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SchWernttMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, den 30. Oktober 1897.

48. Jahrgang

SMt»lhtMiHt auf bte »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen - ---------------------Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Mittwoch Nachmittag fand vor dem Kaiser und dem Großfürsten Michael von Rußland ein Vor- exerziren des Lehrinfanteriebatnillons statt. Um 9 Uhr- Abends geleitete der Kaiser den Großfürsten Michael zur Wildparkstation, von wo aus Letzterer nach Wies­baden zurückkehrte. Dienstag Morgen um 8 Uhr be- gab sich der Kaiser nach Jüterbog, um einem Schießen der Feldartillerie-Schießschule beizuwohnen.

Ein bemerkenswerthes Material zur Beurtheilung der sozialen Berhältnisse enthält die statistische Aufnahme über die ergänzungssteuerpflichtige Bevölkerung und ihr Vermögen in Preußen. Das gesammte Vermögen ist demnach auf 64 Milliarden festgestellt, und zwar um­faßt die ergänzungssteuerpflichtige Bevölkerung im Ganzen 4,379,902 Personen, die unselbstständigen An­gehörigen mit eingerechnet. Das sind auf 100 Kopf der Bevölkerung rund 14 Personen. Auf dem Lande gehörten unter 1000 Person 143, in den Städten 130 zum ergänzungssteuerpflichtigen Theil der Bevölkerung. Die Reichshauptstadt weist ein steuerbares Vermögen von 7,82 Milliarden nach; das sind 4767 Mark auf den Kopf. Im Landgebiet von Stralsund sind es nur 1698. DieNat.-Lib. Korr." bemerkt dazu: Diese Durchschnittszahlen sind sehr werthvoll gegenüber dem Hauptzugmittel derjenigen sozialdemokratischen Agitation, welche auf die Massen mit dem Gegensatz von Reich und Arm und dem verheißenden Zukunftsbilde nicht nur einerVergesellschaftung der Produktionsmittel", sondern auch einergerechten Theilung" des Bk-itzess wirken möchte. Diese Zahlen bekunden erstens, daß der Besitz eine verhältnißmäßig sehr gesunde Vertheilung hat, und auf der anderen Seite, daß ein Arbeiter, der gesund ist und sich zu bethätigen sucht, dank der Ver­sicherung gegen Krankheit und Invalidität und bei der Aussicht auf eine Arbeiterversorgung durch seine Er- werbsfähigkcit über ein weit größeres Kapital bereits verfügt, als ihm eineTheilung" zu verschaffen ver­möchte.

München. Obwohl König Otto von Bayern seit H Jahren hoffnungslos krank ist, kann sich der Prinz­regent Luitpold doch nicht zu einer Verfassungsänderung entschließen. Da der geisteskranke König körperlich sich Wohl befindet und auch noch zwei Jahre jünger ist, als Prinz Ludwig, der älteste Sohn des Regenten, so wäre der Fall nicht ausgeschlossen, daß das monarchische Bayern zwar einen König hätte, aber ein zweiter Regent die Regierungsgeschäfte versehen würde. König Otto ist jetzt neunundvierzig, Prinzregent Luitpold 16 Jahre alt.

Aus der Pfalz, 24. Oktober. Im westricher Marktflecken Odernheim starb gestern nach längerem Leiden der weit über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannte Wunderdoktor Nagel im 77. Lebensjahre. Seine Force bestand im Einrichten von Knochenbrüchen und Verrenkungen und alljährlich heilte er 34000 Personen. Diegeschickte Hand" hatte er von seinen Vorfahrenererbt", die das gleiche Metier seit undenk­lichen Zeiten betrieben. Von Bingen bis Saarbrücken, vom Rhein bis zur Mofil wurde er von Patienten consultirt und von Hoch und Niedrig gleich einem Heiligen verehrt. Sein Sohn und Gehilfe wird die ausgedehnte Praxis weiter betreiben. Der alteDoktor" Nagel hinterläßt ein auf eine Million Mark geschätztes Vermögen.

Rudolstadt, 25. Oktober. Dem hiesigen Stadtrath ist ein Entwurf zugegcngen, der außer einer Lustbarkeits­steuer auf Konzerte, Gesangs- und theatralische Auf­führungen auch eine Luxussteuer auf Fahrräder Vorsicht. Die Ansichten über letztere Steuer waren sehr getheilt;

weitere Verhandlung darüber wurde vertagt. Bürgermeister Frenzel theilte noch mit, daß ursprünglich auch die Besteuerung der Katzen und Singvögel vorge- sthen gewesen sei. Warum nicht auch eine Steuer auf die Kleider der Bürger oder gar auf die Luft?

_ Aus Schlesien. Die Direktion der Frankensteiner Zuckerfabrik in Schlesien hat sich an den Kommandeur

Ausland.

Rußland. Der drohende Nothstand im europäischen Rußland, zu dessen Bekämpfung Regierung und private Kreise Vorsorge treffen, findet ein Seitenstück in dem bereits herrschenden Elend in Sibirien. Die Zeitungs- meldungen darüber waren bisher spärlich, bis auf ein­mal der russische Regierungsanzeiger einen Aufruf zur Bildung eines Fonds zur Hilfeleistung an die sibirischen Ansiedler veröffentlicht. Der Zar hat seine Genehmigung ertheilt.

Baku, 18. Oktober. Gestern Abend gerieft eine Naphchaquelle im Vororte Romany in Brand. Das Feuer verbreitete sich in rapider Weise über die benach­barten Naphthaquellen, so daß das ganze Thal von Romany ein Flammenmeer bildete. Im Ganzen brennen vier Naphthaquellen. 23 Bohrlöcher, mehrere Geschäfts­und Wohnhäuser sind bereits vernichtet. Das Feuer wurde bisher nicht bewältigt. Der Schaden ist unge­heuer. Verunglückung von Personen wurde bisher nicht gemeldet. Derartige Brände werden in Baku recht schmerzlich empfunden. Daselbst begann u. A. am 28. Februar eine dem Industriellen Tagicff gehörige Fon­täne zu springen und alsbald, aus unaufgeklärter Ur­sache, in Brand zu gerathen, durch den nicht nur das Oel des Quellenstrahls selbst, sondern auch in den um­liegenden Behältern etwa 5 Mill. Kilogramm Petroleum, 100 Mill. Kilogramm Rückstände (Masut) und 4 Bohr­thürme nebst Maschinen vernichtet wurden, und es nur den angestrengtesten Löschungsarbeiten gelang, die neben dem Brandplatze gelegene Raffinerie zu retten. Eben­daselbst war im Januar auf Rothschild'schem Gebiete eine Springquelle erbohrt worden, deren tägliche Pro­duktionsmenge man auf 1,300,000 Kilogramm schätzte; im Februar stellte dieselbe ihr Spiel, vermuthlich infolge von Verstopfung, zwar wieder ein, begann dasselbe je­doch von Neuem in der Nacht vom 5. zum 6. April. Daraufhin versuchte man, dem Fontänenstrahle wenigstens etwas Windschutz zu geben durch Anbringung einer starken gußeisernen Platte; bei dieser Arbeit gerieth aber auch dieser Springquell, und ebenfalls aus unbekanntem Grunde, in Brand, und werden also täglich, da die Produktionsmenge dieselbe wie im Januar zu sein scheint und 1 Pud (oder 16,38 Kilogramm) Oel zu 7 Kopeken (22,4 Pf.) gerechnet wird, für 179,000 M. Petroleum vernichtet. Bisher hat noch nichts davon verlautet, daß es gelungen wäre, den Brand zu löschen; falls dies nicht etwa der Sand im Bohrloche freiwillig besorgt, will man es mittelst eines Stollens zu er­zwingen versuchen, durch den man an die Bohrloch­röhren 35 Fuß unterhalb deren Tagesmündung ge­langen soll, um dieselben dort abzuhauen oder anzu- bohren und das Erdöl durch den Stollen wohlverwahrt ins Freie zu leiten.

Kanea, 26. Okt. Die italienische Polizei hielt den DampferKurdjiader" an, der auf der Linie Piräus- Kanea verkehrt, und confiszirte, wie die Neue Freie Presse meldet, an Bord desselben 10,000 Stück Gras- gewehre, die im Piräus ungeladen worden, für die kretensischen Insurgenten bestimmt. Das Grasgewehr ist die Ordonnanzwaffe der griechischen Armee. In Konstantinopel, wo soeben türkische und griechische Be­vollmächtigte Friedensbedingungen berathen, wird eS als zweifellos betrachtet, daß die Waffensendung für die kretensischen Insurgenten mit Wissen und Einwilligung der griechischen Regierung erfolgte. In türkischen Re- gicrungskreisen herrscht, wie es heißt, große Entrüstung über diesen Friedensbruch.

Manila. Ein Cyklon, welcher die zu den Philippinen gehörige Insel Leyte verwüstete, hat, wie jetzt aus Manila gemeldet wird, am 12. ds. Mts. ge­wüthet. Die auf der Ostseite der Insel Leyte gelegenen Ortschaften Carigara und Buruga sind vollständig zerstört, dagegen hat die Stadt Leyte dank ihrer.

des 38. Regiments in Glatz gewandt, um Soldaten als Arbeiter zu erhalten. Begründet wurde das Gesuch mit dem Hinweis, daß es der Direktion in Folge des Mangels an Arbeitern unmöglich sei, die zum Betrieb der Fabrik erforderlichen Arbeitskräfte aufzutreiben. Das Gesuch hat Erfolg gehabt. Am Sonntag sind 40 Soldaten zur Arbeit in der Fabrik in Franken­stein eingetroffen und in einem Gasthaus einlogiert worden.

günstigen Lage verhältnißmäßig wenig gelitten. Eine riesenhafte Wasserwoge stürzte über das Land und ließ viele Dörfer verschwinden. In der Stadt Tacloban sind mehrere tausend Eingeborene umgekommen. D-> Cyklon berührte auch die benachbarte Insel Samar , man weiß noch nicht, welchen Schaden er dort an« richtete.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 29. Okt.

* Im neuesten RegierungsAmtsblatt Nr. 43 wird auf 16 Druckseiten die Ausführungs-Anweisung betr. die neue Städte- und Landgemeinde-Ordnung für Provinz Hessen veröffentlicht.

* Nach einer neuerdings ergangenen Entscheidung des Finanzministers sind sowohl die von den Seminaristen bei dem Eintritt in ein Schullehrerseminar auszuftellen- den Verpflichtungsscheine, als auch die Bürgschaftser­klärungen, welche in Verbindung damit Seitens der Väter von Seminaristen abzugeben sind, stempelfrei.

* Die preußischen Eisenbahndirektionen bestimmen über Verwendung von Personen zur Verwaltung von Bahnagenturen, daß zu solchen Geschäften in erster Linie möglichst Privatpersonen und insbesondere Hand­werker heranzuzichen seien, die ihr Handwerk als Reben- geschäft betreiben können. Nach den bisherigen Er­fahrungen eignen sich zu Bahnagenten (namentlich beim Vorhandensein größerer Dörfer in der Nähe der zu besetzenden Haltestellen) auch solche Personen (Hanv^ werker), die einen Handel als Nebenerwerb betreiben wollen. Auf dergleichen Leute soll besonders dann Rücksicht genommen werden, wenn ihnen ein Theil der Güterböden und Lagerplätze für die Lagerung der zu vertreibenden Güter (Kohlen, Kunstdünger, Baumaterial rc.) von der Verwaltung zur Benützung überlassen werden kann. Außerdem sollen als Baynagenten auch vereidete Stations- und Streckenarbeiter oder falls Gründe des Betriebes und andere Umstände gegen Einstellung solcher Kräfte im einzelnen Falle sprechen, im Abfertigungs- dienst ausgebildete und für den Weichenstellerdienst geprüfte Arbeiter (Hilfsweichensteller) in Betracht kommen.

* Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 25. Oktober. Vom Schöffengericht in Salmünster zu 2 Wochen Haft wegen Belerstgung des Ortspolizisten verurtheilt, legte der Metzgergegülse Leopold H. aus Ulmbach hiergegen Berufung ein, die gestern zur Ver- Handlung stand. Auf Grund des Thatbestandes, nach welchem H. den Gemeindebeamten durch die Ausdrücke: er sei ein geschmuggelter Ortsdiener, der nur aus Arbeitsscheu das geworden wäre, was er jetzt sei; er trüge einen abgelegten Postrock und was dergleichen Schmeicheleien mehr waren, beleidigt hatte, wird seitens des Gerichtes das erstinstanzliche Urtheil bestätigt. Einen concreten Fall bildet die ebenfalls in Ulmbach Ende April dieses Jahres von dem Auszügler Sylvester B. gegen den Ortsdiener N. stattgehabte Beleidigung, welche in einer unflähligen Redensart bestehend, dem Beklagten 14 Tage Gefängniß eintrug. Der AuS- zügler Urban K. aus Flieden war am 3. Mai d. J. mit mehreren Einwohnern besagten Ortes in der Wirth­schaft zumGrünen Baum" anwesend. Das einge­leitete Gespräch über die Schäfereiberechtigung rc. führte zu hitzigen Erörterungen die als Nachspiel eine regelrechte Balgerei zwischen K. und dem Bauer B. auf der Straße zur Folge hatten. Nach Beendigung derselben machte sich K. mit den Worten:Jetzt hab' ich meine Hiebe" davon, kehrte jedoch bald daraus mit einem Prügel be­waffnet zu der Gesellschaft zurück und versetzte seinem Gegner B. zwei Schläge über den Kopf, die denselben zu Boden warfen und zwei klaffende Wunden eintrugen. Durch schöffengerichtliches Urtheil zu 6 Wochen Ge- ängniß verurtheilt, fand dasselbe gestern vor der Straf­kammer als Berufungsinstanz seine Bestätigung.

Vertilgt die Herbstzeitlose! Kaum ist das Grummet von den Wiesen abgeführt, so kommt die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale, hervor. Wer ennt sie nicht, die nackte, rosafarbige Blume? WaS wir als Stiel ansehen, ist nur die röhrenartig verlängerte Blumenkrone. Ja nicht einmal Blätter hat die Pflanze während der Blüthezeit. Gegenwärtig blüht sie und be- fruchtet sich. Im Frühjahr kommen dann auS der tief in der Erde sitzenden, zwiebelähnlichen Wurzel zwei