SliMchtMlttMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 68.
Mittwoch, den 25. August 1897.
48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin treffen am 31. August zur Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. in Koblenz ein.
— Die Kaiserin wird in Plön am 2. September bestimmt erwartet.
— Prinz Heinrich ist zum Inspektor der ersten Marine-Inspektion zu Kiel ernannt worden.
— Um die Sammlungen für die Ueberschwemmten rc. thunlichst zu fördern, sollen von jetzt ab auch sämmtliche Rcichsbank und Reichspostanstalten (Postämter, Postagenturen und Posthilfstellen) Beiträge, sei es von den LokalkomiteeS, sei es von einzelnen Personen, an- nehmen.
Königsberg i. Pr., 18. August. Der Landwirth- schaftSminister hat ein Gesuch der LandwirthschaftSkammer der Provinz Ostpreußen um Errichtung einer vom Staate zu betreibenden Torfstrcufabrik und Abgabe von Torfstreu daraus zum Selbstkostenpreise mit der bemerkenswerthen Erklärung beantwortet, daß die Errichtung einer solchen Staatsfabrik nicht in Betracht kommen könne, weil erfahrungsgemäß der Staat viel kostspieliger produziere als Privatunternehmer, andererseits der Staat auch Letzteren nicht Konkurrenz machen dürfe.
Beim Eisenbahnunglück von Celle ist ein zweites großes Unglück nur durch die Geistesgegenwart des im Zuge befindlichen Direktors Markworth von der Uelzener Zuckerfabrik verhindert worden. Markworth erinnerte sich, nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte, daß der um 8 Uhr 21 Min. von Uelzen in der Richtung nach Hannover abgelassene Personenzug in wenigen Minuten die Unfall stelle passieren müsse. Sofort eilte er dem Zuge entgegen, entzündete sein an einem Stock befestigtes Taschentuch und gab damit dem Zuge das Haltezeichen, sodaß derselbe etwa zwanzig Schritt vor der Unglücksstätte zum Stehen gebracht werden konnte. Da die Wagentrümmer des V-Zuges theilweise das von dem Personenzuge zu benutzende Geleis versperrten, und dieses mit vielen Verwundeten bedeckt war, hat Direktor Markworth unabsehbares Unglück verhütet.
Meiningen, 18. August. Im Untergänge begriffen ist eine eigenartige Industrie Thüringens, weil der Aufstand auf Kuba den Export des Rohmaterials in letzter Zeit gefährdet bezw. vertheuert hat. Es ist dies die Palmkorb-Jndustrie, bei' der bis jetzt im ganzen fast 2000 Arbeiter beschäftigt waren und die in den betreffenden Ortschaften seit fast einem halben Jahrhundert blühte. Das in Rede stehende Rohmaterial ist das spanische Rohr sowie eine speziell auf Kuba vorkommende Palmenart. Man befürchtet einen nahen Nothstand der Arbeiter.
Heidelberg, 22. August. Einen unverantwortlichen Leichtsinn, der leicht ein großes Unglück hätte herbeiführen können, beging, dem „Pforzh. B." zufolge, ein Insasse des Lokalzuges, der 3 Uhr 40 Min. nach Neckargemünd abgeht. Während der Zug in dem ersten Tunnel am Gaisberg hielt, schrie einer der Reisenden: „Alles aus- steigen", worauf sich der Insassen des Zuges eine un- schreibliche Angst bemächtigte und verschiedene sich an» schickten, auszusteigen. Nur der Besonnenheit eines Herrn, der die Leute am Aussteigen durch energisches Zureden verhinderte, ist eS zu verdanken, daß ein großes Unglück verhütet wurde. Denn schon eine Minute nachher sauste ein anderer Zug an dem Lokalzug vorbei.
Aus Bayern. Die 16 bis 17 Millionen Mark betragende Stiftung des am 15. Januar in Regensburg verstorbenen Grafen Ernst von Dörnberg ist vom Prinz- regent von Bayern bestätigt worden. Ihre Hauptaufgabe ist, wie bereits mitgetheilt, die Erziehung protestantischer Waisen, deren Zahl 700 betragen kann. Die Kinder, welche ehelicher Herkunft sein müssen und nicht unter sechs Jahre alt sein dürfen, werden in Familien untergebracht. Dem allgemeinen protestantischen Pfarr- wittwen- und Waisenfonds, Blinden- und Taubstummenanstalten fallen auf die Dauer von 10 Jahren je 180,000 Mark zu. Universitäls-Stipcndien von je 600 Mark sind ausgesetzt, die zur Hälfte an Theologen, welche in Erlangen studiren, vergeben werden. Auch die Erbauung von Spitälern ist vorgesehen.
Ausland.
Oesterreich. In Pilsen haben unerhörte Excesse stattgefunden, hervorgernfen durch einen noch unaufge
Lokales und Provinzielles.
* Schlichtern, 24. August.
* — Die Landgemeinde- und die Städteordnung für die Provinz Hessen-Nassau werden im preußischen Staatsanzeiger publizirt.
* — Bezüglich der Schreibweise der Ortsnamen hat das Oberverwaltungsgericht in einem Erkenntnisse folgende Grundsätze aufgestellt: Es ist ein Gebot der öffentlichen Ordnung, daß für jede Ortschaft im amtlichen Verkehr eine bestimmte, allein maßgebende Bezeichnung besteht. Bestimmungen hierüber hat die Polizei zu erlassen, zu deren Amte es nach § 10, Titel 17, Theil II des Allgemeinen Landrechtes gehört, die zur Erhaltung der öffentlichen Ordnöng nöthigen Anstalten zu treffen. Da aber bei Feststellung der Schreibweise einer Ortschaft es sich um eine Maßregel handelt, bei der ein über den räumlichen Sprengel der Ortspolizeiverwaltung mehr oder weniger hinausreichender Kreis von Interessen berührt wird, so ist die entsprechende Anordnung nicht von der Orts-, sondern von der Landespolizeibehörde zu erlassen. — Der Minister des Innern hat diese, die Zuständigkeit der Regierungs-Präsidenten feststellenden Grundsätze mit dem Bemerken bekannt gegeben, daß es keinem Bedenken unterliege, dieselben auch in den gemeinrechtlichen Gebietstheilen, so weit in diesen abweichende Vorschriften nicht bestehen, zur Anwendung zu bringen.
* — Unfrankirte Postkarten kommen neuerdings in besonders großer Zahl zur Absendung, und zwar sind es zum weitaus größten Theil die Ansichtskarten, die vielfach ohne Marke hergestellt und auch so verkauft werden. Das Publikum beschreibt diese Karte in bekannter Eile mit einigen Worten und steckt sie rasch in den Briefkasten, ohne an die nothwendige Frankirung zu denken. Früher wurden solche unfrankirte Postkarten von der Beförderung überhaupt ausgeschlossen. Seil einiger Zeit aber zeigt sich die Post dem Publikum darin entgegenkommender, d. h. sie befördert und bestellt die unfrunkirten Karten, erhebt dafür aber von dem Adressaten Strafporto, und zwar bei Karten aus dem eigenen Orts- bestellbezirk 10, bei solchen von außerhalb desselben 20 Pfennig. Man hat also noch immer genügend Ursache, auf das Frankiren der Postkarten zu achten.
* Ein drakonisches Urtheil hat das Schöffengerich! in Heidenheim gefällt. Es verurtheilte einen jungen Burschen, der eine Pneumatik an einem Fahrrad zerschnitten hatte, zu 45 Tagen Gefängniß. Das Urtheil ist gewiß hart — aber gerecht, denn wenn einerseits die
klärten Konflikt zwischen Studenten und czechischen Burschen. Die Studenten flüchteten in eine Apotheke und in einen Papierladen, welche die Menge demoliren wollte. Die Polizei brächte, von den Excedenten verfolgt, die Studenten ins Rathhaus in Sicherheit. Eine auf Tausende angewachsene Menge durchzog johlend und czechische Lieder singend die Straßen und demolirte, obwohl wiederholt vom Militär zerstreut, aber sich immer wieder sammelnd, die Fenster und die Einrichtung des deutschen Hotels „Pilsener Hof", des deutschen Hauses „Aklienbierhalle", des israelitischen Tempels und jüdischer Firmen. Die Gassen wurden schließlich durch requirirtes Militär und Gendarmen abgesperrt. Vor dem jüdischen Tempel fiel ein Pistolenschuß. Die Aufregung der Bevölkerung ist unbeschreiblich groß.
San Sebastian, 20. August. Angiolillo, der Mörder des Ministerpräsidenten Canovas, ist heute Vormittag 11 Uhr hingerichtet worden.
Koustantinopel, 19. August. Gestern Nachmittag 3 Uhr explodirte eine Dynamitbombe in dem Korridor des Gebäudes, in dem sich das Büreau des Ceremonien- meisters der Pforte befindet. Einige Theile des Gebäudes wurden beschädigt; 3 Diener wurden verwundet, einer gelödtct. Zu derselben Zeit wurde vor dem Serail in Galata eine Bombe geworfen, die aber nicht explodirte. Die Urheber der beiden Attentate waren 2 Armenier, die verhaftet wurden. Gleichzeitig wurde in der Banque Ottomane ein dritter Armenier verhaftet, der 4 Lunten einer Bombe anzünden wollte. Die 3 Verhafteten wurden dem Untersuchungrichter vorgeführt. Um den Hauptschauplatz der Attentate, dem Seitentrakt zwischen dem Großvezierat und dem Ministerium des Aeußern, ist Feuerwehr aufgestellt. Einige Geschäfte in Stambul sind noch geschlossen. Starke Patrouillen durchziehen die Stadt.
Radfahrer streng bestraft werden, sobald sie die gesetzlichen Anordnungen übertreten, so muß ihnen durch Gesetz auch Schutz gegen die immer inehr überhand nehmenden Uebergriffe einer gewissen Sorte Menschen gewährt werden.
* — Ein für Eltern sehr interessantes Urtheil hat die Civilkammer zu Darmstadt kürzlich abgegeben. Der siebenjährige Sohn einer in Darmstadt wohnenden Wittwe halte im Jahre 1890 einem dreijährigen Kinde mit einer Kinderarmbrust in's Auge geschossen, wodurch dasselbe verletzt wurde. Die Verletzung wurde aber geheilt, nur stellte es sich heraus, daß die Sehkraft des Auges Noth gelitten hatte. Als drei Jahre später der Junge in die Schule gehen mußte, zeigte es sich, daß er an hochgradiger Kurz- und Schwachsichtigkeil litt. Nun strengte der Vater des Kindes gegen die Mutter des Knaben, der damals das Auge verletzt hatte, eine Klage auf Entschädigung an, der Prozeß durchlief sämmtliche Instanzen und die Wittwe wurde in letzter Instanz zur Zahlung einer Entschädigungssumme von 1200 Mark an die Eltern des am Auge verletzten Knaben verurtheilt.
* — Aus der Strafkammersitzung vom 19. August. Der Weißbinder J. von Schlüchtern hatte dem Wirth Z. daselbst Weißbinderarbeiten gemacht und dagegen auch öfter bei dem Wirth die Zeche stehen lassen. Als es zur Abrechnung kam soll der Weißbinder dem Wirth nach dessen Ansicht eine viel größere Forderung eingereicht haben, als er zu bekommen hatte. Es kam zu einer Civilklage und weil in dem betreffenden Termin der Weißbinder den ihm zugeschobenen Eid nicht annahm, war er unter Anklage gestellt und auch vom Schöffengericht in Schlüchtern wegen Betrugsversuchs zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt worden. In der heutigen Berufungsinstanz kam das Gericht nicht zur Erkenntniß einer strafbaren Handlungsweise des Angeklagten und spricht denselben kostenlos frei.
Sarrod, 19. August. In hiesigem Dorfe wurde eine Familie von einem traurigen Unfall ereilt. Der ungefähr zwölf Jahre alte Sohn eines hiesigen LandwirthS saß auf dem Göpelwerk einer Dreschmaschine, während dieselbe im Gange war. Durch Unvorsichtigkeit kam er mit dem Fuß in das Göpelwerk, wobei ihm die Ferse gequetscht wurde, was die Aufnahme in das Krankenhaus in Salmünster nothwendig machte.
Klesberg, 19. August. Ein bedauernswerther Unglücksfall ereignete sich in unserem Dorfe. Das zwei Jahre alte Kind des Gerhard Leipold stürzte in einem unbewachten Augenblick in einen vor dem Hause stehenden Zuber mit heißem Wasser, wobei es furchtbare Brandwunden an Händen und Gesicht erlitten hat; glücklicherweise sind die Augen nicht beschädigt worden. Aerzt- liche Hülse wurde sofort zu Rathe gezogen und wird es jedenfalls gelingen, das arme Wesen am Leben zu erhalten.
Aus der Rhön, 20. August. Der Vorstand der Bahn-Expedition zu Neustadt, Herr Huberich, wurde beim Rangiren von einem Wagen erfaßt und auf der Stelle getödtet. Die Räder trennten ihm den Kopf vom Rumpfe, Die abgestoßenen Wagen fuhren von rückwärts an, wobei er zu Fall kam.
Fulda, 19. August. Zu dem heutigen Vieh- und Schafmarkt waren im ganzen 920 Stück Rindvieh, 6 Pferde und 110 Stück Schafe angetrieben. Das Vieh war durchgehends recht hübsch und gut und der Handel ziemlich lebhaft. Eine Prämiirung der Schafe fand dieses Mal nicht statt. Leider hatte der Markt unter dem schlechten Wetter etwas zu leiden.
Sontra, 17. August. Am 28. und 29. d. M. wird hier unter dem Protektorate des Landgrafen Alexis v. Hesfen - Philippsthal-Barchfeld eine große Allgem. Geflügel- und Kaninchen-Ausstellung abgehalten werden.
Witzenhausen, 17. August. In einer gestern abge- haltenen gemeinschaftlichen Sitzung der städtischen Behörden wurde endgültig beschlossen, daß unsere Stadt mit elektrischem Licht versehen werden soll. Der Anschluß an die projektirte Centralstelle für das Gelsterthal wurde abgelehnt, dagegen beschloß man, eine eigene Centralstelle oberhalb der Papiermühle anzulegen. Mit der Anlage wird demnächst begonnen werden.
Waldkappel, 20. August. Gelegentlich des letzten Balles der Fabrikarbeiter der Firma Wolff hierselbst wußte eine Mutter ihre Tochter von weiterer Betheiligung an diesem Feste dadurch abzuhalten, daß sie sich dem durch die Stadt bewegenden Festzuge näherte, dtp