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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt« vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, den 24. Juli 1897.

48. Jahrgang.

RoKt>ltnnaKN auf dreSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -- " Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat vom Herzog Karl Theodor von Bayern sich das Auge untersuchen lassen. Die Untersuchung hatte ein durchaus befriedigendes Ergebniß, das Sehvermögen ist in keiner Weise gestört, nur be­stehen noch leichte Reizerscheinungen, infolge deren sich der Kaiser noch einige Zeit Schonung auferlegen muß. Der Kaiser wird die norwegische Reise fortsetzen, während der Herzog demnächst von Göteborg die Heimreise antritt. Der Kaiser hat die Nordlandsreise wieder ausge­nommen und sich mit derHohenzollern" von Bergen nach Gudvangeu begeben. Nach der Rückkehr aus Ruß­land wird der Kaiser sich nach Wilhelmshöhe begeben und von dort mit der Kaiserin zu den Kaisermanövern nach Homburg reisen.

In militärischen Kreisen spricht man von be­sonders zahlreichen Verabschiedungen von Stabsoffizieren, die in allernächster Zeit eintreten und ein größeres Avancement der unteren Chargen zur Folge haben werden. Namentlich haben viele ältere Regiments­kommandeure, darunter auch solche, welche anscheinend noch eine große Zukunft hatten und dicht vor der Bri­gade standen, den blauen Brief erhalten und infolge dessen nach Einreichung ihres Abschiedsgesuches einen Urlaub angetreten.

Sein 70jähriges militärisches Dienstjubiläum begeht zugleich mit dem 87. Geburtstage Generalfeld- marschall Graf Blumenthal am 30. Juli.

Wozu die Arbeitergroschen, d. h. die von den sozialdemokratischen Arbeitern alsBeitrag" regelmäßig an die Parteikasse zu zahlenden Groschen gut find, er­sieht man aus folgender Mitteilung in Berliner Blättern: Die parlamentarischen Vertreter dersozialdemokratischen Arbeiterpartei" haben bereits zum größten Theile ihre Badereisen angetreten. Liebknecht weilt mit Familie in einem englischen Badeorte, Bebel macht eine Reise durch Italien, Singer und Bamberger, die Geschäftsführer desVorwärts", sind auf einer Nordlandsreise begriffen, während Auer sich noch in Berlin aushält. Die meisten namhaftenGenossen" halten sich ferner da und dort in Bädern und Kurorten auf. Zwei bekannte süddeutsche Parteiführer weilen augenblicklich in Marienbad, was darauf schließen läßt, daß man auch alsausgcprcßtcr Sklave des Kapitals" nochFett ansetzen" kann, während die Mehrzahl der Berliner an der Ost- und Nordsee weilt. Ob diese Mittheilungen wohl vermögen, Ver­blendeten die Binde von den Augen zu reißen? Wegen Unterschlagung von gegen 10,00u Mk. wurde der langjährige Kassirer des sozialdemokratischen Unter- stützungsvereins der Hutmacher, Kempe, in Berlin ver­haftet. Bei einer unvermutheten Revision sollen die Unterschleife fcstgestellt worden sein. Kempe war auch Streikkassirer beim vorjährigen AuSstande der Hutmacher. Damals sollen schon Unregelmäßigkeiten in seiner Kassen- führung vorgekommen sein.

Zur Warnung. Der neue Gesandte Chiles, der demnächst in Berlin eintreffen wird, hat von seiner Regierung den Auftrag erhalten, Verhandlungen mit einem deutschen Syndikat zum Abschluß zu bringen, die bezwecken, einen starken und auserlesenen Theil der deutschen Auswanderer nach Chile zu lenken. Angesichts der stets zunehmenden berechtigten Klagen, die seit Jahren aus den neuen Kolonien in Südchile zu uns dringen, dürfte allen derartigen Versuchen gegenüber die größte Vorsicht geboten sein.

Königsberg i. Pr., 19. Juli. Ein gräßliches Un­glück hat sich auf dem frischen Haff ereignet. Beim Baggern im Königsberger Seekanal trat ein Bagger- arbetter auf einem Prahm fehl, wurde von den aufge­baggerten Erbmassen in die Tiefe gerissen und vollständig begraben. Rettungsversuche waren vergeblich. Der Verunglückte war der einzige Ernährer seiner Mutter und seiner Geschwister.

Breslau. i^ingestürzt ist unter donnerähnlichem Knall der neuerbaute 150 Fuß hohe Schornstein der Zinkhütte in Rodzin in Oberschlesien. Mehrere Personen wurden gelödlct, andere verletzt. Bisher sind 3 Todte, davon 2 ganz verstümmelt, und 2 Schwerverletzte auf» gefunden worden. Man vermuthet, daß noch mehr

A«sl««d.

Frankreich. Der Pariser Stadtrath faßte den wohl beispiellosen Beschluß, von Amts wegen in alle Gewerbe- anlagen, die der gesundheitspolizeilichen Ueberwachung unterstellt sind, Geheimpolizisten als Arbeiter einzu- chmuggeln, da der Verdacht besteht, daß alle diese Zabriken hinter dem Rücken der amtlichen Aufseher die Vorschriften umgehen und auf diese Weise die Ver- "tänkerung von Paris verschulden, über die allsommer- ich geklagt wird.

Rußland. Die Armuth der russischen Dorfgemeinden bildete bisher das größte Hinderniß der Volksaufklärung und Bildung. Ein Ukas des Kaisers Nikolaus II. ver- fügt nun die unentgeltliche Errichtung von Schulhäusern in armen Gemeinden.

Türkei. Wenn nichts weiter dazwischen kommt, dann darf jetzt der Friedensschluß zwischen der Türkei und Griechenland Dank dem eifrigen Bestreben der europäischen Mächte als vollzogen angesehen werden. Der türkische Minister des Auswärtigen hat nämlich nach einer Meldung des Londoner Standard im Botschafterrathe die Erklärung abgegeben, die Pforte stimme den von den Mächten aufgestellten Friedensbedingungen zu. Bestätigt sich diese Meldung, dann darf man allerdings auf die.

Personen verunglückt sind. Wahrscheinlich ist das Un­glück auf eine Explosion in der Flugstaub-Feuerungs- anlage sowie der Gase, welche sich im Schornstein an- gefammelt hatten, zurückzuführen. Die Anlage wurde an dem genannten Tage zum erstenmal in Betrieb gesetzt.

Detmold. Bezüglich des Militärverhältnisses des neuen Regenten von Lippe wird geschrieben, daß derselbe dem Heere nicht angehört und auch in der Rangliste nicht geführt wird. Er hat aber auf Grund der Mili- tärkonvention mit Lippe-Detmold die Befugnisse eines kommandierenden Generals auszuüben. Mit Rücksicht auf diese Verhältnisse ist anzunehmen, daß der Regent demnächst unter Beilegung eines militärischen Ranges in den Verband der preußischen Armee ausgenommen wird; andernfalls wäre er der einzige deutsche Regent, der im Fraise der deutschen Fürsten ohne militärischen Rang bestimmte Befugniffe eines kommandierenden Generals innerhalb seines Fürstenthums ausüben würde. Daß er in diesem Kreise der regierenden Fürsten nur im Frack oder vielleicht in der Johanniter-Uniform er­scheinen würde, dürfte im deutschen Fürstenbunde eben­falls etwas neues sein, Beim Einzug trug der Graf einen grauen Ueberzieher und einen schwarzen Cylinder.

Arnstadt, 15. Juli. Auch ein Grund zum Betteln. Nicht wenig überrascht hat ein Bettler aus Siebenstern das hiesige Schöffengericht. Auf die übliche Frage des Vorsitzenden, ob er Vermögen besitze, antwortete er mit ja" und gab an, Haus und Hof und 30 Acker Land zu besitzen; er ziehe in der Welt umher, weil er sich mit seiner Frau nicht vertragen könne. Derbegüterte" Bettler erhielt zehn Tage Gefängniß.

Aus Wesel wird gemeldet: Das Dienstmädchen eines Hofbesitzers in Neu Louisendorf bei Calcar hat im Ver­laufe von einigen Jahren ihre vier neugeborenen Kinder in Gemeinschaft mit dem Hofbesitzer sofort nach der Geburt getödtet. Der Hofbesitzer und die Magd wurden verhaftet und in das Gefängniß zu Cleve abgeführt.

Vom Rhein. Ueber einen neuen Triumph der deutschen Technik wird aus Mühlheim am Rhein ge­schrieben: Das hiesige Karlswerk hat für einen Brücken­bau am Bodensee zwei Drahtseile angefertigt, welche eine Belastung von 900 000 Kilogramm tragen können. Ein Meter dieser Seile, die aus 259 Drähten von je 6 Millimeter Dicke zusammengedreht sind, wiegt 70 Kilogramm. Die Brücke, welche von den Seilen getragen werden soll, hat eine Spannweite von 50 Metern. Der­artige Seile sind bisher in keiner Fabrik der Welt her- gestellt worden.

Straßburg, 22. Juli. Am 27. d. M. werden in den Frühstunden in Straßburg zwei unbemannte Luft­ballons mit Rcgistrir-Apparatcu in die Höhe gelassen. Der Finder eines jeden Ballons erhält, wie derMete­orologische Landesdienst in Straßburg" bekannt giebt, 50 Mark Belohnung, wenn er den Ballon gemäß der ihm beigelegten Anweisung behandelt und demMete­orologischen Landesdicnst in Straßburg" sofort tele­graphisch von dem Auffinden des Ballons Nachricht gibt.

Ausbrüche der muselmännischen Volksstimmung gespannt sein. Daß der Sultan mit seiner Fügsamkeit in den Willen Europas bei seinen eigenen Unterthanen den letzten Rest von Ansehen einbüßt, der ihm überhaupt noch geblieben ist, liegt auf der Hand, und es wird sicherlich nicht an Conspirationen aller erdenklichen Art und auch nicht an Attentatsversuchen fehlen, um den Sultan vom Thron und aus dem Leben zu schaffen. Die Wachen vom Wdiz-Kiosk gehen jedenfalls schweren Tagen entgegen, wenn es auch keineswegs ausgeschlossen ist, daß Abdul Hamid dem Dolche eines seiner Ge- treuesten zum Opfer fällt.

London, 20. Juli. Die Telegraphisten weigern sich, über die Dienststunden hinaus Extraarbeit unentgeltlich zu thun, während die Behörden sie hierzu verpflichtet halten. Fast sämmtliche männlichen und weiblichen Be­amten des Generalpostamtes weigerten sich heute Nach­mittag, den Extraarbeitsplan der nächsten Woche durch Unterzeichnung anzunehmen. Wird eine Einigung nicht erzielt, so bricht am Montag der Streik in ganz Eng­land aus. Obwohl die indische Regierung dies ver­schweigt, soll nach einer Meldung derDaily Mail« die Pest mit erneuerter Heftigkeit in Bombay aufge- treten sein und in verschlimmerter Form wüthen.

Lokales und Provinzielles. * Schlüchteru, 23. Juli.

* Versetzt wurde der Gerichtsdiener Ortzel in Schenklengsfeld an das Amtsgericht zu Schlächtern.

* In Pittsburg, Pensilvanien, starb vor kurzem im Alter von 85 Jahren der am 1. März 1812 zu Schlächtern geborene Heinrich Philipp Jost, welcher, nachdem er bereits von 1874 ab sechs Jahre in Amerika gelebt hatte, in 1885 von Schlächtern zu seinen drei Kindern nach Pittsburg auSwanderte.

* Auf der vom 16. bis 19. Juli d. I. statt» gewesenen großen Geflügel-Ausstellung in Wiesbaden erhielt bei großer Concurenz Herr Ludw. Hildebrand hier auf seine vorzügliche züchterische Leistung, die höchsten der zu vergebenen Auszeichnungen. Nämlich für Gesammtleistung in Hühner- und Wassergeflügel die große silberne Staatsmedaille, für den feinsten Stamm rebhuhnfarbige Jtalienerhühner die große silberne VereinS- medaille, sowie folgende Geldpreise: I. Preis für Hühner, I. Preis für Gänse, I. und II. Preis für Enten, sowie II. Preis für Tauben.

* Für viele unserer Leser und Leserinnen wird es von Interesse sein, zu erfahren, daß Herrn Tanz­lehrer Franz S ö h n l e i n in Hanau anläßlich des VI. deutschen Tanzlehrer-Kongresses am 12.15. Juli zu Frankfurt a. M. die Auszeichnung zu Theil wurde, als erste Nummer bei der Festaufführung eine von ihm mit Fräulein A. Straßer-Frankfurt a. M. einstudirte Ungarische National-Mazurka" in entsprechendem Kostüm zur Aufführung zu bringen. Herr Söhnlein erzielte mit dieser Wahl einen so stürmischen, durchschlagenden Erfolg, daß er sich außer einer Wiederholung noch zu einer Extra-Einlage, einerRussischen Hof-Mazurka", verstehen mußte und zwar mit demselben Erfolg. Wie wir vernehmen, wird Herr Söhnlein die in diesen Tagen zur Aufführung gekommenen Neuheiten auch in seine diesjährigen Lehrkurse aufnehmen, wir wünschen ihm besten Erfolg.

* Mit dem Kornschnitt hat man nunmehr auch in unserer Gegend begonnen. Der Landwirth wird auch mit dieser Ernte sehr zufrieden sein können, denn die Aehrenbildung war vom besten Wetter begünstigt. Die Grummeternte scheint dieses Jahr infolge der an­haltenden Trockenheit nur gering auszufallen. Die Landwirthe sollen sich deshalb nicht durch den reicheren Heuertrag zum Verschleudern des Futters bewegen lassen.

* Zum Manöver. Im Laufe dieses oder An- ang des nächsten Monats wird im Auftrage des Ge­neralkommandos des 11. Armee-Corps der Oberstabs­arzt Dr. Plagge vom Infanterie-Regiment Freiherr von Sparr (2. Westfälisches) Nr. 16 die Kreise Geln- ausen und Hanau besuchen, um ein Urtheil über die Wasserversorgung während des Kaisermanövers zu ge­winnen.

Nach einer Verordnung des Ministers des Innern müssen Arbeiter, die im Staatsbaubetriebe verletzt worden, räch beendetem Heilverfahren wieder beschäftigt werden, oweit sich im Bereiche der allgemeinen Bauverwaltung eine für ihre Kräfte und Fähigkeiten irgend geeignet«