Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 66. Mittwoch, den 18. August 1897. 48. Jahrgang.
Bahnhof, von wo kurz darauf die Reise nach Wilhelmshöhe bei Cassel angetreten wurde. Am Abend sind die Majestäten dort eingetroffen.
— Die „D. Z." glaubt über einen der Pläne des Staatssekretärs v. Podbielski Folgendes mitthecken zu können: „Herr v. Podbielski hält den Wettbewerb in der Mittelschicht der beiden Postlaufbahnen, der höheren und der unteren für das eigentliche Grundübel und für das Hinderniß eines völlig ungetrübten Zusammen- arbeitens und plant Veränderungen, die der unteren Beamtenschaft, sofern sie der Prüfung genügt, den Weg zum Postsekretär freigibt, der höheren Beamtenschaft dagegen den Anfang der Laufbahn in demselben Sinne verändert, wie etwa die Referendare Gerichtsschreiberdienste, die Avantageure Unteroffizierdienste außeretats- mäßig, d. h. unbesoldet leisten. Der höhere Postdienst würde auf diese Weise dem Dienste akademischer Berufe ähnlicher, aber selbstverständlich auch für die Eltern Derer, die sich ihm widmen, erheblich kostspieliger werden als heute."
— In Kreisen des Reichsversicherungsamtes ist das Gerücht verbreitet, zum Nachfolger Bödiker's sei Pastor von Bodelschwingh ausersehen.
— Die Stadtverordneten von Berlin haben für die Ueberschwemmten eine Million Mark bewilligt, statt der vom Magistrat beantragten halben Million.
— Die Opferwilligkeit in der Sozialdemokratie in pekuniärer Beziehung ist stark in der Abnahme begriffen. Abgesehen von einem einmaligen Beitrag von 5000 Mk. hat die Parteikasse im Juli nur 7830 Mk. aufgebracht; davon hat Berlin gezahlt 5300 Mk., Hannover 1000 Mk., so daß auf das gesammte übrige Deutschland nur noch 1530 Mk. verbleiben. Die meisten großen Städte, wie Köln, Breslau, Leipzig, haben nichts beigesteuert. Hamburg hat es nur bis zu 65 Mark, München sogar bis zu nur 25 Mark gebracht.
Hannover, 15. August. Der Frankfurt-Hamburger D Zug ist gestern Abend 9 Uhr zwischen Celle und Uelzen mit der Lokomotive und 4 Wagen entgleist. Hierbei wurden 3 Personen getödtet, ferner 16 Personen darunter 3 schwer, verletzt. Die Ursache des Unfalles hat noch nicht festgestcllt werden können.
Nordhausen, 10. August. Ein eigenartiger Prozeß wird in den nächsten Tagen auf dem hiesigen Gerichte zur Verhandlung kommen, den ein Bauersmann aus Schernberg angestrengt. Dieser hatte vor einigen Tagen in Jmmenrode eine Kuh gekauft und führte dieselbe nach Hause. Wie erstaunte derselbe aber, als auf dem Nachhausewege von der glatten Denkerstirn der Kuh plötzlich das eine Horn zur Erde fiel. Nähere Untersuchung ergab nach der Meinung des neuen Besitzers, daß das Horn — aufgeleimt war, jedenfalls um den Schönheitsichler zu verdecken. Der neue Besitzer glaubt sich nun geschädigt, weil die einhörnige Knh sich schwerer verkaufen lasse. Zur Feststellung des Thatbestandes ist das abgefallene Horn zunächst der thierärztlichen Untersuchung übergeben und wird dort ermittelt werden, ob eS wirklich ein angeleimtes Horn gewesen.
Mainz. Hier und in Mannheim ist man einem großen Diebstahl von Kohlen auf die Spur gekommen. Es soll die bei Seite geschaffte Kohlenmenge mindestens 56 Eisenbahnwaggons betragen. Zahlreiche Verhaftungen von Lademeistern, Kohlenhändlern rc. haben stattge- funden. Unter den Kohlenhändlern sind theilweise reiche Leute in sehr angesehener Stellung. Jetzt weiß man auch, wie eS möglich war, daß bei Submissionen rc. von Seiten mancher Händler Kohlen billiger als jede Concurrenz angeboten werden konnten.
Darmstadt. Zur Hebung des Mittelstandes. Unter dieser Ueberschrift berichtet das „Mzr. Jl.", dem wir die Verantwortung für die Richtigkeit überlassen müssen, Folgendes: Zum Capitel „Gefängnißarbeit" liefert bte Darmstädter Gefängnisverwaltung einen schätzenswerthen Beitrag, indem dieselbe unter die Detailisten geht, d. h. nicht etwa den Detailverkäufern ihre Bürstenwaaren an« preist, sondern sogar selbst zum Detailisten wird, und Preiskourante versendet, in denen die Waarenpreise von je 10 Stück verzeichnet sind. Also schon 10 Stück gibt das Darmstädter Gefängniß ab. Und an wen werden die Anpreisungen versendet? Anfänglich glaubte man, es seien ausschließlich Wiederverkäufer, denen die billige Gefängniswaare angeboten wird; aber auch Privatleute, also die Consumenten selbst werden mit dem Cirkular bedacht. So sorgt man auch von Darmstadt
Amtliches.
Die Abhaltung des Vieh- und Schafmarktes am 19. August ds. Js. ist unter nachstehenden Bedingungen genehmigt worden.
Außer den in der landespolizeilichen Anordnung vom 21. Juni er. — vergl. Nr. 74 des Kreisblatts — getroffenen Bestimmungen sind zur Durchführung der veterinärpolizeilichen Aufsicht des Marktes folgende weitere Bestimmungen getroffen worden, deren Nichtbeachtung mit einer Strafe von nicht unter 10 Mark event, entsprechender Haft geahndet wird.
1. Vieh aus verseuchten Nachbargebieten, und zwar 1. Preußen: Regierungsbezirke Magdeburg, Merseburg, Erfurt, Hannover, Hildesheim, Münster, Minden, Arnsberg, Wiesbaden; 2. Bayern: Sämmtliche Regierungsbezirke; 3. Württemberg: Sämmtliche Kreise; 4. Baden: Landeskommissariate Karlsruhe, Konstanz, Frei- burg, Mannheim; 5. Hessen: Provinzen Starkenburg, Oberhessen, Rheinhessen; 6. Sachsen-Weimar; 7. Braunschweig; 8. Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Koburg-Gotha; 9. Anhalt; 10. Schwarzburg- Sondershausen; 11. Waldeck; 12. Reuß j. L.; 13. Fürstenthümer Lippe; 14. Elsaß-Lothringen, welches mit der Eisenbahn in den hiesigen Kreis eingeführt ist, darf nur dann auf den Markt aufgetrieben werden, wenn der Besitzer nachweist, daß es der seither schon angeordneten Quarantaine von 5 Tagen unterworfen ist.
2. Am Tage vor dem Markte werden die Gastställe, Höfe der Gastwirthschaften u. s. w. thierärztlich beaufsichtigt werden.
3. Mit dem Auftrieb des Viehes auf dem Marktplatz darf erst 51/* Uhr früh begonnen werden. Das Vieh darf nur durch die Schloßstraße zugetrieben werden.
4. Durch den Eingang sind die Thiere einzeln zu führen. Das Aufbringen von Vieh auf den Markt ist nur dann gestattet, wenn dem die Aufsicht führenden Königl. Kreisthierarzt eine von der zuständigen Ortspolizeibehörde ausgestellte Bescheinigung vorgelegt wird, daß in der Ursprungsgemeinde seit 4 Wochen nicht die Maul- und Klauenseuche — bei Schafen weder die Maul- und Klauenseuche noch die Räudekrankheit — herrscht und daß die Ursprungsgemeinde in den letzten 4 Wochen nicht zu einem Bcobachtungsgebiet im Sinne des § 59a der Bundesrathsinstruktion gehört.
Diese Bescheinigung hat eine fünftägige Gültigkeit, den Ausstellungstag eingerechnet.
5. Die Musterung von Vieh rc. im Zugang oder dicht davor ist verboten.
6. Am Markttage ist der Viehhandel in Gehöften, Gastställen rc. innerhalb der Stadt Fulda verboten.
Fulda, den 12. August 1897.
Der Königliche Landrath: I. V. Köhler.
Bekanntmachung.
J.-Nr. 3152 K. A. Die Herren Mitglieder des Kreisvereins Schlüchtern zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger werden hierdurch zur Theilnahme an der auf Mittwoch, den 25. August Nachmittags 3 Uhr im Hotel zum Stern zu Schlüchtern anberaumten Generalversammlungen welcher auch der hiesige Zweigverein des Vaterländischen Frauen- Vereins Theil nehmen wird, hiermit ergebenst eingeladen.
Schlüchtern, den 13. August 1897.
Der Vorstand des Rothen-Kreuz-Vereins Zweigverein Schlüchtern.
Roth, Geh. Reg.-Rath.
Deutsches Reich.
Berlin. Das Kaiserpaar ist am Freitag Abend auf der „Hohenzollern" von Kronstadt in Kiel angekommen. Die im Hafen liegenden Panzerkanonenboote Mücke, Skorpion, Krokodil und Natter, sowie die Schulschiffe Gneisenau und Mars salutierten, die Besatzungen paradierten und brachten drei Hurrahs aus. Als die »Hohenzollern" gegenüber der Marineakademie vor Anker lief, begaben sich der Kronprinz und Prinz Eitel Fritz zur Begrüßung ihrer Eltern an Bord. Abends fand
der „Hohenzollern" ein Diner statt, worauf die Prinzen, von ihrer Mutter zum Bahnhof geleitet, nach Plön zurückkehrten. Sonnabend früh gegen 9 Uhr verließ das Kaiserpaar unter dem Salut der Kriegsschiffe die „Hohenzollern" und fuhr nach der Jensen- brücke. Sodann gingen die Majestäten zu Fuß, von dem zahlreichen Publikum stürmisch begrüßt, nach dem
her für die Hebung des Mittelstandes. Der Geschäftsmann, der Detailist, der ohnehin mit dem Großkapital, den Waarenhäusern u. s. w. zu kämpfen hat, soll jetzt auch noch die Concurrenz der Gefängnisarbeit, die seinen Kunden direkt angeboten wird, aufnehmen. Auf diese Weise wird der kleine Geschäftsmann immer mehr in die Reihe der Proletarier, die aus der Hand in den Mund leben, gedrängt. Wir nehmen an, daß man in den Kreisen der R: erung von dieser Thatsache noch keine Kenntniß hat, daß aber für schleunige Abstellung einer derartigen Concurrenz, welche Seitens der Gefängnisse dem Mittelstände droht, Sorge getragen wird.
Brückenau, 14. August. Mit der Aufstellung der Stein stufen für das Denkmal König Ludwigs I. ist am vorigen Montag schon begonnen worden. Heule erhebt sich vor dem Kursaalgebäude bereits das künstlerisch vollendete Steinpostament aus dem Atelier deS akad. Bildhauers Herrn Val. Weidner in Bad Kissingen. Die Arbeit des fränkischen Künstlers hat in der ge» sammten Ausführung sowohl, als auch insbesondere wegen der geschmackvollen Darstellung der vier Karyatiden und des bayerischen Wappens ungetheilten Beifall gefunden; die Broncefigur des Königs aus der k. Erzgießerei München kommt demnächst zur Aufstellung. Für die Enthüllung des Denkmals ist folgendes Programm vorgesehen; 4. September, Vormittags 101 /* Uhr Denkmals-Enthüllung in Anwesenheit des Prinz- regenten vor dem Königl. Kursaalgebäude; Nachmittags großes Promenadenkonzert der Kapelle des 5. Jnf.- Rgts. Burow; Abends 7 Uhr Illumination des Denkmalplatzes, darauf Reunion im Kursaale. 5. September, Vormittags 10 Uhr bezw. 11 Uhr Fest-DankgotteS- dienst, darauf um 1 Uhr im Kursaale Festmahl zur 150jährigen Jubiläumsfeier des Bades.
Ausland.
Wien. In Bistritz in Siebenbürgen hielten dieser Tage ein Bataillon des 25. Infanterieregiments im Verein mit zwei Bataillonen des 16. Honved Jnf.- Regts. militärische Uebungen ab. Bei einem Angriff der Soldaten des gemeinsamen Heeres sollen nun die Honveds (ungarische Landwehr) mit scharfen Kugeln auf die markirten Gegner geschossen und viele Infanteristen schwer verwundet haben. Die Angelegenheit wird sehr geheim gehalten; eine militärische Untersuchung wurde eingeleitet, viele Honveds sollen bereits verhaftet worden sein. Man erwartet eine entschiedene Widerlegung seitens der maßgebenden Behörden.
Die Pulver-Explosion in Rustschuk soll nach neueren Mittheilungen 258 Menschenleben gefordert haben. AuS der Donau werden noch täglich Leichen herausgezogen, selbst auf den Feldern fand man zwei Tage später halbverbrannte Leichen von Arbeitern, die in wahnsinniger Flucht mit brennenden Kleidern davon gestürzt und auf den Feldern zusammengebrochen sind.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 17. August.
— Mit dem Einsteigen in fahrende Züge beschäftigt ich folgender Erlaß: Da es mehrfach vorgekommen ist, >aß Reisende, welche auf einen bereis in Bewegung be- ändlichen Zug gesprungen waren, von Eisenbahnbe- diensteten von dem fahrenden Zuge wieder entfernt worden sind, wodurch sowohl die Reisenden als auch >ie betreffenden Eisenbahnbediensteten in große Gefahr kamen, so sollen für die Folge derartige Reisende nicht mehr vom Zuge entfernt, sondern es soll ihnen daS Einsteigen vielmehr nach Möglichkeit erleichtert werden. Der Zugführer hat dann nur dafür zu sorgen, daß derartige Reisende auf der nächsten geeigneten Station eventuell auf der Zielstation vorgeführt werden, um die Personalien festzustellen und das Strafverfahren wegen Bahnpolizeiübertretung einleiten zu können.
— Eine seltsame richterliche Entscheidung wird berichtet: Ein Arzt Dr. B. hatte seiner im Seebad- weilenden Mutter einen 60-Markschein durch Einlegen n einen eingeschriebenen Brief übersandt. Bei der Ankunft war der Brief sichtlich verletzt und des Papiergeldes beraubt. Die auf Ersatz der 50 Mark gegen die Oberpostdirektion angestellte Klage wurde von den Hamburger Gerichten in beiden Instanzen abgewiesen. Die Entscheidung wurde darauf gestützt, daß die Post dem Absender nur für den „Verlust" rekommandirter Sendungen im Falle reglementsmäßig erfolgtet Ein«