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SmstW, dm 29. Mai 1897.

48. Ja-rMg.

Deutsches Reich.

Berlin. Hinsichtlich der seit Jahren schwebenden Apo- thekenreform sind zur Zeit wieder Unterhandlungen mit den Bundesregierungen im Gange. Die Angelegenheit wird nun für das ganze deutsche Reich geordnet und liegt augenblicklch bei den Reichsbehörden. Eine Entschädig­ung der gegenwärtigen Besitzer soll stattfinden, aber nicht das Reich, sondern eine Genossenschaft der Apotheker soll, ähnlich wie in Schweden, auch bei uns die Ent­schädigung in die Hand nehmen. Es soll also die reine unveräußerliche und unvererbliche Personalkonzession mit rückwirkender Kraft unter Selbstablösung eingeführt werden.

Der Saatenstand in Deutschland Mitte Mai war gut bis Mittel, und zwar stand, wobei Nr. 1 sehr gut, 2 gut und 3 Mittel bedeutet, der Winterweizen 2,5, Sommerweizen 2,5, Winterspelz 2,5, Sommerspelz 2, Winterroggen 2,5, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,5, Hafer 2,6, Klee-Luzerne 2,3, Wiesen 2,4. Der Stand ist fast derselbe wie im Mai 1896.

Hamburg. Zwei Dynamitexplosionen fanden am Montag früh 6 Uhr im Hamburger Amt Bergedorf in der Fabrik der Dynamit-Actien-Gesellschaft vormals Alfred Nobel und Co. in Krümmel bei Geesthacht statt. Bier Personen wurden getödtet. Bis Mittag war in Hamburg über die Explosion nichts Näheres zu erfahren, weil die Telephondrähte zerstört sind. Die erste Explo­sion soll in einer der Mengmühlen stattgefunden haben und durch die zweite soll der Lagerschuppen mit einer sehr großen Menge Dynamit in die Lust geflogen sein. Geesthacht selbst und die Orte an der Hannoverschen Seite sollen ziemlich gelitten haben, dagegen sollen die Ortschaften in Lauenburg nicht stark beschädigt sein. In Bergedorf find viele Scheiben zersprungen. Einr neuere Meldung ergänzt den Bericht folgendermaßen: Bei der Explosion in Krümme! blieben zwei Fabriken betriebsfähig, die dritte wurde total zerstört. Von acht in der Fabnl befindlichen Arbeitern flogen 4 in die Lust, die übrigen retteten sich nach der ersten Explosion in die Sicherheitsstände. Von den Getödteten sind nur wenige Körpertheile aufgefunden. Im Ganzen sind 3000 Kilo Dynamit cxplodirt. In den beiden anderen Fabriken wurden durch Glasscherben 7 Arbeiter leicht verletzt. In weitem Umkreise find Tausende von Scheiben zersprungen, sonst ist der Schaden gering.

Bochum. Der Kranz, den der Kaiser auf das Grab des vor Kurzem gestorbenen Gheimenraths Barre hatte niederlegen lassen, wurde am nächsten Morgen in un­zählige Stücke zerschnitten aufgefunden. Der Vorfall hat große Aufregung hervorgerufen.

Erfurt. Ueber die Aussetzung eines Hilfslosen hatte dieser Tage die Erfurter Strafkammer zu befinden. Sie kam zu einer Entscheidung, die von weitgehendem Interesse ist. In einem Erfurter Gasthofe hatte eine Frau, die binnen Kurzem ihre Entbindung erhoffte, Wohnung genommen, war aber von dem Wirthe, der ihren Zustand gewahrte und vermuthlich Belästigungen seines Betriebes befürchtete, ausgewiesen worden. Ob­wohl der Wirth darauf hinwies, daß die betreffende Frau keineswegs ein Tugendspiegel gewesen, sah die Strafkammer den Fall doch sehr ernst an und verur­teilte den Hotelier zu drei Monaten Gefängniß. In Frage kam der §. 221 des Strafgesetzbuchs, nach welchem Derjenige, welcher einewegen jugendlichen Alters, Ge­brechlichkeit oder Krankheit hilflose Person aussetzt, oder wer eine solche Person, wenn dieselbe unter seiner Obhut steht oder wenn er für die Unterbringung, Fortschaffung oder Aufnahme derselben zu sorgen hat, in hilfloser Lage verläßt, mit Gefängniß nicht unter drei Monaten bestraft wird." Das Gericht hat also auf die geringste zulässige Strafe erkannt.

München. Ein Weltkongreß der Jsraeliten soll, wie die Blätter melden, am 25. August in München I swttfinden. Auf demselben soll die Möglichkeit der { Wiedererrichtung eines Reiches Juda erörtert werden. An der Spitze der Bewegung stehen Dr. Theodor Herzl, Max Nordau, Rabbiner Hildesheimer u. a. Allem Anschein nach handelt es sich um den Plan der so- genanntenZionisten", welche Israel in Palästina wieder sammeln wollen.

Ausland.

New-York, 25. Mai. Im allgemeinen wachsen amerikanische Städte schnell aus den Einöden empor.

Lokales «nd Provinzielles.

* Schlüchtern, 28. Mai.

Wie gesund und daher zum Luftkurort geeignet unser Städtchen ist, zeigt eine uns zur Verfügung ge­stellte Liste derjenigen hiesigen Einwohner, welche das biblische Alter von siebzig Jahren bereits überschritten haben und noch ganz rüstig sich des Lebens freuen. Die Liste weist 92 Personen auf, und zwar 45 Män­ner und 47 Frauen. Bei einer Einwohnerzahl von ca. 2700 Seelen ist das doch ein großer Prozentsatz. Die Anzahl dieser alten Leute wäre sicherlich über 100, wenn nicht die Influenza mit der ihr nachfolgenden Lungenentzündung ungewöhnlich vielen alten Leuten in den letzten drei Jahren verderblich geworden wäre. Von den gegenwärtig lebenden zählt ein Mann 91 Jahre, elf Männer sind 81 bis 89, zwölf Männer sind 75 bis 79 (sechs allein 79), die übrigen 71 bis 74 Jahre alt. Von den Frauen sind fünf 80 bis 88, vierzehn sind 75 bis 79, und die übrigen 71 bis 74 Jahre alt. Zusammen zählen gegenwärtig Schlüchterns über 70 Jahre alte Einwohner 6950 (sechstausend neunhundert und fünfzig) Lebensjahre.

* Am 11. Mai fand die baupolizeiliche Abnahme der am Grabenweg neuerbauten Synagoge durch den Königlichen Baurath Bornmüller von Gelnhausen statt.

* Eine wichtige Entscheidung für Kaufleute so­wohl als auch für das kaufende Publikum fällte dieser Tage die Elberfelder Strafkammer. Es handelte sich um die Frage, ob ein Zusatz von 20 pCt. Leinöl zum Rüböl als Nahrungsmittelverfälschung und Betrug an- zusehen sei. Der Kaufmann Karl Schmidt von Barmen hatte ein solches Gemisch seinen Kunden für reines Rüböl verkauft. Er bestritt dies nicht, will den Zusatz aber nur gemacht haben, um eine hellere Farbe des Rüböls zu erzielen, weil das Publikum Helles Oel be­vorzuge. Uebrigens sei Rüböl nur zu/io Nahrungs­mittel, 9/io würden zu anderen Zwecken verbraucht, und keine Oelmühle liefere Rüböl zu Speisezwecken. Zwei Sachverständige, Kaufleute, bekundeten, ein Zusatz von Leinöl zum Rüböl benehme letzterem den scharfen Ge­schmack. Im Osten werde überhaupt nicht Rüböl, son­dern nur Leinöl zum Backen gebraucht. Es komme auch nicht darauf an, ob das Publikum reines Rüböl oder solches mit Leinöl vermischt erhalte, Rüböl sei nur ein allgemeiner Begriff für Backöl gegenüber dem Brennöl. Es wurde aber auch festgestellt, daß das Leinöl damals 20 Mark billiger als Rüböl war, so daß der Ange­klagte 4 Mark Nutzen hatte, wenn er dem Rüböl 20 pCt. Leinöl zusetzte. Allerdings soll manchmal Leinöl auch wieder theurer als Rüböl sein. Die Straf­kammer kam schließlich zu folgendem Urtheil: Es sei

Dieser Tage aber ist mit einem Federstriche New-York zur zweitgrößten Stadt der Welt geworden, indem der Gouverneur ein Gesetz vollzog, das alle bisherigen Vor­städte New-Yorks im Umkreise von 70 englischen Meilen zu der eigentlichen Stadt schlägt. Die neue Stadt wird etwa 32 englische Meilen lang und 1218 Meilen breit sein. Sie nimmt 360 englische Quadratmeilen ein. InGroß-Newyork" wohnen gegenwärtig 3,318,000 Personen. Es wird also nach London mit seinen 5,600,000 Einwohnern die größte Stadt der Welt sein. Das heutige Newyork hat 1,825,000 Einwohner. Groß- Newyork wird in fünf Distrikte eingetheilt werden: Manhattan (Alt-Newyork), Broux mit 136,000 Ein­wohnern, Brooklyn mit 1,132,544, Queens mit 150,000 und Richmond mit 70,000 Einwohnern. Die Schulden des neuen Gemeinwesens werden einstweilen 207,559,317 Dollar betragen. Groß-Newyork wird eine Wasserfront von fast 300 englischen Meilen besitzen, 1000 englische Meilen Eisen- und Trambahnen und 2800 Meilen Straßen. Die Zahl der Kirchen beträgt 1150. Die Parks bedecken fast 7000 Acres. In vergangener Woche sind fünf, sage fünf Broncekanonen, Beute aus den Kriegen mit England, Mexico und den Südstaaten, und deshalb als werthvolle Reliquien bewahrt, aus Fort Clinton bei West Point am Hudson River verschwunden. Nachforschungen ergaben, daß die Kanonen von einer Diebesbande in Booten fortgeschafft wurden, um als altes Metall verkauft zu werden. Trotzdem bewaffnete Posten Tag und Nacht das Fort abpatrouilliren und ein Abgefaßtwerden den sicheren Tod der Diebe be­deutete, hatten Letztere die Kühnheit, den wohl noch nicht dagewesenen Diebstahl auszuführen.

festgestelll worden, daß sowohl Leinöl wie Rüböl Nahr' ungsmittel seien, Leinöl sei aber minderwerthig und die Qualität des Rüböls werde durch einen Leinölzusatz verschlechtert. Es liege somit eine Nahrungsmittelver­fälschung vor, die auch nur vorgenommen worden sei, um besser der Konkurrenz begegnen zu können. DaS Publikum glaube aber, wenn es Rüböl fordere, daß eS dann reines, unverfälschtes Rüböl bekomme. Es liege somit auch Betrug vor, der dadurch, daß der Mißbrauch des Mischens weit verbreitet sei, keineswegs entschuldbar sei; das Publikum habe vielmehr ein Recht, zu verlan­gen, daß es vor derartigen Verfälschungen der Nahr­ungsmittel geschützt werde. Das Urtheil lautete auf 100 Mark Geldbuße oder 20 Tage Gefängniß.

* Der dieses Jahr etwas feucht gerathene Wonnemond bringt den alten Spruch wieder in Er­innerung :

Ein deutscher Mann von rechter Art Träg Ueberrock bis Himmelfahrt, Und nahet Pfingsten dann heran, So zieht er ihn von Neuem an.

t Salmünster, 26. Mai. Am 27. und 28. Juni findet dahier das 11. Bundes-Sängerfest des Vogels- berger-Kinzigthaler Sängerbundes statt. Die Vorbe­reitungen dazu sind in vollem Gange.

Fulda, 24. Mai. Am Vormittage des 20. d. M. und die Eröffnung der Biebersteiner Fohlenweide statt. Obwohl es stark regnete, waren doch zu diesem ersten Austrieb 47 Füllen zur Stelle. Gestern Abend ge­bethen in einer Wirthschaft in Salzschlirs einige Burschen in Streit, der sich auf der Straße zu einer argen Schlägerei entwickelte, in welcher der am Ringofen bei Eichenau beschäftigte Ziegelstreicher Heinrich Schröder aus SLftderg bei Herford erstochen wurde. Seine um halb 11 Uhr auf der Straße gefundene Leiche zeigt drei tiefe Stiche, von denen jeder für sich allein tödtlich war. Die Stiche saßen im Hals, in der Brust und im Unter­leib. Ein sofort herbeigeholter Arzt konnte nur den Tod feststellen. Ein Salzschlirfer Bauernsohn trug lebens­gefährliche Verletzungen davon, an denen er jetzt dar- niederliegt. Ein der That verdächtiger Bursche wurde verhaftet, ein anderer ging flüchtig.

Fulda, 24. Mai. Gestern Nachmittag 1'/- Uhr verübten auf dem Wege nach Johannesberg einige Bauernburschen aus der Umgegend allerlei rohen Unfug. Alles was ihnen in den Weg kam wurde angerempelt, geschlagen und gestochen. Ein junger Mensch lief schreiend in die Felder, verfolgt von einem der Burschen. Ein Herr und zwei Damen wurden thätlich angegriffen, so daß sie sich an der Hornungsbrücke in ein Haus flüchten mußten. Nun ging es über einen des Weges kommenden Briefträger und einem jungen Manne vom vom Lande her; beide wurden gröblich mißhandelt und der Bursche erhielt einen Messerstich in den Arm, so daß er ärzliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte.

Hünseld, 25. Mai. In dem offiziellen Berichte über die letzte Vorstands-Sitzung der LandwirthschaftS- kammer für den Regierungsbezirk Cassel lesen wir: Der Vorsitzende erstattet Bericht über die Zustände auf den im Kreise Hünseld errichteten Rentengütern und die überaus traurige Lage der Besitzer derselben, von denen schon ein großer Theil nach stattgefundenem Konkurs seine Rentengüter verlassen habe. Es wird beschlossen, dem Herrn Minister diese Zustände zu schildern und um Abhilfe zu bitten.

Reicheusachsen, 24. Mai. Beim Holzfahren ver­unglückte heute der Müller Rockenkamm von hier. In Begleitung seiner Frau und eines Knechts war er in den nahegelegenen Dachsberg gefahren, hatte dort Holz aufgeladen und war schon eine Strecke im Walde mit dem beladenen Wagen auf dem Rückwege, als ein Rad an einer etwas abschüssigen Stelle auf einen Baum­stumpf stieß. Der Knecht bemerkte die Gefahr und rief R. zu sich schnell von dem Wagen zu entfernen; doch dieser stolperte, und der schwer beladene Wagen fiel auf ihn. Als er gleich darauf unter der Last hervorgezogen wurde, athmete er noch schwach und starb schon nach einigen Minuten. Er hinterläßt seine Frau mit drei Kindern.

Heinebach, 24. Mai. Im hiesigen Walde, ziemlich nahe beim Dorfe, fanden Förster heute die Leiche eines Unbekannten. Allem Anschein nach hatte derselbe sich aufgehängt, war aber heruntergefallen. Ob er, wieder zum Bewußtsein gekommen, alsdann noch Gift nahm oder vorher schon Gift genommen hatte, wie ein neben