Erscheint Mittwoch und Samstag.'— Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 96. Samstag, den 28. November 1896. 47. Jahrgang.
Deutschs Reich.
Berlin. Zufolge einer Anregung Seiner Majestät des Kaisers wird zum 22. März nächsten Jahres, dem 100jährigen Geburtstage Kaiser Wilhelms des Großen, eine Biographie des hochseligen Kaisers erscheinen. Der Reinertrag des Werkes wird dem Baufonds der Kaiser- Wilhelm-Gedächtnißkirche zufließen, welcher die Herausgabe veranstaltet. Die Bearbeitung des Textes ist dem ordentlichen Professor, Geh. Hofrath Dr. Wilhelm Oncken in Gießen, die künstlerische Leitung dem Direktor der chalkographifchcn Abtheilung der Reichsdruckerei, Professor Roese übertragen. Den Verlag hat die Verlagsbuchhandlung von Schall und Grund übernommen.
* — Bei Feststellung des Zeitpunktes für das fünfzigjährige Dienstjubiläum der Staatsbeamten ist nach einem Beschluß des königlichen Staatsministeriums vom 11. September d. J. die im öffentlichen Dienst — Kommunal, Kirchen-, Schuldienst u. s. w.— zugebrachte Zeit mit anzurechnen.
— Infolge der fortgesetzten Unruhen und Aufstände auf den Philippinen hat der deutsche Kreuzer „Arkona" den Befehl erhalten, die chinesischen Gewässer zu verlassen und nach der spanischen Inselgruppe zu dampfen.
— Oberst Siebert bezicht sich in diesen Tagen nach China und überbringt ein Handschreiben des Kaisers, nach dem „Berl. Tagebl." auch die Jusignien des Schwarzen Adlerordens.
— Ein bedenkliches Monopol hat die Eisenbahnverwaltung geschaffen. Wie nämlich der „Magdeburger Zeitung" mitgetheilt wird, ist am 25. September 1895 zwischen dem EisenbahnfiSkus und der Firma Richard Rocalowsky-Berlin ein Vertrag geschlossen worden, wonach dieser Firma das ausschließliche und alleinige Recht eingeräumt wird, sämmtliche O-Züge, in denen derartiges bisher nicht gestattet war, sowie die Schnellzüge in 1., 2. und 3. Klasse in der ganzen preußischen Monarchie mit Büchern oder Zeitungen rc. belegen zu dürfen. Mit dem 1. Januar 1897 tritt der Vertrag in Kraft.
— An den Reichstag hat der Verband der Invaliden, Veteranen uud Militäranwärter von neuem eine Eingabe gerichtet. In derselben erbitten die Militäranwärter Anrechnung der militärischen Dienstzeit auf die Dienstaltersstufen, Umwandlung der diätarischen in etatsmäßige Beamtenstellen, Eintritt der Pensionsberechtigung nach lOjährigcr Dienstzeit rc. — Die Veteranen bitten um Einführung eines Reichs-Veteranengesetzes (Ehrensold) und die Militär-Invaliden petitionieren um ungekürzte Belassung der für „immer" gewährten Pension bis zum Tode, Erhöhung der Pensionssätze, Entschädigung für Nichtbenutzung des Civiloersorgungsscheines (12 Mark monatlich) und angemessenere Versorgung der Witwen und Waisen.
— Nach amtlichen Aufzeichnungen leben in Deutschland mehr als 200000 Vagabunden. In diese Zahl sind nicht mit eingerechnet Leute, die vorübergehend ar- bcitslos sind, und die sich, um leben zu können, zuweilen mit Betteln durchhclfen. Was diese 200 000 Vagabunden ergaunern und erbetteln, dazu die Kosten der Verpflegung, vermehrte Polizei-, Gefängnis-, Gerichts- und Spitalkosten, beläuft sich bei einer Durchschnittssumme von 2 Mark pro Kopf und Tag auf jährlich 146 Mill Mark. Und sollte diese Summe auch zu hoch gegriffen sein, so kann man doch ermessen, was für Beträge durch die Vagabunden dem Staatssäckel entzogen werden.
München. Ueber das Befinden des Königs Otto von Bayern, der bekanntlich schon über ein Jahrzehnt in dem Waldschlosse Fürstenried lebt, zirkuliren wieder verschiedene Gerüchte. Von gut unterrichteter Seite wird der „Frkf. Ztg." jedoch mitgetheilt, daß in dem Befinden König Otto'S eine Verschlimmerung nicht ein- getreten ist. Der jetzt im 49. Lebensjahre stehende unglückliche König hat sogar manchmal einige lichte Momente und giebt sich in solchen auch der Unterhaltung mit seiner Umgebung hin. Manchmal läßt König Otto die Herren zu Tisch laden, doch speist er nicht mit ihnen, sondern nascht zuweilen heimlich von den am Büffet stehenden Sachen. Manchmal allerdings steckt er auch, wenn er sich im Park befindet, Gras und Erde in den Mund. Große Freude hatte König Otto früher, als er noch in der Fasanerie Schleißheim wohnte, an dem Wilde, und es machte ihm besonderen Spaß, wenn in den Fallen, welche zum Schutze der Fasanen von den Jägern aufgestellt wurden, Raubzeug, wie Füchse, Marder oder Iltisse, sich gefangen hatten. Der Haus
halt, der für König Otto besteht, ist in Allem vornehm. Die Tafel ist reich besetzt, die Getränke sind gut; Champagner ist des Königs Licblingsgetränk, doch werden ihm natürlich gewisse Grenzen gezogen. Der König war auch ein leidenschaftlicher Cigarettenraucher, jetzt raucht er weniger. Seine Bewegungsfreiheit ist natürlich beschränkt; innerhalb der Mauer, die schon früher um das Schloß gezogen wurde, ist jetzt eine zweite gebaut worden. Als einmal ein Lakai einen Rettig und einen steinernen Maßkrug mit Bier gefüllt stehen ließ und König Otto dies bemerkte, wußte er sich ungesehen dieses für ihn kostbaren Schatzes zu bemächtigen und den Krug rasch zu leeren. Im Ganzen ist der König ruhig und gefügig und ohne Kenntniß seines trostlosen Zustandes.
Hamburg. Die Stimmung unter den streikenden Schaucrleuten ist sehr zuversichtlich. Aus den meisten Hafenplätzen ist ihnen Ermunterung zu Theil geworden. Verschiedene Seedampfer müssen ihren Aufenthalt verlängern. Belästigungen der wenigen Hafenarbeiter, die noch arbeiten, werden von den Streikenden selbst verhindert. 150 Beamte der Hafenpoltzei versehen den Patrouilledienst. In einer sehr zahlreich besuchten Versammlung haben die Korn-Akkordarbeiter beschlossen, sich sofort dem Ausstand der Schauerleute anznschließcn. Im Laufe der Verhandlung wurde mitgetheilt, daß die Hafenarbeiter in Holland, Belgien, England und Amerika ihre Unterstützung zugesagt haben. Im Hafen befinden sich momentan 131 Dampfer und 83 Segler. Viele Schiffe sind doppelt bemannt, da die Seeleute nach der Seemannsordnung alle Schiffsarbeiten verrichten müssen. Die Packetfahrt empfiehlt ihren Kunden, Güter über Bremen, Antwerpen oder Rotterdam zu versenden. Die dortigen Gesellschaften übernehmen alle Garantien für die Erfüllung der Kontrakte sowie die Passagierbe- förderung für die Packetfahrt, die also keinen Schaden erleidet.
Vom Schöffengericht in Köln wurde am 23. d. M. ein Apotheker aus Stammeln zu 10 Mark Geldstrafe verurtheilt, weil er das Rezept eines dortigen Arztes belächelt hatte.
Holzminden. Um sie vor Kälte zu schützen, setzte eine Frau B. in Lütgenade bei Holzminden ihre beiden Kinder im Alter von 3 und 5 Jahren auf den Deckel eines großen Kessels, in dem sich heißes Wasser zum Schweinebrühen befand, und entfernte sich dann. Die Kindern wurden unruhig, der Deckel ruschte, und sie fielen in das siedende Wasser, aus dem sie schwer verbrannt wieder herausgezogen wurden. Nach einigen qualvollen Stunden starken die Kleinen.
AuAlaud.
Brüssel, 23. Nov. Aus dem Dorfe Westerode wird ein unerhörtes Verbrechen gemeldet: Mehrere Bauern haben einen schlafenden Dorfbewohner, Namens Debonter, mit Petroleum begossen und ihn dann angezündet. Der Unglückliche verbrannte lebendig. Das Motiv der That ist Rache. Sechs Thäter wurden verhaftet.
Türkei. Am Freitag sind, wie „Daily Chroniele" meldet, in Konstantinopel 50 angesehene Armenier zum Tode durch den Strang verurtheilt worden. Gegen die Verurtheilung der armenischen Bischöfe von Haskiöi und Bitlis zum Tode hat der französische Botschafter Cambon Beschwerde bei der Pforte erhoben.
Afrika. Die Rinderpest in Südafrika macht leider erhebliche Fortschritte. Es muß thatsächlich als sicher gelten, daß diese Krankheit in Transvaal bereits grafsirt im Norden des Kaplandes schon in Bedenken erregender Weise aufgetreten ist und sich bis an die Grenze unseres südwestafrikanischen Schutzgebietes ausgedehnt hat, während sie den Oranje-Freistaat bisher verschonte.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 27. Nov.
* — Für das nächstjährige Heeresersatzgeschäft wird denjenigen jungen Männern, welche in dem Zeitraum vom 1. Januar bis 31. Dezember 1877 geboren sind, in Erinnerung gebracht, daß sie zur Vermeidung von Nachtheilen und Weiterungen sich mit Geburtsscheinen oder sonstigen AuSweismitteln über die Zeit und den Ort ihrer Geburt zu versehen haben. Die für diesen Zweck aus den Geburtsregistern der Standesämter zu ertheilenden Bescheinigungen werden kostenlos ausgefertigt. Der Zeitpunkt für die Anmeldung zur Rekrutirungs- stammrolle wird in der ersten Hälfte des Monats Januar k. I. bekannt gemacht werden."
* — Geltungsdauer der Rückfahrkarten anläßlich des Weihnachtsfestes. Behufs Erleichterug des Weih- nachisverkehrs wird im Verkehr der preußischen Staats- bahncn und im direkten Verkehr mit andcreu die gleiche Bestimmung ausnehmenden Bahnen die Geltungsdauer der am 22. Dezember d. J. und den folgenden Tagen gelösten gewöhnlichen Rückfahrkarten von sonst kürzerer Geltungsdauer bis zum 6. Januar 1897 einschließlich verlängert. Die Rückfahrt muß zur Wahrung der Frist nach der allgemeinen Vorschrift der Staatsbahnen am 6. Januar 1897 angetreten sein.
* — Wer Weihnachtsreklame machen will, fange nicht zu spät damit an! Jetzt ist eine Anzeige vielfach wirksamer, als in der Hochflut der Anzeigen um Weihnachten herum. Die Wünsche und Entschließungen der Käufer bestimmen sich oft schon sehr früh. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst," kann man hier wie anderwärts sagen. Durch frühzeitige Reklame und durch die Hervorhebung der natürlichen Vortheile rechtzeitigen Einkaufs und Gewährung angemessener Preisnachlässe bis zum Beginn der sogenannten goldenen Sonntage könnte das Publikum sehr wohl dazu erzogen werden, nicht bis zum letzten Augenblicke mit der Deckung seines Bedarfs zu warten. Ein leichter angenehmer Geschäftsgang, größerer Umsatz und Verminderung der Geschäftsunkosten dürfte das Resultat einer geschickten und frühen Reklame zum Weihnachtsgeschäft sein.
X — Alls der Sitzung der Strafkammer zu Hanau vom 26. Nov. Der Tagelöhner Kreß von BellingS, welcher am Montag wegen Trunkenheit Gelegenhert erhielt, seinen Rausch auf drei Tage auszuschlafen, erhielt heute 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus und 3 Jahre Ehren- verlust, wegen Diebstahls einer Uhr und 1,50 Mk. baar Geld.
Steinau. Infolge Ablebens des städtischen LehrerS See ist dessen Stelle anderweitig zu besetzen. Das Gehalt beginnt mit 1100 Mk. und freier Wohnung und steigt nach sieben Jahren von 3 zu 3 Jahren um jährlich 100 Mk. bis zum Höchstbetrag von 2000 Mk. Meldungen sind an Herrn Pfarrer Schneider zu Steinau zu richten.
Aus der Rhön, 24. November. Einige Herren aus Frankfurt a. M. beabsichtigen in Ostheim eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftpflicht zu gründen znr Verwerthung der in unseren Wäldern so reichlich vorkommenden Heidelbeeren. Es ist geplant, hauptsächlich Hewelbeerwein, Liqueure und andere Produkte aus dieser Frucht herzustellen.
Homdcrg, 23. November. Der ord. Lehrer an der hiesigen Taubstummenanstalt Herr A. Ritzerl hat die von der Universität Heidelberg gestellte Preisaufgabe über Vokaldehnung gelöst. Demselben wurde deshalb in der am 21. d. M. stattgcfundenen Preisvertheilung der volle Preis, eine goldene Medaille, zuerkannt.
Kassel, 24. Nov Der 23. Kommunal-Landtag des Regierungbezirks Kassel wurde gestern Nachmittag im Saale des Ständehauses eröffnet. Die Abgeordneten waren nahezu vollzählig erschienen. Der Königliche Landtags - Kommissar Herr Oberpräsident Excellenz Magdeburg eröffnete den Landtag um 5 Uhr 10 Min. mit folgender Rede: „Geehrte Herren! Die Hauptaufgabe Ihrer heute beginnenden regelmäßigen Tagung wird wiederum die Feststellung des Bezirkshaushaltes bilden, in dessen Rahmen sich Ihnen die Gelegenheit zur Pflege und Förderung der Interessen des Bezirks in reichem Maaße bietet. Wichtige Fragen in Betreff der Erleichterung des Grundkredits, der Aufbringung der Wegebaulasten unter Förderung des Kleinbahnwesens, insbesondere auch die finanzielle Sicherstellung des Kleinbahnunternehmens Klein - Schmalkalden- Brotterode, werden hierbei ihrer Prüfung, Erwägung und Beschlußfassung unterbreitet werden. Seitens der Königlichen Staatsregierung lege ich ihnen einen, die Verbesserung der Viehzucht bezweckenden Gesetzentwurf zur Begutachtung vor. Indem ich Sie, geehrte Herren, zur Wiederaufnahme Ihrer Arbeiten Namens der Köntgl. Staatsregierung begrüße und willkommen heiße, eröffne ich im Allerhöchsten Austrage den 22. Kommunal-Landtag des Rcg.-Bez. Kassel." Nachdem Herr Bürgermeister Winter-Homberg als das an Jahren älteste Mitglied des hohen Hauses das Alterspräsidium übernommen und ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser ausgebracht hat, wurden die Schriftführer und die beiden bisherigen Vorsitzenden, die Herren Vizemarschall