SchluchternnMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 60. Mittwoch, den 28. Juli 1897. 48. Jahrgang.
IMMhltinrtl °^^ bte »Schlüchterner Zeitung" ^t^lUullyvIl werden noch fortwährend von allen - "-^ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
Bekanntmachung.
J.-Nr. 2916 K. A. Der Freiherr Hugo von Stumm zu Ramholz beabsichtigt, auf seinem in der Gemarkung Ramholz, Grundbuch-Artikel 25, einen feststehenden Dampfkessel zu errichten.
Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kenntniß mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in 2 Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden.
Zeichnung und Beschreibung der Anlage können während der Dienststunden im Bureau des Kreis-Ausschusses eingesehen werden.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht in demselben Büreau auf
Donnerstag, den 11. August er.,
Vormittag 10 Uhr, vor dem Unterzeichneten an und wird hierbei bemerkt, daß im Falle des Ausbleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden gleichwohl mit Erörterung der Einwendungen vorgegangen werden wird. Schlüchtern, den 26. Juli 1897.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Nordlandreise des Kaisers soll in Wilhelmshaven beendigt werden, am daran anschließend die Taufe des dort gebauten neuen Panzerschiffes vvr- zunehmen. — Die deutsche Kaiserin ist am Montag, den 26. Juli von Tegernsee nach München gekommen, um dem Prinzregenten den Gegenbesuch abzustatten.
— Das Abgeordnetenhaus lehnte in seiner Freitag- Sitzung die Vereinsgesetznovelle mit 209 gegen 205 Stimmen ab. Dafür stimmten die Konservativen, die Freikonservativen und von den Nationalliberalen die Abgg. Schoof und Bueck.
— Die Einrichtung von Mehlmärkten in den Jnn- ungshäusern der Bäcker hat den Erwartungen durchaus entsprochen. Wenn die Mehlhändler sich anfangs auch mit aller Gewalt gesträubt haben, so sind sie schließlich doch den Wünschen der Bäckermeister ^nachgekommen. Sie theilen sämmtlich dem Jnnungsvorstand den bei Abschlüssen erzielten Preis mit, sodaß dieser nun die Preis- notirungen mit dem Namen der verkaufenden Firma zu veröffentlichen in der Lage ist.
— Ein Beweis für die hohe Stellung, die die deutsche Schifffahrt im Weltverkehr einnimmt, ist der stetig wachsende Antheil Deutschlands am Verkehr durch den Suezkanal. Noch rn den siebziger Jahren nahm Deutschland die sechste Stelle ein, heute die zweite unmittelbar hinter dem seegewaltigen Großbritannien. Diese Zunahme ist gerade auf Kosten des letzteren vor sich gegangen. Denn auf Großbritannien entfielen im Durchschnitt der Jahre 1870 bis 1879 nach der Schiffszahl 73,2 Prozent, nach der Tonnenzahl 76,9 Prozent, im Jahre 1896 nur noch 63,4 Prozent bezw. 68,0 Prozent.
Kiel. Ueber den Kaiser Wilhelm-Kanal schreibt die „Mil. Pol. Korr." es stelle sich immer mehr heraus, daß der Kanal für große Kriegsschiffe m vielen Fällen durchaus noch nichts tauge. Es werde daher früher oder später erörtert werden müssen, ob sich durch eine weitere Vertiefung der Fahrrinne Schwierigkeiten beseitigen ließen, die besonders dann leicht in die Erscheinung träten, wenn auf dem Kanal gleichzeitig Kriegs- und Handels- und Küstenfahrzeuge verkehrten und einander auszuweichen gezwungen seien.
Aus Friedrichsruh kommt die Mittheilung, daß die Meldung von derUcbersiedelung des Fürsten Bismarck nach Varzin jeglicher Begründung entbehrt. — In der „Krzztg." lesen wir: In mehreren Blättern findet sich die Notiz, daß sich am Donnerstag fünfzig Jahre vollendeten seit dem Tage, da Otto v. Bismarck seiner Braut Johanna v. Putlkammer die Hand zum Ehcbunde reichte. Das ist ein Irrthum. Erst am 28. Juli hätte Fürst Bismarck
Ausland.
Rußland. Nach den vorläufigen summarischen Mittheilungen über die Ergebnisse der am 9. Februar stattgefundenen ersten Volkszählung in dem ungeheueren russischen Ländergebiete beziffert sich die Gesammtbe- völkcrung des Reichs auf 126683312 Personen. Dazu kommt noch die Bevölkerung des Großherzogthums Finnland mit 2 527 801 Personen, so daß im Ganzen 129211113 Personen gezählt sind.
— Eine furchtbare Hungersnoth wüthet im Innern von China. Wie der japanischen Zeitung „Jomiuri- Schimbun" aus Shanghai gemeldet wird, tritt sie besonders entsetzlich am oberen Laufe des Jangtsekiang zwischen den Bertragshäfen Jtschang und Tschungking auf. Ueberall liegen an den Ufern des Stromes viele Verhungerte und täglich sterben mehrere Hunderte. In der Stadt Tschungking allein sind im ganzen schon bis vor zwei Monaten einige hundert Menschen vor Hunger umgekommen. Die meisten dieser Unglücklichen kommen von den gebirgigen Gegenden an den Fluß herab und betteln um ein wenig Reis, doch reichen die Reisvorräthe kaum für die Bewohner.der Stadt, und so müssen die Aermsten ihr Leben aufgeben. Die Ursache der Hungersnoth liegt in der Mißernte des vorigen Jahres, die dadurch verursacht wurde, daß ein sechs Wochen langer heftiger Regen die jungen Reispflanzen vielfach vernichtete. Die Regierung thut nichts und könnte auch wenn sie wollte, wohl nur wenig thun, um den schrecklichen Nothstand zu lindern, weil die Staatskassen gänzlich leer sind. Sie begnügt sich damit, nothdürftig die öffentliche Sicherheit aufrecht zu erhalten, denn an vielen Orten bildeten sich Räuberbanden, die bei der allgemeinen Verzweiflung einen großen Anhang gewannen.
die goldene Hochzeit feiern können, wenn ihm nicht vor 2 Hz Jahren seine Gattin durch den Tod entrissen worden wäre. — An den Grafen Herbert Bismarck hatte sich der Berliner Korrespondent des „Budapesti Hirlap" mit der Bitte um Auslunft darüber gewandt, ob die in Umlauf gesetzte Version über die angeblich ungarische Abstammung der Familie Bismarck auf Wahrheit beruht. In einem Briefe aus Schönhausen an der Elbe verneint Graf Herbert das. Die genaue Beschreibung der Abstammung der Familie sei in dem Buche enthalten, welches diesen Winter im Verlage der Firma Mittler-Berlin unter dem Titel „Schönhausen und die Familie Bismarck" erschienen ist.
Erfurt, 20. Juli. Während des am Sonntag in Wehra bei Straußfurt abgehaltenen Kinderfestes ließ man einen Luftballon steigen, an welchem ein mit Spiritus gefüllter Behälter angebracht war. Die Musik spielte: „So leb' denn wohl, du stilles Haus." Plötzlich überschlug sich der Ballon und fiel auf das Dach einer Scheune, welche bis auf den Grund niederbrannte. Jedenfalls hatte das Ziegeldach Lücken, sodaß der brennende Spiritus sich dem Stroh mittheilen konnte.
Gera, 24. Juli. Wegen unglaublicher Rohheit sind dahier drei junge Burschen exemplarisch bestraft worden. Das nette Kleeblatt beschäftigte sich mit dem Zerstören von Hühner- uudVögel-Bruten und allerlei Anpflanzungen, wobei vielfach Einbrüche verübt werden mußten. Das | Urtheil lautete auf 3 Jahre 7 Monate, 3 Jahre und 2 Jahre Zuchthaus, auch werden alle drei dauernd unter Polizeiaufsicht gestellt werden.
Mainz, 25. Juli. In dem nahen Bodenheim feierte gestern eine Wittwe Codini ihren 101. Geburtstag. Die Frau befindet sich noch ganz wohl und bat ihren jüngsten 60jährigen Sohn, bei dem sie sich in Pflege befindet, daß er sie doch nach den nothwendigsten Erntearbeiten zu einem Besuche einiger Enkel und Enkelinnen nach — Amerika begleiten möge.
Aus Kehl wird ein Fall von Spionage gemeldet. Es scheint nach den sorgfältigsten Untersuchungen festzustehen, daß wirklich Spionage versucht worden ist, und zwar seitens eines Kaufmanns Blume auS Leipzig, welcher der Polizei in dem Augenblick entwischte, als er verhaftet werden sollte. Er scheint übrigens der weniger Schuldige gewesen zu fein; sein Genosse hatte sich schon früher aus dem Staube machen können, da dessen Logiswirth unterlassen hatte, ihn polizeilich zu melden. — Blume und sein Helfershelfer sollen einem Unteroffizier für die Auslieferung eines Gewehrs 10,009 Mk. geboten haben.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 27. Juli.
* — Lehrer Zimmer zu Höf und Haid ist nach Züntersbach, Kreis Schlüchtern, versetzt und der Schul- amtskandidat Pabst aus Fulda zum Verweser der Schulstelle in Höf und Haid ernannt worden.
* — Der Gemeinde Magdlos bei Flieden ist zum Neubau eines zweiklassigen katholischen SchulanwesenS ein Allerhöchstes Gnadengeschenk von 12 600 Mark bewilligt worden.
* — Die Ernte ist in vollem Gange: da ist die Mahnung wohl am Platze, Kinder nicht ohne Aufsicht in verschlossenen Wohnungen zurückzulassen; sofern sich dies jedoch nicht vermeiden läßt, die Zündhölzer sowie überhaupt alle in Kinderhänden gefährlichen Utensilien so aufzubewahren, daß mit denselben kein Unfug getrieben werden kann. Anch empfiehlt es sich, das Feuer im Herd oder Ofen vor Verlassen des Hauses zu löschen.
* — Mit der Herstellung neuer Fünfzig-Markscheine ist mau zur Zeit beschäftigt. Die Scheine sollen einen anderen bildnerischen Schmuck und eine andere Farbe als die jetzige erhalten.
* — Infolge des Gebotes getrennter Verkaufsräume für Butter und Magarine wollen Händler in kleineren Städten nur noch Margarine führen. Die „Kreuz-Ztg." erklärt, daß der Butterhandel durch diese Maßnahme nicht betroffen werden würde.
* — Der Verbandsvorstand der Raiffeisen'schen Darlehnskassen in Neuwied hat angesichts starken Zu- nehmens der landwirthschaftlichen Genoffenschafts- und Darlehnskassen, zur Ausbildung der Kaffenrechner sogenannte Rechnerkurse ins Leben gerufen. Dieselben sind für Hessen, Hessen-Nassau und die Rheinprovinz im nächsten Herbst vorgesehen. Der Hauptzweck der Kurse, welche ein Novum auf dem Gebiete des land- wirths»aftlichen Genossenschaftswesens sind, ist die Einführung einer genauen Buchführung in der Landwirthschaft.
Fulda. Letzten Freitag hat sich auf der Rhönbahn Fulda-Tann ein schweres Unglück ereignet. Der hier um 12' Mittag abgehende Zug kollidirte auf einem Bahnübergang der Straße von Eckweisbach nach Hrlders (in der Nähe von Aura) mit einem zweispännigen leeren Lastfuhrwerk und tödtete den Knecht sammt den Pferden. Der Knecht Johannes, seit 18 Jahren im Dienste des Getreidehändlers A. Gärtner in Neustadt a. d. S., ein nüchterner, zuverlässiger Mann und Vater von fünf Kindern, hatte Malz in die Schneider'sche Bierbrauerei zu Eckweisbach gefahren und befand sich auf dem Rückwege an einer Stelle, welche durch Bergvorlagerung einen Ausblick auf die Strecke nicht gestattet. Das Fuhrwerk wollte eben den Bahnübergang nehmen, als der Lenker den von Hilders kommenden Zug erblickte. Zu seinem Verderben sprang er ab und wollte das Fuhrwerk zu- rückhusen, was ihm aber nicht mehr gelang. Wäre er auf dem Wagen sitzen geblieben und hätte die Gäule angetrieben, so hätte er wahrscheinlich den Zusammenstoß vermieden. So aber fanden Mann und Pferde den Tod, ersterer schauerlich, denn es wurde ihm die Hälfte des Kopfes weggerissen. Von der Schleifung über 30 Meter hat der Unglückliche wohl nichts mehr gespürt; die Pferde wurden zermalmt und verendeten auf der Stelle, der Wagen blieb bis auf die Deichsel unversehrt. Wie von Zeugen ausgesagt wird, hat der Lokomotivführer vorschriftsmäßig geläutet und trifft ihn daher keine Schuld an dem Unglück, das widrige örtliche Verhältnisse mindestens begünstigt haben.
Eschwcge, 25. Juli. Das 7jährige Söhnchen des Bauunternehmers Gerth zu Jestädt weidete ein Rind und hatte sich der Bequemlichkeit halber den Strick um den Leib gebunden. Plötzlich wurde das Thier scheu und rannte von dem Weideplatz durch die Straßen des Dorfes nach dem Gehöfte seines Besitzers, den unglücklichen Jungen mit sich fortschleifend. Der Knabe hat solche Verletzungen erlitten, daß er trotz ärztlicher Hilfe noch in derselben Nacht seinen Geist aufgab.
Benterode, 22. Juli. Wir stehen gegenwärtig in der Heidelbeerernte. Hunderte von fleißigen Menschen, jung und alt, sind von früh bis spät mit dem Einsammeln von Heidelbeeren beschäftigt. An den Markttagen wandern ganze Scharen von „Heidelbeersrauen" nach Cassel, um ihre Beeren in klingende Münze umzusetzen. Bezahlt wird das Liter durchweg mit 20 Pfg. auf dem Königsplatze. Mancher Familie bringen die Beeren täglich 5 bis 10 Mark ein, und die verdienen größtentheils die Kleinen.