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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 47.
Samstag, den 12. Juni 1897.
48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin machten am Dienstag eine Segelparthie. — Zur Kaiserreise nach Rußland meldet ein Kieler Privattelegramm, daß das gesammte Geschwader den Kaiser auf seiner Reise nach Rußland begleiten wird. Das Geschwader wird aus der Rehde von Kronstadt ankern.
— Wie ein Privattelegramm der „Nordd. Allg. Ztg." aus Kiel miltheilt, ist die vom „Berliner Lokal- Anzeiger" verbreitete und durch zahlreiche Blätter gegangene Nachricht, daß nach neuerer Bestimmung an Stelle des Kreuzers „König Wilhelm" der Panzer „Kurfürst Friedrich Wilhelm" zu der Flottenparade nach Spithead entsandt werden solle, falsch. „König Wilhelm" läuft mit dem Prinzen Heinrich an Bord am 12. d. J. zu gedachtem Zwecke von Kiel aus. Die an die falsche Nachricht geknüpften Kommentirungen her Blätter sind also hinfällig. — Anläßlich des Regierungsjubiläums der Königin von England wird, wie von fachmännischer Seite mitgetheilt, die größte Armada, die unser Jahrhundert gesehen, in Portsmouth vereinigt sein. Nicht weniger als 165 Kriegsschiffe werden sich dort versammeln.
— Drei Offiziere und 57 Wehrmänner der Berliner Feuerwehr, welche an den Löscharbeiten bei der Schering- schen Fabrik betheiligt waren, sind nunmehr infolge Ein- alhmens giftiger Gase schwer erkrankt.
Eiseuach, 8. Juni. Auf den Wadenberg fand heute Nachmittag 4 Uhr die feierliche Grundsteinlegung zu dem Denkmal, welches die deutschen Burschenschaften Kaiser Wilhelm den I., dem Begründer des deutschen Reiches, sowie dem Großherzog Karl August von Sachsen, dem Stifter der Burschenschaft und dem im Kampfe für Deutschlands Größe und Einheit gefallenen Burschenschaftern zu errichten gedenkt, statt. 300 alte und junge Burschenschafter hatten sich eingefunden.
Koblenz, 7. Juni. Zwei schwere Unfälle, deren Opfer Radfahrer waren, ereigneten sich gestern. Ein Radfahrer aus Deutz fuhr gestern Nachmittag in Ehren- breilstein den steilen Weg am Alsterstein hinunter; er stürzte und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu. Heute Nachmittag lag er noch besinnungslos im Hospital. Der zweite Unfall ereignete sich gestern in der Mittagsstunde in dem benachbarten Eins. Ein Musiker der Laubeschen Kurkapelle fuhr ohne Bremse die steile Grabenstraße am Kurhaus hinab. Er konnte das Rad nicht mehr halten, fiel gegen eine am Lahnufer stehende Ovst- bude und schlug mit dem Kopf gegen das eiserne Ufergeländer. Er hat eine schwere Gehirnerschütterung erlitten.
Mainz, 8. Juni. Das 200jährige Jubiläum des 3. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiments (Leib- regiment) Nr. 117 soll o'ficiell erst am Donnerstag beginnen, aber eS hat bereits heute mit der Ankunft des Großherzogs von Hessen und des Prinzen Wilhelm von Hessen seinen Anfang genommen. Bis vor Kurzem hoffte man noch, daß Kaiser Wilhelm als oberster Kriegsherr an den Festlichkeiten theilnehmen werde, aber der Monarch ist am Kommen — das ofsiciell nie angekündigt wurde — verhindert. Das Regiment wurde im Jahre 1697 durch den Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen als Kreisregiment gegründet. Es hat in verschiedener Herren Länder gekämpft, unter deutschem wie auch unter Napoleons Befehl. Die „117er" waren es, wie noch wenig bekannt, die 1812 in Rußland den für den Korsen so vernichtenden Feldzug eröffneten. ES ging den tapferen Hessen in Rußlands Eisgefilden fürchterlich. Auf dem Marsche der Garde nach Krasnoe, so theilt Hauplmann Caspary in der von ihm verfaßten Geschichte des Regiments mit, lichteten die Kälte und die fortwährenden Angriffe der Kosaken stark die Reihen des Regiments, und es marschirte nur noch 32 Officiere und 400 Mann stark in Krasnoe selbst ein. Acht schwer und zwei leicht verwundete Officiere brächte das Regiment in die Stadt mit, wovon zwei bald nach ihrer Ankunft starben, bcneidenswerth in Hinsicht auf ihre Kameraden, d^e später in den lodernden Flammen der brennenden ^tadt ein gräßliches Ende fanden. Den Abend dieses SchrcckcnstagcS sahen noch 22 Officiere und 66 Soldaten, »on welch letzteren nur 40 im nächtlichen Bivak von Liady ankamen, als der Rest des hessischen Leibregiments! Am 19. November zählte der traurige Ruin des Leib- kegiwenis bereits mehr Officiere als Soldaten, am 26. November erreichte die hessische Brigade, etwa 100 Küpfe stark (das Leibregiment zählte noch 25 Ueber- <benbe), die Beresina, die sie mit Napoleon am nächsten
Tage überschritten, wobei sie nochmals ins Feuer kam, als sie mit der jungen Garde das Korps Tschitschagow zurückwarfen, das die Brücke bedrängte. Zwölfhundert Mann passirten den Grenzfluß bei der Rückkehr, zwölf- hundert Mann als die Reste der großen, stolzen Armee! Bei einer Truppenmusterung am 15. December in Wirballen stand das Leibregiment mit 8 Officieren und 13 Mann in der Linie, am 7. Januar 1813 hatte das Regiment seine Minimalstärke von 6 Officieren und 8 Mann erreicht. Den Namen „Drittes Großherzoglich Hessisches Infanterie-Regiment (Leibregiment)" verlieh Großherzog Ludwig II. Als Ehrengabe hat Großherzog Ernst Ludwig seinem Regiment einen Tafelaufsatz mit Widmung gesendet.
Darmstadt, 6. Juni? In dem Staatshauptvoran- schlage der Finanzperiode 1897/1900 für das Groß- Herzogthum Hessen sind die Mittel für zwei weibliche Assistentinnen der Fabrikinspektoren eingesetzt. Dieselben werden den Beamten der beiden in Hessen bestehenden Aufsichtsbehörden untergestellt. Die Aufsichtsbefugnisse der Assistentinnen sollen sich einstweilen nur auf ganz spezielle, die Frauenarbeit berührende Gebiete und solche Betriebe, in denen ausschließlich Arbeiterinnen beschäftigt sind, beziehen. Trotz dieser Beschränkungen bleibt doch die Thatsache beachtenswerth, daß Hessen die ersten weiblichen Aussichtsbeamten in ganz Deutschland anstellen wird.
Aus Bayern. Bei einem schweren Gewitter schlug in Rosenheim (Oberbayern) der Blitz in die dortige Pulverfabrik ein, wodurch die Polirhütte, in der etwa 50 Centner zum Versand bereit lagen, in die Luft flog, ferner ein zweites, etwa 30 Schritte von der Hütte entfernt stehendes Gebäude. Im Ganzen sind über hundert Centner Pulver explodirt und elf Baulichkeiten zerstört. Auch wurden die umstehenden einen halben Meter starken Bäume entwurzelt. In dem zwei Kilometer entfernten Stephanskirchen sowie in Rosenheim, welches eine Stunde von der Pulverfabrik entfernt liegt, wurden Thüren und Fenstern durch den gewaltigen Luftdruck herausgertssen und zum Theil demolirt. Ein Bedienster der Fabrik ist leicht verletzt.
Lindstcdt Reg.-Bez. Magdeburg, 8. Juni. Auf entsetzliche Weise fand der Stellmnchermcistcr Karl Heinemann von hier seinen Tod. Er befand sich mit seinen beiden Kühen auf dem Felde, um Kartoffeln zu eggen, als eines der Thiere infolge erhaltener Schläge auf H. losging und ihn zu Boden warf. Ein wuchtiger Stoß an den Kopf, den H. von der Kuh erhielt, machte ihm das Aufstehen unmöglich und so war er den weiteren Angriffen der wilden Kuh rettungslos preisgcgebcn. Dieselbe richtete ihr furchtbar um Hilfe schreiendes Opfer entsetzlich zu, stampfte mit den Füßen auf ihm herum, zerbrach ihm die Rippen und brächte ihm große Kopfwunden bei. Ein vorüberfahrender Grundbesitzer lief in höchster Eile dem Bedrängten mit einer Mißforke zu Hilfe und trieb das Thier zurück. H., ein kräftiger Mann, starb nach kurzer Zeit unter den furchtbarsten Schmerzen. Vor etwa acht Tagen wollte er die immer schon störrische Kuh verkaufen, aus dem Handel wurde aber nichts, da das Gebot des Fleischers um 10 Mark zu gering war. Jetzt ist sie um 30 Mark unter Werth losgeschlagen worden.
— In dem Orte Kalk bei Köln spielten zwei Freunde in einer Wirthschaft mit einem Revolver, als plötzlich einer von ihnen im Scherz, ohne zu wissen, daß der Revolver geladen fei, auf eine junge Dame anlegte. Der junge Mann drückte los, worauf die Kugel oberhalb des Auges in den Kopf des Mädchens drang. Letzteres stürzte leblos, zu Boden. Der unglückliche Schütze stellte sich der Polizei.
NosdZi» (Oberschlesien) 5. Juni. Eine Katastrophe, welche an die von Eisleben erinnert, ist hier eingetreten. Vor zwei Jahren wurde der Betrieb der Louisenglück- und Abendstern-Grube, deren Abbaufeld sich unter ganz Rosdzin erstreckt, eingestellt. Vor einem Jahre bemerkten etwa vierzig Hauseigenthümer, daß ihre Häuser an verschiedenen Stellen Sprünge hatten, und strengten gegen die Grubenverwaltung eine Klage auf Schadenersatz an. Die Grubenvertreter behaupteten, jene Risse wären auf einen Zufall zurückzuführen und hätten mit den Gruben nichts zu thun. Vor vierzehn Tagen vernahm man zeitweilig ein donnerartiges unterirdisches Getöse, als ob lange abgebaute Strecken zu Bruche gingen. Die Risse an den Häusern wurden immer größer, zugleich bildeten sich neue Sprünge. In der
Nacht zum Donnerstag wurden die Bewohner der Stadt durch eine gewaltige Erderschütterung aus ihrer Ruhe aufgescheucht. Giebel, Fenster- und Thürwölbungen stürzten ein, Treppenstufen, Kellerwölbungen und Wände waren geborsten. In entsetzlicher Angst verließen die Bewohner die Häuser, in welchen sich ein verdächtiges Knistern bemerkbar machte. Die über das Grubengebiet hinwegführende Landstraße zeigte große Risse; die Wasserleitung, welche Myslowitz mit Wasser versorgt, war geborsten, die Brücke über den Ravabach stark beschädigt. Auf polizeiliche Anordnung mußten die Bewohner die geborstenen Gebäude räumen. Die Möbel konnten der großen Gefahr wegen aus vielen Häusern nicht mehr herausgeholt werden. Auf den Straßen und Plätzen brachten ungefähr 600 Familien zu, und glücklich preisen sich die Obdachlosen, wenn sie in Ställen, Schuppen u. s. w. ein Plätzchen miethweise erhalten können. Am Donnerstag Nachmittag und in der Nacht zum Freitag wiederholten sich die Erderschütterungen. Ein Haus sank 2 Meter tief in den Boden. Im Garten des Hüttenlazareths^ senkte sich das Erdreich derart, daß daS von der Wildsteinsegengrube herkommende Wasser statt nach dem Ravabach sich nach dem Garten einen Weg bahnte und in der Erde verschwand. Man hatte hier den Eindruck, als ob ein Erdbeben aufgetreten wäre. Die Hauptstraße des Ortes wurde durch Feuerwehr abgesperrt. Die Eisenbahndirection zu Kattowitz ordnete an, daß den Obdachlosen gedeckte Eisenbahnwagen zu ihrer Unterkunft überlassen werden. Außer dem Hütten- lazareth ist auch die Apotheke, Schule.und Post arg mitgenommen worden. Die Kranken mußten aus dem Hüttenlazareth herausgetragen und anderweitig untergebracht werden, da die Decken des Gebäudes theilweise eingestürzt sind. Alle Nachbarorte (Schoppinitz, Janow Wilh.mimHütte) sind ohne Wasser, da die Röhren der Wasserleitung geplatzt sind. Menschen find nicht verletzt, da die Gefährdeten rechtzeitig ihre Wohnungen verlassen konnten. Der Anlaß zu dem Grubenzusammenbruch soll in dem Zusammensturz der alten abgeteuften Felder zu suchen sein, und zwar stürzten diese Felder zusammen, weil in der alten Grube die Wasserhaltung-« Maschinen entfernt wurden und die unterirdischen Waffer durch starke Ansammlungen die Höhlungen unterspülten. Die Restbestände der noch vorhandenen Kohlenflötze der Louisenglückgrube werden jetzt durch die benachbarte Georggrube, die durch das Wasser der Nachbargrube sehr zu leiden hat, abgebaut. Erst kürzlich mußte in der Georggrube in Folge Durchbruchs jenes WasserS der Betrieb auf kurze Zeit eingestellt werden. Den Schaden, den die Erdsenkungen hervorriefen, schätzt man auf mehrere Millionen.
Ausland.
Petersburg, 10. Mai. Die Kaiserin ist in Peterhof von einer Tochter entbunden worden. (Das Erstgeborene des Kaiserpaares ist bekanntlich auch eine Tochter. D. Red.)
Sofia, 7. Juni. Rittmeister Boitschew, Ordonnanz- officicr des Fürsten Ferdinand, ist aus dem Verbände der Armee entlassen und verhaftet worden. Er wird beschuldigt, gemeinsam mit dem Polizeipräfecten von Philippopel daselbst am 21. April seine frühere Geliebte ermordet zu haben. Ein Gendarm, welcher bei dem Morde behilflich gewesen war, legte ein Geständniß ab. Der Polizeipräfcct ist ebenfalls verhaftet worden.
Nordamerika. Von den schutzzöünerischen Bestrebungen der amerikanischen Regierung wird auch die Einund Ausfuhr von Fahrrädern zwischen Deutschland und Amerika betroffen. Im Interesse aller Fahrrad-und Nähmaschinenfabrikanten Deutschlands hat deshalb der Bund der Industriellen eine Eingabe an das Auswärtige Amt gerichtet, um das Augenmerk der Regierung auf nothwendige Aenderung unseres Abkommens mit den Vereinigten Staaten zu richten. Deutschland werde mit billigen amerikanischen Rädern überschwemmt, könne aber seinerseits nach den Vereinigten Staaten nicht liefern. Die Lage unserer Industrie würde schlechterdings haltlos werden, sobald der Plan der Gründung eines amerikanischen Fahrrad-Syndikats in Deutschland zur Ausführung gelangen würde. Es wird befürwortet, in erster Linie den Eingangszoll auf Fahrräder so zu erhöhen, daß der einheimischen Industrie, welche bereits 25—30 000 Arbeiter beschäftige, der eigene Markt erhallen bleibe. — Aus dem Westen wird vollständiges Winterwetter statt der normalen Sommerhitze