SchWernerMung
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74. Mittwoch, den 15. September 1897. 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin haben Homburg, das Hauptquartier während der Kaisermanöverzeit, wieder verlassen, und die Kaiserin ist nach Potsdam zurückgekehrt, der Kaiser zur Theilnahme an den österreichischen Manövern nach Totis in Ungarn abgereist.
— Der Kaiser hat folgende Kabiuetsordre an den Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau erlassen: Ich will die Provinz Hessen-Nassau, insbesondere Homburg nicht verlassen, ohne Ihnen auszusprechen, daß der Mir und der Kaiserin, Meiner Gemahlin, sowie meinen fürstlichen Gästen gewordene überaus herzliche und patriotische Empfang Mich mit besonderer Freude und Genugthuung erfüllt hat. Ich ersuche Sie deshalb, allen Denen, welche für den reichen und festlichen Schmuck der Stadt sowie durch sonstige Veranstaltungen dazu beigetragen haben, UnS den Aufenthalt hierselbst zu einem so angenehmen und erinnerungSreichen zu gestalten, Unseren wärmsten Dank zu übermitteln. Zu besonderer Befriedigung hat eS Mir gereicht, daß die zu den diesjährigen großen Herbstmanövern zusammengezogenen Truppen trotz der ganz besonders gesteigerten Emquartierungslast in der Provinz überall eine zufriedenstellende Aufnahme gefunden haben. Sie wollen auch dies zur öffentlichen Kenntniß bringen.
Homburg, 10. September. Wilhelm, I. R.
— In den diesjährigen Kaisermanöoern, deren Verlauf besonders in Süddeutschland mit außerordentlichem Interesse verfolgt wurde, weil die eine Partei aus bayerischen, die anderen aus preußischen und hessischen Regimentern bestand, hat sich nicht blos die bayerische Feldtüchtigkeit, sondern auch die bayerische Führung ganz außerordentlich bewährt. Unter sehr schwierigen Verhältnissen, bei sehr starken Anforderungen an die Marschleistungen des Einzelnen, und entsetzlicher Witterung haben die Bayern doch einen so ausgezeichneten Führer, wie der Graf Häseler es ist, gegenüber sich behauptet, zum Theil sogar entschiedene Vortheile errungen. ES ist dies ein Ausgang der Manöver, der in Süddeutschland sehr befriedigen wird und doch nörd- lich vom Main Niemand verletzen kann. Beide Theile haben sich als selten erprobte und kriegstüchtige Truppen erwiesen, hier wie da war die Führung eine geniale, und der irrigen Anschauung, „als ob bei solchen Uebungen der Sieg im Voraus festgestellt würde", dürfte nun wohl der Boden für immer entzogen sein. Es hat sich hier nicht um ein Kriegsspiel, sondern um ernste und strenge Arbeit gehandelt.
— 226 Betriebsunfälle sind auf deutschen Eisenbahnen (ausschließlich Bayerns) im Monat Juli d. I. vorgekommen, wie vom Reichseisenbahnamt festgestellt ist. Hierunter befinden sich 35 Entgleisungen, 18 Zusammenstöße und 173 sonstige Unfälle. Bei den Unfällen wurden im Ganzen 60 Personen getödtet, und zwar 9 Reisende, 39 Bahnbeamte und 12 fremde Personen, sowie 154 verletzt, und zwar 33 Reisende, 95 Beamte und 20 sonstige Personen.
• — Im Ministerium der öffentlichen Arbeiten wird gegenwärtig eine Reform der Rückfahrkarten vorbereitet, wonach dieselben fortan eine zehntägige Gültigkeit haben sollen. Doch wird diese Verbesserung in den meisten Fällen mit einer Vertheuerung des Fahrpreises erkauft werden müssen, denn die Benützung von Schnellzügen soll auf Grund dieser Fahrkarten nur bei Lösung von Zuschlagskarten gestattet sein. Hierdurch soll der Ueber« füllung der Schnellzüge, welche jetzt die Schnelligkeit im Verkehr derselben stark beeinträchtigt, vorgebeugt werden. Die Zuschlagskarten sollen nach der Gebühr von einem halben Pfennig pro Kilometer berechnet werden, was dem Eisenbahnfiskus eine Mehreinnahme von etwa einer Million Mark verschaffen dürfte. Nach diesem Satz würde fortan eine Rückfahrkarte für Personenzüge pro Kilometer in erster Klasse 12 Pig., in zweiter 9 Pfg., in dritter 7 Pfg., in vierter 4 Pfg. kosten. Die Preise für Schnellzüge sollen fortan in erster Klasse 13, in zweiter 10, in dritter 8 Pfg. betragen.
— Die aus dem Schutzgebiete der Neuguinea-Kom- pagnie eingegangene Todesnachricht betrifft nicht den Kapitän Rüdiger, der bereits im Vorjahre aus dem Dienste der Kompagnie getreten und nach Europa zu- rückgekehrt ist, sondern den stellvertretenden Landeshauptmann^ v. Hagen. (Kurt v. Hagen war im Anfänge der 80er Jahre Preminier-Lieutenant bei der 1. reit. Abth. des Hess. Feld-Artillerie-RegtS. Nr. U in Fulda.) Die
über Numca vermuthlich durch ein französisches Kriegsschiff übermittelte Drahtnachricht besagt ohne nähere Angaben, daß v. Hagen am 14. August durch Eingeborene erschossen worden sei. — Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet anschließend an die Nachricht von der Ermordung des stellvertretenden Landeshauptmanns von Neu-Guinea v. Hagen, daß das deutsche Kriegsschiff „Falke" sich bereits an den Thatort begeben hat.
Bremen. Der neue große Doppelschraubendampfer des Norddeutschen Lloyd in Bremen „Kaiser Wilhelm der Große", bekanntlich der größte Dampfer der Welt, wird Anfang Semptember mit seinen Probefahrten beginnen. Das Schiff ist bis auf einige innere Ausstattungsarbeiten jetzt in allen Theilen fertiggestellt, so« daß dasselbe am 14. September bestimmt seine erste Reise über den Ocean antreten wird. Der Bau des riesigen Dampfers von 198 Meter Länge und 20 000 Tonnen Wasserverdrängung hat 22 Monate in Anspruch genommen. Wie der Schiffskörper sind auch die beiden mächtigen Maschinen des Schiffes von zusammen etwa 28000 Pferdekräften auf der Werft der Aktiengesellschaft „Vulkan" erbaut worden. Der Einbau der Maschinen und die Fertigstellung des Schiffes nach dem Stapellauf ist in der außerordentlich kurzen Zeit von 4 Monaten erfolgt. Der Dampfer ist ganz aus Stahl gebaut und stellt gegenwärtig den vollkommensten Typ eines modernen Oceanschnelldampfers ersten Ranges dar. Das Schiff ist in der I. Kajüte für die bevorstehende Reise bereits vollständig ausverkauft, auch für die II. Klasse wird die Annahme von Anmeldungen voraussichtlich in den nächsten Tagen geschlossen werden. Bei voller Besatzung einschließlich der 500 Köpfe zählenden Mannschaft wird der Dampfer „Kaiser Wilhelm der Große" nicht weniger als 2000 Personen über den Ocean befördern.
— Aus dem Ruhrkohlenrevier. Die Gewerkschaft „Dannenbaum" hatte fünfzig Arbeiter aus Jnsterburg in Ostpreußen durch einen Agenten anwerben lassen. Es war ihnen ein täglicher Lohn von 4,50 Mk. versprochen worden. Als die Leute auf der Zeche die Arbeit aufnehmen wollten, wurde ihnen ein täglicher Lohn von nur 2.50 Mk. angeboten. Die Ostpreußen waren hierüber sehr erzürnt und wandten sich an das Landrathsamt des Landkreises Bochum um Zurückbeförderung in ihre Heimath, da die enttäuschten Arbeiter ohne Mittel waren. Der Landrath hat den armen Leuten seine Hilfe zugesichert. Anders machten es einige Böhmen. Diese ließen sich auf einer anderen Zeche 40 Mark Vorschuß geben und machten sich dann per Dampf in ihre Heimath zurück.
Posen. Das Kuratorium der Rohdschen Stiftung zur Unterstützung jüdischer Handwerker in der Provinz Posen beabsichtigt in Ermangelung von Bewerbern die Zinsen des Stiftungskapitals von 200,000 Mark anderen Zwecken zuzusührcn. Dazu bemerkt die „Allg. isr. Wochenschr.": „Die Zuvielerzeugung an Intelligenz unter den Juden ist eine schreckliche geworden; es gibt jetzt fast so viel studirte Juden als jüdische Börsianer. Dem Handwerk und Ackerbau widmen sich noch gegenwärtig die wenigsten Söhne mittelmäßig begüterter jüdischer Bürger, und die Zahl des modernen intelligenten Proletariats ist nicht geringer, als die der tal- mudisch gebildten Bettler und Landstreicher eS vor einem halben Jahrhundert war."
Plötzlich entladen hat sich in Zielenzig bei Frankfurt a. O eins von den auf dem Marktplatz aufgestellten Geschützen neuester Konstruktion aus noch nicht rcftgefteüten Ursachen. Hierbei wurden der Schuhmachermeister Hellmund, der Schneidermeister Selle und ein Kind verwundet. Durch den Luftdruck sind viele Fenstericheiben zertrümmert. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
Ein erst seit Kurzem verheirathetes junges Ehepaar m Oschersleben unternahm einen Spaziergang am linken Ufer der Bode, als plötzlich der Ehegatte seine Frau am Halse packte und sie mit einem kräftigen Stoß in das Wasser zu stürzen versuchte. Der Frau gelang es jedoch, sich an einem Baum festzuhalten und das Ufer wieder zu erreichen, wo sie von ihrem Manne mit wuchtizen Faustschlägen in das Gesicht empfangen und tro j ihrer flehentlichen Bitten mit den Worten „Hinein m t Dir" zum zweiten Male in die Bode gestoßen wurde. Aber auch diesmal gelang es der Unglücklichen ich zu retten. Ein aus dem Wasser ragender Baumstumpf bot ihr nämlich Halt, und sich an diesen fest
anklammernd, blieb sie, bis an die Hüften im Wasser stehend, bis gegen 3 Uhr Morgens in ihrer schrecklichen Lage. Erst dann vermochte sie unbemerkt dem am Ufer Wache haltenden Unmenschen zu entkommen. Auf sofortige Anzeige wurde dieser von der Polizei verhaftet. Das Motiv der grausamen That ist bisher nicht bekannt geworden..
Ahmet es nach! Die Frauen in Römhild (Meiningen) haben beschlossen, den Kampf gegen die häßliche Mode, Vogelleichen auf den Hüten spazieren zu führen, auf« zunehmen; sie haben sich verpflichtet, fernerhin keinen Vogelaufputz auf ihren Hüten zu dulden. Möge dieses Verstand und Gemüth bekundende Vorgehen der Frauen in dem thüringischen Städtchen allerorts Nachahmung finden!
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 14. September.
* — Wenn Professor Falb mit seinen VorauS- sagungen, die bis jetzt zugetroffen, für den Monat September recht behalten sollte, so würde das Grummet, das noch auf den Wiesen steht und schon gemäht darnieder liegt, nicht geerntet bezw. im getrockneten Zustande unter Dach und Fach gebracht werden können, denn für die ganze Zeit steht Regen in Aussicht, Regen mit Wärme und Regen mit Kälte. Nur in den Tagen mit zunehmender Kälte — vom 12. bis 16. September — dürften die Bauern mit ihren fleißigen Händen sich regen und den Erntesegen vollends einheimsen. Nach dem Wetterbericht der deutschen Seewarte scheint sich das Maximum im Nordwesten ostwärts fortzupflanzen und daher dürfte aufklärendes Wetter demnächst zu erwarten sein. Hoffentlich bestätigt sich diese Prognose, > :nu man hegt bei dem stetigen Regen mit Recht mancherlei Befürchtungen für die Kartoffelernte und denkt mit Schrecken an den noch weiter zu erwarteten Aufschlag der Lebensmittel.
* — Die Verbreitung von falschen Zehnmarkstücken scheint von Berlin aus eine bedenkliche Ausdehnung an- zunehmen. Die Falschstücke, welche das Bildniß des Kaisers Wilhelm I., die Jahreszahl 1875 und das Münzzeichen A tragen, scheinen in Gipsformen, die von echten Stücken genommen sind, hergestellt zu sein. Doch weisen die aus einer Bleimischung hergestellten, nur ganz schwach vergoldeten Falsifikate einen Fehler an der rechten Adlerklaue auf, an dem sie bei genauer Betrachtung leicht zu erkennen sind. Der Klang der falschen Stücke ist außerdem ein dumpfes nnb unterscheidet sich von der echten ganz bedeutend, so daß hierdurch die Falsifikate sofort auffallen.
Obersinn, 6. September. Auch hier haben die Manöver ein Opfer gefordert. Bei der Einquartirung eines Theils des 1. schweren Reiter-Regiments schlug das Pferd eines Soldaten dem l 2jährigen Söhnchen des Ktrchenpflegers Peter Schäfer die Hirnschale an der Stirnseite ein. Das Aufkommen des schwerverwundeten Knaben, welcher in das Juliusspital verbracht wurde, steht sehr in Frage.
Bad Brückenau, 8. Sept. Bei der Enthüllung des König Ludwig-Denkmals wurde Sr. Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten eine improvifirte Ovation zu Theil welche den hohen Herrn äußerst sympathisch berührte. Hinter der berühmten 1000jährigen Eiche trat nämlich eine zur Kur hier weilende junge Frankfurter Dame heror, welche Sr. Königl. Hoheit in goldenem Pokale einen Willkommstrunk bot, welcher mit „Rheingold", dem Taufwein der vom Stapel laufenden Schiffe der Deutschen Kriegs - Marine, gefüllt war. Die Anrede lautete: „Geruhet Hoher Herr, daß ich kredenze den WillkommSlxunk!
Des Rheines Gold in flüssiger Gestalt Es mög* in Rheingold Lieb und Wein Euch rein wie Gold beschieden sein." Se. Königliche Hoheit dankte wiederholt für diese sinnige Huldigung. — Ju den letzten Tagen wurden hier mehrfach Einbruchdiebstähle verübt. So wurde in der Stadtkirche zu Brückenau der Opferstock erbrochen und seines Inhaltes beraubt, das gleiche Verbrechen wurde in der Hauskapelle in Bad Brückenau verübt. In einer Restauration in Brückenau wurden die eisernen Gitterstäbe aus den Kellerfenstern herausgerissen und im Keller ein Rothwcin- und ein Schnapsfaß ihres Inhaltes beraubt, Der Thäter ist bis jetzt noch unbekannt.