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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
' Sa«st«g, des 31. Juli 1897. ' 48. Jahrgang.
iMWI««^tt auf ^^ „Schlüchterner Zeitung« 5ltmUUliy*ll werden noch fortwährend von allen ^ —~ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
verhaftet worden. Es heißt, das betr. Fleisch rühre von einem verendeten Thiere her, das nachts von außen in die Stadt eingeschmuggelt worden sei. Die Untersuchung ist noch nicht völlig abgeschlossen.
Mainz, 27. Juli. Tragikomisch ist die Geschichte, welche ein hiesiger Schutzmann mit dem hier festgenommenen Wiesbadener Einbrecher Spriestersbach erlebt hat. Der Letztgenannte war, nachdem er zuletzt in Wiesbaden an 9000 Mark gestohlen hatte, nach Mainz gefahren, wo er in einem kleinen Hotel unter dem Namen eines Bankiers (?) aus Ems abstieg. Dorthin kam auch ein wachhabender Schutzmann, der von der Liebenswürdigkeit des fremden Herrn so entzückt war, drß er dessen Einladung zu einem guten Essen mit Wein annahm. Ja, der Polizeibeamte hatte von dem „Bankier" einen so guten Eindruck empfangen, daß er ihn in seine Familie einführle und ihm weiter die erwachsene Tochter als Begleiterin ins Konzert mitgab. Abends verabredete man dann ein gemeinsames Zusammentreffen; aber daraus wurde nichts, denn inzwischen hatten findigere Schutzleute den steckbrieflich verfolgten Verbrecher erkannt und ihn geschlossen abgeführt. Gegen den vertrauensseligen Schutzmann aber wurde eine Disziplinaruntersuchung eingeleüet. — Daß ein Taschendieb von einem Polizisten bestohlen wird, ist jedenfalls neu. Von hier wird ein solcher Fall gemeldet: Am Sonnabend kam dort ein sehr eleganter Taschendieb in Polizeigewahrsam, der auf einem Rheindampfer die Taschen der Mitfahrenden geleert hatte. Der Spitzbube — der jedenfalls ein internationaler Verbrecher ist; er will aus Kanada sein — wurde msüirt und ihm die etwa 1000 Mark betragende Baarschaft abgenommen. Nun behauptete der Taschendieb, daß davon auf der Wachstube 40 Mark abhanden gekommen seien. Der älteste Revierbeamle machte kurzen Prozeß; er erklärte, daß er nicht geneigt sei, sich als Dieb hinstellen zu lassen, wer das Geld habe solle es herausgeben, andernfalls werde eine Körpervisttation sämmtlicher anwesenden Schutzleute vorgenommen. Die Körpervisitation begann, und nun versuchte der Schutzmann Schmidt, der das Geld thatsächlich genommen hatte, die 40 Mark auf eine Fensterbank zu legen, wobei ihm ein Zwanzigmarkstück zu Boden fiel. Das Geld war gefunden. Alles Lamenliren half nun nichts, man holte den Bezirkskommissar Schöncck und den Wachtmeister Oesverberg und theilte diesen den Fall mit, worauf Polizeikommissar Schüler herbeigeholt wurde, der dem Schutzmann Schmidt rieth, sofort seine Entlassung zu nehmen, was dieser anfänglich versprach, dann aber ab- lehnte, weil er unschuldig sei. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft von dem Vorfall Kenntniß erhalten und so erfolgte die Festnahme des Schutzmanns, der jedenfalls in geistiger Zerrüttung gehandelt hat. Die Mainzer Schutzmannschaft setzt sich, das sei gesagt, aus den ehrenwerthcsten Männern zusammen.
Aus Lothringen. Unter Vorspiegelung einer glänzenden Zukunft sucht man kräftige, im militärpflichtigen Alter stehende junge Leute zur Auswanderung nach Südafrika zu verleiten. Elegant gekleidete Herren, die angeblich in Luxemburg wohnen, reifen im Lande herum und versprechen goldene Berge. Vielleicht werden die Seelenverkäufer landscheu gemacht, wenn sie auf diesem Wege erfahren, daß man ihrer habhaft zu werden versucht.
Aus dem Odenwald, 27. Juli. Ein probates Mittel der Selbsthilfe gegen die Zigeunerplage haben am Samstag die Einwohner eines bei Erbach gelegenen Dorfes angewandt. Eine starke Zigeunerbande hatte sich am Dorfende niedergelassen. Die Weiber machten das Dorf mit ihrer bekannten frechen Bettelei unsicher. Die Männer trieben ihre Pferde auf die Wiesen und ließen sie trotz des Einspruchs der Grundbesitzer weiden. Auch eine wiederholte Aufforderung zur Weiterreise blieb erfolglos und wurde von den braunen Gesellen mit Lachen beantwortet. Da griff man zu jenem bekannten und wirksamen Mittel — der Feuerspritze. Circa 20 Männer rückten gegen die Bande aus und übergossen sie mit kalten Wasserstrahlen. Die angeborene Wasserscheu machte den Pußtakindern, plötzlich Beine und nahmen diese unter dem Gaudium der Dorfjugend schleunigst Reißaus. Eine Zigeunermutter, welche, ob des unfreiwilligen Bades erbost, nach ihren Angreifern mit Steinen warf und einen Jungen traf, wurde von mehreren Männern tüchtig durchgeprügelt und mit blauen Mählern ihren Genossen nachgesandt.
Deutsches Reich.
Berlin. Unser Kaiser ist gegenwärtig auf der Heimreise begriffen. Aus Molde wird berichtet: Die „Hohen- zollern" ist am Dienstag früh, von zwei Torpedobooten begleitet, südwärts gedampft. Bei der Abfahrt wurde das Kaiserschiff von dem amerikanischen Dampfschiff „Ohio", auf welchem sich 100 Touristen befanden, mit der Flagge salutiert.
— Soziale Hochschule für katholische Geistliche in Berlin. Eine Versammlung von Deligirten der 19 katholischen Arbeitervereine Berlins tagte neulich im Leo-Hospiz zu Berlin. Bekannt ist, daß diese Vereine mit ihren ca. 4000 Mitgliedern von einem geistlichen Generalsekretär, Dr. Hille, geleitet werden. Im vorigen Jahre tauchte nun der Plan auf, jedem einzelnen Verein einen Arbeitergeistlichen zur Seite zu stellen, der sich einzig der Pastorisirung der Arbeiter und der Agitation gegen die Sozialdemokratie zu widmen hätte. Dieser Plan wird thatsächlich in Kürze zur Ausführung gelangen und zwar in Verbindung mit einer Art „Sozialen Hochschule für katholische Geistliche" aus allen norddeutschen Diözesen. Der nächsten Konferenz des preußischen Episkopats, die am 20. August in Fulda zusammentritt, wird der vollständig ausgearbeitete Plan, der bereits die vollen Sympathien einer Anzahl Bischöfe gefunden hat, durch den Kardinal Kopp zur Beschlußfassung vorgelegt und zweifellos angenommen werden. — Von den Bischöfen aller Diözesen werden dann die befähigtesten Geistlichen nach Berlin gesollt. Dieselben werben in klösterlicher Gemeinschaft zusammen wohnen und den Unterricht von Sozialpolitikern, besonders katholischen, erhalten und zahlreich in den Vereinen und öffentlichen Versammlungen thätig fein. Jeder Geistliche soll wenigstens drei Jahre in Berlin arbeiten, um dann in seiner Heimathsdlözöse den Sinn für soziale Arbeit weiterzutragen. Die erforderlichen großen Räumlichkeiten für die Hochschule sind bereits bet dem Neubau des Leohospizes vorgesehen. Der Bau, der im Laufe der Woche gerichtet wird, enthält einen Saal, der bis 4000 Personen faßt.
Aus Hannover wird der „Nat. Lib. Korr." mitge- theilt, daß die bekannte Eingabe der Berliner Leitung des Bundes der Landwirthe an den Reichskanzler betreffend die sofortige Sperre der Getreideeinfuhr auf sechs Monate, von den Herren Dr. Hahn, Dr. Rösike und v. Plötz verfaßt, abgesandt, veröffentlicht uud in der bekannten Weise vertreten worden ist, ohne daß auch nur die leitenden Vertrauensmänner der Provinzialorgani- sationen vorher davon in Kenntniß gesetzt worden sind.
Essen. Ein vielfach verbreitetes Gerücht besagte, daß auf den Kruppschen Werken die Herstellung von Fahrrädern ausgenommen worden sei oder ausgenommen werden solle. Dieses Gerücht ist, wie von zuständiger Seite milgetheilt wird, durchaus unbegründet. Für die in Kiel befindliche Germania-Werft der Schiff- und Maschinenbau-Akt.-Ges. Germania, die bekanntlich von der Firma Krupp übernommen worden ist, ist ein im Süden an ihr Gebiet angrenzendes Stück Land von ungefähr 80,000 Quadratmeter Fläche zur Vergrößerung des Betriebes erworben worden. Die noch in Tegel befindliche große Maschinenfabrik der Germania wird im nächsten Jahre nach Kiel verlegt. Die Firma Krupp kommt dadurch in den Stand, für jedes von ihr zu bauende Kriegsschiff erster Klasse das gesammte Baumaterial, Panzerplatten rc., die vollständige Schiffs- uiaschine mit Kesseln sowie die Schiffsgeschütze nebst Munition selbst herzustellen.
Köln. Laut einem amtlichen Bericht ist die Zahl der nach dem Genuß von Rindfleisch in Kalk bei Köln vergifteten Personen auf 36 gestiegen. Am Sonntag starb ein zweiter Familienvater. Vom Gericht wurde die Obduktion beider Leichen angeordnet. — Anläßlich der Beerdigung eines der an vergiftetem Fleisch Verstorbenen ist es in Kalk zu Ausschreitungen seitens der erregten Menge gegen einen Metzger und seine Familie gekommen, sodaß die Polizei das angegriffene Haus besetzen mußte. Die Fensterscheiben wurden zertrümmert. Der Schlächter, von dem das verdorbene Fleisch entnommen war, ist auf Anordnung der Staatsanwaltschaft
Nordhausen, 26. Juli. Ein Pferd eines hiesigen Kaufmanns hatte sich aus dem Stalle losgemacht, war im Wohnhause zwei Treppen hoch gestiegen und durch die gerade offenstehcnde Thür der guten Stube nach dem Balkon gelangt, wo es in aller Gemüthsruhe die Blumen beroch und Ausguck hielt. Die Entfernung des Thieres aus den Wohnränmen war nicht leicht, denn der Gaul ließ sich zwar gutwillig die obere Treppe hinabführen, auf der unteren aber zeigte er sich störrisch und war nicht zu bewegen, auch diese Treppe herabzusteigen. Da dies aber geschehen mußte, wurde die Treppe dicht mit Stroh belegt und an den Eindringling zwei Pferde gespannt, die ihn denn auch ohne weiteren Unfall herabschleiften.
Hildesheim, 22. Juli. Ein bei einem hiesigen Metzgermeister beschäftigter Gehülfe, der sich bis jetzt noch nicht das Geringste zu Schulden kommen ließ, war von dem stellvertretenden Schlachthofinspektor, einem jungen Thierarzt, verklagt worden, weil er diesen durch Husten und Lachen beleidigt haben soll. Der Metzgergehülfe bestritt die Absicht der Beleidigung ganz entschieden und wurde infolgedessen auch von dem hiesigen Schöffengericht glänzend freigesprochen. Somit war die Sache erledigt, wird jetzt jeder Leser denken, denn wenn das Gericht Jemanden freispricht, so hat niemand, wer es auch sein mag, das Recht, daran zu rütteln. Der Akt vor Gericht war erledigt, nun kam aber ein anderer Akt. Dem Metzgergehülfen ging nämlich dieser Tage ein Schreiben des Magistrats, unterzeichnet von dem Oberbürgermeister Struckmann zu, demzufolge dem Metzgergehülfen von heute ab das Betreten des Schlachthofes untersagt ist. — Trotzdem also der der Beletdigung Angeklagte rehabilitirt worden, hindert man ihn an der Ausübung seines Gewerbes. Der junge Hildesheimer wird wohl oder übel den Wanderstab ergreifen und wanden müssen, bis er einen Schlachthof findet, wo er ungestört husten, lachen oder niesen darf.
Ausland.
Aus Wien wird der „Münch. Allg. Ztg." geschrieben: Die österreichische Regierung scheint ein Monopol der elektrischen Kraft anzustreben. Das geht daraus hervor, daß der Benützungskonsens der Wasserkraft zum Zweck elektrischer Betriebsanlagen nicht auf unbestimmte Zeitdauer, sondern nur auf 30 oder 40 Jahre gewährt wird. Hierdurch soll dem Staat die Möglichkeit gewahrt werden, wenn später die elektrische Kraftbenützung und Kraftübertragung größere Fortschritte gemacht hat, dieselbe entweder ganz als Monopol zu erklären oder mit einer Steuer zu belegen.
Paris, 28. Juli. Die großen Pariser Geschäfts- Magazine haben beschlossen, in Ansehung der Vortheile, welche ihnen die Erhöhung des Maximalgewichts der Postpackete auf 10 Kilogramm gewährt, Komptoire im Auslande zu errichten, insbesondere in Deutschland und in Südamerika.
England. Aus den Unterredungen der englischen Parlamentskommission über das Jameson-Unternehmen ist neben den auf Transvaal bezüglichen Vorgängen am bemerkenswerthesten für das Ausland wohl die amtliche Feststellung, daß die Chartered Company in dem ganzen Gebiete der von ihr verwalteten Colonie grundsätzlich die Sklavenarbeit^eingeführt und bis heute aufrecht er» halten hat. Die dem Parlamentsausschüsse vorgelegten Berichte des Lord Grey und des Königlichen Commissars Sir Richard Martin stellen die Thatsache der Sklavenarbeit außer allem Zweifel, und Lord Grey geht sogar soweit, zu behaupten, daß der blutige Krieg von 1893 gegen die Matabele lediglich durch die schmachvolle Behandlung hervorgerufen wurde, welche die Beamten der Gesellschaft den zur Sklavenarbeit verwandten 2000 bis 3000 Eingeborenen zu Theil werden ließen. Der Krieg selbst aber habe diesen Zustand noch verschlimmert, da nach der Niederwerfung der Aufständigen noch weitere 5000 Eingeborene zu Sklaven der Gesellschaft erklärt wurden. Das Wichtigste aber ist, daß nach dem Bericht Martin's dieser Zustand noch heule andauert.
London, 27. Juli. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß die britische Regierung zu dem Entschluß gelangt sei, die Handelsverträge mit Belgien und Deutschland nicht zu kündigen, weil der Handel Großbritanniens mit diesen Ländern werthvoller erscheine, als der mit den Kolonien und die Kündigung der Verträge schwere Verluste im Gefolge haben dürste,