WchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 16.
Mittwoch, ben 23. Februar 1898.
49. Jahrgang.
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Deutsches Reich
Berlin. Der Kaiser, lief ergriffen von dem schweren Unglück, welches so viele brave Bergleute auf der Zeche „Karolineuglück" betroffen, hat nach dem „Reichsanzeiger" den preußischen Gewerbeminister beauftragt, den Be- theiligten seine Theilnahme auSzusprecheu und zu berichten, waS etwa zur Linderung der dringendsten Noth sogleich geschehen könne.
— Eine neue Erhöhung der Friedenspräsenzstärke? Die in der Budgetkommission des Reichstages vom Abg. Müller-Fulda geäußerte Meinung, es werde im Laufe dieses Jahres noch eine weitere erhebliche Verstärkung der Artillerie gefordert werden, ist von den Regierungs- Vertretern unwidersprochen geblieben. Wie der „Vorwärts" aus parlamentarischen Kreisen erfährt, ist man dort überwiegend der Ueberzeugung, daß die Regierung beabsichtige, nach Ablauf des Militärgesetzes, also zum 1. April 1899, nicht nur eine Vermehrung der Artillerie, sondern außerdem eine neue Erhöhung der Friedens- präsenzstärke der Armee eintreten zu lassen. Wie verlautet, soll bei den durch die Zusammenlegung der halben Bataillone neugeschaffenen Infanterie-Regimentern zu zwei Bataillonen eine Ergänzung derselben auf drei Bataillone vorgenommen werden.
— Ueber die Dampferverbindung mit Kiaotschau wird der „Schl. Ztg." aus Berlin geschrieben: Der erste Dampfer der neuen Dampferlinie, welche die Hamburg-Amerika-Gesellschaft nach Kiaotschau eingerichtet hat, ist bekanntlich am 25. Januar von Hamburg ab- gesaugen. Nunmehr soll am 15. Februar schon ein ZwischeNdampfer abgehen. Der erste Dampfer hat Acht dir grsammte vorhandene Fracht mitnehmen können; unterdessen hat sich das Material so angesammelt, daß der eingeschobene Dampfer ebenso wie der zweite regelmäßige, der am 25. Februar die Reise antritt, volle Ladung erhält. Da die Schiffe im Hafen von Kiaotschau nicht unmittelbar an das Ufer heranfahren können, vielmehr mittelst Leichterschiffen entladen werden müssen, so ist in Kiaotschau dir Herstellung von geeigneten Uferbauten, welche das unmittelbare Anlaufen großer Seeschiffe an daS Land gestatten, die dringendste Aufgabe. Das hierzu nöthige Material soll nun mit dem Zwischen- dampfer abgesandt werden.
Bochum, 21. Februar. Gestern Nachmittag fand unter Theilnahme zahlreicher Vereine und einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge die Beerdigung der Mehrzahl der bei der Grubenkatastrophe auf Zeche „Vereinigte Karolineuglück" in Hamme ums Leben gekommenen Bergleute statt. Nachdem die Särge, 113 an der Zahl, in zwei riesigen Massengräbern auf dem Friedhof in Hamme versenkt waren, hielten Geistliche beider Konfessionen tief ergreifende Trauerreden. Hunderte von Familienmitgliedern umstanden laut klagend die Gräber. — Da mehrere von den Ver letzten gestorben sind, muß die endgiltige Zahl der bei dem Grubenunglück ums Leben gekommenen jetzt auf mindestens 120 festgesetzt werden. Dazu kommen 46 mehr oder minder schwer Verletzte. Die Katastrophe übertrifft an Zahl der Opfer alle vorhergegangenen Grubenunglücke. Die größte Katastrophe war bisher diejenige von 1868 auf Zeche „Neu-Jserlohn" mit rund 100 Todten, dann folgen „Pluto" mit 62 Todten (10. Mai 1882), „Kaiserstuhl" mit 61 (19. August 1893), „Hibernia" mit 57 (23. Januar 1891), „Konsolidation" mit 56 (24. September 1896), „Hibernia" mit 52 (8. Juni 1897), „Prinz von Preußen" mit 32 (25. Juli 1896), „General Blumenthal" mit 26 (19. November 1896), „Kaiserstuhl" mit 20 (22. Dezember 1897), „General Blumenthal" mit 17 (21. Januar 1884), „Massener Tiefbau" mit 16 (19. September 1883), „Gneisenau" mit 15 (14. November 1896), „Konstantin" mit 14 (1869).
Greiz, 11. Februar. Während der Gastwirth Voigt in Heinnchshütte bei Wurzbach mit seiner Frau auf der Hochzeitsreise war, brachen 3 Diebe in den Weinkeller ein und thaten sich gütlich. Die Vorliebe für geistige Getränke wnrde ihnen aber zum Verhängniß, denn einer der Kumpane konsumierte derartige Mengen Rum, Kognak und Champagner, daß er vom Schlage gerührt todt inmitten der Fässer und Flaschen liegen
Ausland.
Marokko. Grauenhafte Schilderungen entwerfen die wenigen Europäer, welche den Muth haben, im Reiche des Sultans von Fes und Marokko zu wohnen, von den Schaudersceuen. die sich gelegentlich der jüngsten Rachezüge dort abspielten. Dutzende von Gefangenentrans- portetrafen in den Hauptstädten ein. Den Gefangenentransporten folgen Sendungen von abgeschnittenen Köpfen! Zu 100 bis 200, trotz ihrer Behandlung mit Salz und Kampfer einen schrecklichen Geruch verbreitend, wurden sie als Warnungszeichen auf ihrem Wege nach Fes je drei Tage in den größeren Städten, die man berührte, ausgestellt. Kanonendonner verkündete die Ankunft der traurigen Trophäen, die alsdann an den Zinnen der Haupteingangsthore aufgehängt wurden. Erst vor acht Tagen nahm man in Fes die letzten Köpfe, die der Sultan aus dem Msab geschickt hatte, von den Nägeln herunter, um sie endlich einzuscharren. Ueber 500 Gefangene wurden nach dem Raub- und Rachezuge durch die Stadt Rabat geschleppt, in Gruppen von 20 bis 25, durch Hunger, Witterung nnd Strapazen zu Skeletten abgemagert, mitten durch das Christenviertel, die einzige den Europäern eingeräumte Straße, in der auch alle Konsulate liegen. Mit Halsringen au eine der schweren Verbindungskclteu gefesselt, wurden die ermatteten Gestalten mit Stockhieben und Keulenstößen vorwärts getrieben. Hinter diesen wandelnden Eisenketten kam ein noch schrecklicheres Bild: In großen, an beiden Seiten der Packthiere herabhängenden Schurais (Sattelkörben) waren die schwerkranken, sterbenden, ja, ihren Leiden oft erlegenen Opfer menschlicher Grausamkeit schlimmer als Schlachtvieh eingcpackt. Absterbende und todte, verzerrte, im Todeskampfe erloschene Gesichter starrten aus den Körben heraus, furchtbarer, als Worte es beschreiben, als es der Pinsel eines Wereschtschagin je gezeichnet. Schon vor dem Thore hatte man Leichen abgeladen und sammt ihren Fußketten verscharrt, nachdem von jedem der erlegenen Opfer das linke Ohr als Kontrole für die Zahlung der Eingelieferten abgeschnitten worden war. Die Ursache zu diesen Gräueln ist, nächst der Raubsucht deS Gesindels, das sich marokkanische Regierung nennt, die Beschwerde der europäischen Staaten über Piraten anfälle auf Schiffe und Kaufleute. Diese Beschwerden gelten als willkommene Aufforderung keinen Rachezug zu unternehmen, der Tod und Verderben verbreitet, abir
blieb. Die beiden anderen wurden am folgenden Tage verhaftet und dem Gefängniß zu Lobenstein übergeben.
Neuburg, 18. Februar. Ein höchst bedauerlicher Unglücksfall hat sich am 11. Februar auf dem zwischen Bitterbrunn und Riedensheim gelegenen neuen Militärschießplatz beim Gefechtsschießen ereignet. Ein Geschoß drang durch den in Mannshöhe noch etwa vier Meter starken Schutzdamm und traf einen als Zieler ver» wendeten Soldaten der 4. Kompagnie des 15. Infanterie-Regiments Namens Georg Beck in Schulterhöhe, durchdrang den Körper und blieb eigenthümlicherweise, den Waffenrock an der Rückseite nicht mehr durchdringend, an der Innenseite des Rockes liegen. Ein unglücklicher Zufall, vielleicht ein durch Kälte oder sonstwie entstandener Riß im Damm muß dem mit ungeheurer Durchschlagskraft wirkenden Geschoß den Weg gebahnt haben. Aerztlicher Beistand war selbstverständlich zur Stelle. Heute Vermittag ist, wie das „Neuburger Anzbl." mittheilt, der Verletzte gestorben. Der in treuer Pflichterfüllung Verunglückte, ein braver, tüchtiger Soldat, ist der Sohn eines Oekonomen aus Tauberschreckenbach bei Rothenburg o. T.
Münden, 17.Februar. In einem Feuilletonartikel des hiesigen Blattes hatte ein Herr W. die Stickerinnen der Mündener Fahnenfabrik von Otto Tribian harmlos nur als „Mädchen" bezeichnet. Die Damen, Künstlerinnen in ihrem Fach, wollten sich diese Titulatur, die sie nach ihrer Meinung auf eine gleiche Stufe mit den Fabrikarbeiterinnen und Dienstmädchen stellt, nicht gefallen lassen und opponirten hiergegen in verschiedenen „Eingesandt" der ,M. N/ Die Fabrikarbeiterinnen und Dienstmädchen thaten nun wiederum dar, daß sie sich mit den Fahnendamen, diesen Künstlerinnen, was Titel, Herkunft und Bildung anbetreffe, vollkommen gleichberechtigt fühlten. Dieser Zeitungskrieg artete nun vergangenen Freitag in Straßenkra walle aus, so daß die Polizei die gekränkten und ergrimmten kampses- lustigen Damen auseinandertreiben mußten.
die Säckel der Marokko regierenden Banditen füllt. Es ist angesichts dieser Gräuclscenen hohe Zeit, daß dieser letzte her Seeräuberstaaten Nordafrikas unter Europas Vormundschaft genommen wird. Deutschlands .Macht wäre in Kurzem im Stande, Ordnung zu schaffen, und sein Welthandel würde eine reiche, überaus fruchtbare Kolonie erhalten, beten prachtvolle Berglandschaft für Auswanderung geeignet ist.
Lokales und Provinzielles. * Schlüchtern, 22. Febr.
* — Ungewöhnlich viel falsches Silber- und Papiergeld ist neuerdings im Umlauf. Sowohl 20-, 10-, 5-, 2- und 1- Markstücke, wie falsche 50- und 20-Pfennig- stücke, als auch Nachbildungen von Reichsbanknoten und 100 Mk.- und Reichskossenscheinen von 50, 20 und 5 Mark sind nach Hohmanns Wegweiser auf dem Gebiete des Geld- und Verkehrswesens wiederholt zum Vorschein gekommen. Beim gemünzten Gelde werden die Falschsrücke in der Regel daran erkannt, daß sie schlecht gerändert sind, sich fettig anfühlen und einen matten oder hohlen Klang haben oder ganz klanglos sind. Die Hauptmerkmale der Nachbildungen von Papiergeld liegen meistens in den Abweichungen bei der Farbe, beim Papier und beim Druck.
* — Briefporto. Der „H. A." berichtet: Nach dem vom Bundesrath vom 17. d. Mts. genehmigten Gesetzentwurf betreffend Aenderungen der Postbestimmungen soll das Porto für frankirle gewöhnliche Briese bis zu
20 Gr. 10 Pfg., bei mehr Gewicht 20 Pfg. betragen.
* — An den Staatssekretär des RcichspostamtS von Podbilski ist die Bitte gerichtet worden, gegen eine Pauschalvergütung oder eine mäßige Vergütung von Fall zu Fall Arzneien durch die Landbriefträger ab- tragen zu lassen. Daß diese Einrichtung für die in Frage kommenden Landbewohner von größtem Vortheile wäre, braucht nicht erst auseinandcrgesctzt zu werden.
* — Ein Flugjahr der Maikäfer soll das heurige sein; wo man jetzt auf Rasenplätzen, Wiesen und Brachäckern gräbt, findet man in geringer Tiefe sehr zahlreiche Maikäfer, die schon vollständig ausgebildet sind und nur des Frühlings mit seiner Laubfülle warten, um ihre verderbliche Thätigkeit zu beginnen.
* — Nach einer neuen, sehr interessanten Studie deS Züricher Meteorologen Dr. I. Maurer, auf Grund der langjährigsten Temperaturreihen, ist ein abnorm heißer Sommer für Europa wahrscheinlich.
* — Das Verbot des Betretens der Eisenbahn- Personenwagen durch Nichtreisende bezieht sich nach einer neuen Verfügung nicht auf die bloße Hülfeleistung beim Hineintragen von Handgepäck. Begleiter von Reisenden, Gepäckträger, Hausdiener dürfen das Gepäck also in den Personenwagen unterbringen, haben dieselben aber dann sofort wieder zu verlassen. Die betreffende Bekanntmachung wird daher von jetzt ab den Wortlaut erhalten: Der Aufenthalt in den Eisenbahnwagen ist Nichtreisenden verboten.
* -- Bei Eisenbahnfahrten kommt es nicht selten vor, daß Reisende verschleppt werden, d. h. über ihr Reiseziel hinausfahren. Häufig tragen die Reisenden selbst Schuld daran, indem oft auf das Ausrufen der Stationen nicht geachtet wird; anderntheils kommt es auch vor, daß während des Aufenthaltes und Haltens der Züge nicht sämmtliche Wagenthüren von ben Schaffnern geöffnet werden. Die Eisenbahnverwaltung hat hieraus Veranlassung genommen, früher ergangene Weisungen in Erinnerung zu bringen, welche dem be- theiligten Personal das rechtzeitige Ocffnen der Wagenthüren und das laute und deutliche Ausrufen der Stationen, besonders bei Ucbergängen, zur Pflicht macht. Es ist nun Sache des reisenden Publikums, hierauf zu achten, um nicht verschleppt zu werden.
* — Nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts sind Pfarrländereien von den Beiträgen für die Landwirthschaftskammern nicht befreit.
— Dem Import von Journalen in Amerika ist insofern eine Beschränkung erwachsen, als Zeitungen und Zeitschriften, die Preisräthsel, Vorzugsofferten für Abonnenten, wie Prämienbilder rc., enthalten, durch die Post der Ver. Staaten nicht mehr versandt werden dürfen. Publikationen, die derartige Aufgaben, Räthsel oder Offerte, enthalten, fallen unter das Gesetz, das die Verbreitung von Lotterieanzeigen in den Ver. Staaten verbittet. Solche Anzeigen müssen, wenn in importieren