Einzelbild herunterladen
 

WiilhternerMlmg

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

^L 71. Samstag, den 4. September 1897. 48. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Reise deS Kaisers nach Jerusalem soll, wie derMagdeburger Zeitung" aus Kiel gemeldet wird, zu Ostern nächsten Jahres bestimmt stattfinden. DaS Kommando derHohenzollern" ist, wie es weiter heißt, von der Absicht des Kaisers unterrichtet worden. Der KreuzerGefion" wird die Kaiseryacht begleiten. Die Dauer der Reise soll zwei Monate betragen.

Auf ein Huldigungstelegramm des Vereinstages deS allgemeinen Verbandes der deutschen landwirthschaft- lichen Genossenschaften an den Kaiser lief folgende Ant­wort ein:Ich erblicke in den huldigenden Worten Ihres Telegrammes zugleich den Ausdruck eines mich hoch er- freuenden Vertrauens zu meiner nie ermüdenden Für­sorge für alle Berufe, insonderheit aber für diejenigen, welche unter schwierigen und nur allmählich zu bessern­den Verhältnissen zu leiden haben, und spreche Ihnen hierfür meinen Dank aus. Wilhelm I. R."

Ueber den Kampf, den eine Abtheilung der deutschen Schutztruppe für Südwestafrika mit Hotten- totten-Räubern in der Nähe deS Oranjeflusses hatte, bringen kapstädtische Zeitungen nähere Berichte, die noch manche beachtenSwerthe Einzelheiten enthalten. Aus Upington, 9. August, wird gemeldet: Ein Treffen zwischen Deutschen und Afrikaner-Rebellen hat innerhalb Sicht­weite unserer Freiwilligen nahe der Grenze stattgefunden. Die Deutschen waren siegreich. Lieutenant v. Altrock und zwei Soldaten fielen, vier andere wurden verwundet. Neunzig Deutsche griffen die Rebellen an, die zwanzig Mann sowie einige Frauen und Kinder verloren. Ein Theil der Ucbtigen ergab sich. Die Anderen flohen auf die Inseln im Oranjeflusse. Die deutsche Truppe hielt sich vorzüglich. Nach achtstündigem heißem Kampfe zogen sich die Rebellen von ihrer außerordentlich günstizeti Stellung in Chamsib Kloof zurück. Der Feind war - vollständig in Auflösung, er ließ seine Verwundeten und alles Vieh zurück. Außer den drei Todten hatten die Deutschen Lieutenant Helm und acht Soldaten verwundet. Der Verlust der Rebellen betrug 25 Mann. Ueber die Lage in Deutsch-Südwestafrika hört man auf Grund der mit der letzten Post eingegangenen Nachrichten, daß wenn auch manche Ansiedler bei Windhoek große Ver­luste gehabt haben, doch andere Dom Glücke begünstigt gewesen seien. Die Preise für Rindvieh sind unter diesen Umständen natürlich sehr in die Höhe gegangen, eine Kuh kostet dort schon 100 Mark, ein Zugochse 250 Mark. Auch Kleinvieh sei erheblich im Preise gestiegen.

Blinde, Taubstumme und Geisteskranke in Preußen 1895. Nach der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 waren in Preußen vorhanden 11338 Blinde männlichen nnd 10 204 weiblichen Geschlechts, 15 793 Taubstumme männlichen und 12928 weiblichen Geschlechts und 43448 Geisteskranke männlichen und 39402 weiblichen Geschlechts. Insgesammt betrug dre Zahl der Blinden im Jahre 1895 21442 oder 67 unter 100000 An­wesenden gegen 22677 (83) bei der Volkszählung von von 1883 und 22 978 (93) bei der Volkszählung von 1871. Die Zahl der Taubstummen betrug insgesammt 28721 (67) gegen 27 794 (102) und 24315 (99), die der Geisteskranken 82 850 (260) gegen 66 345 (243) und 55 043 (223). Die Berhältnißzahl der Blinden hat danach seit 1871 beträchtlich, die der Taubstummen um ein Geringes abgenommen; die Menge der Geistes­kranken ist, insbesondere ihrer wirklichen Zahl nach, nicht unerheblich gewachsen.

Den jetzt veröffentlichten Ergebnissen des Reichs- hauShaltS für 1896/97 zufolge hat die ReichSdruckerei im Vergleich zum Etat einen Mehrertrag von 99000 Mark geliefert. Der Spielkarten - Stempel überschritt die vorgesehene Einnahme um 94000 Mark.

Würzburg, 1. September. 10 Minuten vor 9 Uhr traf der Prinzregent mit dem Kaiser und den anderen hohen Gästen auf dem Paradefelde bei Biebelried, von der zahlreich herbeigeeilten Menschenmenge begeistert be= grüßt, ein. Der Kaiser trug die Uniform seines Bayrischen UlanenregimentS mit dem rothen Bande des HubertuSordenS, die Kaiserin ein Lila-Brokatkleid mit dem Bande des TheresienordenS. Der Prinzregent trug die bayrische große Generalsuniform mit dem Bande des preußischen Schwarzen Adlerordens. An der Parade nahmen ferner theil der König von Württemberg, der Großherzog von Hessen, Prinz Albrecht von Preußen;

von bayrischen Prinzen: Prinz Leopold, Prinz und I Prinzessin Ludwig, Prinz Ludwig Ferdinand und Herzog Karl Theodor und fast alle hier anwesenden militärischen Gäste. Die Parade fand bei herrlichstem Sonnenschein statt. Die Truppen des zweiten Armeekorps unter dem Befehl des Generals der Kavallerie Ritter von Lylander waren in zwei Treffen ausgestellt, im ersten Treffen waren die Fußtruppen, im zweiten die Berittenen. Die Fürstlichkeiten schritten nunmehr die Front ab bei den Klängen der deutschen Nationalhymne. Die Kaiserin folgte im Wagen mit der Prinzessin Ludwig von Bayern, Es erfolgte ein einmaliger Vorbeimarsch. Der Prinz- regent führte das ganze Armee-Korps vor. Die Fuß­truppen marschirten in Kompagniefront, die Kavallerie in Schwadronsfronl und im Trab, die Artillerie und der Train im Galopp. Der Kaiser führte sein 6. In­fanterie-Regiment und sein I. Ulanen-Regiment, der König von Württemberg führte das 4. Infanterie-Re­giment, der Großherzog von Hessen das 5. Infanterie- Regiment vor. Auch die bayerischen Prinzen führten jeder sein Regiment vor. Gegen 11 Uhr war die Parade beendet und begaben sich die Fürstlichkeiten nach der Stadt. Bürgermeister Hofrath Dr. v. Steigle hielt eine Begrüßungsansprache, während 46 gleichmäßig in weiß und rothe Grethcheykostüme gekleidete Ehrenjung- frauen Wein kredenzten, sowie Bouquets und Wein­trauben überreichten. Der Kaiser und der Prinzregent dankten mit wenigen Worten herzlich und leerten auf das Wohl der Stadt ihre Becher, worauf unter dem stürmischen Jubel deS Publikums, daS dicht gedrängt die Straßen besetzt hielt, der weitere Einzug zum Schlosse stattfand.

Koblenz. Das Kaiserdenkmal der Rheinprovinz am deutschen Eck in Koblenz, dessen große Enthüllungsfeier­lichkeiten soeben begangen worden, ist von Prof. Hund- rieser und dem Architekten Bruno Schmitz entworfen. Der monumentale Bau der ganzen Denkmalsanlage zeichnet sich durch einfache Größe im Grundgedanken der Anordnung und eine vollendete Abstimmung des Maßstabes der Einzeltheile im Ganzen aus. Er besteht aus einem Mittelbau mit der die Figuren des Kaisers zu Pferde und den das Pferd führenden Genius tragen­den Pfeilerhalle, und einer diesen Mittelbau tm Hinter­gründe einfassenden Pergola. Die etwa 350 Meter langen Ufermauern in Felsenausbau umsäumen den Denkmalsplatz. Diese Mauern werden durch geschmack­volle Treppenanlagen unterbrochen, die bis zum Wasser­spiegel hinabrcichcn. Aehnliche Treppenanlagen führen an den Seiten der 10 Meter hohen Pseilerhalle zu der zwischen dieser und der Pergola befindlichen, 1200 Quadratmeter großen Hochterrasse hinauf. Die vordere Wand des auf einer über 2 Meter dicken Betonschicht ruhenden Mittelbaues zwischen den Treppen wird durch ein Adlerfeld verziert, über welchem die WorteWil­helm dem Großen" stehen. Der Kaiser ist in Generals­uniform zu Pferde mit Helm und umgehängtem Herme­linmantel dargestellt. Diese Figur mit dem Pferde ist 14 Meter hoch, während die des neben dem Pferde ein« schreitenden Genius, der auf einem Kissen die deutsche Kaiserkrone trägt, 9 Meter hoch ist. Von der Größe der ganzen Denkmalsanlage kann man sich einen Begriff machen, wenn man in Betracht zieht, daß fast 3000 Cubikmeter Granit zum Bau desselben und über 15 000 Cubikmeter KieS und Sand zur Aufschüttung für die Hochterrasse verwendet worden sind. Die Treppen­stufen haben insgesammt eine Länge von 4500 Meter. Der ganze Bau ist in der verhältnißmäßig kurzen Zeit von 2 Jahren ausgeführt und beendet worden.

In der Nähe von Stuttgart liegt das als Aus­flugsort bekannte Pachthofgut Burgholzhof, zugleich eine tandwirthschaftliche Musteranstalt. Aus dem naheliegen­den Zuffenhause finden sich nun auf diesem Hof an schulfreien Nachmittagen Knaben im Alter von ca. 12 Jahren ein um gegen einen Lohn von 85 bis 95 Pfg. pro Tag zu arbeiten. Dieselben haben nun einen Streik inszenirt. Bis auf 3 Streikbrecher haben die Jungen die Arbeit niedergelegt und verlangen Lohnerhöhung bei gleichzeitiger Verkürzung der Arbeitszeit. Den Streik­brechern wurde eine Lohnerhöhung zugesichert, die Streikenden aber entlassen.

Pforzheim, 26. August. Der Typhus nimmt in so hochgradiger Weise zu, daß das Krankenhaus die Zahl der Patienten nicht mehr zu fassen vermag, und man

darangeht, ein angrenzendes Schulhaus in ein Hospital umzuwandeln. Immer allgemeiner wird dir Ueberzeug­ung, daß trotz aller Dementis nicht das Waffer, sondern die Unzuträglichkeiten der sanitären Maßregeln Schuld trägt an der starken Ausdehnung der Seuche. Es wird in der Stadt der Vorschlag öffentlich diskutirt, man möge auf Kosten der Stadt die unbemittelten unter den Typhuskranken mit Wein und Fleisch u. s. w. versehen, um sie so durch zweckdienliche Ernährung rasch der Ec- werbSfähigkeit wieder zuzuführen. Da der Bürgeraus­schuß, dem eine diesbezügliche Vorlage unterbreitet werden wird, dem Antrag sehr sympathisch gegenübersteht, so ist an der Annahme desselben nicht zu zweifeln.

Bei Markwerden bei Weißenfels prangt eine Warnungstafel mit folgender poetischen Inschrift:Wer dieses Grundstück hier betritt, Zahlt auf der Stell' acht Groschen, Und soll' erS Geld nicht haben mit, Dann wirds ihm abgedroschen. Der Besitzer."

Ausland.

Frankreich. Ueber die Erfolge des Präsidenten Faure sind die Franzosen fast vollständig berauscht. Der Freudentaumel ist einfach unbeschreiblich, daß man sich dabei die Deutschen nur mit langen Gesichtern hergehend vorstellt, bedarf kaum der Erwähnung. Der Figaro" fragt sich mit Genugthuung, was für ein Ge­sicht Fürst Bismarck beim Eintreffen der Allianznach­richt gemacht haben möge; sein Wert liege nun am Boden, er habe zu lange gelebt. Weiterhin behauptet derFigaro", die Presse Deutschlands sei außer Fassung und deutele vergeblich an dem Wortlaut der Trinksprüche, um deren Bedeutungslosigkeit zu beweisen. In dieser und ähnlichen Weise fabelt man fort und es wird nicht lange dauern, so labet man dieGrand Nation" zu eines Spaziergang nach Berlin ein. In leitenden Kreisen ist man natürlich vernünftiger und die über« schäumenden Chauvinisten dürften bald genug von PeterSburg aus darüber belehrt werden, waS man dort von seinen Alliirten in erster Reihe wünschen muß. ImGaulois" werden die Erklärungen eines franzö­sischen Diplomaten veröffentlicht, welche besagen, daß )er hervorstechendste Erfolg der Allianz in einer voll- sündigen Jsolirung Englands liege, und daß sich die Worte des Zaren um Erhaltung des Friedens im Sinneder Gerechtigkeit und Billigkeit" auf die Regel­ung der Orientfrage bezögen.

Petersburg. Bei der Abfahrt des französischen Geschwaders fehlten eine ganze Anzahl Mannschaften. Jetzt wird nun noch mitgetheilt, daß bei der Abfahrt gegen 150 Mann der Schiffsbesatzung fehlten, die Tags vor­her mit und auch ohne Urlaub anS Land gegangen waren. Die meisten fanden sich noch am Abend bezw. am Tage nach der Abfahrt deS Geschwaders ein; gegen 40 sollen auf ihre inständigen Bitten von einem gerade auslausen­den französischen Privatdampfer mitgenommen sein. An­geblich fehlten am Sonntag, mithin drei Tage nach der Abfahrt des Geschwaders, noch immer gegen 20 Mann, nach deren Verbleiben die Polizei eifrig forscht. Beim Auslaufen des deutschen Geschwaders fehlte an Bord kein einziger Mann, und die vorher an Land beurlaubt Ge­wesenen hatten doch in Petersburg tüchtig trinken müssen, Die Katastrophe auf dem Chodinskyfeld bei den Moskauer Krönungsfestlichkeiten hat, wie deutsche Mit­glieder deS Aerztekongresses von russischen Kollegen er­fahren, mehr denn 4000 Opfer gefordert, waS mit allen Mitteln zu verheimlichen versucht wurde.

Lokales und Provinzielles.

* Schlichtern, 3. September.

* Mit dem 1. September ist Lehrer Wieder von Hilders als Lehrer nach Höf und Haid bei Flieden versetzt.

* Der hiesige landwirthschaftliche KreiS-Verein kauft von seinen Mitgliedern Hafer für Königliches Proviantamt zu Hanau und zahlt gegenwärtig 13 Mk. 70 Pfg. pro 100 Kilo bei Lieferung auf Bahnhof Schlichtern. Siehe Inserat in diesem Blatte.

* Eine in daS Krankenkassenwesen einschneidende Entscheidung ist vor kurzer Zeit vom Reichsgericht ge­fällt worden, wonach Plomben für die Zähne künftig zu den von den Krankenkassen zu gewährenden Heilmitteln zu rechnen sind. Während bisher seitens der Kassen lediglich Zahnextraktionen und nur in einzelnen, seltenen