SchWernerMung
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1 M 41. Samstag, den 22. Mai 1897. 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser empfing eine Deputation des hessischen Husaren - Regiments Nr. 13, welche zur 25jährigen Jubelfeier des Königs Humbert als Chef des Regiments nach Rom reist und vom Kaiser eine Statuette nebst Handschreiben überbringt. — Der Kaiser und die Kaiserin werden am 18. Juli der Enthüllung des Kaiser Wilhelm-Denkmals in Köln beiwohnen und dann wahrscheinlich einige Tage im Residenzschloß zu Brühl verweilen.
— Mit neuen Gewehren ausgerüstet ist abermals probeweise das Garde-Jägerbataillon in Potsdam, das erst kürzlich neue Gewehre ohne Laufmantel ausprobirt hatte. Die jetzt zur Probe getragene Waffe hat einen längeren, gänzlich von Holz umhüllten Lauf uud wird mit einer Gaspatrone geladen, welche die Eigenschaft hat, daß, ohne neu zu laden, gleich verschiedene Schüsse hintereinander abgegeben werden können. Den Mannschaften ist dienstlich das strengste Stillschweigen über die Konstruktion des neuen Gewehres anbefohlen.
Aus München, 14. Mai wird geschrieben: „Unsinn du siegst!" Eine Bierreise im großen Stil haben, erfüllt von der Bedeutung ihrer Aufgabe, die „Stoffe" an den Quellen zu prüfen, dieser Tage etwa 40 bier- kundige Herren aller Berufsstände aus Berlin, Thüringen, Leipzig und Stettin von der Reichshauptstadt aus unternommen. Zunächst begab man sich nach Leipzig. Bon da ging vorgestern der Zug nach Bayern; Vormittags wurden Kulmbachs, Nachmittags Erlangens Quellen geprüft. Am Freitag folgten die schweren Biere Nürnbergs. Drei Tage sind dem Studium der Bierverhältnisse der Weltbierhauptstadt München geweiht. Auf diese schwierigen Leistungen folgen das goldene Pilsener, darauf Prag. Wohl „zum Abgewöhnen" will der Zug seine Fahrt am Donnerstag in Dresden beschließen.
Würzburg, 17. Mai. Geradezu überraschend ist daS außerordentlich schnelle Wachsthum der Bevölkerungs- ziffer Würzburgs. Im Jahre 1885 wies die Zählung ca. 55000 Einwohner auf (42982 Katholiken, 9416 Protestanten, 2387 Jsraelnen). Heute beträgt die Einwohnerzahl laut amtlicher Quartierliste schon über 70000. — Eine größere Anzahl Oekonomen aus der Umgegend von Würzburg wollen eine Genoffenschaftsbäckerei als Dampfbäckerei in Würzburg errichten, um ihr Getreide, Korn und Weizen, prerswürdig zu verwerthen und zugleich der Stadt Würzburg und Umgegend gutes Kornbrod, weißes Gebäck, aus fränkischem Korn und Weizen liefern zu können. Dieses soll deshalb geschehen, weil fast sämmtliche Bäcker in Würzburg ihr Mehl von fremden Händlern beziehen und hierdurch die Oekonomen der Umgegend und auch das einheimische Müllergewerbe sehr schädigen. Bis zum kommenden Herbst gedenkt man dieses Vorhaben auszusühren.
Mainz, 17. Mai. Eine Anklage wegen unlauteren Wettbewerbs hat sich ein Theehändler aus Kolberg zu- gezogen, der in einem hiesigen Blatte über die Vorzüg- lichkeit eines „neuentdeckten" Thees aus dem russischen Ural Inserate erlassen und darauf hingewiesen hatte, daß dieser Thee nur in zwei Mainzer Handlungen erhältlich sei. Dieser „russische Thee" soll nun nichts anderes als gewöhnlicher deutscher Thee gewesen sein, v veßhalb gegen den Theehändler anfänglich eine Anklage auf Betrug erhoben wurde, derselbe jetzt aber wegen * unlauteren Wettbewerbs zur Verantwortung gezogen wird.
4 Köln, 19. Mai. Ein von Westfalen nach Metz gehender Militärzug mit Reservisten entgleiste heute Nacht zwischen den Stationen Hillesheim-Gerolstein. Nach vorläufigen Mittheilungen sind 9 Mann todt. Eine größere Anzahl von Reservisten ist verletzt. Der Zug enthielt nahezu 1000 Reservisten, wovon neun Zehntel nach Metz, der Rest für Mörchingen bestimmt war. Das Unglück ereignete sich kurz vor 12 Uhr, also in stockfinsterer Nacht, in dem Augenblick, als der Zug eine besonders steile Kurve in der Nähe des Gerolsteiner Schloßbrunnens passirte. Es entstand ein unbeschreibliches Chaos, da sich die entgleisten Waggons zum Theil quer über das Geleise stellten und übereinander lhürmlen. Aus dem im tiefsten Dunkel liegenden Trümmerhaufen L tönten nun die entsetzlichen Hilfe- und Schmerzensrufe ^ ker Verletzten und Sterbenden, und das Zugpersonal ^a^ gezwungen — um wenigstens so schnell wie möglich -^lcht zu schaffen — die Trümmer eines Wagens, aus
Ausland.
Konstantiuopel, 18. Mai. An Edhem Pascha ist der Befehl ergangen, die Feindseligkeiten sofort einzu- tellen. Die Pforte antwortete auf den letzten Schritt >er Mächte, sie mache die Einstellung der Feindselig- eiten von der Annahme folgender Grundprincipien für >en Abschluß eines Waffenstillstandes und des Friedens abhängig: Zahlung einer Kriegsentschädigung von 10 Millionen Pfund; Wiederherstellung der alten Landesgrenze, Erneuerung der Verträge für die griechischen Unterthanen in der Türkei auf Grund des internationalen Rechtes; Abschluß eines Kartellvertrages für die Auslieferung gemeiner Verbrecher; ferner Freilassung der Häfen von Volo und Prevesa für den Verkehr mit Beginn des Waffenstillstandes. Die Bevollmächtigten haben in Pharsala zusammenzukommen.
— Es ist in letzter Zeit wiederholt davon die Rede gewesen, mit welcher wachsenden Eifersucht England den Aufschwung der deutschen Industrie verfolgt, von der es, nicht so ganz mit Unrecht, überflügelt zu werden befürchtet. Aus dieser Erwägung begreift sich die be
denen man die Todten und Verwundeten rasch herausgeholt hatte, anzuzünden. Bei dieser traurigen Beleuchtung konnte man erst nach den übrigen Todten und Verwundeten suchen. Zwei Reservisten und ein Bremser wurden in einem neben dem Bahndamm befindlichen Wassertümpel ertrunken aufgefunden, in den sie infolge der Wucht des Zusammenstoßes geschleudert worden waren. Ein Arzt aus Juenkerath, wo das Unglück zuerst bekannt wurde, fuhr mit einer Maschine zur Unglücksstätte, bald trafen auch Aerzte aus Gerol- stein und dett benachaarten Orten ein, welche nach Kräften Hilfe leisteten, während Geistliche aus Gerolstein den Sterbenden die Tröstungen der Religion spendeten. Nach den bisherigen Erhebungen ist als Ursache der Entgleisung anzunehmen, jdaß der Zug zwischen den genannten Strecken gerissen, und der Hintere Theil desselben auf den vorderen Theil aufgelaufen ist.
Greiz. In ein und demselben Logis 85 Jahre zu wohnen, ist gewiß ein seltenes Vorkommnis; in Greiz dürfte dieser Fall wohl einzig dastehen. Am Markt in dem früher Güuther'schen, jetzt Doswald'schen Hause, wohnt laut der „Landeszeitung" Fräulein Jacoby noch in demselben Logis, das ihr Vater, der damalige Lehrer Jacoby, am 4. Mai 1812 bezogen hatte.
Weißenfels, 17. Mai. Die Maul- und Klauenseuche hat in dem verflossenen Jahre zumal im Regierungsbezirk Merseburg am heftigsten gewüthet. Die Stückzahl des gesammten von der Seuche betroffenen Viehbestandes betrug 46 228 Rinder, 32696 Schafe, 204 Ziegen und 2038 Schweine. Im Jahresbericht 1896 des landwirthschaftlichen Centralvereins der Provinz Sachsen rc. wurden auf Grund zahlreicher Schätzungen der Landwirthe unserer Provinz der durch die Maul- und Klauenseuche erwachsenden Schaden pro Haupt Rindvieh auf 60 Mark taxirt. Es würde danach dem Regierungsbezirke Merseburg in diesem Jahre allein im Hinblick auf das Rindvieh ein Schaden von 2% Millionen Mark erwachsen sein, dabei sind Schafe, Ziegen und Schweine noch ganz unberücksichtigt gelassen.
Sachsenhausen (Waldeck), 17. Mai. Unter den tapferen Rettern bei dem schrecklichen Brandunglücke in Paris befindet sich auch ein geborener Sachsenhäuser, ein Karl Wagener. Er ist der Sohn einfacher, biederer Landleute. Wagener steht erst im 28. Lebensjahre. Es verließ sein Elternhaus vor etwa 9 Jahren und befindet sich z. Z. im Dienste einer reichen Londoner Familie. Letztere wohnt schon seit Jahren in Paris und ist Besitzerin des „Hotel du Palais". In demselben hat Wagener den Posten eines Hausverwalters inne. In dieser Eigenschaft hat er an den bekannten Rettungswerke thätigen Antheil genommen, dem 150 Personen ihr Leben verdanken. Diese wurden, wie s. Z. auch in diesem Blatte mitgetheilt wurde, durch ein Fenster in den Keller des Hotels gezogen. Wagener wurde später, der „H. P." zufolge, mit den anderen Lebensrettern dem Präsidenten Felix Faure vorgestellt. Als man bei Feststellung der Personalien erfuhr, daß W. ein Deutscher sei, beglückwünschte man ihn allseitig. Herr Wagener erhielt die silberne Rettungsmedaille 1. Klasse. Nur eine kleine Anzahl ist mit der goldenen Medaille ausgezeichnet worden, jedenfalls solche, die sich in größerer Lebensgefahr befunden haben.
reits gemeldete Annahme eines Gesetzentwurfs im englischen Unterhause mit der kolossalen Majorität von 221 gegen 90 Stimmen, welcher^die Einfuhr von Fabrikaten, die in fremden Gefängnissen hergestellt wurden, nach England verbietet. Daß sich dieses Gesetz speziell gegen Deutschland richtet, verrieth kein Geringer, als der Kolonialminister Chamberlain, indem er hervorhob, das Gesetz sei zur Zeit weniger wichtig, da es sich gegenwärtig nur um die Einfuhr von Bürsten- und Matten- fabrikaten handle; die deutsche Regierung schicke sich aber an, die Gefangenen-Arbeit auch auf andere Industriezweige auszudehnen, deren billige Abgabe für die englische Industrie eine schwere Konkurrenz bedeuten würde.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 21. Wat.
— Der Stand der Saaten ist ein ausgezeichneter. Die Halmfrüchte stehen dicht in starken fetten Halmen auf den Feldern; hier und da wurde bereits blühendes Korn bemerkt. Mancher befürchtet wohl, daß bei fortdauernder größerer Feuchtigkeit die fetten Halme sich frühzeitig legen und so mißrathen. Klee und GraS haben sich kräftig entwickelt und geben Aussicht auf eine reiche Ernte. Der Früchteansatz der Obstbäume ist durch mitunter heftigen Regenschauer vermindert werden.
* — Es dürfte wieder an der Zeit sein, vor Beschädigungen von Bäumen durch Abbrechen von Zweigen und Aesten, sowie vor dem unberechtigten Betreten von Aeckern und Wiesen zu warnen. Die Beschädigung von Bäumen und Sträuchern durch Abbrechen von Zweigen und dergleichen wird nach § 303 des Reichsstrafgesetzbuches mit Geldstrafe bis zu 1000 Mk. oder mit Ge- fängniß bis zu 2 Jahren bestraft; das unberechtigte Betreten von Gärten und Weinbergen oder von Wiesen und bestellten Aeckern vor beendeter Ernte oder solcher Aecker, Wiesen oder Schonungen, welche mit einer Einfriedigung versehen sind, oder deren Betreten durch Warnungszeichen untersagt ist, nach § 368,9 desselben Gesetzbuchs mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen.
* — Ein für Städte mit schlechtem Pflaster beachtenswerther Rechtsstreit hat jüngst nach dreijähriger Dauer durch Reichsgerichtsentscheidung sein Ende gefunden. In einer thüringischen Stadt war ein Dienst- mann beim Tragen eines Schrankes auf der Straße gefallen und hatte sich dadurch einen mehrfachen Bruch der linken Kniescheibe zugezogen, so daß er nach der Heilung dauernd in seiner Erwerbsthätigkeit beeinträchtig blieb. Der Dienstmann führte den Unfall auf die schlechte Beschaffenheit des Straßenpflasters (!) zurück, das an der betreffenden Stelle ein Loch hatte, und verlangte daher von der Stadt neben dem Ersatz der Kurkosten eine Entschädigung von 5000 Mark. Da die Stadt-Verwaltung sich keines Verschuldens bewußt war und die Feststellung einer Haftpflicht nur aus dem Grunde, weil der Straßendamm kleine Unebenheiten besaß, für unwahrscheinlich hielt, ließ sich auf den Rechtsstreit ein, wurde aber in allen drei Instanzen, Landgericht, Ober- landesgericht und Reichsgericht, für haftpflichtig erklärt. Die Tragweite dieses Urtheils ist, wie die „Tgl. Rdsch." zu diesem Erkenntniß bemerkt, vor der Hand noch gar nicht abzusehen, denn ähnliche Unfälle auf schlecht gepflasterten städtischen Straßen dürften gar nicht so selten ein. Die betroffene Stadt Thüringens ist allerdings gegen Haftpflicht-Ansprüche bei einer Versicherungsanstalt versichert, die 9/io der Vergleichssumme von 2280 Mk., zu der sich die Stadt nach Verlust des Prozesses sofort verstand, und außerdem alle Kosten zu tragen hat.
* — Der Apfelwickler tritt in diesem Jahre in großen Massen auf, seine Larve vernichtet die zarten Blütenknospen, die ihm zum leckeren Mahle dienen. Ein fleißiges Absuchen der Bäume, soweit es möglich ist, nach diesem Schädling kann darum nicht dringend genug empfohlen werden.
* — Für Gartenbesitzer von Wichtigkeit ist eine vor Kurzem vom Reichsgericht gefällte Entscheidung, nach welcher fremde Katzen, die in Gärten eindringen und den Singvögeln oder dergleichen nachstellen, als Raubthiere behandelt und durch Fallen weggefangen, sowie getödtet werden können.
* — Der Begriff: Verkauf zu Fabrikpreisen, wie er oft in Anpreisungen sich findet, ist in einem Rechts