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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Kaiser Wilhelm I.
Gedenkblattzum 22. März1897, beut 100. Geburtstage.
Von Gustav Lange.
»Ich habe keine Zeit, müde zu sein!" Diese letzten Worte des sterbenden Heldenkaisers Wilhelms I. dokumentiren das ganze Leben des hohen Verewigten, geben Zeugniß von dem unerschütterlichen Pflichtgefühl, welches ihn beherrscht, selbst in dem Augenblicke noch, als seine unsterbliche Seele bereits dem Eingang zur ewigen Seligkeit nahe war.
Abgeschlossen liegt das Buch der Geschichte über das Leben, Wirken und das Vollbrachte des unvergeßlichen ersten Kaisers des durch die blntigen Kämpfe von 1870/71 neugecinten Deutschland vor uns, und da lesen wir denn auf jeder Seite, wie er als Mensch, als Heerführer und als Herrscher der Mit- und Nachwelt als herrliches Vorbild, als Beispiel voranleuchtet. Als Mensch schlicht und einfach inmitten von Pracht und Herrlichkeit; gerecht in seinem Denken, Fühlen und Handeln ; getreu dem Ausspruch seines hohen Vorfahren: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen"; gläubige Gottesfurcht und frommer Sinn zeichneten sein ganzes Leben bis in sein hohes Alter aus.
Als Feldherr und oberster Kriegsherr hat Kaiser Wilhelm I. glänzende Proben davon abgelegt, daß in ihm alle Tugenden des Soldaten vereinigt gewesen, welcher schon als blutjunger Offizier in den deutschen Befreiungskriegen gegen den korsischen Eroberer sich mit Bravour ausgezeichnet hatte. Er hat nicht in sorgloser Ruhe von dem Ruhme seiner Vorfahren gezehrt; unausgesetzt bemüht, das Heer in allen seinen Theilen zu vervollkommnen, war es ihm vergönnt, in einer fortlaufenden Kette kriegerischer Ereignisse dieselbe Armee, welche ihm zum Wesentlichen ihre Schöpfung, die Höhe, auf der sie fast einem halben Jahrhundert steht, von Sieg zu Sieg schreiten zu sehen und in dem Alter, welches die Bibel als Lebensgrenze hinstellt, noch einmal gezwungen, den Oberbefehl über ein gewaltiges deutsches Kriegsherr zu übernehmen, da sehen wir den greisen Heldenkaiser in der Geschichte fast beispiellose Erfolge erringen. Nicht Eroberungsgelüste hatten ihn verleitet, diese blutigen Kämpfe zu führen, denn nur schwer hatte er sich entschlossen, die ihm schnöder Weise entgegengeschleuderte Brandfackel des Krieges zu ergreifen und die Furien des Krieges zu entfesseln — und der beste Beweis dafür ist, daß die deutschen Bundesfürsten in edler Selbstverleugnung sich ihm treu zur Seite gestellt hatten, um den heimischen Heerd zu schützen, die deutsche Einheit mit dem Blute ihrer eigenen Landeskinder zu besiegeln und dem großen Helden als schönsten Lohn die deutsche Kaiserkrone auf das Haupt zu setzen. Wo finden wir ein gleiches Beispiel tu der Geschichte — und doch schrieb der hohe Oberbefehlshaber, bei aller Anerkennung des Geleisteten, die herrlichen Siege der deutschen Waffen vor allem der Gunst der Vorsehung und einem glücklichen Geschicke zu.
Die Errungenschaften der blutigen Kriege und insbesondere des letzten deutsch-französischen bildeten aber nicht allein die gewonnenen Schlachten, deren Namen War zu allen Zeiten aus der Geschichte hervorlcuchten werden, sondern sie übertrugen sich auf das ganze Staats- und Wirthschaftsleben, ja man kann mit vollem Rechte behaupten, sie bewirkten einen Einfluß auf die ganze zivilisirte Welt, indem das geeinigte Deutsche Reich seine Vormachtstellung gar bald in allen die Weltpolitik betreffenden streitigen Punkten im Interesse der Erhaltung des Friedens und des Fortschreitens von Kultur und Gesittung geltend machte. Der deutsche Name kam allenthalben wieder zur Geltung, das deutsche Ansehen wuchs und dies haben wir vor allen Dingen der weisen und gerechten Regierung Kaiser Wilhelms I. zu danken.
Geeinigt zu einem mächtigen Reiche sind die deutschen Bruderstämme; nichts trennt mehr den Norden vom
Samstag, den 20. März 1897.
Süden, den Westen vom Osten. Die deutschen Bundesfürsten hatten es eben ernst und aufrichtig gemeint, als sie König Wilhelm die deutsche Kaiserkrone angetragen, obschon sie einige Opfer bringen mußten im Interesse der Allgemeinheit. Fest und tief wurzelt jetzt der deutsche Nationalgedanke, und wenn hier und da in der Asche, welche die früheren Bruderkämpfe hinterlassen haben, zuweilen noch ein Funke aufglimmt, einen Brand zu entfachen ist er nicht im Stande, ein Bruderzwist ist ausgeschlossen — das Deutsche Reich trotzt allen Stürmen von innen und außen und auf solch fester Grundlage war es denn auch Kaiser Wilhelm I. möglich, so segensreich als Herrscher zu wirken.
Von der Vorsehung mit weitausschauenden, weisen Rathgebern beglückt, hat des hochseligen ersten Kaisers Regime einen ungeahnten Aufschwung in der Vertheidigung und Sicherung des Reiches, in Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe hervorgezaubert. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Zustände vor dem Neuerstehen des Deutschen Reiches, vergegenwärtigen wir uns die Ohnmacht, von welcher die einzelnen beiden Stämme befallen waren, dazu verurtheilt, als Spielball für fremde Herrscher zu dienen, müssen wir da nicht dankerfüllten Herzens Kaiser Wilhelms I. gedenken, der die dem Deutschen Reiche gebührende Stellung ihm wieder verschafft hat.
Wenn von mancher Seite auch heute noch behauptet wird, daß einzelne deutsche Bundesstaaten unter den früheren Verhältnissen sich wohler befunden hätten, so ist diese Behauptung völlig hinfällig, aber wo ist jemals ein kräftiger Balken als Stützpunkt gezimmert worden, ohne daß Spähne und Splitter nach allen Seiten dabei gefallen sind, und so war es bei der Gründung des Deutschen Reiches auch. Um die Einheit und Machtfülle Deutschlands zu erreichen, dessen es sich heute erfreut, war es unbedingt nothwendig, daß einzelne Bundesstaaten auf ihre Sonderrechte verzichteten, unter Wahrung ihrer Selbstständigkeit sich der Reichsoberhoheit unterstellten.
Die auf reellster Grundlage basirende, weise und friedliche Regierung Kaiser Wilhelms I. hat es in hervorragender Weise verstanden, dieses harmonische Band der deutschen Einheit fester und fester zu knüpfen, wobei natürlich die Vertragstreue und aufrichtige Bundesgenossenschaft der deutschen Fürsten ihm einen werthvollen Beistand verliehen.
Es soll nicht die Aufgabe dieser Zeilen sein, die Entwickelung des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I. und dessen Verdienste bis ms Kleinste hinein zu beleuchten, die Erkenntniß davon beherrscht ohnedies schon die weitesten Volksschichten, und die höchste Verehrung und Liebe des Volkes lohnten den hochseligen Kaiser bis an sein Lebensende. Wer jemals Gelegenheit gehabt hat, in dessen mildes, freundliches Greifen- antlitz zu schauen, der wird den mächtigen Eindruck nicht wieder vergessen, den dieser Anblick hervorrief. Diejenigen, welche im Dienste des Vaterlandes des Königs Rock getragen und Zeuge davon sein konnten, wie der greise Herr bei Paraden und sonstigen militärischen Anlässen stundenlang unermüdlich ausharrte, vergaßen wohl die eigenen Strapazen und fühlten sich gehoben beim Anblick des königlichen Urbildes des Soldaten.
Wenn jetzt das deutsche Volk in Erinnerung des Tages, an dem vor 100 Jahren Kaiser Wilhelm I. das Licht der Welt erblickte, dankbarst des Schöpfers des Deutsches Reiches, seines ersten Heldenkaisers gedenkt, da möge dieser Gedenktag uns ermuntern, auf's neue begeistern, um festzuhalten an dem Errungenen, mögen die verschiedenen Parteistcllungen in den Hintergrund treten; zum ehrenden Gedächtnisse unseres hochseligen Kaisers Wilhelm I. wolle sich, soweit die deutsche Zunge klingt, das deutsche Volk in der einen Lvosung
48. Jahrgang.
zusammenfinden:
„Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen!"
Ein Echo aus London.
Die Verhandlungen über die Marinevorlage in der Budgetkommission des Reichstages, namentlich die Ankündigung des Admirals Hollmann, sind in England mit großer Aufmerksamkeit verfolgt worden. Ein in London wohnender Deutscher theilt den „Berliner Neuesten Nachrichten" einige englische Zeitungssttmmen mit, worin eine boshafte Freude zu Tage tritt, daß alle Marinepläne Deutschlands doch blos fromme Wünsche bleiben dürften, „da ja dieser Reichstag schwerlich solchen Plänen seine Zustimmung geben werde." Die Auslassungen unsers Landsmannes sind um so bemerkens- werther, als sie, unbeeinflußt von den Anschauungen unserer Parteien, von hoher Warte aus die Verhältnisse beurtheilen. Unter anderm heißt es in dem Schreiben:
Wir hier draußen wissen besser wie die Landsleute drüben in der umfriedeten Heimath, daß ein gut Theil der Verstimmung, die mancher Patriot hier in den letzten Jahren zu überwinden hatte, aus der einen Thatsache zu erklären war und ist, daß Deutschland für die Behauptung seiner Machtstellung der unausweislichen Ergänzung seiner Wehrkraft durch eine genügende Seemacht dringend bedarf. Es wäre ein würdiges Beginnen der Erben Wilhelms I. und seines Geschlechts, wenn von der Hundertjahrfeier der Ausgangspunkt einer wirklichen maritimen Eutwicklung datieren würde. Was der große Kaiser für., vie Landmacht Preußen-Deutschland gethan, das sollte nun ein junges Geschlecht für die Marine unternehmen.
Besser als hier in London kann man nirgends übersetzen, was eine solche Entwickelung des deutschen Reiches für die Weltpolitik zu bedeuten hätte. Ich hörte kürzlich eine sehr charakteristische Aeußerung eines der höchsten britischen Marineoffiziere zu einem vielgenannten Parlamentarier: „Wir dürfen uns gratulieren, daß die Deutschen wenig Neigung haben, den von hoher Stelle aus gegebenen Anregungen zur Ausgestaltung ihrer Seegewalt zu folgen: was ich in Kiel gesehen habe, erfüllt mich mit dem höchsten Respekt, und wir können uns nur freuen, daß es nur „eine Handvoll" ist!"
Man braucht in der That nur die Geschichte des letzten Jahres zurückzublättern, um zu verstehen, was alles gewandelt würde, wenn Deutschland eine seinem Range entsprechende Vertretung zur See hätte. Die Sicherheit, mit der die englischen Blätter ohne Besinnen ihren Lesern tröstend zurufen, daß die Ausführung aller jener Pläne nicht zu besorgen sei, sollte allen Deutschen ohne Ausnahme zu denken geben.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. März. Der Kaiser wohnte Dienstag Mittag der Uebergabe der dem 2. Garde-Dragoner- Regiment von der Zarin verliehenen silbernen Kesselpauken bei und speiste Abends mit der Kaiserin beim russischen Botschafter. Mittwoch Vormittag machten beide Majestäten einen Spaziergaug int Thiergarten.
— Der Reichsanzeiger schreibt: Das Gerücht, wonach der Kaiser beabsichtige, zum Andenken an den lOOjähr. Geburtstages Kaiser Wilhelms des Großen eine Erinnerungsmedaille für die Armee und für die Fest- theilnehmerzu stiften, findet Bestätigung. Hierbeiwurde die Frage erörtert, ob nicht alle altenKrieger, welche die Kriege unter Wilhelm I. mitmachten, in erster Linie dieser Auszeichnung würdig seien. Der Reichsanzeiger kann nach zuverlässiger Information versichern, daß der Kaiser es dringend wünschte, diesen Veteranen das Erinnerungszeichen möglichst in weitem Umfang zu gewähren, daß aber diese Absicht wegen des Mangels an verfügbaren Mitteln aufgegeben wurde. Es soll dies für den Kaiser schmerzlich genug gewesen sein, doch erforderte die Rücksicht auf die vorhandenen Fonds diese Beschränkung.
— Der Verwaltungsbericht der Reichsbank für 1896 ist soeben erschienen. Der Veröffentlichung desselben wird in kaufmännischen Kreisen stets mit Spannung entgegengesehen, da aus demselben am Besten zu entnehmen ist, in wie weit Handel und Industrie im ab- gelaufenen Jahre Fortschritte gemacht haben. Der Gesammtumsatz hat die enorme Höhe von 13147919330g