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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 5. Januar 1898.

49. Jahrgang.

Minister hat aber die Genehmigung wegen der Höhe der Sätze versagt, und die Regierung schlägt ein Grund­gehalt von 1350 Mk. und Alterszulagen von 180 Mk. vor. Dieser Tage wurde im Rhein bei Niederspai (bei Koblenz) ein Seehund geschossen. Das dort seltene Thier wog 72 Pfund. Auch im verflossenen Winter wurde bei Bonn ein derartiges Thier erlegt.

Köln, 29. Dez. Dem Kölner Kriminal-Kommissar Landschulz gelang es, einen schon lange steckbrieflich ver­folgten angeblichen Arzt Dr. Wolf aus Aachen in dem Augenblick zu verhaften, als dieser auf dem hiesigen Hauptpostamte dort für ihn lagernde Briese abholen wollte. Dr. Wolf bot in verschiedenen Zeitungen den Frauen Rath und Behandlung in sekreten Fällen an und ließ die zahlreich einlaufenden Briefe postlagernd senden. Eine große Anzahl von Damen besserer Familien aus den verschiedensten Städten Rheinlands ist in die Sache verwickelt. Ein Wirth und ein Mädchen wurden in Oberstein bei Saarbrücken verhaftet und in das dortige Gefängniß eingeliesert. Auch Wolf wurde nach Saarbrücken übergeführt. Die bei Wolf beschlagnahmten Briefe sind für viele angesehene Damen belastend. Weitere Verhaftungen dürften bevorstehen.

Halberstadt. Das Schachspiel als Fortsetzung der öffentlichen Schulprüfung wird in dem Dorfe Ströbeck unweit Halberstadt betrieben. Dort sowie auch in dem Dorfe Drübeck pflegt nämlich jeder Stand und jedes Alter in den Mußestunden dieses bildenden Spieles. DaS Schachbrett mit seinen Figuren ersetzt dort das Karten-, Kegel-, Billard- und Würfelspiel. Ist die öffentliche Schulprüfung zu Ende, so schließt sich eine Prüfung im Schachspiel an, die von den Gemeindever­tretern geleitet wird. Je zwei und zwei Sieger werden von Neuem als Spieler gepaart, bis man die besten Spieler unter den Schülern, Mädchen sowohl als Knaben, ermittelt hat, die dann mit einem Preise bedacht werden. In Ströbeck werden auch ein Thurm und eiserne Ketten von historischer Bedeutung gezeigt. Die Sage berichtet darüber Folgendes: Ein Bischof von Halberstadt habe einst einen Wendenfürsten gefangen genommen, ihn in den oben genannten Thurm gesperrt und mit den erwähnten Ketten gefesselt. Als dem Wendenfürsten in der Gefangenschaft aber die Zeit zu lang ward, ließ er sich von den Bauern ein Brett und kleine Holzstäbe bringen, woraus er ein Schachbrett nebst Figuren ver­fertigte. Darauf lehrte er den Bauern das Schachspiel, das in dem Dorfe bis zum heutigen Tage in so großem Umfang betrieben wird.

Wie groß der Lehrermangel in Sachsen ist, zeigt ein Blick in jede beliebige Nummer derStichs. Schul- zeitung", die fortgesetzt ganze Spalten mit Vakanzlisten füllt. Auch in Sachsen-Altenburg macht sich gleicher Mangel immer empfindlicher bemerkbar. Dieselben Klagen hört man in Reuß ä. L. Dort hat sogar vor sechs Wochen tn einem Orte die Schule vollständig geschlossen werden müssen, da nirgends ein Lehrer zu haben war.

Gleiwitz, 30. Dezember. Nach einer Meldung des Oberschlesische Wanderer" explodierte in der Christnacht in einer Wirthschaft eine offenbar entwendete Dynamit­patrone, welche ein Bergmann in seiner Tasche hatte. Der Bergmann wurde zerrissen und ein Arbeiter schwer verletzt, während 20 entfernter stehende Personen zu Boden geworfen wurden. Zahlreiche Fenster wurden zertrümmert.

In Reichenbach t. B. hat sich dieser Tage infolge der Energie des betreffenden Käufers ein Kaufmann genöthigt gesehen, einen in seinem Schaufenster ausge­hängten Teppich im Werthe von 2530 Mark zu dem ausgezeichneten Preise von 6 Mk. 50 Pfg. nach langem Sträuben herzugeben. Der Teppich war mit seinem billigen Preis zum Anlocken von Käufern bestimmt. Zur Nachahmung empfohlen für -- Käufer.

Amtliches.

J.-Nr. 35 K. A. Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden werden darauf aufmerksam gemacht, daß die nach der Ausführungs - Anweisung zur neuen Landgemeindeordnung aufzustellenden Wählerlisten bezw. Listen A in der Zeit vom 15. bis 30. Januar 1898 in einem vorher auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß zu bringenden Raume auszulegen sind.

Die Aufstellung der Wählerliste hat daher sofort in Duplo zu erfolgen und ist mir ein Exemplar nebst Ab­schrift der Liste B (in letzterer muß Spalte 9 überall ausgefüllt sein) bis spätestens 10. Januar einzureichen. Die Gemeinden mit Gemeinde-Bersammlnng reichen nur Abschrift der Liste A ein.

Zum gleichen Termin ist anzuzeigen, daß die Offen- legung der Wählerliste bezw. Liste A bekannt gemacht ist.

Schlächtern, den 31. Dezember 1897.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.

Deutsches Reich

Berlin. Der Kaiser hat am Sylvester-Abend dem Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe einen Besuch gemacht und besten Vortrag entgegengenommen. Zum Neujahrs­tage waren fast sämmtliche kommandirende Generale in Berlin eingetroffen, um den Kaiser in üblicher Weise zu beglückwünschen.

Die Kaiserin hatte auf ärztlichen Rath die Ab­sicht, am Neujahrstage der gottesdienstlichen Feier in der Schloßkapelle und der Gratulationscour im königlichen Schlöffe beizuwohnen, wegen ihres noch der Schonung bedürftigen Befindens abgegeben.

Der Kaiser hat seinen drei ältesten Söhnen je einen Säbel auf den Weihnachtstisch gelegt. Die Klingen, Meisterstücke der Aetzkunst, tragen aus der einen Seite die Chiffre des Kaisers mit der Widmung, für den Kronprinzen: Deine Kraft gehört dem Vaterlande I Seinem Sohne Wilhelm. Weihnachten 1897. Wilhelm Eex; auf der anderen Seite den Spruch: Vertraue Gott, Dich tapfer wehr, damit besteh' Dein Ruhm und Ehr', Denn wer's auf Gott herzhaftig wagt, wird nie­mals aus dem Feld gejagt; für Prinz Eitel Fritz die gleiche Widmung mit dem Spruch: Furchtlos und treu; für Prinz Adalbert: Zück' grundlos niemals dieses Schwertes Schneide, Und ehrlos kehr' es nie zurück in seine Scheide.

WeihnachtSfreuden hat der Kaiser wie alljährlich am Freitag wieder verschiedenen Personen, denen er auf seinem Spaziergange begegnete, bereitet. Nachdem schon am Vormittag im Neuen Palais Geldgeschenke ausgetheilt waren, unternahm der Kaiser am Nachmittag einen Spazicrgang in Begleitung der drei Prinzen. Es hatte sich eine größere Zahl von Personen eingefunden, die den Kaiser erwarteten. Der Monarch änderte jedoch die Richtung und kehrte über Bornstedt nach dem Neuen Palais zurück.

* Die Veteranen, die Anspruch auf die Kaiser Wilhelm-Medaille haben, werden sich noch längere Zeit gedulden müssen, ehe sie in den Besitz dieser Denkmünze kommen werden. Nicht weniger als 800 000 Meldungen sollen dafür vorliegen, während bis zum 1. April 1898 erst etwa 200000 Stück geprägt werden können.

ES wird neuerdings hervorgehoben, daß China im Grunde gegen die Besetzung von Kiao-Tschau nicht viel einzuwenden habe; denn es habe schon seit zwei Jahren sich bereit gezeigt, eine Kohlenstation an Deutsch­land abzutreten. Das ist richtig. Man hat wahrschein­lich von Anfang an keinen großen Widerstand ChinaS erwartet und kaum daran gezweifelt, daß es zu einer gütlichen Einigung kommen wird. So erklärt es sich auch, daß Herr v. Bülow im Reichstage in einer Form, die Heiterkeit hervorrief, aber ganz ernst gemeint von unserenfreundschaftlichen Beziehungen und Gesinn­ungen zu China" sprach. AehnlicheS hat der Kaiser beim Empfang deS Reichstagspräsidiums ausgesprochen und angedeutet, daß die Sache friedlich damit enden werde, daß wir Kiao-Tschau auf 99 Jahre von den Chinesen pachten.

Bom Rhein. Der seltene Fall, daß die Regierung eine Besoldungsordnung für Lehrer wegen zu hoher Normierung deS Grundgehalts nicht genehmigte, hat sich im Rheinland zugetragen. Wie aus Styrum berichtet wird, hatte der dortige Gemeinderath 1500 Mk. Grund­gehalt und 200 Mk. Alterszulagen beschlossen. Der

Ausland.

Rom. Papst Leo XIII. feierte am Sylvestertage sein diamantenes Priesterjubiläum in verhältnißmäßig großer Frische des Körpers und des Geistes. Geboren am 2. März 1810 in Carpineto Agnam, wurde er am 31. Dezember 1837 zum Priester geweiht. Sechs Jahre später war er Nuntius in Brüssel, 1846 Erzbischof von Perugia, um nach weiteren sieben Jahren zum Kardinal auszurücken. Päpstlicher Kämmerer wurde er 1877,

Papst am 20. Februar des folgenden Jahres. Leo XIII. ist der 264. Papst und ein bedeutender Kopf von milder Gesinnung. Im Jahre 1887, in welchem er daS 50« jährige Priesterjubiläum feiern konnte, ging er den Kirchenfrieden mit Preußen ein. Auch sonst zeigte sich Leo XIII. auf vielen Gebieten milde und versöhnlich, nur Italien gegenüber verharrt er auf Ablehnung deS neugeschaffenen Königthums und betont noch stets die Ansprüche auf die weltliche Macht. Er hat sich auch als ein feinsinniger Dichter bethätigt. Dieselbe vor­nehme Sprache wie in seinen Gedichten findet sich auch in seinen Briefen und Rundschreiben, wie er überhaupt ein Gelehrter ist, der an jeder Wissenschaft Antheil nimmt. Sein Jubiläum ist unter großer Theilnahme begangen worden; viele Souveräne sandten Glückwünsche und Geschenke.

Amerika. Die Negerrepublik Haiti, mit der Deutsch­land jüngst einen Strauß auszufechten hatte und aus der auch zahlreiche Deutsche leben, ist von einer furcht- baren Katastrophe heimgesucht worden. Aus Newyork wird unterm 29. Dezember gemeldet: Ein hier aus Port au Prince eingegangenes Telegramm besagt, 800 Häuser seien dort gestern Abend eingeäschert worden. Darunter befänden sich eine Anzahl Magazine, eine Kirche und ein Hotel. 3000 Personen seien obdachlos. Heute früh gegen 7 Uhr habe sich ein Erdbeben ereignet, das mehrere Minuten anhielt.

New York, 28. Dez. Ein neues zur Vertheidigung deS Hafens von New-York bestimmtes Geschütz ist daS größte, das je hergestellt worden ist. Das Gewicht dieseS Küstengeschützes beträgt 126 Tonnen, also 6 Tonnen mehr als die große Krupp'sche Kanone von der Chrca- goer Weltausstellung 1893. Seine Länge ist 50 Fuß, der Durchmesser am Bodenstück 5 Fuß, daS Kaliber 15 Zoll oder ungefähr 40 cm. Das 2350 Pfund schwere Geschoß hat bei einer Ladung von 1100 Pfund Pulver eine Tragweite von 16 englischen Meilen. DaS Geschütz allein kostet 625 000 Frcs.; seine Lafette, Panzerthurm und die nöthigen Mauerarbeiten noch 1500 000 FrcS. Man neigt zu der Ansicht, daß kein Panzer dem Geschoß dieses Riesengeschützes wird widerstehen können. Wie weit dies zutrifft, muß abgewartet werden, da von jeher Geschütz und Panzer im engsten Wettstreit mit einander standen. Ein kurzer Rückblick auf dieses scharfe Ringen^ führt uns zunächst auf den Krimkrieg im Jahre 1855, wo sich Geschosse des Fort Kinburn dem 11 cm starken Eisenpanzer der Schiffe überlegen zeigten. Dem darauf auf 22 cm verstärten Eisenpanzer antwortete man mit gezogenen Geschützen und größeren Kalibern, und so schritt man vorwärts bis zum Jahre 1876, wo an Stelle des Eisens der Stahlpanzer trat und einen voll- ständigen Sieg errang. Demgegenüber ruhte die Artillerie jedoch nicht, sie konstruirte längere Kanonen, verfeuerte brisanteres Pulver und gelangte zu einem Geschoß von Chromstahl, das jeden Stahlpanzer durchschlug. Lange Zeit suchte man vergeblich diesem Geschoß einen ent« sprechenden Panzer gegenüberzustellen; eine Vereinigung von Nickelstahl und Chromstahl erwies sich zwar den bisherigen Stahlarten überlegen, genügte aber nicht. Da kam aus Amerika der neue Panzer von Harwey, der durch ein neues Verfahren auf einer Seite so ge­härtet war, daß er allen Geschaffen widerstand. Fünf Jahre lang behauptete er seine Stellung, bis sich vor kurzer Zeit ein neues Geschütz von Johnson aus Ame­rika mit einem Geschoß, dessen Spitze^ eine besondere Bekleidung von Flußstahl erhielt, ihm überlegen zeigte, dieses Geschoß soll durch seine eigenartige Spitze befähigt sein, jeden Harweyschen Panzer zu durchbohren, ohne eine Beschädigung zu erleiden. Die Amerikaner find sicher deS Triumphes diese- neuen Geschützes über alle bis­herigen. Die Regierung hat 165000 Frcs. zu weiteren ausgedehnteren Versuchen bewilligt.

New York. Ein Milchdrust hat sich gebildet, um die gestimmte Milchzufuhr nach Newyork zu monopoli- siren. Er erwarb in New-Jersey seine Konzession unter dem NamenFarm- und Milchwirthschaftsproduktgesell- schaft". Der Trust besitzt ein Kapital von 15,000,000 Dollar. Das Geld ist zum größten Theil von eng­lischen Kapitalisten aufgebracht worden. Am 1. Januar wird der Trust sein Geschäft in ganz Groß-Newyork beginnen. Die Milchwagen der Gesellschaft werden äußerst luxuriös ausgestattet und die Kutscher uniformirt sein. Die kleinen Milchhändler sind in Verzweiflung. Sie wissen, daß ihre Tage gezählt sind. Ferner ist