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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

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Mittwoch, den 22. Dezember 1897

48. Mrgang

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Die Expedition derSchlüchterner Zeitung."

Deutsches Reich

Berlin. Die Ansprache des Kaisers an seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, und die hierbei erfolgte Erwiederung des letzteren beim Abschiedsmahl im Kieler Schlosse unterliegen in der Tagespresse mancherlei Deut­ungen ; das ist auch ganz erklärlich, denn beide redneri­schen Kundgebungen enthalten Wendungen, deren Be­deutung sich nicht gleich auf den ersten Blick ergiebt, wie dies z. B. von den Worten des Prinzen Heinrich gilt, daß er attsziehe, um das Evangelium der geheiligten Person des Kaisers zu predigen. Jedenfalls weht aber aus der Ansprache des Kaisers wie aus der Gegenrede seines Bruders ein kräftiger, entschlossener Geist, der die Zuversicht einflößt, daß das im fernen Osten be­gonnene Werk Deutschlands zu einem gedeihlichen Aus­gange gelangen werde,

* Der Gesetzentwurf betr. die Sicherung von Bauforderungen wird nunmehr im Reichsanzeiger zu­gleich mit einer sehr eingehenden Begründung und einem Ausführungsgesetze veröffentlicht. Der eigentliche Gesetz­entwurf enthält 35 Paragraphen. Der Entwurf geht davon aus, daß die zum Theil einschneidenden Maß­regeln, die er vorschlägt, nur da zur Anwendung gelangen sollen, wo eine lebhafte Bauthätigkeit herrscht, infolge deren Mißstände bereits hervorgetreten oder zu befürchten sind. Die Regelung des Entwurfs bietet den Vortheil, daß das Anwendungsgebiet des Gesetzes dem bestehenden Bedürfnisse angepaßt werden kann und jederzeit eine Ausdehnung auf neue Bezirke stattfinden darf. Den Bauhandwerkern und Bauarbeitern soll eine Hypothek mit Vorrang vor allen nach Beginn des Baues einge­tragenen Rechten und beschränktem Vorrecht von früher eingetragenen Rechten gewährt werden. Zu diesem Zweck ist vor Beginn des Baues derBauvermerk" einzutragen. Die Eintragung desselben herbeizuführen, ist Sache des Eigenthümers. Der Beginn des Baues ist erst nach erfolgter Eintragung zulässig. Zur Erreichung dieses Zieles wird die Baupolizeibehörde in Anspruch genommen; dieselbe hat die Bauerlaubniß an die Bedingung der Eintragung des Bauvermerks zu knüpfen und die Er­füllung dieser Bedingung zu überwachen. Der Gesetz­entwurf schließt sich eng an das Bürgerliche Gesetzbuch an.

Einem Beschlusse des Bundesraths zufolge sollen, um den in neuerer Zeit fühlbar gewordenen Mangel an Kronen (Zehnmarkstücken) abzuhelfen, bei der nächsten für Rechnung der Reichsbank stattfindenden Goldaus Prägung bis zur Höhe von 20 Millionen Mark unter Vertheilung auf sämtliche deutsche Münzstätten Kronen ausgeprägt und die hierdurch entstehenden Mehr­kosten auf die Reichskasse übernommen werden. Ferner sollen, um dem wachsenden Bedürfnis nach silbernen Scheidemünzen nachzukommen, etwa 16 Millionen Mark in silbernen Fünfmarkstücken, etwa 8 Millionen in Zweimarkstücken und etwa 47* Millionen in Einmark­stücken geprägt werden.

* In Kartenbriefen sind von der Reichsdruckerei in der kurzen Zeit seit dem 1. November, also in 1 !|a Monaten, bereits 13 Millionen Stück den Postanstalten auf deren Bestellung geliefert worden. Zum Vergleich sei, nach derN. A. 3 ", erwähnt, daß nach der letzten Statistik der englischen Postverwaltung während des ganzen Jahres 1896 nur 11'|a Millionen Kartenbriefe im Bereinigten Königreich abgesetzt worden sind.

Bielefeld. Unter dem Titel:Die Wahrheit über die Anstalt Bethel und ihre Dependenzen bei Bielefeld" erschien im Sommer in Bielefeld eine von dem Maler Paßler, genannt Kaduar, verfaßte Broschüre. In dieser behauptet der Verfasser, ein ehemaliger Pflegling der Anstalt Bethel, daß zahlreiche, öffentliches Aergcruis erregende Mißstände in der Bodelschwingh'schen Anstalt ; herrschen, z. B., daß die Kranken ungenügende ärztliche 1 Behandlung und Kost erhielten, zur Arbeit gezwungen

stattgegeben worden. Am Sonnabend begann der Prozeß vor dem Bielefelder Landgericht. In diesem Prozeß wegen Beleidigung des Pastors von Bodelschwingh, sowie der Pastoren, Aerzte rc der AnstaltBethel" wurde btr Angeklagte Maler Paßler zu zwei Jahren Gefängnis verurtheilt. Der Mitangeklagte Buchdruckereibesitzer Schu­mann wurde freigesprochen. Der Gerichtshof hat in allen inkriminirten Punkten schwere Beleidigungen gegen die Antragsteller gefunden. Die inkriminirten Anschul­digungen sind in keiner Weise bewiesen. Der Gerichts­hof ist nicht der Meinung, daß der Angeklagte Paßler die Broschüre geschrieben hat, um den Kranken zu helfen, sondern daß ihn Gewinnsucht, Haß und Großmannssucht geleitet haben. Von der Wahrnehmung berechtigter Inte­ressen im Sinne des § 193 des Strafgesetzbuches kann absolut keine Rede sein. Mit Rücksicht auf die niedrigen Motive, die Schwere der Beleidigungen, die Stellung der beleidigten Personen und den Umstand, daß es dem Angeklagten augenscheinlich darauf ankam, die Anstalt, die, wie ihm bekannt war, auf das öffentliche Kollekten- wesen angewiesen ist, zu schädigen, rechtfertigt sich das erkannte Strafmaß.

Göttingen, 13. Dezember. Ein vor wenigen Jahren in Göttingen allgemein bekannter, lustiger Studio der zur Zeit bereits eine angesehene Stellung sich er­worben hat wurde kürzlich von einem Göttinger Ge­schäftsmanne mit Erfolg gemahnt. Der Betrag erfolgte per Postanweisung und auf dem Coupon der Anweisung stand folgende Bemerkung:Es stehet geschrieben: Auf daß ein jegliches Ding seine Zeit habe.Wahrlich, ich sage Euch, es wird mehr Freude sein im Himmel, wenn einer nach 10 Jahren noch bezahlt, denn über 1000 Gerechte, die baar bezahlen!"

Gotha. Die weitbekannte Schweinezüchterei des Domänenraths Meyer in Friedrichswerth bei Gotha weist trotz des flotten Absatzes einen Bestand von 1173 Stück Thieren auf. Davon haben 505 Stück das Lebensalter von einem Jahre noch nicht erreicht, während 668 Stück ein und mehrere Jahre alt sind. 543 dienen zur Zucht. Ein vierzehnjähriger Zögling einer Thüringer Präparandenanstalt hypnotisirte in Naumburg einen seiner Mitschüler, indem er ihn starr auf eine Stahlfederspitze sehen ließ. Bald aber entstand eine furchtbare Angst unter den jungen Menschen, als das Medium nicht wieder erwachen wollte. Um 8 Uhr hatte die Spielerei stattgefunden. Als um 10 Uhr die Hypnose immer noch anhielt, ließ man den Kreisphysikus holen, dem es denn auch nach langen Bemühungen ge­lang, den Schlafenden zu ermuntern.

Butzbach, 13. Dezember. Das nächste Jahr wird unserer Stadt eine Ausstellung oberhessischer Jndustrie- und Gewerbe-Erzeugnisse bringen. Der hiesige Gewerbe- Verein hat das Unternehmen in die Hand genommen und ist mit den Vorarbeiten in voller Thätigkeit.

Ausland.

Peking, 18. Dez. Ein russisches Geschwader hat heute Port Arthur, gegenüber Weihaiwei, besetzt. Ruß­land gewinnt damit eine beherrschende Stellung im Gelben Meere. Die deutsche Stellung in Kiautschau erscheint durch die Besetzung von Port Arthur nicht bedroht.

würden, während die in der Verwaltung angestcllten Pastoren das üppigste Leben führten u. s. m. Der In­halt der Broschüre veranlaßte den Letter der Anstalt, Pastor v. Bodelschwingh, sowie die Pastoren, Aerzte und Hausväter, gegen den Verfasser, Maler Paßler und gegen den Drucker und Verleger Buchdrucker Schutzmann, auf Grund der §§ 185 und 186 des Strafgesetzbuches Strafantrag zu stellen und die vorläufige Beschlagnahme der Broschüre zu beantragen. Diesen Anträgen ist

Kiautschu Deutschland nun besetzt hält. Dem chinesischen Kriegshafen auf Schantung, Chcfou, gegenüber befindet sich Port Arthur, einer der festesten Plätze, den China hat, zugleich der künftige Endpunkt der russisch-chinesischen Mandschurei-Bahn. Der Hafen hat schon mehrfach England und Rußland Anlaß zu diplomatischen Streitig­keiten gegeben. Die starke Festung siel im letzten Kriege den Japanern unter General Oyama erst nach heftigem Widerstände in die Hände. Nur mit schweren Ver­lusten war es dem Feinde möglich, den Platz einzunehmen. Steil auf hohen Felsen liegen die einzelnen Forts des stark befestigten Hafens, imb der Hafeneingang ist durch Sperrforts auf einer weit vorspringenden Spitze besonders geschützt. Die Föhrde ist bis an die Stadt heran für die größten Panzer fahrbar.

Ostasien. Der schärfste Konkurrent Europas in Ostasien in politischer und wirthschaftlicher Beziehung ist das mächtig emporstrebende, von verzehrendem Ehr­geiz erfüllte Japan geworden. Angesichts des mit Riesenschritten näher rückenden Zerfalls der chinesischen Reiches rüstet sich Japan für alle Eventualitäten, um bei der Theilung der Beute nicht zu kurz zu kommen. Japan macht augenblicklich die größten Anstrengungen, die gefechtsmäßige Ausrüstung seiner Torpedobootsflottille auf einheimischem Werften zu beschleunigen. ES soll demnächst ein zweiter Flottenverband, der Japans Ge­schwader in ostafialischen Gewässern auf eine allen dort vertretenen Mächten überlegene Stärke bringt, zu- sammentretcn. Bezeichnend ist ferner, daß Japans akkredttirter Botschafter in Paris, Excellenz Kurino, ganz kürzlich größere Bestellungen von Torpedobooten zum ersten Male in Frankreich plazirt hat. Auch hat derselbe den Auftrag erhalten, einen Kreuzer mit Stahl­panzerung von 9400 Tons, einer 17 000 PS. starken Maschinenanlage und einer Mindestgeschwindigkeit von zwanzig Knoten per Stunde auf Japans Rechnung konstruiren zu lassen. Jedenfalls geht aus der Meldung die Thatsache hervor, daß Japan gegenwärtig mit seiner Rüstung zur See noch nicht fertig ist. ES ist daS für die Erledigung unseres Streitfalles mit China entschieden ein günstiges Moment. Denn so scheel auch Japan auf die deutsche Besetzung der Kiantschaubucht auf der Halbinsel Schantung blickt, so wagt es doch angesichts der Unfertigfeit seiner Flotte nicht, allein uns einen ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 21. Dezember.

Strafkammer-Sitzung vom 16, Dezember. Ein Kilianstädter Landwirth B. wollte durch die Vermitte­lung eines Berliner Agenten einen sogen.Sachsen­gänger" in seine Dienste bekommen. Er zahlte die ver­langten 30 M. Vorschuß und hatte die Freude, bald darauf den Gewünschten er hieß B. und war ein Pole in seinem Vaterdorfe ankommen zu sehen. Daß der Pole nach Westfalen verdungen sein wollte, verschwieg der Agent wohlweislich, sondern strich den Rest der ausgedungenen Summe mit M. 5 ein und verließ sich im Uebrigen auf den Zufall, der es möglicherweise zu Wege brächte, daß der Pole nicht merkte, daß er in Hessen-Nassau anstatt in Westfalen sei. Dem war jedoch nicht so. Die Wahrheit kam nur zu schnell an'S Tages­licht und nun schimpfte und fluchte der betrogene Arbeiter wüthend darauf los und verlangte von dem Landwirth seine Papiere, da er fort wolle. Als ihm diese verweigert wurden, geberdete er sich derart, daß sein Dienstherr ihn wegen Hausfriedensbruches zur Anzeige brächte, so kam diese Angelegenheit gestern zur Verhandlung; B., der eigens aus Bützow, wo er nunmehr 5 Jahre Zuchthaus verbüßt, hierher transportirt wurde, erhält eine Zusatz­strafe von 8 Tagen und der Landwirth ist seine 35 M. quitt.

Cafsel. Vom Vorstände des Detaillisten-VerbandS geht uns folgendes zur Veröffentlichung zu: Im Casseler Tageblatt und Anzeiger" befindet sich seit einigen Wochen eine Anzeige einer Firma Alfred Fischer, Wien, Adlergasse 12, welche Firma in marktschreierischer Weise fünfzehn Gegenstände für 6,50 Mark zollfrei anbietet. Die Angaben der Anzeige beruhen auf Un­wahrheit, denn es werden nicht 6,50 Mark nachgenom­men, sondern 7,69 Mark und außerdem muß die Send-

Port Arthur liegt auf der gebirgigen Halbinsel Liautung, ung hier verzollt werden. Um den Werth der Gegen­gerade gegenüber der Halbinsel Schantung, deren Bucht s stände zu bezeichnen, so haben dieselben gar keinen Werth,