Schlüchterner^eitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 22. September 1897.
48. Jahrgang.
Lb° Sitte, vergessen Sie nicht, -WE
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Keich.
Berlin. Der Kaiser wird am 22. September auf der Rückreise von den ungarischen Manövern im Laufe des Vormittags in Breslau eintreffen, wo er sich nach Rominten zu einem etwa 14 tägigen Aufenthalte begibt.
— Prinz Leopold von Bayern, der in seiner Eigenschaft als Führer der bayerischen Truppen bei den jüngsten Manövern keine Auszeichnung erhielt, soll, wie aus München berichtet wird, demnächst durch den Kaiser zum preußischen Generalfeldmarschall befördert werden.
— Der „Lokalauzeiger" erfährt über die Ermordung des stellvertretenden Landeshauptmanns von Hagen in Neuguinea, der Mörder gehörte derselben Baude an, welche den Weltreisenden Ehlers umgebracht hat. Diese Verbrecher waren in Stefansort inhaftirt, befreiten sich, entrissen den Wächtern die Gewehre und flohen in den Wald. Bei der Verfolgung fiel v. Hagen.
— Bei den Kaisermanövern haben auch die Militärradfahrer ausgezeichnete Dienste geleistet. Der Kaiser fuhr jeden Morgen mit einem Viererschimmelzug, einem Geschenk des russischen Kaisers, von Homburg nach Großkarben. Aus dem etwa 15 Kilometer langen Wege war der Kaiser stets von zwei Radfahrern der Eisen, bahnabtheilung begleitet, da kein Pferd das riesige Tempo der vier Vollblutschimmel aushalten konnte. Die zwei Fahrer mußten stets, ob bergab oder bergauf, zwanzig Schritte hinter dem Wagen herfahren, damit stets einer sofort zur Hand war, wenn ein Befehl rasch zu über- bringen war. Vor der großen Attacke bei Petterweil ließ der Kaiser erst von fünf Radfahrern eine genaue Rckognoszirung vornehmen, um die feindlichen Stellungen zu erkunden. Besonders aber verwendete er den Feldwebel Gollhofer von der Eisenbahnabtheilung zu allen wichtigen Aufträgen, die oftmals direkt in oder hinter die Stellungen des Feindes führten und immer zur Befriedigung des Monarchen ausfielen. Dieser Feldwebel legte aber auch an manchen Tagen mehr als 150 Kilometer zurück und leistete so Vorzügliches, daß der Kaiser ihm nach Schluß der Manöver auf dem Felde durch Herrn v. Luccanus die Verdienstmedaille überreichen ließ. Die Eisenbahnabthellung hat als Spezial- deckung der Artillerie aus den Kaicher Höhen gute Dienste geleistet, da, wie der „Schw. M." schreibt, die Radfahrer der Artillerie bei Positionsveränderungen bedeutend schneller folgen können als die Infanterie. — Die Kaisermanöver haben gezeigt, daß die Radfahrer selbst bei den denkbar schlechtesten Wegen überall vorwärts kommen können. Bei gutem Wetter können sie auch getrost jedes Gelände, wie Stoppelfelder, Wiesen rc. befahren; nur bei anhaltendem Regen, wie diesmal, können sie in grundlosen aufgeweichten Aeckern mit der Kavallerie nicht standhalten; da müssen sie sich aus die Straßen beschränken. Jedenfalls haben die 800 bis 1000 Radfahrer, die diesmal zur Verwendung kamen, gezeigt, was sie leisten können, und man wird jedenfalls in maßgebenden Kreisen der Sache näher treten, nachdem man diese neueste Spezialwaffe zukünftiger Kriege mehr als seither kennen und würdigen gelernt hat.
München. Ein hochwichtiges Ereigniß steht der Bierstadt München in den nächsten Tagen bevor. Zu Beginn des Okloberfestcs, welches bereits am nächsten Sonntag seinen Anfang nimmt, werden die sämmtlichen Räumlichkeiten des gänzlich umgebauten Königl. Hofbräuhauses ihrer Bestimmung übergeben, nachdem bereits am 11. d. M. die Schänke uud Küche zum ersten Male bezogen wurden. Die neue prächtige Küche im Hofbräuhause ist jetzt die größte in München, von wirklich mustergiltiger Einrichtung und Ausstattung. Der Speisezettel besteht Mittags aus über 30 verschiedenen Fleischspeisen, einbegriffen Fische, 15 Eier- und Mehlspeisen, 12 Gemüsen und Salat. Die Abend - Speisekarte zählt 65, oft 70 Fleischspeisen, 15 Eier- und Mehlspeisen, 15-16 Gemüse und Salat, kalte Speisen
15—20. Ein Liter Bier kostet im Sommer 26, im Winter 24 Pfg. Gegenwärtig wird die Güte des Bieres sehr gelobt.
Stuttgart, 16. September. Ein zwölfjähriges Mädchen hat bei einem gestern in Sulz a. N. ausge- brochenen Brande den Heldentod gefunden. Als das Haus und die Oekonomiegebäude des Landwirths Heinzel- mann in vollen Flammen standen, eilte die Tochter des Hausbesitzers, weil sie ihre jüngeren Geschwister vermißte, in die Flammen zurück, um dieselben zu retten. Das heldenmüthige Mädchen kam nicht mehr zurück, und sein Geschick ist um so trauriger, als sich nachher herausstellte, daß die Kinder schon geborgen und anderweitig untergebracht waren.
Eine Bestrafung wegen unlauteren Wettbewerbs ist in Dresden erfolgt. In einem Laden war ein Mantel, dessen wirklicher Werth 15 Mark betrug, aber mit 3,50 Mark ausgezeichnet war, im Auslagefenster ausgelcgt worden. Eine Dame wollte ihn kaufen. Wiederholt aber machte man ihr gegenüber Ausflüchte, so daß schließlich die Dame den Verein gegen Unwesen im Handel und Gewerbe in Anspruch nahm. Auf Veranlassung desselben wurde ihr ein Beamter von der Wohlfahrtspolizei mitgegeben und auf dessen Einschreiten hin mußte der Mautel zu 3,50 Mark ausgeliefert werden. Zu seinem Verdruß, aber auch zu seiner gerechten Strafe passirte es dem Verkäufer, daß noch eine andere Dame einen gleich billigen Mantel in Gegenwart des Inspektors verlangte und dieser ebenfalls weit unter dem Werth abgegeben werden mußte.
Jena Die Berechtigung für den Einjährigendienst hat ein Schlossergeselle Namens Ernst Meves auf Grund des sogenannten Künstlerparagraphen der Wehrordnung erlangt. Er hatte während seiner Lehrzeit das Modell einer Lokomotive aus Eisen so kunstvoll gearbeitet, daß es den Beifall und die Bewunderung seines Meisters und seiner Genossen hervorrief. Der Meister veranlaßte den Gesellen, die Arbeit der zuständigen Militärprüfungskommission einzureichen und auf Grund dieser Leistung die Zulassung für den Einjährigendienst zu beantragen. Der Antrag hatte Erfolg. — Der letzte Veteran der Freiheitskriege, Stellmacher Christian Kaufmann zu Rettgenstedt in Thüringen, ist im Alter von 104 Jahren gestorben.
Gießen, 15. Sept. Bei dem bereits gemeldeten Duell sollen beide Gegner lebensgefährlich verletzt sein. Als Grund des Kugelwechsels, der unter schweren Bedingungen bis zur Abfuhr statlfand, wird angegeben: Die Einjährigen Jacoby von Rodheim und Schwitz von Honnef lagen im Manöver zusammen im Nolhquartier. Nachts im Schlaf soll der eine seinen Kameraden mit dem Fuße etwas unsanft getreten haben, was dieser als Beleidigung aufgesaßt hat (!). Das studentische Ehrengericht, dem der Fall vorgelegen, billigte das Duell. Beche junge Leute sollen heute im Offiziers- Examen erscheinen. In der Handhabung des Schießeisens haben sie nun das Examen schon bestanden.
Ansland.
Konstantinopel. Die Verhandlungen wegen des FriedenSabschlusses zwischen der Türkei und Griechenland sollen nun in der That so weil gediehen sein, daß die Unterzeichnung des Friedenspräliminarvertrages unmittelbar bevorstehl. Die Botschafter haben eine gemeinsame Erklärung an die Pforte gerichtet, in welcher sie derselben anzeigen, daß nunmehr vollständigeEinmülhigkeit über alle Punkte der Friedenspräliminarien erzielt worden sei. Die Botschafter forderten zugleich den türkischen Minister des Auswärtigen auf, die Sitzung anzu- beraumen, in welcher der Präliminarvertrag unterzeichnet werden könne. Man hofft, am Sonnabend die Angelegenheit, welche sich bereits seit Ende Mai herzieht, endlich definitiv erledigen zu können.
Auf Kuba nehmen die Dinge für die Spanier eine immer schlimmere Wendung. Die Aufständischen greifen jetzt mit wachsendem Erfolge die von den Spaniern noch gehaltenen festen Plätze an; unter den spanischen Soldaten, die übrigens stark durch das gelbe Fieber leiden, soll völlige Entmuthigung herrschen. Dabei hat der neue amerikanische Gesandte in Madrid, Woodfort, dem dortigen Kabinett eine Note überreicht, welche höflich, aber fest, die schleunige Beendigung des Krieges auf Kuba fordert.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 21. September.
* — Gerichtsschreibergehilfe Assistent Czossck in Hofgeismar wurde zum Gerichtsschreiber am Amtsgericht Schwarzenfels ernannt. — Gerichtsvollzieher Otto zu Schwarzenfels wurde nach Sontra versetzt.
* — Wie man hört, sollen zur Zeit wieder Verhandlungen im Gange sein, den Bahnhof Elm als Kopfftatlon zu beseitigen, um sowohl die Bahnlinie Frankfurt-Bebra durchlaufend anzulegen als auch für den Verkehr nach Bayern eine durchlaufende Linie von Bebra her zu erhalten. Hierbei sind auch wieder Stimmen laut geworden, daß man das schon zu kurhessischen Zeiten vorgelegene Projekt, wonach die Bahnlinie von Salmünster aus auf dem linken Ufer der Kinzig an Steinau und Schlüchtern östlich vorbei mit einem Tunnel durch den Distelrasen direkt auf Flieden zu führen sollte, einer Verlegung der Bahnstrecke jetzt zu Grunde legen müßte, um eine zweckmäßige und vollständige Abhilfe der jetzigen Uebelstände mit dem Bahnhöfe Elm zu er- reichen. Daß eine solche Verlegung für die Städte Schlüchtern und Steinau, sowie für die ganze wirth- schaftliche Entwickelung unseres Kreises von großer BcMtung sein würde, liegt ja auf der Hand und die Eisenbahnverwaltung würde dadurch, daß sie statt der zwei Bahnhöfe Elm und Schlüchtern nur einen zwischen Elm und Schlüchtern zu unterhalten brauchte, bald die Baukosten einsparen, ganz abgesehen davon, daß der Bahnhof Schlüchtern wegen des stetig wachsenden Verkehrs schon jetzt kaum noch genügt und alle Vergrößerungsanlagen desselben wegen der schwierigen Terrain- verhältnisse mit unverhältnißmäßigen Kosten und Schwierigkeiten verbunden sind. Bei der überaus großen Wichtigkeit, welche diese Verlegung der Bahn für unsere Gegend haben würde, soll die Forderung desselben ernstlich in die Hand genommen werden und wird bereits in den nächsten Tagen eine gemeinsame Sitzung der Stadtbehörden von Schlüchtern und Steinau im hiesigen Rathhaus stattfinden, zu der auch der Herr Landtagsabgeordnete Zimmermann und der Vorstand des Handels- und Gewerbevereins ihre Theilnahme zugesagt haben; auch der Kreistag wird sich bei nächster Tagung mit diesem Projekt beschäftigen, dessen Verwirklichung wir unserer Gegend nur dringend wünschen können.
* — Am Sonntag Abend gegen 9 Uhr brach in der Scheuer des Bäckers und Schankwirths Fuß am Unterthor Feuer aus, das in kurzer Zeit so rasch um sich griff, daß die Scheuer, das Stallgebäude und der Dachstuhl des Wohnhauses verbrannten. Die angrenzenden Gebäude der Wittwe Wallher, des Müllers L. Klöber, sowie ein Gebäude des Klosters waren sehr ge- fährtet, doch gelang es der Feuerwehr, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken, sodaß den Nachbarn nur geringer Schaden entstand. Fuß soll leider seine Frucht- und Fourage-Vorräthe, Mobiliar rc. nicht versichert haben, er hat deshalb großen Schaden. Der Brand ist durch einen bettelnden Burschen, Namens Johannes Alt aus Freiensteinau, angelegt worden aus Rache dafür, daß ihm Fuß weder Schnaps noch Nachtquartier in der Scheuer gab, wie er verlangt hatte, sondern ihn aus dem Hause wies. Der Brandstifter wurde noch in der Nacht arretirt und in Haft gebracht. Kaum war hier das Feuer gelöscht, so entstand um 12 Uhr im nahen Hohenzell im Hause des Bauers J. Uffelmann ebenfalls ein Brand, welcher das Wohnhaus und eine Scheuer einäscherte.
* — In Hohenzell erschrak beim Ausbruch des Brandes bet I. Uffelmann eine Frau derartig, daß sie todt zu Boden fiel; ein Herzschlag hatte sie getöbtet.
* -- Sparsamkeit am unrechten Platze. In einem von Metzger Jean Leipold dahier am 17. d. M. geschlachteten Schweine, einjährig, von 284 Pfund Schlachtgewicht, gekauft vom Landwirttz Hölzer aus Gundhelm,