MüchternerZeitung
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^2 45. Samstag, den 5. Juni 1897. 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Kaiserin ist bei der Parade zum Ehe des Garde-Grenadier-RegimentS Nr. 5 ernannt worden — Kaiser Wilhelm hat dem Prinzen Ludwig von Bayern ein prächtig ausgestattetes Modell des Panzerschiffes „Hertha", bei dessen Taufe die Prinzessin Marie, die Tochter des Prinzen, Pathin war, zum Geschew gemacht. Das dem Original treulich nachgebildete Modell ist zweieinhalb Meter lang und in einem schönen Glasschrank untergebracht.
— Gegen das Gesetz, betreffend den Schutz der ConfektionSarbeiter und -Arbeiterinnen haben die Schneider und Näherinnen Berlins eine Protestversammlung abgehalten, in der sie erklärten, die Folge des GesetzeS würde sein, daß die Werkstättenarbeit vor der Heimarbeit gänzlich das Feld räumen müßte, weil letztere Form der Produktion die Arbeitgeber auch nach Annahme des Gesetzentwurfs in keiner Weise hindere. Durchgreifende gewerbliche Reformen enthalte der Entwurf nicht, so daß er noch sehr wesentlich umgestaltet werden müßte.
KönigSberg. Gelegentlich der Berathung des Militär- etatS brächte Reichstagsabg. Bebel den Selbstmord des in KönigSberg in Garnison stehenden Soldaten Marzillier zur Sprache. Er vermuthete, daß derselbe infolge von Mißhandlung durch einen Unteroffizier erfolgt sei und forderte Untersuchung. Diese ergab ein negatives Resultat. Der Bruder des Verstorbenen beruhigte sich aber bei dem Bescheide nicht und die Militärverwaltung mußte sich zu einer nochmaligen Untersuchung entschließen, deren Resultat denn auch ein anderes war. Jetzt erhielt nämlich Herr Marzillier vom kgl. Gericht der 2. Division in KönigSberg die Mittheilung, daß Unteroffizier Hung der 4. Kompagnie deS Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm I. wegen Mißhandlung, Beleidigung und vorschriftswidriger Behandlung seines (M.'s) verstorbenen Bruders unter Degradation zum Gemeinen mit 6 Monaten Gefängniß bestraft ist.
Danzig. Ein Pferdemarkt ohne Pferd wurde dieser Tage in Marienburg in Westpreußen abgehalten. Händler waren genug erschienen, aber kein einziges Pferd. — Der schon seit längerer Zeit steckbrieflich verfolgte Förster Gniewoda aus Bischofswerder in Westpreußen, auf dessen Ergreifung die Staatsanwalt eine Belohnung von 300 Mk. gesetzt hat, hält sich schon seit mehreren Wochen in den Wäldern um Rosenberg und Marien- werder auf. Fast täglich kommt der Förster, der mit Büchse und Revolver bewaffnet ist, in die Dörfer, um fich Geld, Lebensmittel und Getränke geben zu lassen. Die Leute geben ihm Alles, waS er verlangt. Gniewoda ist in der ganzen Gegend als ein ausgezeichneter Schütze bekannt und droht, jeden, der etwa die Gendarmen herbeiholen sollte, sofort niederzuschießen. Vor einigen Tagen hielt fich sogar Gniewoda im Bornitzer Gasthofe mehrere Stunden auf.
Paderboru. Zur Verbesserung der ZahlungSweise wurde von einer vor Kurzem inPaderborn abgehaltenen Versammlung von Kaufleuten und Handwerkern, nach einem Referat der HaudAskammersekretäre der Handelskammern Bielefeld und Minden und nach eingehender Debatte einstimmig folgende Resolution gefaßt: „Die zum Zwecke der Herbeiführung einer besseren Zahlungs- weise heute versammelten Kaufleute und Handwerker der Stadt Paderborn erklären sich einmüthig zur Ausstellung von regelmäßigen vierteljährlichen Rechnungen bereit, in der Ueberzeugung, daß hierdurch nicht nur für sie die Abwendung geschäftlicher Schädigungen, sondern auch ein Vortheil für dir Kundenkreise zu erwarten sein wird." — Die Anwesenden unterzeichneten diese Erklärung, die Namen der Unterzeichner und der zur nachträglichen Ausstellung von vierteljährlichen Rechnungen sich bereit erklärenden Kaufleute und Handwerker sollen in den Zeitungen veröffentlicht werden. Ebenso soll die Liste derjenigen Käufer bekannt gegeben werden, welche gegen die Zusendung vierteljährlichen Rechnungen nichts ein- zuwenden haben.
Weimar, 1. Juni. Sträflicher Leichtsinn ist es, Blumentöpfe frei auf Fensterbrette außen oder auf Balkonbrüstungen aufzustellen. Dieser Tage wurde der sechsjährige Knabe einer in EhringSdorf an der Allee wohnenden Familie um ein Haar das Opfer solcher Un- besonnenhett. AlS er eben im Begriffe war, in das Haus zu gehen, fiel ein der oben wohnenden Partei ^hörender großer und schwerer Blumentopf herunter,
Ausland.
London, 31. Mai. Nach einer Meldung der „Times" aus Hongkong soll ein belgisches Syndikat es übernommen haben, eine Anleihe von 4,500,000 Pfd. Sterl. aufzubringen. Daffelbe hätte dafür das ausschließliche Vorrecht der Beschaffung von Eisenbahnmaterial und der Anstellung von Ingenieuren für den Bau aller künftig zu bauenden wichtigen Bahnlinien in China erhalten. Das Syndikat wird unter chinesischer Controlle stehen.
Italien. Das Attentat auf den König von Italien kam am Freitag vor dem Schwurgericht in Rom zur Verhandlung. Der Angeklage Acciarito, der seine Darlegungen mit Verwürfen gegen die bestehende Gesellschaft, die er als ungerecht bezeichnete, begann, sagte aus, daß er allein, und aus Verzweiflung gehandelt habe, wie andere thun, indem sie sich selbst umbringen. Er habe bei dem Anschlag auf das Leben des Königs in ihm den Vertreter der wohlhabenden Klasse treffen wollen. Der Anschlag sei von ihm nicht vorher geplant gewesen, sonst würde er eine Bombe verwandt haben. Nachdem die Geschworenen die Schuldfrage ohne mildernde Umstände einstimmig verneint hatten, verurtheilte der Gerichtshof Acciarito zu lebenslänglicher Zwangsarbeit und den Nebenstrafen.
Pisa, 30. Mai. Die Feier in der hiesigen Kathedrale, während der die bereits gemeldete Panik entstand, galt der feierlichen Enthüllung und Ausstellung des nach vielen Jahren wieder öffentlich ausgestellten Bildes das unter den Namen Madonna Sotto gli Organi in Pisa besonders verehrt wird. Die feierliche Vorbereitung für die Zeremonie, welche mehrere Tage dauernd sollte, hatte eine große Menschenmenge herbeigelockt. Die Lokalbehörden, darunter der Bürgermeister, welcher den zu dem Schrein mit dem Bildniß gehörenden Schlüssel hielt, waren anwesend. Mehrere Bischöfe und zahlreiche Pilger aus benachbarten Städten wurden erwartet. Kurze Zeit nach Beginn der Feier fiel eine Kerze
streifte glücklicherweise nur das Kind, sodaß es mit nicht geringem Schrecken, aber unversehrt, davonkam. Wenige Zentimeter nur — und dem Kinde wäre vielleicht der Kopf zerschmettert worden. Zu empfehlen wäre es, daß die Polizeiorgane ein recht wachsames Auge hätten, solchen Unfug zu steuern. Ein zerstörtes Menschenleben ist durch nichts mehr zu ersetzen.
Würzburg, 31. Mai. Recht appetitlich scheint es in einigen hiesigen Metzgerläden auSsehen. Wie das „Fränk. Voksbl." meldet, wurde gelegentlich einer durch Polizeiorgane vorgenommenen Visitation bei dem Metzgermeister Wolf Strauß sehr viel Schmutz gefunden und bei Max Weickersheimer entdeckte man unter dem Ladentische ganz schmutzigen, von Maden wimmelnden Talg und auf dem Fensterbrett gegen den Hof zu ein Stück geräuchertes Fleisch, das vollständig verdorben war. Gegen beide empfehlenswerthe Metzgermeister stellte der Stadtmagistrat Strafantrag. Gleichzeitig konstatirte Herr Magistrat Frey, daß in hiesigen Wurstlergeschäften Wurstbendel nnd Wurstzipfel zerhackt und in Schwartenmagen verwendet werden I — „Mahlzeit!"
Darmstadt, 31. Mai. Der Jagdpächter Daab von Groß-Bieberau, ein 60jähriger Mann, hatte heute früh das Unglück, seinen Mitpächter, den Gutsbesitzer Simme- macher, ebenfalls von Groß-Bieberau, auf der Jagd zu erschießen. Als der unglückliche Schütze säh, welches Unglück er angerichtet hatte, bedeckte er die Leiche des Erschossenen mit seinem Jagdrock und schoß sich selbst eine Kugel in den Kopf, so daß der Tod sofort eintrat. Der Schuß, den der getödtete Simmemacher erhielt, ging direkt durch den Kopf. Weiter wird über den unglücklichen Jagdausgang noch gemeldet: Simmemacher entfernte sich von seinem Stand, kam auf Daab zu, der nun in der Meinung war, es sei ein Reybock, und in demselben Augenblick auf ihn einen Schuß abgab. Die Kugel, die den Hals Simmemachers durchbohrte und ihn sofort tödtete, blieb in einem Baum stecken. Als Daab näher kam und sah, was geschehen, erschoß er sich aus Verzweiflung sofort selbst. Der Bruder Simme- macher's, der hundert Schritte entfernt sich befand und schnell herbeikam, fand zwei Leichen vor. Daab ist Familienvater. Simmemacher war ein sogenannter Auszugmann, d. h. ein Bauer, der seinem Sohn das Gut überschrieben hat. Der Fall erregt in der ganzen Gegend großes Aufsehen.
herab und entzündete einen Dekorationsgegenstand der Kirche. Es entstand eine furchtbare Panik in dem betreffenden Theil der Kirche, indem die zahlreiche Menschenmenge nach der nächsten Thür hindrängte. Die Feier wurde alsbald geschlossen, doch wurden bei dem Gedränge 9 Personen getödtet und 4 verwundet, darunter 3 sehr schwer. Die Kathedrale wurde sofort geschlossen. Die Feierlichkeit wurde eingestellt.
New-Uork, 31. Mai. Tag für Tag laufen traurige Berichte ein über das Elend unbemittelter europäischer Einwanderer. Tägliche Arbeitseinstellung in den Bergwerken, Arbeitseinstellung in den vom Kohlenbetriebe abhängigen Jndustrieen, Herabsetzung der Löhne, Ausstände sind die Ursachen der Noth, welche in gleicher Weise aus Pennsylvanien, Chicago, Newyork, Pittsburg und anderen Theilen der Union gemeldet wird. Im Winter mußten 50,000 erwerbslose Auswandererfamilien in Chicago durch eine von der Stadtpolizei organisirte Wohlthätigkeitseinrichtung vor dem Verhungern gerettet werden. Aehnlich in Philadelphia. Der dortige öster- reichisch-ungarische General-Konsul berichtet amtlich, daß jedes Präsidentschafts-Wahljahr eine große allgemeine wirthschaftliche Nothlage mit sich bringe, die vor Allem die Arbeiter spüren.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 4. Juni.
* — Auf die nächsten Mittwoch im Garten des Hessischen Hofs dahier stattfindende Versammlung des landwirthschaftlichen Kreisvereins machen wir an dieser Stelle besonders aufmerksam, da der bekannte Maschinen- Fabrikant Sack durch seinen Vertreter in Fulda einige neue landwirthschaftliche Maschinen ausstellen wird; ferner wird der Ziegenzucht-Verein Hintersteinau einige 'ältere Ziegen und einige Bocklämmer zum Verkauf aus« stellen.
* -— Nächsten Dienstag, den 8. Juni 1897, wird zu Schlüchtern Viehmarkt abgehalten.
* — Der Saatenstand ist in diesem Jahre bis jetzt ein ganz vorzüglicher. Roggen hat hier und da schon Mannshöhe erreicht. Die Aussicht auf eine reichliche Heuernte ist ebenfalls vorhanden. Wenn der Himmel beim Einbringen ein Einsehen, so wird die Ernte gut.
* — In der gegenwärtigen Zeit streift die Jugend mit besonderer Vorliebe in Feld und Wald umher und wendet den Vogelnestern ein besonderes Interesse zu. Zur Warnung sei deshalb wiederholt an dieser Stelle auf eine Bestimmung des Reichsgesetzes von 1888 aufmerksam gemacht, welche lautet: „Das Ausnehmen von Eiern oder Jungen, sowie das Fangen von Singvögeln ist mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder Haft zu bestrafen, ebenso das Fangen oder Tödten der Eulen. Der gleichen Strafe unterliegt, wer es unterläßt, die seiner Aufsicht untergebenen Personen von der Ueber« tretung dieser Vorschriften abzuhalten."
* — Schwurgericht. Zu dem am 21. Juni d. J. unter Vorsitz des Landgerichtsrath Dr. Hartmann beginnenden 2. Schwurgerichtsperiode zu Hanau wurden folgende Herren ausgeloost: 1. Becker, Kaufmann, Orb. 2. Wacker, Landwirth, Langenselbold. 3. Schöffer, Bürgermeister, Gelnhausen. 4. K. Traxel, Fabrikant, Hanau. 5. H. Rode, Fabrikant, Hanau. 6. K. Dintel- mann, Rentner, Hanau. 7. I. Stein, Landwirth, Hochstadt. 8. H. Stork, Privatier, Kesselstadt. 9. Ph. Baader, Cigarrenfabrikant, Hanau. 10. L. Adelmann, Steinmetzmeister, Hanau. 11. G. Horst, Kaufmann, Hanau. 12. I. Stroh, Kaufmann, Hanau. 13. L. Betz, Müller, Salmünster. 14. A. Maret, .Kaufmann, Hanau. 15. H. HeraeuS, Fabrikant, Hanau. 16. Rob. Kircher, Kaufmann, Fulda. 17. Franz Schwerzel, Kaufmann, Fulda. 18. August Hohmann, Kaufm. Fulda. 19. N. Sauer, Schmied, Wabenzell. 20. I. H. Stock, Maurermeister, Fulda. 21. K. Brosch, Landwirth, Mittelbuchen. 22. Grütter, Oberförster, Flörsbach. 23. Jgnaz Traut, Glaser, Fulda. 24. Ed. Simon, Kaufmann, Tann. 25. Ed. Borner, Ackermann, Oberrodenbach. 26. E. Weiche!, Gutsinspeklor, Ramholz. 27. K. Hafner, Oekonom, Schlüchtern. 28. G. Pfeiffer, Gastwirth, Hilders. 29. I. Ewald, Ackermann, Bergen. 30. Karl Künstler, Kaufmann, Fulda.
1. Hintersteinau, 3. Juni. Heute Abend hat ein junger Arbeiter Namens Wunderlich, welcher aus Westfalen zum Pfingstbesuch hierher kam, aus Unvorsichtig, keit seine Schwester erschossen. Der junge Mann hatte
Mk- Des hl. PsmMestcs wegen erscheint das nächste Blatt Mittwoch