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Samstag den 12. März 1898.
49. Jahrgang.
Die Entwickelung der Kleinbahnen in Preußen.
Die Entwickelung der Kleinbahnen ist nach der Zeitschrift für Kleinbahnwesen auch in dem Jahre vom 1. October 1896 bis 30. September 1897 in erfreulicher Weise weiter fortgeschritten.
Während sich die Zahl der in den drei Jahren vom 1. October 1892 bis 30. September 1895 und in dem Jahre vom 1. October 1895 bis 30. September 1896 als selbstständige Unternehmungen genehmigten neuen Kleinbahnen auf 67 und 33 stellte, ergiebt sich für das Jahr vom 1. October 1896 bis 30. September 1897 die Zahl von nicht weniger als 43 neu genehmigten Kleinbahnen. Rechnet man diejenigen Bahnen, welche nicht ausschließlich vor dem Inkrafttreten des Gesetzes über Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen vom 28. Juli 1892, also streckenweise auch nach dem Inkrafttreten desselben genehmigt sind, und deren Unternehmer sich den Bestimmungen dieses Gesetzes unterworfen haben, ebenso wie die in der Zeit vom 1. October 1892 bis 30. September 1897 auf 180 gegen 129 an demselben Zeitpunkte des Jahres 1896. Von diesen 180 Kleinbahnen befinden sich bereits im Betriebe 120 Bahnen, in der Ausführung begriffen sind 60. Von ihnen dienen dem Personenverkehr 62, dem Güterverkehr 10, dem Personen- und Güterverkehr 108, insbesondere dem Personenverkehr in Städten und deren Umgebung (nebenher auch der Güter und Gepäckverkehr) 64, dem Fremden- (Bade-) Verkehr 9, dem Personen- und Güterverkehr für Handel und Industrie 38, für land- wirthschaftliche Zwecke 54 und annähernd in gleichem Maße für Handel und Industrie wie für Landwirthschaft 15. Die Spurweite ist die volle bei 69 Bahnen, 1,00m bei 63, 0,75 m bei 23, 0,60 m bei 9, gemischt bei 6, abweichend bei 8 Bahnen; bei einer Bahn, der Schwebebahn von Vohwinkel über Sonnborn nach Elber- feld und Barmen, besteht systemmäßig eine Spurweite nicht. Als Betriebsmittel dienen Lokomotiven bei 104, elektrische Maschinen bei 43, thierische Kraft (Pferde, in einem Falle auch Ochsen) bei 22 und theils Pferde, theils elektrische Maschinen bei 7 Bahnen, ferner Drahtseile und theils Lokomotiven, theils Pferde bei 2 Bahnen.
Von den jetzt im Ganzen vorhandenen 224 Kleinbahnen entfallen auf Ostpreußen 4, Westpreußen 6, Berlin 8, Brandenburg 26, Pommern 21, Posen 8, Schlesien 15, Sachsen 22, Schleswig-Holstein 14, Hannover 12, Westfalen 11, Hessen-Nassau 21 und die! Rheinprovinz 56.
Von den nach Inkrafttreten des Kleinbahngesetzes ausgeführten oder genehmigten 180 Kleinbahnen ent- fallen auf Ostpreußen 4 (gegen 2 am 30. September 1896), Westpreußen 4 (4), Berlin 7 (6), Brandenburg 22 (14), Pommern 21 (17), Posen 8 (6), Schlesien 13 (8), Sachsen 14 (9), Schleswig-Holstein 11 (8), Hannover 10 (6), Westfalen 11 (10), Hessen-Nassau 11 (7) und die Rheinprovinz 44 (32).
Deutsches Reich
Berlin, 9. März. Am heutigen Todestag Kaiser Wilhelm I. waren das Palais Unter den Linden und die Todtengruft im Mausoleum zu Charlottenburg die Orte, wohin sich aller Blicke richteten. Die Feierlichkeiten begannen mit einer Trauercour am Sarge, den eine Fülle frischer Blumen so dicht bedeckte, daß darunter der rothe Sammet und die goldenen Ornamente verschwanden. Der Kaiser besuchte um 9 Uhr das Mausoleum. Nach viertelstündigem Verweilen verließ der Kaiser die Gruft. Gleich darauf wurde ein Kranz des Großherzogs und der Großherzogin von Baden mit rothgelber Schleife niedergelegt. Dann kamen Deputationen preußischer und deutscher Leibregimenter, deren Chef Kaiser Wilhelm I gewesen war, vom Reginiente Gardes du Corps, dem Grenadier-Regiment König Wilhelm I., dem 2. badischen Grenadierregiment Kaiser Wilhelm L, dein Husaren- Regiment Kaiser Wilhelm I., u. a. m.
* — In landwirthschaftlichen Kreisen wird seit Jahren eine direkte Deckung des Bedarfs der Armeeproviantämter von den produzirenden Landwirthen erstrebt. Aus einem Schreiben der Militärintendantur des 11. Armeekorps in Kassel geht nun hervor, daß die dahin gehenden Bemühungen der Militärbehörde bis jetzt wenig Erfnlg gehabt haben. Es heißt in dem Schreiben: „Trotz aller Versuche Seitens des Proviantamts Mainz, die landwirthsch. Bevölkerung dahin zu
bringen, ihre Produkte, namentlich Roggen, Heu und Hafer unmittelbar dem Proviantamte zum Verkauf an- zubieten, ist es nur gelungen, kleinere unbedeutende Posten von den Produzenten selbst anzukaufen. Von Seiten des Proviantamtes sind vielfach Beamte auf die einzelnen Ortschaften gereist und haben die Grundbesitzer auf die Vortheile aufmerksam gemacht, die sie bei Verkäufen an die Proviantämter gegenüber denen an Händler und Makler hätten. Der Erfolg ist bisher gering gewesen." Die Jntendamur bemerkt noch, daß den Proviantämtern aufgegeben worden sei, den Land- wirthen, die sich an sie wenden, über Alles Auskunft zu geben und ihnen bei Anlieferung alle statthaften Erleichterungen zu gewähren.
— Sieben aus Deutschland stammende Matrosen, darunter 2 Kurhessen, sind, wie nun ermittelt worden ist, bei der Explosion des amerikanischen Kriegsschiffes „Maine" um Leben gekommen.
Berlin. Aus Kreisen der Schulamtsinteressenten wird berichtet: Das hiesige königliche Seminar für Stadtschullehrer wurde vor circa 60 Jahren errichtet zu dem Zwecke, den Berliner Gemeindeschulen tüchtig vorgebildete Lehrkräfte zuzuführen. Die städtische Schulbehörde hat auch sämmtliche ihr zugewiesenen Kandidaten stets sofort in ihre Dienste genommen und sie so lange als Hilfslehrer beschäftigt, bis sie die vorgeschriebene Staatsprüfung bestauben hatten, welche reglementsmäßig nach Ablauf von zwei bis fünf Jahren, vom Tage der Einstellung als Hilfslehrer an gerechnet, abzulegen ist. Hierdurch hatte die Stadt Berlin den Vortheil, stets eine Anzahl speziell für die hiesigen Schulverhältnisse vorgebildete Lehrkräfte zur Verfügung zu haben, die mit dem für Hilfslehrer festgesetzten Gehalt von 1200 Mark pro Jahr besoldet und erst nach dem Bestehen obiger Prüfung definitiv mit
höherem Gehalt angestellt wurden. Infolge der Differenzen, welche anläßlich des Lehrerbesoldungsgesetzes zwischen der Regierung und der städtischen Behörde entstanden sind, hat die letztere, wie eine Korrespondenz meldet, den Beschluß gefaßt, Hilfslehrer, welche in dem Gesetze als „einstweilig angestellte Lehrer" bezeichnet werden, überhaupt nicht mehr einzustellen. Dieser Beschluß ist den jungen Lehrern, welche in diesen Tagen ihre Abgangsprüfung im Seminar ablegten, von dem Direktor desselben mit dem Bedeuten bekannt gemacht worden, daß sie sich der staatlichen Schulbehörde zur Verfügunx stellen oder sich selbst um Anstellung bei auswärtigen Kommunen zu bemühen hätten. Diese Nachricht war für die jungen Leute ein Blitz aus heiterem Himmel. Nachdem sie die langjährige kostspielige Zeit der Ausbildung hinter haben und nun hoffen konnten, ihren Eltern, die zumeist in beschränkten Verhältnissen leben, eine Stütze sein zu können, sind sie nun dieser Hoffnung beraubt.
Bamberg, 6. März. Bei der letzten Ausmusterung der Militärpflichtigen wurden hier fast alle Bäckergehilfen mit der Krätze behaftet befunden. Es sollen energische Maßregeln getroffen werden, daß diese auch anderwärts bei Bäckern und Konditoren vorkommende ansteckende Hautkrankheit aus den Betrieben der Lebensmittelbereitung verschwinde.
Weimar, 8. März. Die Hagelversicherungsgesell
schaft „Union" bezahlt dem hiesigen Landgerichts- präsidenten Bachmann 18—20,000 M. für eine Thätigkeit von 30 Minuten pro Tag, also pro Stunde 100 Mark! Auch der Finanzminister Rothe und der Geh. Regierungsrath von Boyneburgk sind an den „Verwaltungskosten von 160 500 Mk." stets betheiligt. Es wird nun die Frage aufgeworfen, ob die Herren diese kleinen Uebernahmen auch versteuern und die „Weim. N. N." schließen einen bez. Artikel mit den Worten: „Wir würden auch sonst beinahe den freventlichen Gedanken gehabt haben, daß die „Union" nicht wirthschaftlich verfährt, denn wenn schon der stellvertretende Vorsitzende für eine halbe Stunde Arbeit je 50 Mark erhält, dann können die Prämien herabgesetzt werden, oder sonst sind die Versicherten von vornherein — vernagelt!
Köln. Eine Erbschaft von 80,000 Mark hat ei» Matrosenartillerist gemacht, der vor einigen Jahren von seinem Truppentheile in Lehe bei Bremerhafen desertirte und in Begleitung eines Mädchens nach Amerika aus- wanderte. Er ist nun freiwillig nach Wilhelmshaven
zurückgekehrt. Nachdem er das Mädchen in Amerika geheiralhet und sich dort ein Geschäft gegründet hatte, traf ihn die Nachricht, daß sein in Köln verstorbener Onkel ihm obengenannte Summe vererbt habe. Er machte sich daher sofort auf den Weg, um die Erbschaft anzutreten. Zunächst hat freilich der glückliche Erbe erst neun Monate Festungshaft wegen der Desertion zu verbüßen und dann wieder noch sieben Monate bei der Waffe nachzudienen.
Ausland.
Peking, 3. März. In dem deutsch-chinesischen Pachtvertrag wird dem deutschen Reiche die Konzession zum Bau dreier Eisenbahnlinien im Innern Schautungs ertheilt. Der Vertrag enthält zugleich alle wichtigen Bergwerkskonzessionen. Port Arthur und Taliewan sind definitiv auf 99 Jahre verpachtet. Rußland ist entschlossen, die sibirische Bahn bis Port Arthur wciter- zuführen, mag nun China seine Zustimmung geben oder nicht.
Australien. Eine brennende Insel. Seit drei Wochen steht die Insel Tasmanien, die „Perle des großen Oceans", in Flammen. Die unermeßlichen Wälder, mit denen die dortigen Berge bedeckt sind, ge- riethen in Brand, und das Feuer nimmt, genährt durch einen heftigen Wind, immer größere Ausdehnung an. Schon sollen auch mehr als 50 Personen dem verheerenden Elemente zum Opfer gefallen sein. Die Höhe des materiellen Schadens läßt sich noch gar nicht übersehen.
Lokales uud Provinzielles.
* Schlüchtern, 11. März.
* — Das diesjährige Musterungsgeschäft der Militärpflichtigen in Kreis Schlüchtern beginnt Mittwoch, den 16. März in der Bierhalle zu Schlüchtern.
* — Auf der 5. Deutsch-Nationalen Geflügel-Aus-
i stellung zu Frankfurt a. Main wurden folgende Geflügelzüchter aus Schlüchtern mit Preisen'ausgezeichnet: Herr Wilhelm Weitzel jr. einen Ersten Preis auf Cayuga- Enten, Herr Adam Weitzel einen Fünften Preis auf Bergische Kräher, Herr Ludwig Hildebrand einen Ersten Preis auf Italiener Hühner, ferner einen Ersten und . einen Zweiten Preis, sowie zwei Fünfte und drei Sechste Preise auf Tauben. Es ist dies Resultat um so beachtenswerther, als die diesmaligeFrankfurter Ausstellung die größte jemals iu Deutschland stattgehabte Geflügel- Ausstellung war und bei der enormen Auswahl feinster und allerfeinster Thiere der renommirtesten Züchter es schon sehr guter Thiere bedurfte, um nur beachtet zu werden.
* — Das Belegen der Tische und Stühle in öffentlichen Lokalen für später kommende Gäste wird häufig mit Recht getadelt. Es ist daher sehr angebracht, die rechtliche Seite dieser Unsitte einmal näher zu betrachten. Es ergiebt sich zunächst, daß das Belegen oder Umlegen von Stühlen in Konzerten u. s. w. keine rechtlichen Verbindlichkeiten für dritte hat. Jeder Gast hat das Recht, einen ihm zusagenden freien Platz zu benutzen, gleichviel, ob der betreffende Stuhl um« gelegt oder ihm als „belegt" bezeichnet wird. Nur in zwei Fällen ist gewöhnlich ein Reservatrecht von Plätzen vom Gaste anzuerkennen, wenn 1. nummerirte Plätze vorhanden und diese höher bezahlt sind als andere, und 2. wenn der Wirth selbst Plätze oder ganze Tische durch aufgestellte Schilder als reservirt bezeichnet.
* — Aus der Sitzung der Strafkammer zu Hanau am 7. März. Die Macht der Gewohnheit führt den Dienstknecht Adam H. von Altengronau nach arbeits- voller Woche jeden Sonntag in das Wirthshaus, wo er ich in aller Gemüthsruhe einen anduselt, um dann benso ruhig, vom Instinkt richtig geleitet, seine Behausung aufzusuchen. An einem Sonntag im December v. I. war das gleiche der Fall, nur scheint seine bisherige Gemüthsruhe durch ein Rencontre auf dem Heimweg etwas in'S Wanken gekommen zu sein. Bon wei ihm entgegenkommenden Altengronauer Einwohnern ah er wahrscheinlich den Landwirth Sch. doppelt und mit >em löblichen Vorsätze, mitten hindurch zu gehen, gabs eine Karambolage, die Sch. veranlaßte, dem H. einen blinden Stoß zu versetzen, den dieser mit Messer- lewaffneter Hand erwiderte, dem Sch. einen ziemlich lesen und langen Schnitt in der linken Schläfengegend btibringrnd. Der gefährlichen Körperverletzung ange-