ZlMchternerMlmg
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
J£ 53” Samstag, den 3. Juli 1897. 48. Jahrgang.
i^ftjlntinott °uf die „Schlüchterner Zeitung" gtH^ll/UUi&yN/U werden noch fortwährend von allen — -— ■ Postanstalten und Landbriefträgern
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichsanzeiger" publicirt folgendes: Generallieutenant v. Podbielski ist zum Staats- secretär des Reichspostamts ernannt worden. — Dem Staatsminister v. Boetticher ist die nachgesuchte Dienstentlassung ertheilt worden. — Finanzminister v. Miquel ist zum Vicepräsident des Staatsministeriums ernannt worden.
— Die Ueberraschung der Militärattachees in Berlin. In der „Avenue militaire" wird berichtet, daß Deutschland an der Umwandlung der Geschütze schon seit 1889 arbeite, ohne daß nur ein Laut hierüber dnrchgesickert wäre; zum mindesten sei die Sache den fremden Kriegsministern gänzlich entgangen. Zur Illustration hierfür möge nachstehende kleine, recht erbauliche Geschichte dienen: Vor etwa 14 Tagen wurden die Militärattachees verschiedener Mächte vom Kaiser Wilhelm eingeladen, in der Umgebung von Berlin, wohl in Spandau, Versuchen mit Schnellfeuer-geschützen anzuwohnen. Der Kaiser habe die Anwesenheit der Attachees dazu benutzt, um mitzutheilen, daß er Befehl gegeben habe, vier Armeekorps mit dem neuen Geschütze auszurüsten. Der Kaiser habe sogar hinzugefügt, daß alles für die Ausrüstung sämmtlicher Korps vorbereitet sei. Er steigerte seine Vertraulichkeiten so weit, mitzutheilen, daß die Vorbereitungen bis 1889 zurückreichen. Mit Befriedigung wurde die Ueberraschung der Attachees, besonders der französischen und russischen Offiziere, wahrgenommen, welche jetzt erst erfuhren, daß das neue Material nicht nur angenommen, sondern in einzelnen Armeekorps bereits in den Dienst gestellt ist. Die „Frs. Ztg." fügt hinzu, daß diese Vorstellung der Geschütze vot den Militärattachees thatsächlich stattgefunden hat, und zwar unmittelbar vor der Verhandlung in der Budgetkommission des Reichstags über den betreffenden Nachtragskredit. Ebenso sei es richtig, daß die Parteien des Reichstags schon seit Anfang Dezember über die Sachlage vollständig unterrichtet waren.
Weimar. Prinz Bernhard Heinrich von Sachsen- Weimar soll sich der „World" zufolge mit der Königin von Holland verloben. Die Proklamation der Verlobung findet diese Woche noch statt. Prinz Bernhard ist schon früher als zukünftiger Verlobter der Königin genannt worden. Er ist 1878 geboren als zweiter Sohn des verstorbenen Erbgroßherzogs von Sachsen- Weimar, dessen Mutter, die Prinzessin Sophie der Niederlande, die einzige Schwester des Vaters der Königin Wilhelmine ist. Letztere steht im 17. Lebensjahre.
Detmold. Im Lippe'schen Erbfolgestreit soll nach der „Natronal-Zeitung" Schaumburg-Lippe von dem Schiedsgericht mit seinen Ansprüchen abgewiesen sein und die Linie Lippe-Biesterfeld gesiegt haben.
Aus Baiern. Der unter dem Schutze des Prinzen Ludwig von Baiern stehende baierische Kanalverein hat nun, nachdem zu den Kosten für den Plan eines neuen Donau-Main-Kanals in Baiern selbst rund 60,000 Mk. gezeichnet worden sind, die im Wechselverkehr mit Baiern stehenden rheinischen, sowie österreichisch-ungarischen Bezirke um Zuschüsse zu den Kosten der Anfertigung des Entwurfs angegangen. Von einigen Kanalfreunden in Dortmund, Mühlheim a. d. Ruhr, Köln, Wien und Pest wurden sofort einige namhafte Beiträge zugefichert. Die rheinischen Schiffsahrtsgesellschaften, Handelskammern u. s. w. werden sich in der nächsten Zeit über den Zuschuß schlüssig zu machen haben. Auch für die mährischen und böhmischen Kanalpläne haben die deutschen Städte und Anlieger der Elbe und Oder bis nach Hamburg und Stettin einen Theil der Entwurfskosten gezahlt. Dieses gemeinsame Zusammenwirken deutscher und österreichischer Kanalfreunde zur Verwirklichung der schwebenden Kanalpläne ist sehr erfreulich.
Karlsruhe. Der badische Staat fordert von den Erben des Fürsten von Fürstenberg eine Erbschaftssteuer von 5 Millionen Mark. Es dürfte hierüber zum Prozeß kommen.
Stuttgart, 1. Juli. Heute Nacht wüthete ein furchtbares Unwetter in den Oberämtern Neckarsulm, Weins- berg, Oehringen, Kneuzelsau, Gerabrunn und Hall. Zahllose Fenster wurden zertrümmert, Dächer abgehoben,
Ausland.
Spanien. Für die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten auf Cuba nehmen die Insurgenten blutige Rache an den Spaniern. Sie tödteten 18 spanische Soldaten und einen Offizier, die eine Reisegesellschaft begleiteten. Eine spanische Truppenabtheilung, die eiligst Herbeige- rufen wurde, schlug die Aufständischen in die Flucht. — Es herrscht eine schreckliche Hitze. Das gelbe Fieber und die Ruhr wüthen unter den spanischen Truppen, von denen 20000 in den Lazarethen liegen. Auch sind 50 Aerzte von der Krankheit ergriffen.
Neapel. Der mit der Untersuchung der Zustände im Neapeler Findelhause betraute kgl. Kommissar ist, wie der „Sortiere Di Napoli" versichert, zu der Ueberzeugung gelangt, daß die daselbst konstatirte kolossale Sterblichkeit nicht auf zufälligen Ursachen beruhte, sondern eine bewirkt absichtliche war.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 2. Juli.
* — Der Gerichtsdiener Creß in Schlüchtern ist vom 1. Juli ab pensionirt.
* — Wir machen unsere Leser auf die in dem Kreisblatt vom 26. Juni d. I., Nr. 25, veröffentlichte Bekanntmachung der hiesigen Wegepolizeibehörde vom 21. Juni d. I. aufmerksam, wonach der Fußpfad von der Breitenbacher Straße über die langen GraSbeete nach der Bade-Anstalt eingezogen werden soll.
* — Die Kohlenzechen machen ihre Abnehmer wieder darauf aufmerksam, daß die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Zechen in den letzten Jahren stetig gewachsen sind. Die Versandzunahme pro 1896 gegen 1895 betrug 10 Prozent, und der Absatz hat in der Zeit vom 1. Januar bis 1. Juni d. I. gegen den gleichen Zeitraum 1896 um weitere 9,3 Prozent zugenommen. Es
Fabrikschornsteine umgeworfen. Tausende von Obstbäumen wurden theils entwurzelt, theils umgeknickt, Felder und Weinberge auf weite Strecken von hühnerei- großen Hagelkörnern völlig vernichtet. Der Schaden ist sehr beträchtlich und beläuft sich jedenfalls auf mehrere Millionen Mark.
— Ein schlechtes Resultat ergab die Generalmusterung in Suhl. Von 112 Gestellungspflichtigen wurden 28 zur Waffe ausgehoben, 2 als Oekonomiehandwerker und 1 als Krankenwärter. Alle übrigen wurden als unbrauchbar bezeichnet oder der Ersatzreserve und dem Landsturm überwiesen.
Breslau, 26. Juni. Zu einem Wirthe in Gleiwitz kam vor einiger Zeit ein Polizeibeamter und hielt sich als Gast länger in dem Lokal auf, als dessen Inhaber angenehm war. Mit der Redensart: „Stehe ich denn unter Polizeiaufsicht?" suchte der Wirth dies dem Polizisten nahezulegen. Dieser antwortete: „Allerdings stehen auch Sie unter meiner Aufsicht," worauf Ersterer antwortete: „Das werde ich Ihnen anstreichen." Der Polizist ging weg, meldete den Vorfall, und die Folge war ein Strafantrag der Behörde und die dieser Tage erfolgte Verurtheilung des Gastwirths zu vier Wochen Gefängniß.
Kofel (Schlesien). Sonnabend Nachmittags 4'/» Uhr wurde die neue Petroleumraffinerie in der Vorstadt Rogau durch Explosion des Kessels, welcher über 2000 Kubikmeter Inhalt hat, vollständig zerstört. Ein Ingenieur, ein Techniker und drei Monteure sind todt, drei Monteure schwer verletzt.
Bremen. Der große Postdiebstahl an Bord des Dampfers „Saale" scheint jetzt seine Aufklärung zu finden. Wie man mittheilt, ist der deutsche Postexpedient Theilmann aus Bremen seit einiger Zeit verschwunden. Theilmann war auf dem Dampfer beschäftigt gewesen, und zwar wird er vermißt seit dem Eintreffen der „Saale" in Bremen. Es gewinnt den Anschein, daß er die vermißten Werthsendungen entwendet hat. Theilmann, der seine Flucht offenbar mit großer Vorsicht vorbereitet hat, wird in Europa und Amerika gesucht.
Hamburg, 29. Juni. Seit halb 12 Uhr Nachts steht das ganze Gebäude der Elektrizitätswerke an der Poststraße in vollen Flammen. Sämmtliche Straßenbahnen stocken, da die Stromzuführung aufgehalten wird. Es heißt, daß alle Arbeiter das brennende Gebäude ver- assen konnten. Die Maschinen sollen durch Kurzschluß n Brand gerathen sein, Der Schaden ist enorm.
steht demnach zu befürchten, daß, wie im Vorjahre, auch in den kommenden Herbst- und Wintermonaten starker Wagenmangel eintreten wird. Haben doch allein in der Zeit vom 15. Oktober bis 30. November des vorigen Jahres 37 500 (!) leere Wagen in Westfalen gefehlt. Die Zechen ersuchen deshalb ihre Abnehmer, ihre Kohlen- bestände auf voller Höhe zu erhalten und auch die Konsumenten werden gut thun, ihren Winterbedarf schon jetzt aufzugeben, da sie sonst in die jVerlegenheit kommen können, überhaupt keine Kohlen zu erhalten.
* — Bei der anhaltend warmen Witterung und demgemäß starkem Auftreten von Schmeißfliegen, besonders in den Ladengeschäften der Fleischer, empfiehlt sich zu ihrer Fernhaltung als ein vorzügliches Mittel Lorbeeröl. Dasselbe ist mittelst eines Pinsels an Holz und Eisentheile sowie Haken zu streichen. Ein Versuch ist zu empfehlen.
* — Die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs hat sich die Berliner Tischler-Innung zur Aufgabe gestellt. Ein Möbelhändler annoncirte, daß er 200 Wohnungseinrichtungen zum Verkauf auf Lager habe und Möbel zu stauend billigen Preisen verkaufe. Das Kammergericht verurtheilte in dem von der Tischler- Innung gegen jenen Möbelhändler angestrengten Prozeß den Angeklagten wegen schwindelhafter Reklame, da er in seinem Geschäfte nichts biete, was nicht jeder solide Konkurrent nicht nur in gleicher, sondern in erheblich besserer Weise darzubieten vermöchte. Keine der Angaben des Angeklagten sei richtig gewesen; dagegen habe die Tischler-Innung nachgewiesen, daß die wirklich vorhandenen Möbel von schlechter Beschaffenheit gewesen seien; so sei das als Nußbaumholz bezeichnete Material gar kein Nußbaumholz, sondern nur nußbaumartig fournirte« Holz gewesen. Bei der schlechten Beschaffenheit sei der Preis noch zu hoch gewesen. Für jeden Zuwiderhandlungsfall setzte das Kammergericht eine fiskalische Strafe von 200 Mk. fest. Das Reichsgericht hat dies Urtheil bestätigt. Da der Angeklagte inzwischen den Schwindel weiter betrieben hat, beantragte die Tischler-Innung die Festsetzung einer Geldstrafe von 3600 Mk.
Fulda, 28. Juni. Wie der Pferdemarkt trotz Ver- loosung, so will auch der Bullenmarkt trotz Prämiier- ung hier nicht recht in Schwung kommen, ja beide werden alle Jahre weniger. Der Auftrieb zum letzten Bullen- markt sank ganz bedeutend unter die Zahl der Vorjahre, ganze 19 Stück standen auf dem Platze. Der Qualität nach waren sie prima, der Handel brächte es aber nicht höher als zum Verkauf von 2 schönen Exemplaren im Durchschnittspreis von 350 Mark. — Welch segensreiche Einrichtung eine gut gehende große Molkerei wie diejenige zu Fulda-Lauterbach für unsere Landwirthschaft ist, geht wohl zur Genüge aus folgenden zwei Zahlen hervor: Die Molkerei-Genossenschaft Fulda-Lauterbach verarbeitete im Jahre 1896 5 Millionen Liter Milch und bezahlte dafür den betheiligten Landwirthen 500 000 Mark baar aus.
Gaffel. Die bildhübsche Tochter eines hiesigen Eisenbahnbeamten unterhielt mit einem Lieutenant ein intimes Liebesverhältniß. Als die Eltern davon erfuhren, kam es zu einem stürmischen Auftritt und die Tochter wurde aus dem Hause gejagt. Nach einiger Zeit wurde auch ihr Verehrer ihrer überdrüssig und suchte sich deshalb der Geliebten unter allen möglichen Vorwänden zu entledigen. Das junge Mädchen nahm sich das so zu Herzen, daß sie zu sterben beschloß und zu diesem Zwecke in der Wohnung des Offiziers eine mit 20 Gramm Salzsäure gefüllte Flasche austrank. Mit lautem Schrei stürzte sie zusammen. Der Geliebte sprang herbei, es wurde ihr Milch gereicht, ärztliche Hilfe herbeigeholt rc. Der Arzt verfügte die sofortig: Ueberführung ins Krankenhaus. Der Offizier scheint sich ebenfalls darauf mit Selbstmordgedanken getragen zu haben, denn er hatte den geladenen Revolver auf den Tisch gelegt, daneben seine Lebensversicherungspolice mit dem Vermerk, daß dieselbe nach seinem Tode Frl. R. zu übergeben sei. An seinem Vorhaben wurde er jedoch durch das Dazwischentreten der Hausleute verhindert. Auch erschien alsbald die Polizei zur Feststellung des Thatbestandes. Durch diese aufregenden länge wurde der Offizier so cxaltirt, daß er unter Verdacht plötzlich eingetretener Geistesgestörtheit inS lison-Lazareth geschafft werden mußte- Das junge chen, welches an ihre Eltern einen rührenden Ab- sbrief geschrieben hatte, ist nach großen mit Geduld