Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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JE 78, Mittwoch, den 29. September 1897. 48. Jahrgang.
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin, 26. September. Der Kaiser, welcher sich in Rominten des besten Wohlseins erfreut, hörte Sonnabend Nachmittag den Vortrag des Chefs des Marine- kabinets. Sonntag besuchte er den Gottesdienst.
Die Kaiserin hat dem Landkreise Görlitz, sowie den Kreisen Rothenburg und Löwenberg je 20 000 Mark für die durch die Ueberschwemmung Geschädigten zuweisen lassen.
— Die Kaiser Wilhelm-Erinnerungsmedaille ist vom Kaiser allen rechtmäßigen Inhabern der preußischen Kriegsdenkmünze für 1864, des preußischen Erinnerungs- kreuzes für 1866 oder der Kriegsdenkmünze von 1871,71 ohne Rücksicht auf ihr Kombattanten- oder Nichtkom- battantenverhältniß verliehen worden. Im „Reichsanz." fördern der Kriegsminister und der Minister des Innern behufs Ausführung dieser Ordre auf, alle in keinem aktiven militärischen Verhältniß mehr stehenden Veteranen, welche die preußische Staatsangehörigkeit besitzen und Anspruch auf die Medaille zu haben glauben, auf, sich unter Vorlegung der zum Nachweis ihres Anrechts erforderlichen Beweisstücke zu melden. Da die Unfertig ung der erforderlichen Medaillen einen längeren Zeit räum in Anspruch nimmt, wird die Aushändigung je nach Fertigstellung bewirkt werden. Vor Empfang des Besitzzeugnisses, welches gleichzeitig mit der Medaille verabfolgt werden wird, ist Niemand befugt, die — etwa anderweit beschaffte — Medaille anzulegen.
— Die Sonntagsschalterstunde von 5—6 Uhr Nm. im Postdienst, soll wie die „D. Tgsztg." Ver
mittelgesetz angeklagt und vom Schöffengericht zu 150 Mark Geldbuße verurtheilt.
Bonn. Eine Steuer auf Luft haben die Stadtverordneten von Bonn gesetzt. In den neuen Vorschriften über die Anlage von Erkern und Balkönen in den Straßen wird bestimmt: „Für die Benutzung der Luftsäule über der städtischen Straße sind vor Ertheilung der Bauerlaubniß folgende Vergütungen für das Quadratmeter der Ausladung zu bezahlen: Für einfachen Balkon 50 Mk., für jeden Balkon darüber 25 Mk., für einen nur an einem Stockwerk angebrachten Erker 100 Mk., für jedes weitere Stockwerk eines Erkers 50 Mark, für einen Balkon auf oder über einem Erker 25 Mark. Ausnahmen von den vorstehenden Bestimmungen zu genehmigen, bleibt der S'adtverordnetenversammlung vorbehalten.' Die behördliche Genehmigung dieser seltsamen Steuer wird abzuwarten sein.
Koburg, 19. September. Die Verhandlung über den nachstehend erzählten Vorgang nimmt gerade jetzt, wo fast kein Tag ohne einen Eisenbahnunfall vergeht, besonderes Interesse in Anspruch. Ein Hilssbahnwärter, der '14 Tage lang von Abends 6 Uhr bis halb 1 Uhr Nachts Dienst gehabt, dabei täglich Vormittags von halb 10 Uhr bis 6-Uhr mit Auswechselung der Schwellen auf der Strecke beschäftigt war, war vor Uebermüdung
demselben sollen 10,000 Gemeindeländereien verkauft werden, wenn die Gemeinden nicht 20 Prozent der Verkaufssumme zahlen können.
Madrid, 24. September. Der Justizminister hat eine Statistik über die Truppensendungen nach Cuba veröffentlicht. Seit dem Monat März 1895 bis zum Mai 1897 sind 181,738 Soldaten, 6261 Offiziere und 40 Generäle in 13 Expeditionen nach Cuba abgegangen. In demselben Zeitraum sind 212,562 Gewehre, 320,405 Kilogramm Pulver, 92,088,690 Patronen, 16,712 Säbel, 91 Kanonen, 12 Mitrailleusen und 29,500 Granaten nach Cuba gesandt worden. - - Nach den Philippinen sind 27,768 Soldaten, 881 Offiziere, 9 Generäle, 43,100 Gewehre, 24 Kanonen, 29,210 Kilogramm Pulver, 21,725,585 Patronen und
30,604 Granaten abgesandt worden.
Der furchtbare Wirbelsturm, welcher am Abend
deS
nimmt, durch eine Dienststunde von 12—1 Uhr ersetzt werden. Die Vormittags - Schalterstunde vor dem Gottesdienst bleibt bestehen.
— Eine Viehzählung findet am 1. Dezember d. J. in allen Staaten des Deutschen Reiches statt. Dieselbe erstreckt sich auf Pferde, Rindvieh, Schafe und Schweine. Die Aufnahme der Viehbestände erfolgt an diesem Tage unter Benutzung von Zählungslisten, welche durch die Gemeinde-Vorstände an die Viehhalter ausge- geben werden.
— Als Urheber mehrerer Brände, die in letzter Zeit wieder in dem Berliner Stadttheil Moabit vorgekommen sind, ist ein kOjähriger Knabe verhaftet worden, welcher von einem Schutzmann auf dem Boden eines Hauses ergriffen wurde, als er eine Kiste Streichhölzer anstecken wollte. Später sagte er auf der Polizeiwache aus, er habe das Haus in der Waldstraße angesteckt; auch das große Feuer in der Beußelstraße sei von ihm angelegt. Außerdem wurde eine Frau verhaftet, welche unter dem Verdachte steht, den am Montag in der Stromstraße ausgebrochenen Brand angelegt zu haben.
Spandau. Einem modernen Dr. Eisenbart ist in Spandau das Handwerk gelegt worden. Er ließ in den Zeitungen bekannt machen, daß der Naturarzt Schäfer August Bärtel in dem Gasthof zur „Deutschen Eiche" Sprechstunden halte. Alsbald hatte er großen Zuspruch von Kranken; seine Behandlung der Patienten bestand darin, daß er ihnen den Puls befühlte, sie dreimal umkreiste und sie dabei wiederholt anhauchte. Dafür ließ er sich eine Mark geben; auf Wunsch verabreichte er auch Medizin, die mehrere Mark kostete. Eines Tages sprach auch dir Polizei bei ihm vor und erkannte in ihm einen alten trinkfesten Herbergsbruder. Die Polizei hat ihn vorläufig kalt gestellt.
Der Inhaber einer größeren Viktualienhandlung in Düsseldorf, Julius Schneider, hatte Kochbutter zu 80 Pf. versüßtes Apfelgelö zu 25 Pfg. pro Pfund angezeigt. Ein Käufer, der von diesen Waaren verlangte, erhielt als Kochbutter Margarine, als versüßtes ApfelgelN f"g. geäpfelteu Stärkesyrup (ein Gemisch von 60—70 Prozent Stärkesyrup und etwas Apfelsaft). Schneider Würbe deshalb wegen Vergehens gegen das Nahrungs
eingeschlafen und hatte beim Herannahen des Zuges die Barriere nicht geschloffen, so daß ein gerade auf dem Geleise befindliches Geschirr von der Lokomotive erfaßt, die Pferde getödtet und der Kutscher vom Bock ge. schlendert wurde. Wegen Gefährdung eines Eisenbahntransports angeklagt, stand derselbe gestern vor der hiesigen Strafkammer. Der vernommene ärztliche Sachverständige Dr. Fries sagte aus, daß der Angeklagte infolge des vierzehntägigen Nachtdienstes, in Verbindung mit anstrengender Tagesarbeit, der damals herrschenden außergewöhnlichen Hitze und des hierdurch veranlaßten überreichlichen Wassergenusses zur Zeit der That in einem Zustand der Bewußtlosigkeit (Ohnmacht) sich befunden, die den Angeklagten an der Verrichtung seiner Pflichten verhindert. Auf dieses Gutachten hin beantragte der Staatsanwalt Freisprechung, auf die das Gericht unter Uebernahme der Kosten auf die Staatskasse auch erkannte.
21. d. M. im Arrondissement Brindisi herrschte, hat ganze Landstriche verwüstet. In der Nähe von Sava wurden 20 Häuser zerstört, 10 Personen getödtet und 50 verwundet. In Oria wurde der Bahnhof zerstört; der Bahnhofsvorsteher konnte noch nicht aufgefunden werden, seine Familie und das ganze Bahnhofspersonal sind ums Leben gekommen. Das Seminar, das Mittel- alterliche Schloß und das Hospital wurden beschädigt, einige 30 Wohngebäude arg mitgenommen. 20 Personen wurden getödtet, 24 verwundet, die Ländereien verwüstet. In Latiano wurden 15 Todte, 5 Schwer- verwundete und mehrere Leichtverwundete gezählt.
In Castell Termini (Provinz Girgenti) wurden 60 Arbeiter durch den Einsturz einer Mine verschüttet. Die letzten Nachrichten über das Unglück melden, daß aus )en weniger tief gelegenen Stellen drei Todte und drei Verwundete an das Licht gebracht wurden. Ungefähr 35 andere Arbeiter, die an tiefer gelegenen Stellen ge» arbeitet haben, sind von einer etwa 30 Meter hohen Schutlschicht bedeckt. Die Rettung dieser Arbeiter wird als aussichtslos betrachtet.
Nach Telegrammen aus Bombay zeigen die letzten 3eri^te über das Vorkommen der Pest in Surat, Shara, Poona, Satara, Nasik, Kolaba, Ratnagiri, Baroda,
Ausland.
Paris, 22. Sept. Ein vertrauliches Rundschreiben des Kriegsministers Billot an die Korpsbefehlshaber schärft diesen ein, zu Urlauben nach Deutschland nur solche Offiziere zu empfehlen, deren Feingefühl und Vorsicht ihnen bekannt sind; sie müssen ffich ausdrücklich verpflichten, keine militärischen Beobachtungen anzu- stellen, ihre Eigenschaft nirgendwo zu verheimlichen, in festen Plätzen, Kriegshäfen und Grenzstädten nicht länger als vier Tage zu verweilen, und es wird ihnen empfohlen, sich bei der deutschen Botschaft in Paris einen Paß zu verschaffen, wenn sie behufs Erlernung der deutschen Sprache einen längeren Aufenthalt in Deutschland planen. — General Bourbaki ist am 22. September in Bayonne gestorben. Mit ihm ist wieder einer der bekanntesten, wenn auch nicht glücklichsten Heerführer des großen Krieges von 1870/71 aus dem Leben geschieden. Schon viele Jahre hat General Bourbaki zurückgezogen in Bayonne gelebt, nur noch mit den Schwächen und Krankheiten des Alters kämpsend.
Spanien. Da die Geldnoth der spanischen Regierung aufs Höchste gestiegen ist, so greift die Regierung zu geradezu verzweifelten Mitteln. Kürzlich wurde nach vorausgegangener öffentlicher Ausbietung das Petroleummonopol gegen eine Jahrespacht von 18 */2 Mill. Peseten an zwei Unternehmer vergeben. In diesen Tagen kommen sämmtliche fiskalischen Salzbergwerke zum Verlauf, und schon ist ein neuer schleuniger Verkaufsplan des Finanzministers veröffentlicht. Nach
Kolhabur, im Süden des Marathagebietes und in Palanpur, daß sich die Epidemie über ein weites Gebietes schleichend ausdehnt, daß sie, allmälig und unbemerkt von einem Gehöft aufs andere übergehend, auch die zerstreut liegenden Dörfer ergriffen hat. — Ein Artikel der „Bombay Gazette" spricht die Befürchtung aus, daß die indische Regierung mit ihrer Entsendung von Militärärzten an die Grenze den SamtätSdienst den Aufgaben an der Grenze unterordne, was Folgen nach sich ziehen könnte, die unendlich verhängnißvoller wären als irgend ein Ereigniß an der Grenze.
New-Aork. Der Umfang, den das Radfahrwesen in Amerika angenommen hat, ist ganz ungeheuer. Der modernste Sport steht dort so in Blüte, daß viele Geschäfte einen bedeutenden Schaden dadurch erleiden, und alle Industrien, die zu anderen „Sports" Beziehungen haben, machen eine schwere geschäftliche Krisis durch. Fast brach liegt der Handel mit Spielkarten, Klavieren und den Utensilien für das Tennisspiel; ja man sagt sogar, daß die Frauen ein Humber- oder Cleveland- Fahrrad den prächtigsten Juwelen vorziehen. Am meisten wird natürlich der Pferdehandel geschädigt, und die Pferdehändler und Pferdezüchter, die schon durch das Fahrrad so sehr gefährdet werden, erklären, daß die Erfindung der Wagen ohne Pferde ihren Ruin beschleunige, und geben das Geschäft lieber ganz auf. Die „Revue scientifique" berichtet, daß man in den amerikanischen Weststaaten schon überall große Perde- heerden umherstreifen sieht, ohne daß die Besitzer derselben sich darum kümmerten. Zahlreiche Pferdehändler haben jüngst ihren ganzen Pferdebestand nach Tacoma transportiert- um ihn loszuschlagen, und die erzielten Preise waren so niedrig, daß dadurch kaum die Transportkosten gedeckt wurden; für 3 bis 15 Dollar konnte
man das schönste Pferd haben. Man berechnet, daß im Gebiet von Washington an 10 000 Pferde sind, deren Besitzer von den einst unentbehrlichen Thieren nichts mehr wissen wollen, da die Pferde das Gras auf den Triften abfressen, so daß für das Rindvieh und >k Hammelheerden nichts übrig bleibt. Die Pferdebe- itzer hoffen, daß der Winter den ganzen Pferdebestand vernichten wird, wie es in Oregon der Fall ist, wo die Zahl der ausgesetzten Pferde Legion war. Man sieht