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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 95.
Mittwoch, den 25. November 1896.
47. Jahrgang.
Bekanntmachung.
I -Nr. 3149 K.-A. Die Ausdehnung, welcher in letzter Zeit verschiedene Viehseuchen, namentlich die Tuberkulose genommen hat, macht es wünschenswerth, daß in jeder Gemeinde ein Maximalthermvmctcr vorhanden ist, um die Körpertemperatur der erkrankten Thiere ohne Zuziehung des Kreisthierarztes zuverlässig feststellen zu können. Der Kreisausschuß hat zu diesem Zweck für jede Gemeinde ein Moximalthermometer beschafft, welches gegen Zahlung von 85 Pfg. im Kreisausschuß-Bureau abzuholen ist. Ueber die Benutzung und Handhabung desselben kann jeder Arzt Auskunft ertheilen, auch werden die Königlichen Gendarmen in der Lage sein, hierin auf Wunsch Einleitung zu geben.
Schlüchtern, den 21. November 1896.
Der Königliche Landrath: Roth.
Ueber die Hungersnoth in Indien, die zum Theil bekanntlich schon ausgebrochen ist, sich aber in Folge der völligen Mißernte noch weiter ausdehnen dürfte, liegen jetzt Einzelheiten vor. Die Hungersnoth wird in erster Linie die nordwestlichen Provinzen Indiens treffen, welche — die weiten Gebiete der Provinzen von Audh mit seinen 12 Millionen Bewohnern einbegriffen — eine Bevölkerung von 40 Millionen aufweisen.
Der Preis der Lebensmittel ist dort schon jetzt doppelt so hoch, wie vor 2 Jahren um diese Zeit. Jeder, welcher weiß, wie arm dort die Menschen sind, kann sich denken, was das für sie bedeutet. Noth muß eintreten, selbst wenn Regen fällt. Im Pendschab dient die FrühlingS-Ernte hauptsächlich zum Unterhalte der Bevölkerung. Dort kann die Lage sich bessern, wenn noch Regen eintritt. So schlimm wie die Hungersnoth des Jahres 1876 war, dürste die jetzige doch keinesfalls werden. Drei Millionen Acres sind jetzt mehr beschützt gegen Regenmangel als 1876. In den bedrohten Provinzen giebt es jetzt im Ganzen 18 Millionen Acres, die künstlich bewässert werden. Tausende von Meilen Eisenbahnen durchziehen gegenwärtig das Land, so daß im alleräußersten Falle mit der Bahn in kürzester Zeit Lebensmittel in die schwer geprüften Orte entsandt werden können. Daneben besteht der sogen. „Hungersnoth-Kodex", welcher alles vorschreibt, was jeder Beamte im Falle eines Nothstandes zu thun hat. Sobald der Getreidepreis um 25 Prozent steigt, muß es der Dorf- beamte der Provinzial-Regierung sofort berichten. Ueber« raschungen können auf solche Weise nicht entstehen. Dann giebt die Regierung ihre Befehle aus. Sie weiß genau, wie viel Hilfe überall nothwendig ist. Ingenieure werden abgesandt zur Leitung der Nothbauten und Aerzte halten sich für den Ausbruch einer Epidemie bereit.
Der Kodex setzt genau fest, wie die Nothbauten betrieben werden, wie die milden Gaben, wie die Nahrungsmittel vertheilt werden sollen. Grundbesitzern werden Vorschüsse gegeben, damit sie Anlagen, besonders Bewässerungsanlagen, ausführen können. Nur in Aus- nahmefällen läßt die Regierung Getreide hinschaffen. Lieber schafft sie Arbeit bei den Nothbauten und bezahlt die Arbeit. Sie glaubt, daß der Handel selbst die Lebensmittel in die Mangel leidenden Gegenden bringen werde. Die Regierung bestimmt die Sätze für die Beförderung des Getreides; die Sätze sind schon reduzirt worden. Sollte eS aber absolut nöthig sein, so dürfen die Eisenbahnen nur Getreide befördern. Die Löhne bei den Nothbauten sind natürlich so niedrig, daß die Leute sich nicht danach zurücksehnen, wenn sich die Zeiten bessern. Eine große Schwierigkeit besteht darin, die Nothleidenden zu bewegen, ihre Noth zu mildern. Viele weigern sich aus Kastenvorurtheilen, mit Anderen zusammen zu arbeiten und zu leben, man muß die Hungrigen, besonders viel Kranke und die Pfleger derselben förmlich zwingen, sich um Hilfe zu bemühen. Weiter werden Volksküchen zur rechten Zeit eröffnet und Rasthäuser auf den Landstraßen angelegt.
Die englische Regierung führt, wie man sieht, in der That gegenwärtig einen regelrechten Feldzug gegen die Hungersnoth; aber es ist noch lange nicht sicher, ob sie auch Erfolg haben wird. Dw englisch-indische Regierung rechnet garnicht mit dem Schlimmsten, was eintreten kann: mit einer allgemeinen Hungersnoth in Indien. Sie trifft darum, soviel sich die Sachlage übersetzen läßt, auch noch keine Vorkehrungen, um einer etwaigen
Hungersnoth in Vorder- und Hinterindien mit einer Gesammtbcoölkerung vor mehr als 200 Millionen wirksam zu begegnen. Großbritannien will vorerst nur die Hungersnoth in den nordwestlichen englischen Provinzen Vorderindiensbekämpfen. Dasnicht-englische Hinterindien, wozu das Königreich Siam mit seinen 6 Millionen Einwohnern gehört, hat noch gar keine Anstalten getroffen, um die Hungersnoth abzuwehren, obwohl auch in Siam eine Mißernte zu verzeichnen ist. In dem unter französischem „Protektorate" stehenden Kaiserreich Anam mit 6’/a Millionen Einwohnern sieht es nicht besser aus. Also würden ohne die gleichfalls in Mitleidenschaft gezogenen Himalayastaaten voraussichtlich etwa 215 Millionen Menschen in diesem Winter in Asien der Hungersnoth ausgesetzt werden.
Es müssen sonach, wenn die Hungersnoth nicht Millionen Menschen hinraffen soll, schleunigst andere umfassende Maßregeln getroffen werden. Die Sorge wird, da von den indischen Rajahs (Fürsten) wenig zu erwarten ist, in erster Linie England zufallen. Die englische Regierung wird in den Säckel greifen müssen, soll umfassende Hilfe geleistet werden. Bereits hat sie einen entsprechend höheren Betrag angewiesen, um in Asien Korn und Reis zu kaufen und dies nach Indien zu schicken. Die französische Regierung wird auf diesem Wege folgen müssen.
Inzwischen wird auch die Mildthätigkeit in Europa gegen den grimmigsten Menschenfeind: den Hunger, auf- gerufen werden. Dieser hat schon jetzt, wie der englische Geistliche von Neugong in Mittelindien, Macdonald, schreibt, manches Opfer gefordert. Es mußte bort Militär requirirt werden, um die Kaufläden vor der Plünderung durch die hunrigen Kulis zu beschützen. Obgleich die armen Kulis wissen, daß in nächster Nähe von Neugong Militär steht, hat der Hunger sie zu Verbrechern gemacht. In Sagor (Mittelindien) haben ein Kuli und seine Frau in ihrer Verzweiflung das eigene Kind gegessen! . . . Das geschah Ende September. Wie aber werden seitdem die Zustände in Indien sich verschlimmert haben!
In England sind bereits Sammelkomitees an der Arbeit; es dürfte solche bald auch in anderen europäischen Staaten gebildet werden. Ist ja auch Europa insofern bei dieser gewaltigen Hungersnoth interessirt als Indien die größte Kornkammer der Welt darstellt. Wenn in diesem Jahre die Getreidepreise höher werden als in früheren Jahren, so ist dies zweifellos auf die schlechten Ernten in so vielen außereuropäischen Ländern und gewiß auch auf Mißernten in Indien zurückzusührcn.
Deutsches Reich.
Berlin. Unser Kaiser, welcher abends zuvor von der Picsdorfer Jagd im Neuen Palais wieder eintraf, hörte am Sonnabend den Vertrag des Generalstabschefs Grafen Schlieffen und arbeitete mit dem stellvertretenden Chef des Militärkabinets v. Villiaume. Abends fand im Neuen Palais aus Anlaß des Geburtstages der Kaiserin Friedrich eine Theatervorstellung statt.
— Der Kaiser trifft am 23. d. M. Abends auf dem Wasserweg an Bord des Panzers „Königs Wilhelm" in Kiel ein und nimmt dort Wohnung. TagS darauf wird der Kaiser der Euthüllung des Provinzialdenkmals für Kaiser Wilhelm I. und später der Rekrutenvereidigung beiwohnen. Am Nachmittag desselben Tages ist eine Besichtigung des Kreuzers „Sperber" in Aussicht genommen.
— Der Präsident des preußischen Herrenhauses, Otto Fürst zu Stollberg-Wenigerode, General der Cavallerie ä la suite der Armee, Kanzler des Schwarzen Adlerordens und Kommandator des Johanniterordens, ist am Donnerstag Abend in Wenigcrode im Alter von 59 Jahren plötzlich gestorben. Fürst Otto, geboren am 30. Oktober 1857, hat sich in verschiedenen Stellungen um Staat und Reich große Verdienste erworben.
— Der im Abgeordnetenhause eingegangene Gesetzentwurf betreffend die Kündigung und Umwandlung der vierprozentigen konsolirten Staaatsanleihe besagt in § 1: Die Schuldverschreibungen der vierprozentigen konsolirten Staatsanleihe können zur Einlösung gegen Baarzahlung des Kapitalbetrages binnen einer dreimonatlichen Frist und die im Staatsschuldbuch eingetragenen vierprozentigen Reichsschulden zur baaren Rückzahlung binnen einer gleichen Frist gekündigt werden. Die Kündigung geschieht unbeschadet der Bestimmung in
§ 17 des Gesetzes vvm 20. Juli 1883 betreffend das Staatsschuldbuch durch öffentliche Bekanntmachung des Finanzministers
— Der Reichstag hat in der Fortsetzung der Justiznovelle den Zeugnißzwang gegen Redakteure verworfen, indem er folgenden Antrag Munkel annahm: „Begründet der Inhalt einer periodischen Druckschrift den Thatbestand einer strafbaren Handlung, für welche nach § 29, Absatz 2 des Gesetzes über die Presse vom 7. Mai 1874 der verantwortliche Redakteur als Thäter haftet, so sind Verleger, Redakteure und Drucker, sowie deren zur Herstellung der Druckschrift verwendetes Hilfspersonal berechtigt, das Zeugniß über die Person des Verfassers und Einsenders zu verweigern."
Halle a. d. S., 18. November. Ein blinder Briefbote, wie ein solcher in Reichenhain bei Elsterwerda vorhanden ist, dürfte wohl vereinzelt dastehen. Briefträger dieses Orts, der seit Jahren eine Postagentur besitzt, ist ein Ortsangehöriger, der vollständig erblindet ist, seines Amtes dabei aber mit großer Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue waltet. Nachdem ihm die Namen der Briefempfänger genannt sind, schreitet er sicher, ohne jegliche Führung, den betreffenden Häusern zu, um seine Bestellungen auszuführen.
Aus der Pfalz. Wegen Weinpanscherei wurde der Winzer und „Wcin"-Händler Franz Kriegshäuser von Dicdesseld bei Neustadt a. H. vom Schöffengericht Eden- kopen zu 100 Mk. Geldstrafe verurthellt. Er hatte etwa 17 Fuder Wein, der durch Aufguß von Zuckerwasser auf bereits ansgepreßte Trauben und Weinhefe hergestellt war, bereitet, und verkaufte diese Mischung als „reinen Naturwein" zu 160 Mk. pro Fuder.
Baden-Baden, 20. November, Unter den 61095 Besuchern Baden-Badens in diesem Jahre befanden sich 45035 Deutsche; es geht schon hieraus hervor, wie irrig die noch aus der Spielzeit herrührende Auffassung ist, als ob während des Sommers die Ausländer den Ton angäben. Unter den ausländischen Nationalitäten nahmen der Ziffer nach die Amerikaner den ersten Platz ein (3207), an zweiter Stelle kommen die Franzosen (3002), an dritter die Engländer (2294), dann folgten die Niederländer (1691) und die Russen (1327). Das ist keine zufällige einmalige Erscheinung, sondern in annähernd demselben Verhältnissen tragen auch in anderen Jahren die genannten Nationen zum Besuche Baden-BadenS bei. Verhältnißmäßig stark ist, wenn man die Reisedauer in Betracht zieht, Brasilien und Afrika, verhältnißmäßig schwach Oestereich-Ungarn an der Frequenz beiheiligt. Zu dem Fremdenpublikum tragen aber thatsächlich alle Erdtheile bei, denn auch Afrika und Australien senden Gäste. Die Badegesellschaft ist somit wirklich im vollsten Sinne international.
Neumüuster Das älteste Ehepaar im deutschen Reiche dürften die Eltern des als Verfasser eines Rechenbuches vortheilhast bekannten Rektors Tank in Neu- münster sein. Der Mann ist 96, die Frau 92 Jahre alt. Sie sind 68 Jahre verheirathet und haben bereits ihre goldene, diamantene und eiserne Hochzeit gefeiert, und wenn, was bei ihrer kräftigen Konstitution zu hoffen steht, sie noch zwei Jahre am Leben bleiben, so würden sie ein Fest begehen können, für das die deutsche Sprache bis jetzt noch keine Bezeichnung au'zuweisen hat. Es wäre interessant, zu erfahren, ob es irgendwo ein noch älteres Ehepaar giebt.
Ausland.
Buffalo, 17. November. Um 1 Minute nach Mitternacht kündigte der Bürgermeister von Buffalo, umgeben von den ersten Bürgern der Stadt, durch 21 Kanonenschüsse an, daß die Niagarafälle von jetzt an Buffalo als Kraftquelle dienen würden. 26 englische Meilen von der Stadt entfernt, ergießt sich das Wasser der Schnellen durch eine schmale Rinne aus eine 175 Fuß tiefer gelegene Turbine, welche ihrerseits eine 22 Zoll im Durchmesser besitzende vertikale Welle treibt. Diese letztere macht 250 Umdrehungen in der Minute. Ueber der Welle steht eine Dynamomaschine von 5000 Pferdekräften. Drei dieser mächtigen Generatoren geben 15000 Pferdekräfte und versehen Dutzende von Fabriken, Tram- ways und unzählige Häuser mit Kraft. Der erste Kunde von Buffalo ist die dortige Straßeneisenbahn-Gesellschaft. Es ist nur eine Frage der Zeit, wo alle Fabriken Buffalos die Kraft zu ihrem Betrieb von den Niagarafällen beziehen werden. Buffalo, welches 350,000 Einwohner