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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

«M 8. Mittwoch, den 26. Januar 1898. 49. Jahrgang.

lUftpIhttlrtttl ouf d"Schlüchterner Zeitung" S^vmUUIlyi/lt werden noch fortwährend von allen - = = Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich

Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin werden am

1. Februar die große Cour abhalten. Zum Geburts­tage des Kaisers werden der König und die Königin von Württemberg mit Prinzessin Pauline, sowie der Großherzog und die Großherzogin von Hessen eintreffen.

Der Sultan hat die Absicht geäußert, dem Kaiser aus Anlaß seines in Aussicht genommenen Besuches ein Geschenk besonderer Art zu madjen, nämlich die Stätte, wo Christus mit den Jüngern das letz e Abendmahl gefeiert hat. Diese Stätte, den Theologen als das Abendmahlshaus Coenaculum bekannt, liegt in einem heute ganz den Mohammedanern gehörigen Ge- bäudekomxlex, den sieNebi Daud" (Prophet David) nennen. Der Ort ist die Stelle der ehemaligen Zions- kirche, die schon im vierten Jahrhundert erwähnt wird. Sie hatte zwei Geschosse, wo das obere als eigentlicher Abendmahlsaal seit alten Zeiten galt. In einem Zimmer des ersten Stockes zeigt heute ein islamitischer Wärter den Stein, wo der Sitzplatz Christi gewesen ist, die Sufra, der Abendmahlstisch, soll in einem etwas tiefer gelegenen Zimmer gestanden haben. Diese Stätte, die seit 1333 den Franziskaner-Patres gehörte, wurde ihnen aber 100 Jahre später von den Sarazenen abgenommen. Diese wollten die Stätte, unter welcher, Ueberlieferungen zufolge, das Grab Davids sich befindet, der als Urahne Mohammeds gilt, nicht in der Händen der Giauers lassen, und schon 1479 verboten sie den Christen den Zwgang. Jahrhunderte hindurch konnten diese nur mit Mühe die von ihnen so verehrten Stätten besuchen. Die verschiedenen christlichen Bekenntnisse haben seitdem stets, aber immer vergeblich, gesucht, um den Preis im­menser Summen das Coenaculum wieder zu erwerben. Das Geschenk des Sultans würde daher freundlich be­grüßt werden.

Die Budgetkommission des Reichstages lehnte mit 11 gegen 10 Stimmen die Erhöhung des Gehaltes deS Staatssekretärs von Podbielsli von 24 000 auf 30000 Mark ab. Die Mehrheit der Kommission ist der Ansicht, daß eine bessere Besoldung der Unterbcamten erst vorangehen müsse, bevor der Gchalts-Aujbesscrung deS Staatssekretärs näher getreten werden könne.

In der chinesischen Frage wird gegenwärtig eine Schwierigkeit viel erörtert, die zwischen Rußland und England entstanden ist. England verlangt nämlich neuer­dings, daß ihm China den Hafen Talienwau öffne, während Rußland bie ganze Mandschurei für sich zu behalten wünscht. Augenblicklich will noch keine der beiden Mächte nachgeben; daß aber England den russischen Wünschen auf die Dauer Widerstand entgegcn- setzen sollte, ist nicht recht glaublich. Zum Kriege wird es also wegen des genannten Hafens nicht gleich kommen, wenn neuerdings die Kriegspartei in London nach dem Vorgänge von Hicks Beach auch gewaltig mit dem Säbel rasselt.

Hamburg. Der Streik eines Lehrers gehört gewiß zn den größten Seltenheiten. Der Ort Havighorst bei Bergedorf (Hamburg) erfreut sich der zweifelhaften Ehre, daß diese Seltenheit sich daselbst wirklich zugetragen hat. Bei der Regulirung der Lehrergehälter war das Grund­gehalt des Lehrers S. auf 1200 Mk. festgesetzt mit 140 Mk. Alterszulage und 200 Mk. Wohnungsgeld. Damit jedoch war S. nicht zufrieden, erklärte vielmehr dem Schulvorsteher, daß, wenn ihm nicht mehr bewilligt werde, er die Kinder am nächsten Montag nach Hause schicken werde und richtig, letzten Montag kamen die Kinder nach Hause und sagten, sie sollten in acht Tagen einmal wieder an fragen, ob der Unterricht fortgesetzt werden solle. Wie werden diese Kinder ob dieses Streiks von der Jugend anderer Ortschaften beneidet werden!

Effen, 20. Jan. Die Krupp'sche Gußstahlfabrik ist seit vielen Jahren nicht so vollauf beschäftigt gewesen wie augenblicklich; täglich werden neue Arbeiter eingestellt In den Kanonenwerkstätten wird schon seit langer Zeit auch des Sonntags (!) gearbeitet; die Arbeiter erhalten hierfür 1 Mk. außer ihrem Akkord, die Bureaubcamten 5 Mk. und die Meister 7,50 Mk. Vergütung pro Sonntag. Das Kanonengießen trägt halt noch was ein!

Billerbeck, 21. Jan. Einen g'äßlichen Tod fand der Kötter H. von hier. Derselbe kam Nachts an einem Kalkofen vorbei, setzte sich, um sich zu wärmen, auf den Rand desselben und fiel hinterrücks in die Glnth, wo er lebendig verbrannte. Der Unglückliche stand in den besten Jahren und hinterläßt 5 kleine Kinder.

^erne in Wests., 24. Januar. Heute früh ent­gleiste der Schnellzug Berlin-Köln, 3 Personen sind tobt, 12 lheils lebensgefährlich verletzt. Die Ursache des Unfalles liegt in dem Abspringen eines Theiles des Z iges auf eine Weiche. Die Strecke ist gesperrt, der Personen­verkehr wird durch Umsteigen aufrecht erhalten.

Weißenfels, 22. Januar. Hier wurde von der Polizei ein Jndividum verhaftet, welches über 100 fremde Legitimationskarten sowie Sch'cferstempel von Behörden bei sich führte. Der Mann nannte sich Schöne und will die Papiere von einer unbekannten Person bei Apolda er­halten haben. Man ist verschiedenen Individuen auf der Spur, welche gefälschte Legitimationspapiere von Schöne bezogen haben.

Ausland.

Amerika. Aus Klondike sind 25 Goldsucher in Viktoria, der Hauptstadt Britisch-Kolumbiens, angckom- men mit einer Ausbeute von Goldstaub im Werthe von einer Million Dollars. Zahlreiche neue Fundstellen in bisher unbekannten Wasserläufen sollen entdeckt worden sein. Ein neues Gesetz über die Goldausbeutung im Nukonbezirk (Alaska) ist seitens der Regierung des britischen Dominiums in Nordamerika erlassen worden. Jeder Bergmann oder Goldgräber muß einen Gewerbe­schein für 10 Dollar, jede Gesellschaft einen solchen für 50 Dollar lösen. Dafür wird das Recht erworben, auf einer etwa 80 Meter langen Strecke im Flußthale zu schürfen, zu angeln, zrr jagen und Holz zu schlagen. 10 Proz. des Gewinnes werden als Steuer vom Staat erhoben. Das ganze Thal wird in kleine Ausbeutungs- felder (Claims) eingetheilt, jedes zehnte Feld gehört dem Staat. Dem Entdecker neuer goldhaltiger Strecken wird ein Claim von 160 Meter Länge zugestanden.

Versammlungen ab. Wie man hört, dauern dieselben oft bis in die Nacht hinein. Doch muß es wohl ge­müthlich dabei hergehen, da auch für den Leib durch Mahlzeiten gesorgt wird. In manchen Dörfern, z. B. in Jossa, hat diese Sekte großen Anhang.

Salmünster, 22. Januar. In der Nacht von Mitt. woch auf Donnerstag wurde in die Wirthschaft des August Leinweber dahier eingebrochen. Die Diebe stiegen durchs Fenster in die Kammer hinter der Wirthsstube und nahmen 1 Ueberzieher, 1 Stock, mehrere Kisten Cigarren, verschiedene Flaschen Wein und manches andere, was ihnen in die Hände kam, mit. Erst am anderen Morgen wurde man den Diebstahl gewahr und machte der Polizei Anzeige.

Wächtersbach. Am Mittwoch wurde in der Steingut- Fabrik Schlierbach ein Arbeiter aus Wittgenborn, welcher einem anderen Arbeiter dortselbst ein Messer in den Unterleib stach und diesen lebensgefährlich verletzte, verhaftet. Der Verhaftete war erst kurze Zeit verhei- rathet.

Fechenheim, 19. Jan. In hiesigem Orte sind nach den jetzt aufliegenden Wählerlisten für die Gemeinde­wahlen in der ersten Klasse zwei, in der zweiten Klasse drei und in der dritten Klasse 970 Personen wahl­berechtigt. In der ersten Klasse befindet sich sogar ein Stimmberechtigter mit 13145 Mk. Steuerbetrug. Die fünf reichsten Personen der Stadt wählen also für sich allein zwei Drittel der neuen Stadtverordneten.

Bergen, 19. Jan. Einen drolligen Vorfall, der sich hier zugetragen haben soll, erzählt dasFikf. I": Bei der Einschätzung des hier zu zahlenden Wassergeldes wurde ein biederer Schuhmacher in die zweite Steuer­klasse, also mit 4,50 Mk. jährlich eingeichätzt. Dies war'ihm jedoch zu theuer. Da, ihm bedeutet wurde, baß. er in eine niedrigere Klasse eingeschätzt würde, wenn er nur zwei Zimmer bewohne, ging er, als sich die Kommission entfernt hatte, kurz entschlossen daran, die eine sehr dünne aufgemauerte Scheidewand mit seinem Schuhmacherhammer einzuschlagen und zu entfernen. Was er wollte, hatte er erreicht.

Hanan, 20. Jan. Ein hiesiger Juwelierlehrling, der das Radfahren erlernen wollte, rannte bei seinen ersten Uebungen, die er im Herbst vorigen Jahres auf der Bruchköb'cler Landstraße anftellte, mit dem Rade gegen das Kind eines Bahnbeamten, so daß dieses einige Hautabschürfungen erlitt Vor dem letzten Schöffen­gericht hatte er sich wegen dieser Ungeschicklichkeit zu verantworten, und zwar entschuldigte er sich mit seiner Unbeholfenheit im Fahren; aber das Gericht verurteilte ihn trotzdem zu einer Geldstrafe von 30 Mk. eventuell 6 Tagen Gefängniß, indem es argumentirte, daß An­fänger im Radfahren für ihre Uebungen nur solche Orte zu wählen hätten, wo sie keinen Unfall zn verursachen vermöchten.

Fulda, 21. Jan. Gestern starb im Landkranken­hause dahier der auch in weiteren Kreisen als Dichter bekannte Herr Emil von Boxberger. Er war ein gründ­licher Kenner der Fuldaer Geschichte und hiesiger Ver. Hältnisse und besaß bei vielseitiger Bildung und Lebens­erfahrung eine hervorragende Unterhaltungsgabe, welche ihn, verbunden mit einer gewissen Originalität, zu einer beliebten Persönlichkeit machte.

Caffel, 20. Jan. Die Gesammt-Synode 'für die evangelischen Kirchengemeinschaften im Konsistorialbezirke Caffel trat heute Morgen nach einem Gottesdienste im Saale des Evangelischen Vereinshauses zusammen. 56 Mitglieder sind erschienen. Den Vorsitz führt Herr Vize-Marschall Kammerherr .Dr. Hans von der Mals­burg-Escheberg, zum landesherrlichen Kommissar ist Herr" Konsistorialprändent von Altenbockum ernannt, zu Kom­missaren des Herrn Kultusministers die Herren Geh.- Rath Schwarzkopff und Regierungs-Assessor Dr. Gerlach, von denen ersterer durch seine Theilnahme an der Tagung der Synode zu Hannover verhindert ist, zu erscheinen. Herr Konsistorialpräsident von Altenbockum begrüßte im Namen des Kirchenregiments die Synodalen und machte u. a. die Mittheilung, die Hauptsache, aus der das Kirchenregiment sich veranlaßt gesehen habe, den Antrag auf Einberufung dieser außerordentlichen Tagung der Synode zu stellen, sei die Berathung des Entwurfes eines neuen Besoldungsgesetzes für die Geistlichen gewesen. Eine weitere Vorlage bilde ein Antrag des Konsistoriums betreffend Einführung einer zweijährigen Kirchenkollekte für den evang.-lirchlichen Hilfsoerein,

Lokales «ud Provinzielles.

* Schlüchtern, 25. Jan.

* In Folge Antrages des hiesigen Gewerbe- vercins durch die Handelskammer ist von der Oberpost- dircktion der Bescheid eingetroffen, daß die Errichtung eines zweiten Postschalters auf hiesiger Post erfolgen soll.

* In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde in die Wirthschaft des Metzgers K. Freund hier eingebrochen, der Schenktisch gewaltsam aufgemacht und ca. 5 Mark baar Geld, sowie auch eine Kiste C-garren gestohlen. Von dem Thäter, der durchs Fenster hercin- gekommen, fehlt jede Spur.

* Militär-Reklamationen. In Anbetracht der be­vorstehenden Rekruten-Aushebungen machen wir Die­jenigen, welche besonderer Verhältnisse halber das Nach­suchen einer Zurückstellung oder Befreiung vom Militär­dienste beabsichtigen, darauf aufmerksam, daß diesbezüg­liche Reklamationen, wenn sie überhaupt in Erwägung gezogen werden sollen, ohne Verzug einzureichen sind.

* Vom Jahre 1900 ab werden die Volksschullehrer auf ihr Verlangen bekanntlich ein volles Jahr dienen müssen. Um nun für die ersten Jahre nach 1900 einem dadurch drohenden Lehrermangel vorzubeugen, werden an den Lehrer-Seminaren von Ostern d I. ab besondere Nebenkurse eingerichtet.

* Die Ermäßigung des Portos für kleine Post­einzahlungen wurde am Montag vom Abg. Müller-Fulda in der Reichshaushaltskommission zur Sprache gebracht und im Interesse der kleinen Gewerbetreibenden und Landwirthe befürwortet. Der Herr Staatssekretär des Reichspostamts von Podbielski gab die Zusicherung, daß diese Ermäßigung, welche allerdings im Interesse der kleinen Leute liege und welche auch er als nöthig ansehe, in aller Kürze durch Verordnung des Herrn Reichs­kanzlers eingerührt werden solle. Voraussichtlich wird die Gebühr für Posteinzahlungen unter 20 Mark auf 10 Pfg, herabgesetzt werden.

* Das Sektenwesen schießt unter der protestan- tischen Bevölkernng in hiesiger Gegend gar üppig ins Kraut. Im östlichen Theile unseres Kreises haben z. B. die Baptisten viele Anhänger gefunden. Ein Schuh­macher von Weichersbach,Bruder Franz" genannt, hält in den verschiedenen Dörfern die gottesdienstlichen