Millionen Mark betragen.

Oldenburg, 2. Juni. Ein ansehnliches Vermögen stellt die Strafe dar, welche dem Brennereibesitzer Grave aus Visbeck wegen Steuerentziehung (für 14 000 Liter Alkohol) auferlegt wurde. Grave hat zunächst den hinterzogenen Steuerbetrag mit 12251 Mk. 70 Pfg. nachzuzahlen, sodann den vierfachen Betrag mit 49 006 Mark 80 Prg. als Strafe zu leisten; nebenher gehen 6 Monate Gefängniß. Die Konzession zum Weiterbetrieb des Brennereigewerbes wurde Grave natürlich entzogen.

Arnsberg, 5. Juni. Dem Fuhrmann Vielhaber hier sind im Laufe voriger Woche zwei kräftige Arbeitspferde in Folge Genusses künstlicher Düngemittel (Chili) ver­endet. Dem einen Thiere war der Darm, dem andern der Magen geplatzt. Schon das Belecken nicht ausge­staubter Düngemiltelsäcke soll den Tod herbeiführen können. Darum Vorsicht!

Koburg, 2. Juni. In dem benachbarten Dorfe Frohnlach wurde ein etwa 50 Jahre alter Ockonom von seinem Zuchtbullen gegen einen im Hofe stehenden Holzstoß gedrückt und mit den Hörnern auf die gräß­lichste Weise zugerichtet. Bewußtlos wurde der Unglück­liche vom Platze getragen. Kurze Zeit darauf erlöste ihn der Tod von seinen furchtbaren Qualen.

Mainz, 1. Juni. In dem nahen Weisenau wurde eine Blutthat verübt. Ein als jähzornig bekannter Italiener Namens Appolonio Turrin, der hier in Arbeit stand, gerieth mit einem in der Weisenauer Cement­fabrik beschäftigten Tyroler in Streit und schließlich in Thätlichkeiten. Die heißblütigen Raufbolde zogen ihre Messer und verletzten sich gegenseitig, bis der Italiener plötzlich todt zusammensank; sein Gegner hatte ihm die Kehle durchschnitten.

Gießen, 3. Juni. Die Stadtverordnetenversammlung hat die Erbauung einer Provinzial-Siechenanstalt für Oberhessen beschlossen und dazu das städtische Gelände zwischen der Lichterstraße, der Fuldaer Bahn, dem alten Steinbacher Weg und dem Niederdruckbehälter und den Anlagen auf dem Lutherweg (circa 20 Morgen) der Provinz unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Gestern Morgen wurden in den hiesigen Bäckereien durch die Schutzmannschaft das Brod auf sein Gewicht hin ge­prüft. Es wurden bei mehreren Bäckern zu leichte Brodlaibe beschlagnahmt. Es fanden sich sogar 4 Pfd.- Laibe, an denen nicht weniger als 250 Gramm ein halbes Pfund fehlten.

Ausland.

Madrid, 2. Juni. Nach einem Telegramm aus Santiago haben bei der Seeschlacht am Dienstag drei amerikanische Kriegsschiffe schwere Havarien erlitten. Zwei Schiffe sind in Brantgerathen. Die Nachrichten aus Santiago de Cuba, nach welchen sich die Amerikaner zurückziehen mußten, haben hier große Freude erregt.

In New Aork ist über Haiti ein Telegramm einge­troffen, nach welchem die amerikanische Flotte Freilag von 3 bis 4(2 Uhr Santiago bombardiert hat. Der HilfskreuzerMarrimac" versuchte den Hafen-Eingang zu erzwingen. Die Spanier ließen den Kreuzer über die erste Torpedolinie hinausfahren und schössen erst Torpedos ab, als derMarrimac" sich 500 Fuß weil im Jnnenhafen befand. Ein Torpedo zerriß den Vorder- theil des Kreuzers, welcher sofort sank. Nur der Schorn­stein und die Maftspitzen überragen die Wasserfläche.

Lokales und Provinzielles. * Schlüchteru, 7. Juni.

* Rudolf Falb's Wetterprognosen für Juni. Im Vergleiche mit dem Mai ist der Juni arm an Gewittern. Doch sind die Niederschläge in den ersten zwei Dritteln des Monats bedeutend. Das dritte Drittel verläuft zimlich trocken. Das zweite Drittel charakterisirt sich durch erhebliche Kälte, während das erste und letzte normal verlaufen. 1. bis 8. Juni. Mildes Weiter, aber ausgebreitete Niederschläge, nament­lich um den 3. und 8. Der 4. ist ein kritischer Tag II. Ordnung. Um den 8. sind Gewitter zu erwarten. 9. bis 14 Juni. Ausgebildete und ziemlich bedeutende Niederschläge. Die Temperatur sinkt erheblich unter das Mittel. In den Alpen treten um den 12. Schnee- fälle ein. 15. bis 18. Juni. Die Niederschläge ver­schwinden, die Kälte hält an. 19. bis 21. Juni. Es stellen sich neuerdings Niederschläge ein. Die Kälte dauert fort. Der 19. ist ein kritischer Tag III. Ord­nung. 22. bis 30. Juni. Die Niederschläge ver­schwinden fast gänzlich. Es wird etwas wärmer.

* An die Familien der zur Uebung einberufenen Reservisten und Landwehrleute sind bekanntlich auf Ver­langen Unterstützungsgelder zu zahlen. Nach den gesetz­lichen Bestimmungen können diese schon während der Uebungszeit von den Ehefrauen gegen Vorlegung der Heirathsurkunde, sowie der Geburtsurkunden der Kinder in Empfang genommen werden; einer Vorlegung des Militärpasses bedarf es dabei nicht. Die Standesbe­amten müssen die nothwendigen Urkunden kostenfrei auszufertigen. Zur Vermeidung von Unzuträglichkeiten werden die Betheiligten in ihrem eigenem Interesse gut thun, die Abhebung des Geldes während der Uebungs­zeit zu bewirken.

* Aus der Strafkammrr vom 2. Juni. Be­rufungssache des 24jährigen Arbeiters Eduard K. von Weiperz wegen Entwendung eines Axtstieles im Werthe von 25 Pfg. durch schöff-ngerichlliches Urtheil zu Schlüchtern mit 3 Mk. bestraft. Der Beklagte behauptet, daß der von ihm bei seiner Entlassung aus der Arbeit abgesägte und mitgenommene Axtstiel nicht der Firma N., bei welcher er in Arbeit stand, gehörte, sondern sein Eigenthum gewesen sei. Durch Zeugenaussagen wird jedoch feftgefteUt, daß er zwei Stiele, einen also mindestens unberechtigter Weise mitgenommen habe und wird deshalb die Berufung verworfen.

Wächtersbach. Die durch die ungünstige Witterung in letzter Zeit hervorgerufenen Beschädigungen des Bahn- baues sind im Allgemeinen beseitigt. Durch intensive Arbeit und Einstellung neuer Arbeitskräfte soll der Bau der Birsteiner Kleinbahn so gefördert werden, daß noch im Monat Juni die Betriebseröffnung erfolgen kann. Das Projekt zum Ausbau einer normalspurigen Kleinbahn von Wächtersbach nach Ord liegt z. Z. höheren Ortes vor zur Beschlußfassung über die bean- tragte Betheiligung des Staats mit einem Drittel der Anlagekosten. Wie wir hören, sind die Aussichten gegen- wärtig sehr günstige.

Fulda. Wie aus Fulda demSchwäb. Merk." mitgetheilt wird, hat die meiste Aussicht, zum Bischof der Diözese Fulda gewählt zu werden, der derzeitige Abt des Klosters Maria-Laach. Letzterer sei im vertrau- licher Form von der Regierung als persona gratissima bezeichnet und darauf vom Cardinal Dr. Kopp dem Papst warm empfohlen worden.