SchlüchternerMung
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_ - ——— - - ^ Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin, 31. März. Am Geburtstag des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe fuhr Mittwoch Vormittag der Kaiser im Paradeanzug des 1. Garderegiments, zu dem er den Orden des Goldenen Vließes und die Kette vom Hohenzollernschen Hausorden trug, am Palais in Berlin vor; bald darauf erschien auch die Kaiserin in dunkelblauem Sammetkleid mit hellblauem Pelzbesatz mit lichtblauem Hut. Beide verweilten längere Zeit. Der Kaiser schenkte ein Album mit Ansichten aus den Bres- lauer Kaisertagen; die Kaiserin ließ einBlumenarragement überbringen. Von allen Seiten trafen Glückwünsche und Geschenke ein.
— Das Befinden des Fürsten Bismarck bessert sich, wie gemeldet wird, langsam, aber stetig. Die rheumatischen Schmerzen in den Beinen haben gänzlich nachgelassen, der Appetit ist gut. Der Fürst verspeiste ihm übersandte Kiebitzeier mit bestem Appetit. Er widmet sich viel der Lektüre.
* — Eine Neuregelung der Ferienordnung für die Volksschulen kam in der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses zur Sprache. Geheimrath Brandt theilte mit, daß die Angelegenheit neu geprüft worden, aber auf Schwierigkeiten gestoßen sei in Folge der großen Verschiedenheit der ländlichen und der Fabrikverhällnisse. Die Bevölkerung der Fabrikgegenden wünsche nur eine Dauer von 4 Wochen, die ländliche eine solche von fünf Wochen. Die Angelegenheit lasse sich höchstens noch Provinzen regeln und sei nicht einfach zu machen.
Potsdam. Ein junger Theologe, der als Privat- lehrer thätige Prediamtskandidat K., dessen gntsitulrte Mutter und Verwandte in Berlin leben (ein älterer Bruder ist angestellter Prediger), hat sich in seiner Wohnung in Zehlendorf erschossen, nachdem er noch am Abend vorher in scheinbar harmlosester Stimmung mit Freunden zusammen war. Einige Briefe an Angehörige und Freunde geben den Grund an, warum der 26jähr. Mann sich den Tod gegeben hat. In einem Briese schreibt er u. a.: „Es ist jetzt gerade ein Jahr her, daß ich das Staatsexamen bestanden habe. Beide theologische Prüfungen habe ich abgelegt, so schnell es unter den heutigen Verhältnissen möglich ist. Bei einer Vorstellung bei dem hochwürdigsten Konsistorium erfuhr ich, daß ich im Juni vorigen Jahres noch ca. 350 Borderleute hatte, eine Anstellung also in den nächsten Jahren nicht zu erwarten ist. Die Aussichtslosigkeit treibt mich zum Wahnsinn, dem ich durch meine That Vorbeugen will." Sodann erwähnt der Unglückliche, daß er sich um mehrere Lehrer- und Erzieherstellen beworben habe, aber ablehnend beschieden worden sei. Zuletzt habe er sich um eine Stelle als Zivilerzieher beim königlichen Kadettenkorps beworben, wozu er sich in seiner militärischen Charge als Vizeseldwebel der Reserve und Oifiziers- aspirant besonders veranlaßt sah. Als er auch von dort eine abschlägige Antwort erhielt, stand sein Entschluß, aus dem Leben zu gehen, fest.
Braunschweig, 30. März. Ein junger Mann von hier, der zur sozialdemokratischen Partei gehört, stellte sich als Zweijähriger-Freiwilliger zum Militär, erhielt aber von der Militärbehörde seiner Vaterstadt den Bescheid, daß man auf ihn verzichte, da er Mitglied einer Gewerkschaft sei. Zugleich wurde ihm anheimgegeben, sich bei einem auswärtigen Truppentheile zu melden, und so wendete er sich denn an ein hannoversches Infanterie-Regiment und sandte seine Papiere ein. Er erhielt daraus folgende Antwort: „Da Sie Mitglied des sozialdemokratischen Arbeitervereins sind, verzichtet die Compagnie auf ihre Einstellung als Zweijährig- Freiwilliger."
Arrsland.
Bulgarien. Von den bulgarischen „Parlamentariern" plaudern russische Blätter merkwürdige Dinge aus. Der bulgarische Deputirte erhält täglich 20 Francs Gold während der ganzen Session, die nicht weniger als zwei Monate dauert, zuweilen aber auch, wie im vergangenen Jahre, drei. Dieser Umstand hat ein parlamentarisches Proletariat ins Leben gerufen; die größten Taugenichtse, die keine bestimmte Beschäftigung, aber ein freches Maul
Lokales «red Provinzielles.
* Schlüchteru, 2. April.
— Am 1. d. M. ist im hiesigen Seminar der neuernannte Seminardirektor Dr. Sinde vom Kommissar des Provinzial-Schulkollegiums zu Cassel in sein neues Amt eingeführt worden. Eingeleitet wurde die Ein- führungs-Feierlichkeit durch Choralgesang. Dann hielt der Regierungsschulrath Dr. Otto die Einführungsrede, in der er an die Worte des Apostels Paulus anknüpfte, es möchte dem neuernannten Direktor bei seiner amtlichen Wirksamkeit der Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht begleiten. Hierauf sangen die Seminaristen den Psalm: „Der Herr ist mein Hirte." Hieran schloß sich die. Rede des Direktors, welcher in derMW die Grundsätze entwickelte, die ihn in. seinem Amte leiten sollten; sein Streben soll dahin gerichtet sein, die Schüler zur Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und zur gewissenhaften Pflichterfüllung zu erziehen. Am Schlüsse bat er die Lehrer, ihm treulich zur Seite zu stehen. Hierauf erwiederte der Seminarlehrer Spengler; er gab dem Direktor die Versicherung, daß das Lehrerkollegium das ihm entgegengebrachte Vertrauen durch die That rechtfertigen werde, daß es sich in den von ihm ausgesprochenen Erziehungs- und Unterrichtsgrundsätzen eins wüßte; und daß es ihm bei Verwirklichung derselben in treuer Mitarbeit zur Seite stehen werde. Dann gelobte der Primus der ersten Klasse treuen Gehorsam und gewissenhafte Pflichterfüllung. Zum Schlüsse der erhebenden und würdigen Feier wurde der Choral gesungen: „Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren".
*— Wir weisen auf die Sonntag, den 4. April, Abends 8 Uhr, im Saale des „Hessischen Hof" hier stattfindende Kaiser Wilhelm I. und Bismarck-Feier hin. Diese Feier, welche auf allgemeines Verlangen veranstaltet werden soll, wird keinen ausgesprochenen Parteicharakter an sich tragen; es gilt nur, in ernster, würdiger Weise den Männern den Tribut der Dankbarkeit darzubringen, welche die deutsche Nation wieder zum Bewußtsein ihrer Bedeutung unter den Nationen der Erde gebracht und dem das deutsche Volk seine Einheit, seine Erlösung aus Schmach, Zerrissenheit und Ohnmacht verdankt. Wer sich des Werthes dieser Errungenschaften bewußt ist, der ist zu der morgigen Feier eingeladen und willkommen.
* — Am 29. März d. Js. wurde in hiesiger Ver- pflegestation von dem Polizeidiener Muth ein schon seit Juli 1896 wegen Diebstahl verfolgter Schlosser Kann- mann festgenommen. Derselbe wurde noch an dem betreffenden Abend in das Amtsgerichts - Gefängniß abgeliefert.
— Die augenblickliche Bedeutung des bürgerlichen Gesetzbuches für die Praxis wird in der „Deutschen Juristenzeitung" vom Professor Andre in Göttingen erörtert. Er wirft u. A. die Frage auf: Wie steht es denn mit den Testamenten, die schon vor Erlaß des bürgerlichen Gesetzbuches errichtet sind, und ferner, wie wird es, wenn der Erblasser jetzt sein Testament nach dem neuen Recht errichtet, aber vor dem 1. Januar 1900 stirbt? Professor Andre antwortet darauf: „Um das Erstere braucht man sich in diesem Augenblick keine Sorge zu machen. Die Frage wird erst brennend am 1. Januar 1900. Vielleicht wird eine Revision der dann vorhan
werk haben, lassen sich in die Spekulation ein, Deputirter zu werden. Dann sind ihnen jährlich im Minimum 1500 Francs sicher, und das für fünf Jahre. Beider Anspruchslosigkeit des Bulgaren läßt sich von dieser Summe nicht nur das ganze Jahr leben, sondern selbst ein kleines Kapital zurücklegen. Der bulgarische Deputirte giebt gewöhnlich während der Session nicht mehr als einen Franc täglich aus; fünf bis sechs Deputirte thun sich zusammen und miethen sich nicht etwa in einem Gasthanse, sondern in einem schmutzigen Einkehrhofe ein einziges Zimmer, für welches sie zehn bis fünfzehn Francs für zwei Monate bezahlen. Ihre Nahrung besteht alltags aus Brod, Zwiebeln und Knoblauch, die sie vom Dorfe mitnehmen, und an Feiertagen legt die Gesellschaft von fünf bis sechs Mann zu drei Pfund Hammelfleisch zusammen, die ihnen bei den billigen Fleischpreisen in Bulgarien nur 40 bis 50 Centimes kosten. In den Sitzungen der bulgarischen „Kammer" sei es vor Zwiebel- und Knoblauchgeruch kaum auszuhalten, aber für ihre Portefeuille brächten die bulgarischen Minister ja so manches Opfer und hielten wacker die Wohlgerüche aus.
denen Testamente und Erbverträge zu veranlassen sein Sicher ist nur, daß man auch mit einer solchen Revision Denen nicht helfen kaun, die dann nicht aufzufinden sind. Was aber die zweite Frage betrifft, so wird es wohl nicht anders möglich sein, als daß man jetzt bei der Errichtung eines Testaments thunlichst beide Rechter das bisherige und das neue, nebeneinander berücksichtigt. Daraus köunen sich Schwierigkeiten ergeben, aber sie werden fast alle in irgend einer Weise zu überwinden sein. Die vorstehenden Bemerkungen über die augenblickliche Bedeutung des bürgerlichen Gesetzbuches gelten natürlich nicht nur für das Erbrecht, sondern sie haben auch ihre Berechtigung bei einer Reihe von anderen Verträgen und Rechtsverhältnissen, welche jetzt begründet werden, aber ihre Wirkungen noch über den 1. Januar 1900 hinaus ausüben können und sollen. Andres Darlegungen schließen mit folgenden Sätzen: „Es wäre dringend zu wünschen, daß die augenblraüch,. G^emung des bürgerlichen Gesetzbuches den betheiligten Praktickern recht bald und recht deutlich zum Bewußtsein käme. Vielleicht wäre es angezeigt, daß auch seitens der Tageszeitungen die Juristen und das Publikum darauf aufmerksam gemacht würden, eine wie schwere Schädigung der Interessen des Einzelnen eintreten kann, wenn nicht jetzt schon die Juristen sich die Berücksichtigung des neuen Rechts angelegen sein lassen."
Von der Rhön, 22. März. Den Landtags-Abge- ordneten für die Kreise Hünfeld, Gersfeld und Fulda wurde auf ein an das Königliche Eisenbahn-Ministerium gerichtetes Gesuch um Auskunft über den Stand und die Aussichten der verschiedenen Rhönbahnprojecte eröffnet, daß die preußische Regierung zunächst die Ausführung der thüringisch-hessischen Bahnlinie Eisenach Esch- wege für nöthig erachte, so daß nach Lage der Verhältnisse die Rhönbahnpläne noch zurücktreten mußten. Welche Bahnen zur Verbindung der Frankfurt-Bebraer Bahn einerseits und der Werrabahn beziehungsweise thüringischen Bahn andererseits schließlich zu Stande kommen könnten, sei zur Zeit noch nicht abzusehen. Auch die preuß. Militärverwaltung bringt der Bahnlinie Eisenach-Eschwege, weil sie eine direkte Schienen-Verbindung zwischen Thüringen und Kassel unter Wegfall des Umweges Gerstungen-Bebra darstellt, großes Interesse entgegen, welches noch durch den unmittelbaren Anschluß an die direkte Linie Berlin-Metz in Eschwege verstärkt wird, da der jetzige Anschluß in Malsfeld für Durchgangstransporte unbrauchbar ist und die Verbindungskurve Beise- förth-Malsseld für schnelle Beförderung keinen Ersatz bietet.
Fulda, 29. März. Die Wartburg der westlichen Rhön, das herrlich gelegene Schloß Bieberstein, ist gestern in den Besitz der Herren Fabrikanten Franz Karl Bellinger, Gustav Manteuffel und Julius Spatz aus Fulda käuflich übergegangen. Nun wird dem erbärmlichen Zustand, der diese Zierde der Rhön dem Verfall entgegengeführt hätte, ein Ende bereitet werden, denn der rege Kunstsinn der neuen Schloßherren berechtigt wohl zu der Annahme, daß das baulich sehr herabgekommene Schloß einer seiner Geschichte würdigen Restauration unterzogen und dann dem Dienste der Rhönlouristik in zweckmäßigerer Weise als seither erhalten bleiben und zur Verfügung gestellt wird. Das auf waldbestandenem Felskegel hochragende Schloß stammt aus dem 11. Jahrhundert und wurde von 1711—1713 restaurirt. Früher diente es den Fuldaer Fürstäbten als Sommer-Residenz, später machte es mehrere. Besitzwechsel durch, war auch zu staatlichen Bureaus eingerichtet. — Der Mühlenpächter Niemeyer aus Kämmerzell, der vor einiger Zeit wegen Verdachtes der Brandstiftung verhaftet wurde, ist gegen Kaution aus der Haft entlassen worden.
Burghaun, 28. März. Der Postgehilfe Grosch, der bei dem hiesigen Postamte angestellt war, wurde nach der „Fuld. Ztg." wegen Unterschlagung im Amt verhaftet und in das Landgerichtsgefängniß zu Hanau transportirt.
Unterlimbach (Kr. Fulda). 29. März. Am Sonnabend Abend brach durch die Explosion einer Stalllaterne auf dem Anwesen des Hüttners Hornung dahier Feuer aus, welches bald auch auf die dem Huttner Schreiner gehörigen Gebäude Übergriff. Beide Anwesen brannten nieder.
Hünfeld, 31. März. Der Konkursverwalter in dem Konkurse über das Vermögen der „Aktiengesellschaft