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91. Mitwoch, den 11. November 1896.

47. Jahrgang.

N»aK^§n^D °uf d:eSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen

-> ------ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Die Brände, welche durch fahrlässiges Um­gehen mit Zündhölzern,

namentlich durch das Spielen der Kinder und anderer unzurechnungsfähiger Personen mit diesem Material in großer Zahl verursacht werden, haben die Hauptver­sammlungen der Bereinigung deutscher öffentlichen Feuer- versichcrungsanstalte« mehrfach beschäftigt.

Die diesjährige 28. Hauptversammlung beschloß aus Anlaß eines bezüglichen Antrages und eines den Gegen­stand gleichfalls berührenden Bortragcs des Direktors des Königl. Preußischen Statistischen Bureaus, Geh. Ober-Regierungsrath Blcnck: einerseits durch Mittheilung der besonders schweren Fälle von Kinderbrandstiftungen in der Tagespresse auf diesen Mißstand und die damit verbundenen großen Verluste an Menschciilcbcn, sowie an Eigenthum aufmerksam zu machen und die Bevölkerung zur vorsichtigeren Ausbewahrung und Benutzung von Streichhölzern und zur sorgsameren Beaufsichtigung der Kinder und unzurechnungsiähigen Personen anzuregen, sodann aber auch das Reichskanzleramt in einer vom Verbands-Vorstande an dasselbe zu richtenden Eingabe unter Bezugnahme auf die Ermittelungen des Preußischen Statistischen Bureaus um Abhilfe durch Verlheucrung der Streichhölzer im Wege der Einführung einer ent­sprechenden Besteuerung derselben zu bitten.

Behufs Ausführung des ersten Theils dieses Be­schlusses sammelte der Verbandsvorstand von den vcr- bundenen Anstalten neues statistisches Material über die Brände durch Spielen von Kindern mit Zündhölzern, dessen wesentlicher Inhalt zum Zwecke der Verwerthung durch die Einzelanstalten zusammengestellt worden ist. Aus den Berichten der einzelnen Anstalten sei nur Folgendes hervorgehoben:

Pommern (Provinzial-Feuersozietät). In den 10/a Jahren 1886 bis Ende Juni 1896 kamen zusammen 46 größere Brände mit 863 752 Mk. Entschädigung für 473 betroffene Gebäude vor.

Schlesien, Land. Größere Brände kamen in den Jahren 1892-95 23 vor mit 232 528 Mk. Vergütung. Menschenleben waren nicht zu beklagen.

Sachsen, Provinz, Städte. 1892-1895 tarnen nur 9 Bräude mit mehr als 1000 Mk. Entschädigung vor; dieselben erforderten zusammen 17622 Mk. In 4 Fällen kamen 8 unbeaufsichtigte kleinere Kinder ums Leben, ein anderes wurde verletzt. Weitere Brände ver­ursachten 3 ältere geistesschwache Personen, darunter eine mehrere Brände.

Magdeburg, Land. 18911895 kamen erwiesen 159, muthmaßlich 60, zusammen 219 Brände mit 486438 bczw. 93379, zusammen 579817 Mk. Ver gütung vor.

Sachsen, preuß. Herzogthum, Land. 18911895 sind durch Kinder erwiesen 140, muthmaßlich 80, durch Geisteskranke 6 Brände verursacht worden. Die er­wiesenen Brände erheischten 455 349, die muthmaßlichen 134677, zusammen 590026 Mk. Entschädigung. Bei diesen Bränden kamen erwiesen l 4 Kinder, muthmaßlich 1 ums Leben, während 2 verletzt wurden.

Hessen-Kassel. Aus den Jahren 18901895 finden sich 32 erheblichere Fälle mit mehr als 3000 Mk. Ge- bäudeschadcn verzeichnet, darunter Fälle mit 62453 M. für 12 Gebäude, 39316 Mk. für 9 Gebäude und _dcr Brand von Brotterode am 10. Juli 1895 mit 1743 714 Mark für 743 Gebäude. In einem Falle wurde ein Knabe, der sich aus Angst im brennenden Gebäude versteckt hatte, noch gerettet.

Bayern. In den Jahren 18861893 sind erwiesen 525, muthmaßlich 223 durch Kinder verursachte Brände vorgekommen.

Sachsen, Königreich. Die fünf Jahre 18911895 Weisen zusammen erwiesen 345, muthmaßlich 114 Brände auf, welche durch Kinder verursacht wurden. Dieselben betragen 655 Gehöfte, zerstörten 248 und beschädigten 693 Gebäude und kosten der Anstalt 788 626 Mk. für Jmmobiliarschäden. Herunter befinden sich 30 besondere schwere Fälle, welche zusammen 123 Gehöfte betrafen. 89 Gebäude zerstörten und 134 beschädigten unb 283 055 Mk. Vergütungen ausschließlich der Nebenkosten an

LöschungSprämien :c. erheischten. Außer zahlreichem Vieh büßten dabei 11 Kinder und 1 Feuerwehrmann ihr Leben durch Verbrennen oder Ersticken ein.

D:e vorstehende Zusammenstellung birgt eine Un­summe von Unheil und Elend. Sie umfaßt aber bei Weitem nicht alle durch das fahrlässige Umgehen mit Zündhölzern, besonders durch Spielen der Kinder mit solchen in Deutschland in den letzten Jahren verursachten Verluste an Menschenleben und Hab und Gut. Zunächst fehlt in ihr eine große Anzahl deutscher öffentlicher Feuerversicherungsanstalten. Sodann versichert die Mehr­zahl der aufgeführten Anstalten nur Gebäude, berichtet also nicht über die vorkommenden Mobiliarschäden. Ferner ist in den überwiegend umfangreicheren Bezirken Deutschlands nur ein mehr oder weniger großer Theil der Gebäude bei den öffentlichen Anstalten versichert; die von den Privat-Gesellschaften versicherten Schäden an Gebäuden und Mobilien fehlen also, ebenso wie alle überhaupt nicht durch Versicherung gedeckten Schäden. Letztere sind namentlich hinsichtlich des Mobiliars noch immer sehr beträchtlich, zumal bei den ärmeren Be­völkern« gsschichtcn, welche- durch Kinderbrandstiftungen erfahrungsmäßig in weit höherem Maaße zu leiden haben als die wohlhabenderen Klaffen, bei welchen Aus­sichtslosigkeit kleinerer Kinder verhältnißmäßig viel seltener vorkommt.

Die preußische amtliche Brandstatistik, welche noch keineswegs als eine vollständige zu betrachten ist, ergiebt für die Jahre 188691 bezw. 2147, 2202, 1762, 1912, 2223 und 2368 durch fahrlässiges Umgehen mit Streichhölzern entstandene Brände. Nach der Brcmd- ursachen-Slatistik, welche von den Verbünden deutscher öffentlicher und privater Feuerversicherungs-Anstalten nach vereinbarten gleichartigen Grundsätzen seit einigen Jahren gesayimelt wird, betrug die Zahl der Brände, welche bei 32 öffentlichen Anstalten und Privat- Gesellschaften im Jahre 1894 in Deutschland durch fahrlässiges Umgehen mit Zündhölzern verursacht worden sind, die erwiesenen und muthmaßlichen Fälle zusammci gerechnet, nicht weniger als 4724. Davon entfallen au Kinder unter 12 Jahren als Urheber erwiesen 1201 muthmaßlich 880, auf ältere Personen erwiesen 1018, muthmaßlich 1625, zusammen also 2219 erwiesen und 2205 muthmaßlich auf diese Ursache zurückzusührendc Brände. Die Gesammtzahl für Deutschland ist aber noch bedeutend größer, weil die Zahlen für die große Anzahl aller übrigen in Deutschland thätigen Feuer- versichcrungs-GcscUschaften und für alle nicht durch Ver­sicherung gedeckten Fälle fehlen, und weil bei einem großen Prozenttheile aller vorkommenden Brände (bei den 50 öffentlichen und privaten Anstalten im Jahre 1894 durchschnittlich bei 2223 Proz. aller Brände) die Brandursachen überhaupt nicht ermitttelt werden und unter diesen ihrer Enlstehungsursachc nach unermittelt gebliebenen Füllen jedenfalls noch eine beträchtliche Zahl steckt, welche auf Zündhölzer-Verwahrlosung ziirück- zuführen ist.

Rechnet man den durch diese Tausende von Bränden verursachten materiellen Verlusten noch die zahlreichen Menschenleben hinzu, welche ihnen alljährlich in oft qualvollster Weise zum Opfer fallen, so kann man das Uebel wohl mit vollem Recht als eine wirkliche Land­plage bezeichnen. Die Bevölkerung ist hierauf in neuerer Zeit schon vielfach aufmerksam gemacht und eindringlichst vor der Verwahrlosung der Zündhölzer gewarnt worden. Das hat aber nicht geholfen, vielmehr nimmt die Zahl der auf diese Unsitte zurückzuführenden Brände stetig zu, und es entsteht deshalb die Frage, ob dieser Land­plage nicht auf anderem Wege beizukommen ist und schließlich im Interesse des wahren Wohls entgegen- getreten werden muß. Die hauptsächlichste Ursache der Verwahrlosung der Zündhölzer liegt nach der allgemeinen, auf Erfahrung gegründeten Ansicht der Feuerversicherer in der überaus großen Werthlosigkeit des Materials, welches deshalb ohne Rücksichtnahme auf seine Gefährlich­keit in jeder Weise verschleudert und verwahrlost wird. Wenn daher fortgesetzte Warnungen und Belehrungen nicht fruchten, so wird man schließlich daran denken müssen, die Zündhölzer auf dem Wege einer hohen Besteuerung und Verzollung in so fühlbarer Weise im Preise zu erhöhen, daß dadurch die B.völkerung ge­zwungen wird, achtsamer und sparsamer mit ihnen um- jugehen. Eine solche Maßregel, an welche man selbst-

verständlich wegen der Unentbchrlichkeil der Zündhölzer nur sehr ungern und nolhgcdrungcn Herangehen würde, dürfte sich in Bezug auf die ärmeren Bevölkerungs- schichten um so mehr rechtfertigen, als gerade diese ver­hältnißmäßig weitaus am meisten unter dem Uebel zu leiden haben. Eine entsprechend höhere Besteuerung würde bei dem enormen Verbrauche der Zündhölzer dem Reiche eine beträchtliche Einnahme zuführen, ohne von dem Einzelnen, wenn er nur etwas sorgfältiger und sparsamer mit dem Material umgeht, als es bisher im Allgemeinen zu geschehen pflegt, drückend empfunden zu werden.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist am Sonntag früh von seinem Jagdausflug im besten Wohlsein nach dem Neuen Palais bei Potsdam zurückgekehrt.

Eine Hungersnoth ist in Dcutsch-Südwestasrika nach Berichten dortiger Missionare in Folge der sm-ht- baren Dürre auSgebrochen. Die Stationen stehen leer. Der Hustger treibt die armen Menschen von Ort zu Ort; aber nirgends ist für sie ein rechtes Unterkommen zu finden, dazu kommt die schreckliche Rinderpest, die im Osten ausgebrochen ist und bereits Tausende von Rindern hinweggcrafft. Unter den Buschleuten herrscht Raub und Mord. Die Heuschrecken haben alles kahl gefressen; selbst die Minden an den Bäumen schonten sie nicht. Alle Fruchtbäume in den Gärten standen entblößt von Früchtcur und Blättern. In den Gemeinden des Klein-Namaqualandcs ist die Dürre jetzt durch kräftigen Regen beendigt, sodaß die Felder haben bestellt werden können. Dagegen ist die Dürre und Noth im südlichen Theile des Groß-Namaqualandes jetzt erst recht groß geworden, sodaß auch neuerdings die einkommenden Gaben dorthin gesandt werden mußten.

DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Nach einem Telegramm aus Sörabaya vom 4. d. M. kehrten die Mitglieder der Forschungs-Expedition in Neu-Guinea Dr. Laulerbach, Dr. Hersting und Tappenbeck von ihrer Reise in das Innere des Landes wohlbehalten und er­folgreich Ende Oktober zur Küste zurück. Die Expedition entdeckte am Fuße des großartigen Bismarck-Gebirges einen ansehnlichen schiffbaren Strom, der eine frucht­bare stark bevölkerte, ausgedehnte und zur Cultur ge­eignete Ebene durchstießt, welche sie 200 englische Meilen weit erforschten. Bisher war es noch nie geglückt, im Innern Neu-Guineas stark bevölkerte Landstriche aufzu- finben. Die Entdeckung dürfte sehr bedeutungsvoll für die weitere Colonisation des Schutzgebietes sein.

Mit der Zuwanderung weiblicher Dienstboten nach Berlin beschäftigt sich ein Schreiben der Kaiserin, worin das Wirken des Vereins zur Fürsorge für die weibliche Jugend besprochen wird. Auf Grund dieses Schreibens sind die Landräthe durch den Minister des Innern und die Regierungspräsidenten dringend ersucht worden, sich die thunlichste Förderung der Bestrebungen des Vereins besonders angelegen sein zu lassen. Insbesondere sollen sie fortgesetzt dahin wirken, daß die Amts- und Ge­meindevorsteher gegen den Zuzug weiblicher Dienstboten nach Berlin thäthig sind.

Rumpenheim, 6. Nov. Die Prinzessin Friedrich Karl, geborene Prinzessin von Preußen, ist heute von zwei Knaben glücklich entbunden worden. Die Wöchnerin und die Kinder befinden sich wohl.

Aus Darmstadt wird gemeldet: Im Walde zwischen Darmstadt und Eberstadt wurde gestern die Leiche eines zehnjährigen Mädchens aus Eberstadt aufgefunden. Der Leib des Mädchens war ausgeschnitten. Vermuthlich liegt ein Lustmord vor. Seit zehn Tagen wurde das Kind vermißt. Auffallend ist es, daß die Stiefmutter des Mädchens keine Anzeige gemacht halte. Der Thäter des Verbrechens ist jetzt festgestellt. Es ist der aus Heppenheim bei Worms gebürtige Rekrut Weigandt, welcher am 15. Oktober beim 118. Regiment in Offenbach eintrat, am 23. Oktober desertirte und am selbigen Tage mit dem seitdem vermißten Kinde in Eberstadt mehrfach gesehen wurde. Am 24. Oktober ist er in einem be­nachbarten Dorfe ergriffen und nach Offenbach verbracht worden. Hier desertirte er abermals am 1. November, bevor der Mord entdeckt wuroe. Seine in Offenbach zurückgelassenen Kleider weisen Blutspuren auf und ein am Thatorte aufgefundenes Portemonnaie ist als .sein Eigenthum erkannt worden. Die Spuren des flüchtigen Verbrechers wurden heute bis Frankenthal in der Rhein-