SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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eM 35. Samstag, den 30. Apeil 1898. 49. Jahrgang.
&ftoll imrt0ti ouf bte „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -......-— ' Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Wenn die Parteibrille verlegt ist.
In einem Artikel über „die Kriegsvorbereitungen Spaniens und der Union" heißt es im socialdemokratischen „Vorwärts" : „Langsamer als wir dies bei den Kontinentalstaaten Europas infolge des deutschen vorbildlich gewordenen Musters seit Jahren gewohnt sind, vollziehen sich die einer vollständigen Mobilmachung entsprechenden Rüstungen der beiden genannten Staaten, ein Zeichen, daß ihre Wehrkraft bei weitem nicht auf der^Höhe der Zeit steht. Hunderte von Millionen werden von beiden Seiten ausgegeben und Preise für Waffen, Schiffe und Ausrüstungsgegenstände damit bezahlt, welche den normalen Werth der Sachen oft um das Doppelte übersteigen. In aller Eile werden namentlich Seekriegsmittel der verschiedensten Art beschafft, ganz fertige oder in Ausrüstung begriffene fremde Kriegsschiffe und Handelsdampfer gekauft, um die eigene Kriegsflotte zu verstärken; aber es darf dabei nicht übersetzen werden, daß ein Quantum gekaufter Schiffe noch keine Kriegsflotte ist, sondern gerade hier in besonders hohem Grade der Werth einer kriegsmäßigen Ausbildung von Mannschaften und Führern ins Gewicht fällt und die Geschwaderführung eine Beherrschung des lebenden wie todten Materials erheischt, die durch die Kompliziert- hrii des letzter» noch ganz außerordentlich erschwert wird."
Wir befinden uns in der seltenen Lage, einmal mit dem socialdemokratischen Hauptblatte übereinzustimmen, können jedoch einige Bemerkungen nicht unterdrücken. Hat nicht die Socialdemokratie — und der „Vorwärts" in ersten Linie — stets „den Werth einer kriegsmäßigen Ausbildung von Mannschaften" bestritten? Hat die Socialdemokratie nicht vielmehr stets darauf gedrängt, „die kriegsmäßige Ausbilduag von Mannschaften und Führern" — wie sie doch durch die allgemeine Wehrpflicht am wirksamsten erreicht wird — fallen zu lassen und statt dessen die Einführung einer Art von Volkswehr befürwortet, die nur dann zusammentritt, wenn der Feind die Grenzen des Landes bedroht? Hat nicht die Socialdemokratie stets ausdrücklich gegen den „Militarismus" und „Marinismus" gewettert mit der Begründung, daß die Volkswehr dem stehenden Heer mindestens ebenbürtig sei?
Daß der „Vorwärts" in dem angeführten Artikel einmal den Nagel auf den Kopf gttroffen hat, indem er die Ansichten der Socialdemokratie über das Heerwesen einer vernichtenden Kritik unterzieht, dürfte ihm von der Parteileitung nicht gerade zum Lobe angerechnet werden. Das Blatt wird sich vielleicht damit entschuldigen können, daß es die Dinge einmal ohne Parteibrille angesehen hat.
Deutsches Reich.
Berlin- Unser Kaiser ist am Mittwoch früh nach Berlin zurückgekehrt. Gegen 10 Uhr fuhr tur Monarch bei dem Staatssekretär des Aeußeren von Bülow vor, später hörte er im kgl. Schlosse Marinevorträge. Von Donnerstag ab wird der Kaiser den Bataillonsbesich- tigungen der Garde-Jnfanterieregimenter beiwohnen.
— Nachdem durch kaiserliche Verordnung bestimmt worden ist, daß die Neuwahlen für den Reichstag am 16. Juni dieses Jahres vorzunehmen sind, hat der Minister des Innern den Tag, an welchem in Preußen die Auslegung der Wählerlisten zu beginnen hat, auf den 18. Mai festgesetzt.
— Die nunmehr definitiv erfolgte Festsetzung des Termins für die Neuwahlen zum Reichstage hat die rechtliche Folge, daß von jetzt ab es bis zum Wahltage zur gewerbsmäßigen oder nichtgewerbsmäßigen Ver- theilung von . Flugblättern, Stimmzetteln und anderen Druckschriften zu Wahlzwecken auf Straßen, Plätzen und öffentlichen Orten einer polizeilichen Genehmigung nicht bedarf.
Gotha, 23. April. Vor der hiesigen Strafkammer hatte sich gestern ein kaum I2jähriges Schulmädchen wegen vorsätzlicher Brandstiftung in vier Fällen zu verantworten. Der Vater des Kindes hatte in dessen Beisein wiederholt von dem großen Brandunglücke tn Brot- terodt erzählt und dabei auch mitgetheilt, daß dasselbe
Lokales «red Provinzielles.
* Schlüchtern, 29. April.
* — Für den 7, Wahlkreis, bestehend aus den Kreisen Fulda, Schlüchtern und Gersfeld, wurden zu Wahlkommissaren für die Reichstagswahl der Königliche Landrath Steffens zu Fulda und zu dessen Stellvertreter der Königliche Landrath, Geheime Regierungsrath Roth zu Schlüchtern ernannt.
*— (Aus der Strafkammer-Sitzung vom 25. April). Wegen Diebstahls und Hehlerei hatten sich der 17jährige KaufmannSlehrling Karl R. sowie seine Eltern, Glaser- meister R. und dessen Ehefrau von Wächtersbach zu verantworten. Die Anklagesache basirt auf folgenden Vorkommnissen: Der ältere Sohn des beklagten Glasermeisters hatte sich bei seinem Lehrherrn Metzger Z. in Gelnhausen Veruntreuungen zu schulden kommen lassen, indem er zuerst den Weinkeller seines Brotherrn und dessen Wurstwaaren, später auch das zum Verkauf bestimmte Fleisch angriff und von letzterem sich ein Stück in der Größe von 5—6 Pfund, das sich in seiner zur Mitnahme in die elterliche Wohnung bestimmten Kiste mit gebrauchter Wäsche befand, widerrechtlich enteignete. Die von dem Fußgendarmen D. in Wächtersbach auf Grund angeblicher Aussage des Sohnes des Metzgers verbreitete Version, wonach der junge R. behauptet haben soll, von seinen Eltern zu der That angestiftet zu fein, erwies sich als ein Mißoerständniß, wie auch diese Angelegenheit durch Vergleich — mittelst eines Hundertmarkscheins — aus dem Wege geschafft wurde. Infolge dieses Vorkommnisses scheint Gendarm D. den Eheleuten R. nunmehr seine besondere Aufmerksamkeit zugewandt zu haben, denn gestützt auf ein — übrigens wahrheitsgemäß — ihm hinterbrachtes Gerücht, daß Ehefrau R. die bei ihr in Tagelohn gestandene Ww. W. anstatt mit baarem Geld mit ’/a Pfund Kaffee aus- gelohut, gab ihm Veranlassung, dem in Steinau statio- nirten berittenen Gendarmen Mittheilung von der Sache zu machen unter Hinweis darauf, den in dem offenen Geschäft des Kaufmanns H. dorten seit Ostern 1896 als Lehrling beschäftigten zweiten Sohn Karl des Gla-
durch mit Streichhölzchen spielende Kinder veranlaßt worden sei. Dadurch wurde die krankhafte Phantasie des Kindes angeregt, auch einmal ein großes Feuer zu sehen. So hat denn das Mädchen viermal Feuer angelegt, wodurch ein Wohnhaus, 10 Scheunen und 3 Stallungen in Asche fielen. Da das Kind in seiner geistigen Entwickelung sehr zurückgeblieben ist, konnte es nicht verurteilt werden. Das Gericht erkannte daher auf Ueberweisung an eine Erziehungs- oder Besserungsanstalt.
Ausland.
Petersburg, 24. April. Je weiter der Frühling vorrückt, desto klarer wird es, daß in einen bedeutenden Theile der mittelrussischen Gouvernements ein trauriger Nothstand und Mangel an Brod sowie auch an Korn zur Aussaat herrscht. In vielen Gegenden ist das Vieh ohne Futter, in anderen ist alles Vieh bereits verkauft, und die Bauern können kaum ihre Arbeitspferde erhalten. An Saatkorn fehlt es, Mehl ist nicht vorhanden, die Bevölkerung leidet Hunger, und der Typhus, der regelmäßige Trabant des Hungers, hält bereits seinen Einzug. Das „rothe Kreuz" und die „Kaiserliche freie ökonomische Gesellschaft" rufen nun auch das Publikum zu Spenden auf. Wenn auch die Hungersnoth nicht denselben Umfang angenommen hat wie 1891 und 1892, so ist dennoch zu bedenken, daß der Nothstand nach so kurzem Zeitraum wieder eingetreten ist, und die bäuerliche Wirthschaft, die sich nach den Schlägen des großen Hungerjahres noch kaum erholen konnte, jetzt von Neuem betroffen, ihrem völligen Untergang entgegen sieht und zwar gerade in den kernrufsischeu inneren reichen Gouvernements. Nach einer ungefähren Berechnung leiden unter dem Mißwachs und der Noth gegen 14 Millionen Menschen, d. i. circa 13 Prozent der Bevölkerung des europäischen Rußlands — immerhin eine große Ziffer. Bis zur neuen Ernte müssen noch 3 bis 4 Monate ins Land gehen, und an vielen Orten ist der Bauer bereits jetzt nicht im Stande, die Wirthschaftsarbeiten aufzunehmen.
Newyork, 26. April. Die Blätter melden aus Key West: Ein spanisches Transportschiff mit 900 Soldaten an Bord wurde aufgebracht.
fermeisters R. zu beobachten. Von dieser Seite aus erhielt nun Kaufmann H. Mittheilung und eine daraufhin sofort vorgenommene Untersuchung der Effekten R?s gab insofern ein überraschendes Resultat, als ebenfalls in der zum Versandt nach Hause bereit stehenden Wäsche- Kiste eine Kuchenform, Cacao, 1 Carton Seife rc. gefunden wurden. Nachdem der junge Mensch Lunte gerochen, suchte er der Sache die Spitze zu nehmen, indem er sich mit dem Krstchen in den Laden begab, um auf dem Comptoir die „im Auftroge seiner Eltern" entnommenen Objekte auf deren Namen buchen zu lassen, was an und für sich weniger auffallend war, da die Eheleute R. schon öfters Waaren, allerdings nur Futterartikel ;c. aus dem H.'schen Geschäft entnommen hatten. Mittlerweile war jedoch der Gendarm bereits verständigt und R. von diesem am darauffolgenden Tage verhaftet worden. Da nach der ganzen Sachlage die Eheleute R. der Beihilfe dringend verdächtig waren, wurde von dem Bürgermeister und dem Gendarmen D. eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen, die effektiv Belastendes jedoch nicht zu Tage förderte. Als gra- virend wurde zur Einleitung der Anklage nur der Umstand hervorgehoben, daß der Gendarm bei der ersten Haussuchung eine große Anzahl Cacaobüchsen, etwa 30 — die er gestern auf 20 reduzirte — gesehen haben will, während bei der zweiten Haussuchung dieselben nur noch in geringer Anzahl vorhanden gewesen sein sollen. Was nun den Hauptbeklagten Karl R. betrifft, so hat man es in betreff desselben mit einem in der Erziehung vernachlässigten, verlogenen Burschen zu thun, der sowohl in der Voruntersuchung wie in der Haupt- verhandlung aus sich widersprechenden Angaben gar nicht herauskommt. Er gesteht erst zu, mehrfach Seife, Cigarren, Cacao, Kaffee rc. seinen Eltern mitgenommen zu haben, dementirt dann wieder und behauptet, den Cacao für sich verwandt zu haben, indem er sich Abends nach Geschäftsschluß in der H.'schen Küche Getränk zubereitet habe, will dann zum Ankauf der Waaren von seinen Eltern das nöthige Geld erhalten haben, räumt später den Diebstahl von einigen Objekten ein, kurzum, macht derart divergirende Aussagen, daß ihm Glauben nicht zum mindesten beizumessen ist. Die Eltern weisen die Theilnahme an dem Vergehen ihres Sohnes strikte von sich und obgleich auch sie sich theilweise widersprechen, geht doch daraus hervor, daß sie demselben mehrfach Geld im Voraus aushändigten, um dafür Kaffee, Cigarren rc. mitzubringen; unterstützt werden diese Behauptungen durch eine Postkarte an dem R. jun., in welcher derselbe nochmals an die Kuchenform erinnert wird. Daß der Bursche das Geld unterschlug, geht zweifelsohne daraus hervor, daß er sich einen Revolver, ein Rasirmesser (zu Kerbschnitzarleiten), einen goldenen Ring u. s. w. anschaffte und in Wächtersbach, wohin er jeden Sonntag mit seinem Fahrrad zum Besuch eintrer, in der K.'schen Wirthschaft mit anderen jungen Burschen dem Hazardspiel huldigte. Bezüglich der Ehefrau R. ist fcstgestcllt, daß nur in dem einen, oben angeführten Fall die Arbeitslöhnung mittelst Naturalien erfolgte, nicht widerlegt ist die Behauptung, daß die vorgefundenen Cacaobüchsen aus früheren Jahren herrühren und der verwendete Kaffee in größeren Mengen theils aus Gelnhausen, theils vom Wohnort selbst bezogen wurde. Das Urtheil lautete, da das Gericht die Beklagten wohl in hohem Grade verdächtig, aber nicht den vollen Beweis für ihre Schuld erbracht hielt, auf Freisprechung, während der Sohn zu 6 Monaten Gefängniß verur- theilt wurde, wovon 2 Monate Untersuchungshaft als verbüßt erachtet werden.
Sterbfritz, 25. April. In einer der letzten Nächte wurde bei einem hiesigen Einwohner eingebrochen und ihm 52 Kisten Cigarren gestohlen.
d. Altengronau, 27. April. Gestern ging, wie verlautet, ein Theil des vor dem sogenannten Schloß gelegenen, unmittelbar au die Jossa-Brückenauer Bahn stoßenden Auffahrt'schen Geländes, mit dazu gehöriger, bedeutenden Wasserkraft, käuflich an zwei Herrn aus Mühlheim über. Es soll hier eine Marmorschneide- unb Schleiferei größeren Stils errichtet werden, auf welcher 300—400 Mann Beschäftigung finden würden, was unserem Dorfe und der Umgegend gewiß zu großem Nutzen gereicht, indem sich hier seither wenig Verdienst bot. — Mt dem Bau der Wohnhäuser der Herrn Fabrikanten wird alsbald begonnen.
8. Brückenau Am 15. Mai trifft dahier, von Kis-