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ZchlWernerMung

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32 49. Samstag, den 19. Juni 1897. 48. Jahrgang.

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Die Expedition derSchlüchterner Zeitung."

Die Erhaltung des Mittelstandes.

Der achte evangelisch-sociale Congrcß hat Ende voriger Woche in Leipzig getagt. Die Verhandlungen hatten für weitere Kreise wenig Interesse. Von dem auf dem Congresse gehaltenen Vorträgen verdient allein der letzte eine größere Beachtung, der von Professor Schmoller- Berlin über die Frage gehalten wurde:Was verstehen wir unter dem Mittelstand? Hat er im 19. Jahr­hundert zu- oder abgenommen?" Professor Schmoller ist das Haupt der sogenanntenKathedersocialisten" und ohne Zweifel ein hervorragender, kenntnißrcicher National- ökonom, dessen Forschungen und wissenschaftlichen Dar­legungen auch für den Werth haben, der die social­politische Anschauung Schmollers nicht in allen Punkten theilt. Wir können den Ausführungen Schmollers über die gerade gegenwärtig aktuelle und wichtige Frage, ob der Mittelstand bei der heutigen wirthschaftlichen Ent­wickelung verschwinden oder sich erhalten wird, in der Hauptsache beipflichten.

Ein Generalisiren ist unmöglich; die Verhältnisse haben sich in jedem Lande anders entwickelt, sie sind anders in Amerika als in Deutschland und Frankreich. Die Zeit von 1700 bis 1850 ist wirtschaftlich und politisch bestimmt gewesen durch den Despotismus und später durch den Liberalismus, technisch durch die alten Betriebsformen und Verkehrswege, social war diese Epoche bestimmt durch die Hebung des Bauern- und Handwerkerstandes. Der zunehmende Wohlstand hat bis 1850 angehalten. Das Handwerk war im 18. Jahrhundert in kümmerlicher Lage gewesen, aber von 1830 und weiter bis 185060 hob sich der Betrieb. Es kam dem Handwerk die Hebuug des Absatzgebietes durch die steigende Technik zu gut, während noch die Verkehrswege unbedeutend waren. Das Ergebniß der Statistik ist, daß der deutsche Mittelstand, besonders der Gewerbestand, bis in die Mitte des Jahrhunderts nicht ab-, sondern erheblich zugenommen hat. Von 1850 ab änderten sich die Verhältnisse. Wir erlebten eine Aenderung der technischen und Verkehrsverhältnisse, wie nur sie in 300 Jahren nicht gehabt hatten. Damit änderte sich die Struktur der Gesellschaft. Ein großer Theil der Hausindustrie wurde beseitigt, oder in Fabriken übersührt, der Handwerkerstand hatte schwer zu kämpfen. Es liegt aber kein Anlaß vor zur Annahme, daß der Mittelbesitz von 1850 irgendwie abgenommen hat.

Im Gegentheil ist der bäuerliche Mittelbesitz wider­standsfähiger geworden. Die Statistik zeigt, daß die Zahl der Betriebsleiter zu-, die der Arbeiter, Tagelöhner abgenommen hat. Gerade der mittlere Besitz ist er­heblich gewachsen. Der Bauer ist der landwirthschaftlichen Krisis noch eher gewachsen als der Gutsbesitzer, schon weil er keinen Lohn zu zahlen hat. Der landwirthschaft- liche Großbetrieb ist technisch vorgeschrittener, er steht dem Kleinbetrieb aber in wichtigen Punkten nach, so daß es ausgeschlossen ist, daß in Deutschland der Klein­besitz aufgesogen wird.

Bei der gewerblichen Entwickelung liegt das Problem anders. Der Handwerksbetrieb ist zurückgeblieben hinter dem Großbetrieb, er hat aber nicht absolut abgenommen. Allerdings befindet sich eine große Zahl der Handwerks­meister in einer großen Gefahr. Die Gruppe der Spinner, Weber, Färber ist schon entschwunden, eine zweite Gruppe: die Schuster, Tischler u. s. w., erscheint noch in großer Zahl, hier beginnt aber schon der Todes­kampf. Eine dritte Gruppe: Maurer, Zimmerer, Dach­decker, hat sich erhalten. Dagegen hat eine vierte Gruppe: Bäcker, Fleischer, Tapezierer, Schornsteinfeger u. s. w., in neuerer Zeit mit der Bevölkerung erheblich zuge- Nommen. Dazu kommt, daß ein großer Theil Hand­werker zum Betriebe mit mehreren Gesellen übergegangen. Diese Betriebe werden aber niemals in den Fabrikbetrieb übergehen. Wir haben damit eine Gewähr, daß auch hier der Mittelstand erhalten bleibt. DaS Handwerk

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser traf Mittwoch Abend 11/a Uhr mittelst Sonderzuges aus Liegnitz auf der Wild- parkstation ein. Heute Morgen 7 'k Uhr unternahm das Kaiserpaar einen gemeinsamen Spazierritt.

Soest, 14. Juni. Während des vorjährigen Herbst- manövers lag auf einem Bauernhöfe im Dorfe Dr. ein Rittmeister im Quartier. Derselbe entdeckte, daß die im Stall stehendeHaferkiste" ein werthvoller antiker eichener Linnenschrein war. Er erschien nun vor Kurzem auf besagtem Bauernhöfe wieder und erstand zum Er­staunen des Bauernbe olle Kiste" gegen einen gut eingerichteten Futterkasten und 50 Mark in baar. Jetzt prangt gewiß derHaferkasten" als prächtiger Linnen- schrein im Zimmer der Frau Rittmeister.

Würzburg, 16, Juni. Heute früh um 6 Uhr wurde der Mörder Unrath hingerichtet. Er war gefaßt. Die Verlesung des Todesurtheils und die Hinrichtung nahm fünf Minuten in Anspruch.

Wörrishofen, 17. Juni. Prälat Kneipp ist heute früh gestorben. Die Beerdigung soll Montag Vormittag stattfinden.

Offenburg, 15. Juni. In dem benachbarten Orten- berg wurde heute in der katholischen Pfarrkirche die Tochter' des Barons Hirsch (Paris) mit einem fran­zösischen Offizier unter großem Pomp getraut. Aus diesem Anlaß war gestern Abend großes Feuerwerk mit bengalischer Beleuchtung des zu einer gewissen Berühmt­heit gelangten Ortenberger Schlosses, wozu eigens ein Pyrotechniker aus Straßburg erschienen war. Zur Feier des Tages stiftete Baron Hirsch 7000 Mark zu einer neuen Orgel in die Ortenberger Pfarrkirche. Die Feststimmung im Schlosse erlitt dadurch eine kleine Einbuße, daß die Schloßköchin mitten in ihrer Arbeit vom Schlage betroffen wurde und auf der Stelle eine Leiche war.

Ansland.

Wien. Die berühmte Tragödin am Wiener Burg­theater, Charlotte Wolter, ist am 14. Juni gestorben. Nachdem die heutige deutsche Schauspielkunst vor einiger Zeit in Friedrich Mitterwurzer ihren größten Darsteller verloren, wurde ihr in Csarlotte Wolter ihre bedeutenste Künstlerin entrissen. Charlotte Wolter hat ein Alter von 63 Jahren erreicht.

hat bisher nur in Großstädten über 100,000 Ein­wohner abgenommen, dagegen hat in kleinen Städten und auf dem Lande mit kleinen Bauernwirthschaften der kleingewerbliche Handwerkerstand zugenommen.

Wir sehen weiter aus der Statistik, daß von einer Auflösung der deutschen Industrie in einige wenige Riesenbetriebe und unendlich viele Proletarier noch ein außerordentlich weiter Schritt ist. Auch im Handels­verkehr hat keine einheitliche Concentration stattgefunden. Der Berliner Handel zeigt wenig Verschiebung. Das sociale Gesammtresultat der Betriebsverhältnisse nach der Berufszahlung von 1895 ist: Betriebsleiter in der Landwirthschaft mit über 50 ha, in Gewerbe und Handel mit 11 und mehr Personen 183,808, Betriebs­leiter mit 5-50 ha, im Handel und Gewerbe mit 2 10 Personen 2,222,507, Betriebsleiter mit unter 5 ha, in Gewerbe und Handel 3,343,000.

Diese Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, wie sie Professor Schmoller auf dem evangelisch-socialen Con­greß vorgeführt hat, geben auch der Ansicht Recht, daß bei der wirthschaftlichen Entwickelung der Neuzeit gewisse Theile des bisherigen Mittelstandes verschwinden, da­gegen andere sich erhalten und neu sich bildende die alten, niedergehenden ersetzen werden. Diese Erkenntniß ist für die Beurtheilung wirthschaftlicher Fragen der Gegenwart von hoher Bedeutung und muß in der Gesetz­gebung Würdigung und Beachtung finden.

Constantinopel, 16.Juni. Wie das BlattMatumat" meldet, hat Edhem Pascha eine Proclamation an die Grundbesitzer Thessaliens erlassen, in welcher dieselben aufgefordert werden, innerhalb zweier Monate sich neue Besitzscheine zu verschaffen, widrigenfalls sie ihres Be­sitzes verlustig erklärt werden würden.

Rußland. Nach der russischen Volkszählung vom 9. Februar 1897, worüber vorläufige und summarische Mittheilungen vom Statistischen Centralkomite in Peters­burg veröffentlicht worden sind, beziffert sich die Ge- sammtbevölkerung des Reichs auf 126 683 512 Personen. Davon entfielen auf die 50 Gouvernements des euro­päischen Rußlands 94186 750, auf die 10 Gouvernements Polens 9 442 590, auf die 11 Gouvernements und Provinzen des Kaukasus 9729559, und auf die 8 Gouvernements Sibiriens mit der Insel Sachalin 5 723 732, auf die 5 Provinzen der Steppen 3415174, auf die 3 Provinzen von Turkestan mit Transkaspien und dem Gebiet des Amu-darja und des Pamier 4175101 und auf die russischen Unterthanen in Khiwa und Buchara 6412. Dazu kommt noch die Bevölkerung des Groß- Herzogthums Finnland mit 2527 801 Personen, sodaß im Ganzen 129211113 Personen gezählt sind.

London. Der südafrikanische Mienenkönig und Millionär Barnato hat Selbstmord verübt. Er befand sich auf dem DampferScot" der Unionlinie, welcher nach England fährt, sprang bei Madaira über Bord und ertrank. B. hatte es vom Clown zum mehrfachen Millionär gebracht.

Amerika. Der Gründer der deutschen Kolonie in Texas, Ottfried Hans v. Meusebach, ist am 31. Mai im Alter von 85 Jahren in dem von ihm gegründeten Städtchen Loyal Valley, Texas, gestorben. Hans Freiherr v. Meusebach wurde in Dillenburg im Nassau- flehen geboren, wo sein Vater Staatsanwalt war. Später wurde dieser Präsident des höchsten preußischen Gerichtshofes für die Rheinprovinz in Koblenz und nach Auflösung dieses Gerichtshofes nach Berlin versetzt. Die Familiestammtaus der Goldenen Aue in Thüringen. Ottfried Hans v. Meusebach studirte auf der Berg- und Forstakademie zu Klausthal im Harz Bergbaukunde und Naturwissenschaften, später in Bonn und Halle Juris­prudenz und wurde dann beim Landgericht in Naum- burg, später in Stettin und nachher bei der Regierung in derselben Stadt beschäftigt. Am 24. Februar 1845 wurde er vom Verein zum Schutze deutscher Auswanderer als Nachfolger des Prinzen Solms und Generalkommissär des Vereins in Texas angestellt. Als solcher gründete er die Stadt Friedrichsburg, indem er 1845 einen Komplex von 10,000 Ackern auswählte, das Land unter eigener Aufsicht vermessen ließ und dann an die Emigranten von 1845 vertheilte. Dann gründete Meusebach die Ansiedelungen Leiningen und Castell und schloß mit den Comanche-Jndianern einen Friedensvertrag, wonach sie sich verpflichteten, die Landvermesser und Einwanderer unbelästigt zu lassen. Am 20. Juli 1847 übergab er sein Amt als Generalkommissär an H. SpieS, da der fortdauernde Mangel an genügenden Geldmitteln, das daraus resultirende Anwachsen der Schuldenmasse und die in Amerika und Europa innerhalb der Verwaltung gespielten Intriguen die Fortführung des Unternehmens für ihn unmöglich machten. 1851 wurde er als Senator in die Staatslegislatur gewählt. Im Februar 1854 wurde er zum Kommissär für dieColony of German Emigration Co." ernannt. 1867 gründete er auf eigenem Lande das Städtchen Loyal Valley. Ver­schiedene Jahre hintereinander versah er die Aemter als Friedensrichter, Notar und Postmeister, bis er sich wegen Altersschwäche vom öffentlichen Leben zurückziehen mußte. Ihm gebührt das Verdienst, mit starker und sicherer Hand die Pioniere der deutschen Kolonien in Texas geleitet und in kritischer Zeit vor dem drohenden Verderben ge­schützt zu haben.

Calcutta, 15. Juni. Aus fast allen Städten In­diens nördlich von Madras laufen Meldungen ein über den Schaden, den das Erdbeben am vergangenen Sonn­abend angerichtet hat. In Tschittagong soll das Post­gebäude in die Erde versunken sein. Der reichliche am Sonntag und gestern niedergegangene Regen hat den durch das Erdbeben entstandenen Schaden noch vergrößert. Das aus Anlaß des Jubiläums der Königin Viktoria geplante große Festmahl hat verschoben werden müssen, da die Ansammlung vieler Personen in demselben Hause eine Gefahr für dieselben sein würde. Auch das Salut-