SchlüchternerMung
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M 14.
Mittwoch, den 16. Februar 1898.
49. Jahrgang.
herumgeworfen wurde, sich auf die Seite neigte und in diesem Augenblick von einem einsetzenden Windstoße und einer nachfolgenden Welle zum Sinken gebracht worden ist. Bei den vielen Beförderungsmitteln, die zur Verfügung standen, um die Wache auf das diesseitige Ufer zu befördern, ist es unverständlich, wie man dieses kleine offene Schiffchen wählen konnte. — Dieses Unglück ruft die Erinnerung an die in den letzten Jahren über Kiel hereingebrochenen Katastrophen wach: die Geschützexplosion auf dem „Baden", wobei 7 Personen verunglückten ; dann folgte die Katastrophe auf dem Dampfer „Brandenburg", wo das Platzen des Houptdampfrohres die Ursache des Todes von 42 Seeleuten wurde; dann die Kesselexplosion auf dem türkischen Torpedojäger bei dessen Probefahrt, wodurch wieder 13 Mann ihren Tod fanden, der vierte Unglücksfall ereignete sich durch den Einsturz der Laufbrücke auf dem Dampfer „Bonn" und 14 Werftarbeiter ertranken. Dem schließt sich nun dieses Unglück wieder an. Das sind 88 Todte in kaum sechs Jahren.
Erfurt, 9. Fcbr. Als dieser Tage der Rentier Herr Bürge hierselbst in Begleitung seines Jagdhundes die Schießhausstraße entlang ging, blieb letzterer vor einem der dort lagernden Wasserleitungsrohre stehen und wich nicht von der Stelle. Sein Herr, dem das auffiel, schaute nach und gewährte zu seinem Schreck zwischen dem Rohrrande und dem dicht dabeistehenden Pappelbaume eine Hand. Mit Hilfe eines Brauers wälzte Herr Bürge das Rohr zur Seite und zog dann einen halbtodten 11 Jahre alten Knaben hervor. Nach und nach erholte sich das Kind und theilte mit schwacher Stimme mit, daß es vor zwei Tagen aus Spaß in das Rohr gekrochen sei, aber des Baumes halber nicht wieder herauskonnte. Sich rückwärts zu bewegen, sei ihm ebenfalls nicht möglich gewesen. Ohne „Neros" Aufmerksamkeit hätte das b'edauernswerthe Kind verhungern müssen.
Augsburg. Pfarrer Kneipps Hinterlassenschaft. Aus einem Nekrolog, den die Diözese Augsburg dem Prälaten Kneipp widmet, geht hervor, daß Kneipp aus den Erträgnissen seine Bücher, des Malzkaffees rc. im ganzen 850 000 Mk. für wohlthätige Zwecke, darunter gegen 800 000 Mk. zur Gründung des Sebestianeums, des Kinderasyls und des Kneippianeums in Wörishofen verwendete und 50 000 Mk. aus freier Hand verschenkte.
Aus der Pfalz. Die „Pfälz. Volksztg." berichtet: Im Saarkohlengebiet, unweit der preußisch-pfälzischen Grenze befindet sich der sogenannte brennende Berg, ein Hügel, in dessen Innern ein Steinkohlenflötz vor vielen Jahren, vielleicht durch einen Blitzstrahl oder ein Hirten- fcuer, in Brand gerathen ist. Die unter der Erde weiterfressende Gluth, die bis jetzt aller augestellten energischen Löschversuche gespottet hat, giebt sich auch durch aus dem Boden dringende Rauchsäulen und die hohe Bodentemperatur äußerlich zu erkennen. Der Feuerherd hat sich jetzt plötzlich einen weiteren Ausgang geschaffen, und zwar zwischen Dudweiler und Neuweiler am Bergmannspfad. Die neue Ansbruchstelle, die dicht unter einem Baume ist, stößt eine starke Rauchsäule aus. An einer alten Ausbruchstelle am Weiher ist eine starke Buche umgestürzt. Bei näherer Besichtigung zeigte sich, daß die Wurzeln verbrannt waren.
Halle. Eine originelle Einnrichtung ist in Halle ins Leben getreten: ein Tänzer-Leih- und Vermittelungsinstitut. Das Institut will — man höre! — das Ball- und Karnevalleben heben und zu diesem Zwecke Anzüge wie Tänzer liefern. Das Verzeichniß gibt wie folgt Auskunft: „Normaltänzer mit Frack uud weißer Binde 2 Mark, dito mit geistreicher Unterhaltung 2,25 Mark. ff. prima Tänzer in eleganter Ausstattung 3 Mk. dito mit Walzer linksum 3,50 Mark, Krafttänzer, für schwere Damen, ä,3,75 Mark, eleganter Referendar mit Monocle 1.75 Mark, alte Herren mit Ordensbändchen 3 Mark, Spezialitäten für Rheinländer 4 Mark, Galopptänzer 3,50 Mark, Quadrillen-Kommandeur 4 Mark, derselbe mit Witzen und komischen Touren 4,50 Mark, Karrikatureniänzer 5 Mark, falsche Majors a. D. für Ballmütter 3 Mark, Aushilfstänzer, dritte Männer zum Skat, Anekdotenerzähler, Toastredner ä 12 Mark".
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich
Berlin. Die Kaiserin, die bereits 5000 Mk. für den Altar der in Halle projektieren Pauluskirche geschenkt hat, hat einen Beitrag von 25 000 Mk. für den Bau in Aussicht gestellt.
— Das „Armee - Verordnungsblatt" veröffentlicht eine Allerhöchste Kabinetsordre, wonach die Kaisermanöver in diesem Jahre vom 7. und 10. Armeekorps abgehalten werden sollen.
— Der Bau des Mittellandkanals ist nunmehr gesichert. Der Provinziallandtag von Hannover hat dem Anträge des Provinzial-Ausschusses entsprechend die Baukosten für den projectirten Kanal bewilligt, nachdem der preußische Landwirthschaftsminister von Hammerstein, welche eigens zu diesem Zweck nach Hannover gereist war, im Laufe der Debatte warm für den Kanalbau eingetreten war. Der Bau des Mittellandkanal entspricht bekanntlich einem wiederholt geäußerten Wunsche unsres Kaisers, der sich für das Projekt schon seit Jahr und Tag auf das angelegentlichste interessirt.
— Zur chinesischen Frage. Deutschland hat sich das Recht zum Bau einer Eisenbahn nach Jtschau gesichert. Es muß auffallend erscheinen, daß England es für nöthig gehalten hat, noch weitere Schiffe in die chinesischen Gewässer zu entsenden. AuS New-Aork wird berichtet, daß die englische Regierung 40 000 Centner Rindfleisch in Amerika für ihre Schiffe in Ostasien aufgekauft habe. — „Daily Mail" berichtet aus Singapore, auf Weisung der britischen Admiralität habe Admiral Bridge dort wie in den chinesischen und japanischen Häfen alle Kohlenvorräthe für die britische Flotte auf- gekauft mit dem Ergebniß, daß die fremden Geschwader in Nordchina es sehr schwierig finden, sich mit Kohlen zu versehen, und fast immobilisirt seien. Dem deutschen Konsul sei es gelungen, 2000 Tonnen für „Deutschland" und „Gefion", die am 22. Februar in Singapore erwartet werden, aufzutreiben. — Man erkennt jedenfalls an dem englischen Vorgehen, wie nothwendig für Deutschland der Besitz einer Kohlenstation in China ist.
— Der geschüftssührende Ausschuß des Central- Komitees zur Unterstützung der durch Unwetter geschädigten Personen Deutschlands hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, nachfolgende Beiträge den einzelnen Hilfskomitees zur Verfügung zu stellen: Frankfurt a. O. 50 000 Mk., Schlesien 70 000 Mk., Sachsen 20 000 Mk., Greifenberg in Pommern 2000 Mk., Perleberg und Stadt Ziegenhals je 15 000 Mk. Der Rest von 50 000 Mk. soll noch in Reserve gehalten werden.
— Gegen die großen Waarenhäuser und Bazare richtet sich eine beachtenswerthe Bewegung des neu gegründeten Bundes der Handels- und Gewerbetreibenden in Berlin zum Schutze des Handwerkers und des Kleinhandels. Der Bund, welcher sich voraussichtlich über ganz Deutschland ausdehnen wird, sieht von jeder politischen Parleistellung gänzlich ab und verfolgt nur das eine Ziel, die mittleren und kleineren Gewerbetreibenden zu schützen und zu heben.
— Der Kultusminister hat verfügt, daß den Magistraten der Städte nicht mehr gestattet sein soll, die Lehrer zu verpflichten, nur mit Genehmigung des Magistrats an anderen als städtischen Schulen Unterricht zu ertheilen. Hierüber zu befinden, wird als Recht der Schulaufsichtsbehörde in Anspruch genommen. Ferner dürfen die Magistrate die Lehrer durch die Vocation nicht mehr, wie das bisher üblich war, zu einer bestimmten Stundenzahl verpflichten. Auch hierüber habe! die Schulaufsichtsbehörde Anordnung zu treffen. Die, Einrechnung von Lehrstunden an gewerblichen Fortbildungsschulen in die Zahl der Pflichlstunden ist ebenfalls verboten.
Kiel. Die Ursache des Schiffsunglücks bei Kiel darf nicht lediglich in dem schweren Seegang gesucht werden. Dahin lauten verschiedene Urtheile von Seeleuten. Das Unglück ist darauf zurückzuführen, daß die Pinasse zunächst durch 17 Mann übersüßst war, dann durch eine Biegung um den ihr im Wege liegenden Minenleger „Rhein" herum, wobei vielleicht das Steuer zu schnell
Ausland.
In Frankreich ist aus dem „Fall Dreyfus" ein „Fall Zola" geworden. Das heißt, der bekannte Schrift- teller Zola, dessen Romane keine anständige Frau in ste Hand nimmt, hatte sich als einer der Hauptschreier
der Dreyfus Clique zum Vertheidiger des HauptmannS Dreyfus aufgeworfen, und dabei schwere Beleidigungen geschleudert gegen die französische Regierung und das französische Heer. Nun steht er in Paris vor dem Schwurgericht und deutsche Sensationsbläkter bringen spaltenlange Drahtberichte darüber, wie Herr Zola vor Gericht auftritt, was er vor und nach der Verhandlung genießt, was für einen Rock er angezogen hat, und was dergleichen interessante Dinge noch mehr sind. Nur dann könnte der Schwurgerichtsverhandlung gegen Zola besondere Bedeutung beigemessen werden, wenn dabei ganz neue interessante Enthüllungen zu Tage gefördert würden. Das bezweifeln wir nun, warten es aber ganz ruhig ab und beurtheilen dann danach die Bedeutung dieses Prozesses.
London, 11. Febr. Außer dem britischen Schlachtschiff „Barfleur", welches nunmehr Pord Said verläßt, wird auch das Schlachschiff „Viktorius" heute von Malta nach China in See gehen. Der Panzer-Kreuzer I. Klasse „Gibraltar" wird ebenfalls sofort nach China abgehen.
Dublin, 10. Februar. In den westlichen Distrikten von Irland herrscht gegenwärtig eine furchtbare Hungersnoth. Das Elend unter der dortigen Bevölkerung soll ganz unbeschreiblich sein, Professor Long, welcher persönlich die von der Hungersnoth betroffenen Distrikte besucht hat, schildert die dortigen Zustände u. A. wie folgt: „Ich habe die ärmsten Landleute in vielen anderen Ländern gesehen, von dem unterdrückten Pächter der römischen Campagna bis zu den armseligen Squatter in Maniloba, aber sie alle können wenigstens leben. Ihr Lebenspfad ist nicht mit Rosen bestreut, aber sie essen doch Brod, besitzen Kleidungsstücke und einige Haushaltungsgegenstände. Der irische Pächter dagegen ist viel, viel schlimmer daran. Männer, Frauen und Kinder sterben dort buchstäblich den Hungertod. Die Kartoffelernte ist im vorigen Herbste vollständig miß- rathen, sowohl der Quantität als der Qualität nach. Die paar Säcke voll, welche die Leute in ihre Keller einbringen konnten, bestehen aus kranken, halbverfaulten Knollen, und etwas anderes als Kartoffeln gibt eS überhaupt nicht.
New Dorf. Die Einwanderung, besonders aber die deutsche, in Amerika geht mit jedem Jahre stärker zurück. Im letzten Jahre hat die Gesammteinwanderung im Hafen von New-Aork wiederum um 79 944 Personen abgenommen, denn es wurden nur 172 420 Zwischen- Decks-Passagiere gelandet, gegen 252 364 im Jahre 1896. Am meisten fällt das rapide Zurückgehcn der deutschen Einwanderung auf. Im Jahre 1881 landeten in New-Aark noch 600 000 Deutsche, im letzten Jahre dagegen nur 14 661. Zum Schluß mag noch bemerkt werden, daß seit dem Jahre 1830 in Nordamerika im ganzen 18 169 056 Personen einwanderten, also ungefähr ein Viertel der gegenwäitgen Gesammtbevölkerung der Vereinigten Staaten.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 15. Febr.
* — Don der Direktion der Landeskreditkasse wird das Verzeichniß der in Folge Kündigung fällig gewordenen und noch nicht eingelösten Schuldverschreibungen der Landeskreditkasse im Amtsblatt veröffentlicht und deren Inhaber zur Vermeidung weiteren Zinsverlustes zu deren schleunigster Erreichung aufgefordert.
* — Dem uns zugegangenen Geschäfts-Berichts deS Vaterländischen Frauen-Bezirks-Vereins zu Kaffel und sämmtlicher Zweigoereine im Regierungsbezirk Kassel für das Jahr 1897 entnehmen wir: Im Jahre 1897 stieg die Zahl der Vaterländischen Frauenvereine im Reg.-Bez. Cassel durch den Zutritt des FrauenvereinS in Friedewald auf 33. Die Vereine, die am Schlüsse des Berichtsjahres 4597 (1896:4586) Mitglieder zählten, waren, wie die Berichte ergeben, überall bestrebt, Noth und Elend zu lindern durch zweckmäßig geordnete Armen- und Krankenpflege, die sie, wo es möglich war, in Verbindung mit der öffentlichen Krankenpflege und mit andern gleichen Ziele verfolgenden Vereinigungen aus- übten. Weiter waren sie in verschiedenartigster Weise thätig, der Entstehung von Noth und Elend vorzubeugen. Die Vereine haben im vergangenen Jahre für ihre Zwecke 158,826 M. (116,718 M. verausgabt, wozu loch die Gaben an Nahrungsmitteln, Krankenkost, Kleidungsstücke, Kinderzeug, Bettwäsche n. s. w. treten,