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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

<M 65. Samstag, den 14. August 1897. 48. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. August. Die Abreise des deutschen Kaiserpaares aus Rußland erfolgte Mittwoch Vormittag. Eine nach Tausenden und Abertausenden zählende Menschenmenge bereitete den Majestäten einen begeisterten Abschied. Das Zarenpaar begleitete seine Gäste auf der NachtAlexandria". Die Majestäten besuchten, zu­nächst den russischen PanzerRossija", worauf ein Frühstück bei dem Prinzen Heinrich auf dem an der äußersten Rhede weit entfernt liegenden PanzerKönig Wilhelm" stattfand. In den ersten Nachmittagsstunden begab sich sodann das deutsche Kaiserpaar nach innigster Verabschiedung von den russischen Majestäten an Bord derHohenzollern" und traten die Heimreise an. Unter Kanonendonner gingen die deutschen Schiffe in See.

* Der Minister des Innern hat dem Vorstand des deutschen Kriegerbundes auf eine Anfrage erwiedert, daß in Ermangelung besonderer Bestimmungen die Be- fugniß zum Tragen der deutschen Kokarde als mit dem Recht zum Tragen der Landeskokarde verbunden anzu- sehen ist. Für die Mitglieder nichtuniformtrter Krieger­vereine bestehen keine abweichenden Vorschriften.

* Der Kriegsminister bringt imReichsanz." erneut zur Kenntniß, daß den Unteroffizieren und Mann­schaften jede Betheiligung an Vereinigungen, Versamm­lungen, Festlichkeiten, Geldsammlungen ohne dienstliche Erlaubniß untersagt ist. Ferner ist ihnen untersagt jede Bethätigung revolutionärer oder sozialdemokratischer Ge­sinnung, das Halten und Verbreiten revolutionärer oder sozialdemokratischer Schriften oder ihre Einführung in Kasernen und Dienstlokale. Die Angehörigen des aktiven Heeres sind verpflichtet, von dem Vorhandensein solcher Schriften in den Kasernen und Dienstlokalen Anzeige zu erstatten. Diese Bestimmung gilt auch für die zur Uebung oder zur Kontroloersammlung einberufenen Mann­schaften und zwar für letztere für den Tag derKontrol- versammlung.

In Sachen der Neuregelung des Konzessions- ertheilungswesens für Apotheken beabsichtigt die Pharma­zeutische Vereinigung für Deutschland, eine Eingabe an die zuständigen Behörden zu richten. Es soll das Recht der freien Niederlassung für alle Apotheker verlangt werden, die nach ihrer Approbation zwanzig Jahre hin­durch ohne größere Unterbrechung im Berufe thätig waren, sich während dieser Zeit tadellos geführt und bisher keine Apotheke besessen haben. Die auf diese Weise errichteten Apotheken wären als rein persönliche Rechte zu behandeln und beim Abgänge der ersten In­haber an solche wieder zu vergeben. Im Zusammen­hang mit diesen Bestrebungen steht die geplante Grün­dung einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung, die sich damit befassen soll,Neukonzessionären" die Ein­richtung ihrer Apotheken zu beschaffen.

Die Einnahmen aus Platzkarten in Preußen haben sich um 200 000 Mk., bei Bahnsteigkarten um beinahe 300 000 Mk. gegen das letzte Etatsjahr erhöht. Die Einnahmen aus Platzkarten betragen monatlich durchschnittlich 200 000 Mk. und aus Bahnsteigkarten monatlich 150000 Mk., also pro Jahr 2,5 bezw. 1,8 Millionen.

Eine der Voss. Ztg. aus London übermittelte Kapstädter Drahtung bestätigt den Hottentottenaufstand in Damaraland. 200 Hottentotten in einer gut be­festigtenKloos" (Schlucht) unweit Coyamus schlugen am 5. Juli einen Angriff der deutschen Truppen zurück. Diese hatten ihre Munition verschossen und waren zu schwach, um die Stellung zu nehmen. Zwei Deutsche wurden getödtet. Die Deutschen beabsichtigen, den An­griff später mit Artillerie zu erneuern.

Nachklänge einer Ausstellung. Recht betrübte Gesichter machen jetzt zu Berlin alle diejenigen, die vor 3 und 4 Jahren sich herbeiließen und große Summen zeichneten, damit ein sogenannterGarantie-Fonds" für die große Berliner Gewerbe-Ausstellung zu Stande käme. Jetzt ist allen diesen eine gar bittere Pille in Gestalt einer Quittung über 50 Prozent des gezeichneten Be­trags eingegeben worden, doch damit nicht genug, es dürfte sich später noch eine Mehrforderung einstcllen. Großes Klagen darob in ganz Berlin, denn es sind nicht nur bedeutende Firmen betheiligt; auch viele mittlere und kleinere Geschäftsleute hatten Einzelbeträge von mehreren tausend Mark gezeichnet, natürlich in der bestimmten Voraussetzung, daß ja ein Fehlbetrag in der Weltstadt Berlin unmöglich eintreten könne, im Gegen­

theil es würde Geld in Hülle und Fülle übrig bleiben. Und nun dasDefizit" von fast zwei Millionen Mark. Das ift'n bisken happig auf einmal", sagt der Berliner. Eine beträchtliche Zahl der Garantiezeichner weigert sich denn auch, die Bezahlung zu leisten; sie fordern eine genaue Abrechnung, und zwar nachdem erst sämmtliche Geschäfte der Ausstellungskommission abgewickelt sind, was bisher noch nicht der Fall ist. Mit diesen Weige­rungen scheint der Arbeitsausschuß gerechnet zu haben, denn er vergaß nicht, bei seiner sonst gar nicht eingehen­den Rechnungsdarlegung für zukünftige Verwaltungs­und Prozeßkosten 35000 Mark anzusetzen. Die Herren Rechtsanwälte werden also noch das beste Geschäft be bei der Defizit-Ausstellung machen!

Die Landwirthschaftskammer für Brandenburg hat das Verfahren des Obermedizinalraths Lorentz in Darmstadt zur Herstellung von Impfstoffen gegen Schweinerothlauf erworben, um diese in einer eigenen Anstalt zu Prenzlau herstellen zu lassen. Die Kammer legt der Erfindung große Bedeutung bei; es werde da­durch ermöglicht, Verluste durch Rothlauf gänzlich zu vermeiden; die Jmpfmethode sei auch völlig gefahrlos. Die Kammer erwartet, daß die Landwirthe von dieser Hilfe allgemeinen Gebrauch machen.

Oldenburg. Dem Erbgroßherzog von Oldenburg, der bisher ohne männliche Nachkommen war, ist am Dienstag, am Geburtstage der Erbgroßherzogin, ein Prinz geboren. Die Geschäfte waren deshalb dekorirt. Abends war die ganze Stadt herrlich illuminirt. Es fand eine Korsofahrt der Radfahrervereine Oldenburgs statt.

Würzburg. Kaisermanöver in Bayern. Die Dis­positionen zn denselben sind nun endgiltig festgestellt. Hiernach trifft der Prinzregent von Bayern am 30. Abends in Würzburg ein. Am 31. August wird der hohe Herr die seiner Einladung folgenden Fürstlichkeiten am Bahnhof empfangen und eine Fahrt durch die Stadt machen. Am 1. September früh begibt sich der Regent zum Bahnhöfe, um mit den übrigen Fürstlich­keiten den Kaiser, die Kaiserin und den Kronprinzen zu begrüßen. Alsdann erfolgt die Fahrt auf das Parade­feld. Die Rückkehr erfolgt gegen 1 Uhr Mittags. Kurz nach 6 Uhr erfolgt die Ankunft des Königs von Sachsen. Am 2. September früh erfolgt die Fahrt nach Nürnberg, von wo gegen 10 Uhr Abends die Rückkehr nach Würzburg vorgesehen ist. Am 3. Sep­tember früh reifen die Kaiserlichen Majestäten ab. Am 4. früh reist der hohe Herr nach Brückenau zur Ent­hüllung des Denkmals König Ludwigs I. und von da nach Aschaffenburg.

Mainz, 7. August. In Erbenheim hat ein Zigeuner mit einem Revolver auf den Bürgermeister geschaffen, weil er einen Trupp Zigeuner nicht im Orte dulden wollte. Der Schuß ging aber fehl und traf einen anderen Einwohner von Erbenheim. Die Zigeuner flüchteten. Sie werden verfolgt. Die erst 20 Jahre zählende Ehefrau des Lackirers Adam Heim goß gestern als sie vom Markt heimgekehrt war, einer alten Unsitte folgend, Petroleum auf das Herdfeuer. Leider erfaßten sie die Flammen, und die in anderen Umständen be­findliche Frau war im Nu eine Feuersäule. Eine Rettung der Unglücklichen selbst war unmöglich; das Bemühen der Aerzte war nur darauf gerichtet, das Kind zu erhalten. Man nahm eine Operation vor, die das Kind lebend zur Welt brächte. Die Mutter erlag den erlittenen Brandwunden.

Ausland.

Madrid. DieKöln. Ztg." stellt die Ermordung Canovas bei Castillo's folgendermaßen dar: Der Mörder gab den ersten Revolverschuß auf drei Meter Ent­fernung ab und traf Canovas rechts an der Stirn, der zweite Schuß drang auf der rechten Seite durch das Schulterblatt, der dritte Schuß traf die Brust. Die erste Kugel soll den sofortigen Tod herbeigeführt haben. Im Verhör behauptete der Mörder, er habe keine Mit­schuldigen, die Zeit der Verschwörungen sei vorbei. Er habe seit 7 Monaten nichts von seiner Familie gehört. Er behauptete ferner, den wahren Urheber des Ver­brechens in Barcelona habe man nicht entdeckt. Das Verbrechen sei nur der Anfang vieler anderen ernsteren, die Spanien anderwärts bevorständen.

London, 11. Augnst. DieTimes" enthält einen offiziellen Bericht aus Buenos-Aires, nach welchem das

Erträgniß an Wolle, sowohl an Quantität wie in Qualität, das der letzten Jahre bedeutend übertrisit. Auch die Ernte an Weizen und Flachs sei doppelt so groß, wie in den Vorjahren. Die Körner seien von vorzüglicher Beschaffenheit.

Konstantinopel, 11. August. Da die Botschafter die letzten Instruktionen erhalten haben, wird heute die Unterzeichnung der Friedenspräliminarien erwartet. Wahr­scheinlich wird jedoch abermals eine Verzögerung ein­treten. Aus Armenien kommen beunruhigende Mel­dungen. An der persischen Grenze sind Zusammenstöße vorgekommen. Bei Man sollen zweihundert Armenier getödtet sein; die Lage wird von Tag zu Tag ver­wirrter. Ein schlimmes Zeichen der ökonomischen Lage in der Stadt ist die fortwährende Vertheuerung des Brodpreises.

New-Aork, 11. August. Sowohl in der Presse als auch im Publikum macht sich eine heftige Bewegung gegen die jetzige Regierung bemerkbar. Dem Präsidenten Mac Kinley wird der Vorwurf gemacht, durch seine Politik die Vereinigten Staaten mit den europäischen Nationen verfeindet zu haben, ohne dadurch dem ameri­kanischen Handel itnb Gewerbe etwas zunutzen. Auch die auswärtige Politik Shcrmans wird getadelt. Seit Uebernahme des Postens durch ihn seien die Konflikte mit Japan, England, Spanien und Peru entstanden.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 13. August.

* Die Schnitternte kann in der Hauptsache als beendet angesehen werden. Schon dringt allenthalben der Taktschlag des Dreschflegels an das Ohr. Der Erntereichlhum ist groß und es sind wohl nicht die kleinsten Sorgen des Landwirths, die Ernte zu bergen. ES gilt recht sparsam zu wirthschaften, denn wird das nächste Jahr einen gleichen Erfolg haben? Noch sind die schweren Zeiten der Futternoth vor einigen Jahren nicht vergessen, wo die Landwirthe taufende von Mark zusetzen mußten. Aber auch im Hinblick auf die schweren Wetter und Ueberschwemmungen in den östlichen Gegen­den unseres Vaterlandes, wo jegliche Ernte in diesem Jahre ausgeschlossen erscheint, ist es nothwendig, daß auch unsere Bauern rationell wirthschaften, die Frucht wegen ihres Reichthums nicht verschleudern. Nach Heu und Stroh wird es jedenfalls eine sehr große Nach- rage geben.

* Jetzt zur Zeit der militärischen Herbstübungen ei wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß es sich empfiehlt, Postsendungen für an den Uebungen theil- nehmenden Offiziere und Mannschaften nicht nach den in kurzen Zeiträumen wechselnden Marschquartieren, ondern stets nur nach dem Garnisonorte zu richten. Für die richtige und schleunige Weitersendung dieser Briefe rc. wird dann postseitig gesorgt. Ferner ist es dringend nothwendig, in den Aufschriften der Sendungen an Unteroffiziere und Mannschaften außer dem Familien­namen, dem nach Umständen auch Vornamen und Ord­nungsnummer zuzusetzen sind, den Dienstgrad und Truppentheil (Regiment, Bataillon, Kompagnie, Schwa­dron, Batterie, Kolonne rc.) genau anzugeben. Ebenso bedarf es auch bei Sendungen an Einjährig-Freiwillige der genauen Angabe des Truppentheils, da die Re­gimenter, Bataillone rc. oft auseinander gezogen und auf verschiedene Quartierorte vertheilt werden. Mangelhafte Aufschriften der Manöver-Postsendungen werden eine Verzögerung in der Beförderung und Bestellung der­selben zur Folge haben. Für die Nach- oder Rück­sendungen von Postanweisungen, gewöhnlichen und ein­geschriebenen Briefsendungen, sowie der gegen ermäßigtes Porto beförderten Soldatenpackete ohne Werthangabe bis zum Gewicht von 3 Klg. einschließlich wird kein Porto erhoben.

* Eine für Fortbildungsschüler bemerkenswerthe Entscheidung hat das Reichsgericht getroffen. Ein Lehrer befahl einem Fortbildungsschüler während des Unterrichts die Bank zu verlassen. Der Schüler wieder- setzte sich der Aufforderung des Lehrers. Dies zeigte der Lehrer beim Strafrichter an und der Bursche wurde zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt. Auf eingelegte Berufung kam die Sache vor das Reichsgericht und dieses entschied wie folgt: Der Lehrer, welcher in der Fortbildungsschule das Aufsichtsrecht ausübt, ist als Beamter anzusehen, der zur Vollstreckung von Anord­nungen der Obrigkeit berufen ist. Demgemäß ist drx