SchlüchternerMung
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r M 64. Mittwoch, dt« 11. A»,B 1897. ~ 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin sind jetzt Gäste des russischen Zarenpaares. Die Begrüßung gleich bei der Ankunft war eine überaus herzliche. Als das Zarenpaar und Großfürst Alexis die Falltreppe der „Hohenzollern" betraten, eilte der Kaiser ihnen entgegen, umarmte den Zaren wiederholt und küßte der Zarin beide Hände, während dieselbe Kaiser Wilhelms Stirne küßte. Der deutschen Kaiserin küßte der Zar ebenfalls die Hand und beide Kaiserinnen küßten sich wiederholt. Der Zar erfreute den Kaiser ganz besonders durch die Ernennung zum Admiral ä la suite der russischen Flotte.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." Der Besuch des deutschen Kaiserpaares in Petersburg findet die deutsch-russischen Beziehungen auf der gleichen Höhe ungetrübter Freundschaft wie bei der vorjährigen Anwesenheit des Zaren- paareS in Breslau. In der Zwischenzeit habe die Politik der beiden großen Reiche einen Weg genommen, der von dem gemeinsamen Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und.der Gerechtigkeit in Europa vorgezeichnet sei. Das gute Verhältniß Deutschlands zu Rußland beruhe in erster Linie auf den persönlichen Beziehungen der Herrscherfamilien. Die Herzlichkeit der Gesinnungen, die den Kaiser mit dem Zaren verbinden, gebe eine hoffnungsvolle Bürgschaft für die Zukunft und bedürfe nicht der Schwärmereien einer Gefühlspolitik. WaS wir unter dem Symbol einer treuen Monarchen- sreundschaft pflegen und erhalten wollen, sei die gute Nachbarschaft zwischen zwei starken Völkern, welche lernten, sich in ihrer Eigenart zu achten und Wand an Wand friedlich ihren Kulturabgaben zu leben.
— Ein überaus beachtenswerther Versuch, dem man nur das beste Gelingen wünschen kann, soll im X. Armeecorps gemacht werden. Er hat zum Zweck, den Soldaten, die im Herbst zur Reserve übertreten, schon vor ihrem Abgang aus der Armee eine Arbeitsstelle zu verschaffen. Um dies zu erreichen, haben sich nach der „Täglichen Rundschau" die Bezirkskommandos an die Krieger-Vereine gewendet, damit ihnen diese eine Zusammenstellung liefern, an welchem Ort und bei wem Arbeit im Herbst frei wird und welcher Art diese ist. Diese Zusammenstellungen werden dann von den BezirkS- kommandoS den einzelnen Regimentern zugesandl, die sie zur Kenntniß der Reservisten bringen. Die Anmeldestellen in den einzelnen Kreisen des Bereichs des X. Armeekorps sind bei den Bezirkskommandos zu erfahren. Sollte der Versuch gelingen, der den Reservisten manche nutzlose Reisen und Geldausgaben erspart, so soll er im nächsten Jahre auch in anderen Armeekorps eingeführt werden.
— Die Signale für Infanterie und Kavallerie, die eine theilweise Umänderung und Ergänzung erfahren haben, sind soeben an die Truppentheile verausgabt worden und gelangen in der veränderten Notirung zum ersten Male bei den diesjährigen Manövern zur allgemeinen Anwendung. Neu hinzugetreten ist das Signal „Straße frei", wonach die marschirenden Truppen gemäß der Felddienstordnung die linke Hälfte der Straße frei zu machen haben, und das Signal „Abrücken", worauf die Truppen nach Schluß des Manövers bezw. der Felddienstübung ohne Weiteres in ihre Quartiere oder sonstigen Bestimmungsorte abrücken. Auch ein neues, für alle Waffengattungen giltiges Signal für Alarm wurde eingeführt und die ebenfalls für alle Waffen gütigen Signale für Adjutantenruf und Feuer- ^ lärm abgeändert. Das früher übliche Signal, das Ganze sammeln, wird als Alarmsignal nicht mehr ge- braucht.
— Zur Frage der Hilfeleistung bei Wetterkata- strophen finden wir in der „M. P. K." die folgenden Ausführungen, die in mancher Beziehung beherzigens- werth erscheinen: So anerkennenswerth und erhebend es ist, wenn bei außerordentlichen Nothzuständen wie jetzt infolge der Unwetter in Schlesien, Sachsen und Württemberg die allgemeine Mildthätigkeit in Anspruch genommen wird, um erfahrungsgemäß so glänzend in die Erscheinung zu treten wie nur möglich, so scheint es doch unerläßlich, im Zusammenhang mit den jetzt gemachten und weiter zu machenden Erfahrungen der Frage näher zu treten, ob es sich nicht empfehlen möchte, in allererster Linie stets die Provinzial- respektive die einzelne Landesverwaltung dafür in Anspruch zu nehmen, daß sie in zu-) milchst auskömmlicher Weise sofort für die nothwendigste j
Hilfeleistung sorgt, und dann erst, wenn sich übersetzen läßt, ob und wie weit die vorhandenen Mittel zureichen oder nicht, sich an die Mithilfe der größeren staatlichen Gemeinschaft und an die öffentliche Mildthätigkeit wendet.
— Nach Südwestafrika geht demnächst eine Abtheilung der Eisenbahnbrigade zum Bahnbau. Das Material, darunter auch vier Lokomotiven, ist bereits abgegangen. Man hat es mit der Militärbahn nach der Hamburger Bahn und über diese nach Hamburg gebracht, wo es verladen wird. Am 8. dieses Monats reisten zunächst Premierlieutenant Schulze I. von der 5. Kompagnie des Regiments Nr. 3 und Sckonde- lieutenant Hecker von der 3. Kompagnie des Regiments Nr. 2 mit 6 Unteroffizieren ab. Am 13. September folgen noch 39 Unteroffiziere, so daß dann das ganze Kommando 2 Offiziere und 45 Unteroffiziere stark ist. Die Bettzeiligten haben sich sämmtlich auf eine vor einiger Zeit an die Brigade ergangene Aufforderung hin freiwillig gemeldet und sind auf 6 Monate beurlaubt worden. Jeder Unteroffizier erhält 600 Mark. Die Ausgabe der Abtheilung ist die Herstellung einer 90 Kilometer langen Schmalspurbahn.
— Der Verein Berliner Getreide- und Produkten- Händler hat in einem Cirkular seine Mitglieder ersucht, keine Mittheilungen über Preisnotirung an die Vertreter der Presse, auch nicht der befreundeten, zu machen, da die größten Gefahren für die Fortführung der Geschäfte in der bisherigen Weise beständen, wenn die Presse in die Lage käme, fortlaufeiide Notirungen zu bringen.
— Eine sensationelle Meldung kommt aus Warschau. Nach Mittheilung Dortiger polnischer Blätter soll die russische Regierung ein Getreideausfuhrverbot planen, weil es sonst an Getreide in Rußland mangeln würde. Auch der „Dziennik Poznanski" will — sogar aus amtlicher russischer Quelle — die gleiche Nachricht empfangen haben.
Breslau, 7. August. Der Gesammtschaden durch das Hochwasser in Schlesien, der anfangs auf 12 Mill. Mk. geschätzt war, wird jetzt bereits auf 20 Millionen Mark berechnet. Die Noth ist also noch erheblich größer als bisher angenommen wurde, und dabei steht noch gar nicht einmal fest, ob nicht noch neue Hochwasser zu befürchten sind. Theilweise sind bereits wieder starke Regengüsse niedergegangen, die aber glücklicher Weise nicht lange angehalten haben.
Dresdeu, 7. August. Der Hochwasserschaden in Sachsen wird ohne Einrechnung des Ernteverlustes auf mindestens 70 Millionen Mark geschätzt. Die von dem siesigen meteorologischen Institut ausgestellten Wetter- >erichte lassen erkennen, wie stark die niedergegangenen Regenmassen gewesen sind. Am 29. und 30. Juli jaben sich über Sachsen gut 1500 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen, das bedeutet ein Gewicht von 30 Millionen Centnern. Bei diesen ungeheuren Wassergüssen erklärt sich auch die furchtbare Zerstörung, die an vielen sächsischen Orten angerichtet worden ist.
Darmstadt, 2. August. Das Leben gerettet und obendrein noch die Kosten bezahlt. In dem Lokale des Gastwirts G. dahier erschien im Herbst vorigen Jahres ein junger Mann und ließ sich ein Glas Bier geben. Unmittelbar, nachdem er es getrunken, fiel er bewußtlos um. Es stellte sich später heraus, daß er aus Licbes- gram Gift genommen hatte. Der Restaurateur benachrichtigte die Polizei und diese ließ, wie immer in solchen Fällen, den Armenarzt des Reviers holen. Ehe dieser aber zur Stelle gebracht werden konnte, verschlimmerte sich der Zustand des jungen Mannes, weshalb der Restaurateur schleunigst einen anderen benachbarten Arzt zur Hilfe herbeiholte, der mit Erfolg Gegenmittel in Anwendung brächte. Der Lebensmüde, ein Mechaniker, ist dann in der Charits wieder genesen und von seinem Liebeskummer auf immer geheilt worden: denn seine Angebetete ist bereits seine Frau. Der Arzt, welcher ihm das Leben gerettet, verlangt von ihm ein Honorar von 10 Mark; dieser Anspruch wurde mit der Begründung zurückgewiesen, daß er, der Gerettete, den Arzt nicht gerufen habe. Nunmehr verklagte der Arzt den Restaurateur wegen des Honorars und dieser ist zur Zahlung verurlheill worden. Der Einwand des Beklagten, daß er bei Herbeiholung des Arztes nur Menschenpflicht geübt und durch sein schnelles Eingreifen das Leben des Selbstmörders gerettet habe, wie der klagende Arzt selbst zugab, konnte vom Richter nicht berücksichtigt werden, da es im vorliegenden Falle
nur darauf ankam, wer den Kläger zur Hilfeleistung herbeigerufen hat. Da dies zugestandenermaßen der beklagte Restaurateur war, so mußte dessen kostenpflichtige Verurteilung erfolgen. Der Berliner Lokalanzeiger, dem diese Notiz entstammt, knüpft hieran folgende Bemerkung: Der Verurtheilte kann sich wohl jetzt an dem damaligen Gaste schadlos halten, er wird dies aber nicht thun, sondern will nach Eingang des Urtheils dasselbe unter Glas und Rahmen in seinem Lokale aufhängen, damit jedermann aus diesem FalleLehreziehen kann.
Hagenau. Bei einer Reitübung auf dem Hagenauer Schießplätze fühltte der im Feldartillerie-Regiment Nr. 34 dienende Soldat Ullrich plötzlich einen gelinden Stoß auf der Brust, der seiner Meinung nach von einem kleinen Stein herrühren mußte. Nach Beendigung der Reitübung in die Caserne zurückgekehrt, machte sich beim Putzen des Pferdes, etwa zwei Stunden nach besagtem Unfall, bei Ullrich ein kleiner Schmerz in der Brust fühlbar, und es stellte sich Unwohlsein ein. Bei näherer Untersuchung fand der Arzt die Brust von einer Jnfanteriekugel durchbohrt. Die Kugel konnte mit leichter Mühe aus dem Rücken entfernt werden. Die Wunde und der Schußkanal waren kaum sichtbar und edlere Theile unverletzt, so daß der Arzt Aussicht geben konnte, daß Ullrich in etwa vier bis sechs Wochen wieder wohlauf sein würde. Sehr eingehende Untersuchungen haben bis jetzt Bestimmtes nicht an den Tag gebracht, doch hat es den Anschein, daß die Kugel von einer in sehr weiter Entfernung übenden Infanterie-Abtheilung herrührte.
Aus Bühl, 6. August, wird geschrieben: Heute ging abermals ein großer Massentransport unserer so gesuchten Bühler Frühzwetsche nach dem Norden ab. Derselbe bestand aus 13 Eisenbahnwaggons, von denen 5 direkt nach Köln, 3 nach Berlin und je einer nach Württemberg, Nürnberg, Leipzig, Frankfurt, Hannover abgefertigt wurden. Die Bestellungen laufen immer noch in erfreulicher Anzahl ein, so daß das Exportgeschäft schon noch einige Zeit anhalten wird. Die Leute sind heuer sehr befriedigt und fest entschlossen, auch fernerhin nichts unversucht zu lassen, was zur Verbesserung des Frühzwetschenbaues nur irgendwie beitragen könne.
Ausland.
Wien, 7. August. Gerüchte, daß mit der gestrigen furchtbaren Explosion in Nustschuk ein geplantes Alten- tatt gegen den Fürsten Ferdinand von Bulgarien im Zusammenhang stehe, finden keinen Glauben. Laut dem „Neuen Wiener Tagblatt" waren in der durch die Explosion in die Luft gesprengten Baracke circa 320 Personen, meist Frauen und Kinder, mit der Entleerung einiger Millionen alter Patronen beschäftigt. Blos 20 Arbeiter erreichten unverletzt das Freie, da zur Verhinderung von Diebstählen lediglich eine Thür offen war. 130 Personen waren sofort todt. Die Leichname sind unentkenntlich und theilweise nicht aufzufinden. Die Verletzten wurden in das eine halbe Stunde entfernte Spital geschafft. Die Explosion wurde angeblich durch die Unvorsichtigkeit eines jugendlichen Arbeiters herbeigeführt. Die Baracke gehörte der Sofianer Firma Brüder Jvanow, welche zur Verantwortung gezogen werden sollen, weil nach der Vorschrift nur kleine getrennte Baracken für solche Arbeit gestattet sind.
Petersburg, 7. August. Nachstehender allerhöchster Befehl wurde heute hier bekannt gegeben: „Se. Majestät der Zar hat allergnädigst geruht, gelegentlich seiner Anwesenheit auf der Macht „Alexandria" am 26. Juli (7. Aug.) 1897 nachstehenden allerhöchsten Erlaß zu geben: Seine kaiserliche und königliche Majestät der deutsche Kaiser und König von Preußen Wilhelm II. wird zum Admiral der russischen Flotte ernannt."
Rußland. In Krementschlug in Rußland ereignete sich ein entsetzliches Unglück. Die städtische Frauenbade- Anstalt auf dem Dniepr, in welcher über 400 Frauen badeten, riß sich von den Ankerketten los und trieb fort. Trotz der zur Rettung abgesandten Boote fanden über 200 Frauen den Tod in den Wellen.
Madrid, 8. August. Nach einer Depesche aus Santa Aguedy wurde der Ministerpräsident Canovas von einem Anarchisten erschossen. Canovas starb mit dem Rufe: „Es lebe Spanien!" Der Mörder ist ver- haftet. Derselbe gab an, Rinaldi zu heißen. Der richtige Name ist aber Michel Angelo Golll.