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MüchternerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

87. Mittwoch, den 28. Oktober 1896. 47. Jahrgang.

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ILiUUHyiU werden noch fortwährend von allen -,.".'!.--'!-»-» ........... ._! Postanstalten und Landbriefträgern

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin.. Der Kaiser nahm Montag Vormittag Vor- träge entgegen und gedenkt Abends von der Wildpark­station sich mittels Sonderzuges nach Meppen zu begeben. Der Monarch wird am Dienstag den Kruppschen Schieß­platz besuchen, vielleicht in der Villa Hügel bei Essen über­nachten und am Mittwoch die Kruppsche Fabrik besichtigen.

Der Kaiser empfing am Dienstag in Wiesbaden auch den Ehrenvorsitzenden des nassauischen Kriegerver­bandes, Vizeadmirial Mensing, wobei er seine Freude über die Entwicklung der Kriegervereine aussprach. Die Macht derselben im staatsbürgerlichen Leben habe sich bet der Denkmalfeier an der Porta Wcstphalica in geradezu imponirender Weise gezeigt.

Die Karlsruher Blutthat gibt Veranlassung, wieder einmal die berühmte Kabinetsordre Friedrich Wilhelms III. vom 1. Januar 1799 in Erinnerung zu bringen. Die Ordre lautet:Ich habe sehr miß­fällig vernehmen müssen, wie besonders junge Offiziere Vorzüge ihres Standes vor dem Cwilftande behaupten wollen. Ich werde dem Militär sein Ansehen geltend zu machen wissen, wenn eS ihm wesentliche Vortheile zu Wege bringt, und daS ist auf dem Schauplatze des Krieges, wo sie ihre Mitbürger mit Leib und Leben zu ver­theidigen haben; allein im Uebrigen darf sich kein Soldat unterstehen, weß Standes und Ranges er auch fct, einen meiner Bürger zu brüsquiren. Sie sind es, nicht ich, die die Armee unterhalten, in ihrem Brote steht das Heer der meinen Befehlen anvertrauten Truppen, und Arrest, Kassation und Todesstrafe-werden die Folgen sein, die jeder Kontravenient von meiner unbeweglichen Strenge zu erwarten hat." Da diese Kabinetsordre nie aufgehoben worden ist, so gilt sie heute noch.

Der UeberschuH im preußischen Staatshaushalt für 1895/96 wurde vor einigen Wochen auf 25 Mill. Mk. berechnet. Nach neuen Angaben beträgt derselbe rund 50 Millionen Mark.

Die Eisenbahnverwaltung wird nach denBerl. Pol. Nachr." dieses Jahr die weitaus stärkste Zunahme des wirklichen Ueberschusses seit der Verstaatlichung auf­weisen. DieN. N." bemerken dazu, die Höhe des Ueberschusses sei nicht zum mindesten durch Maßnahmen erreicht worden, die das Gepräge des übertriebensten Fiskalismus an sich trügen. Die Eisenbahnverwaltung hätte den Grundsatz aufgegeben, daß die Eisenbahnen im Dienste des Publikums ständen, und es sei zu hoffen, daß der Landtag Anlaß nehmen werde, dahin zu winken, daß man zum früherenGrundsatz in der Verwaltung zurückkehre.

Der Fall von Brüsewitz hat durch die Ver- urtheilung des Lieutenants zu vier Jahren Festungshaft und zur Dienstentlassung seine vorläufige Erledigung gefunden. Man muß anerkennen, bemerkt dieKöln. Volksztg." dazu, der wir diese Nachricht entnehmen, daß das Militärgericht prompt sein Erkenntniß gefällt hat; in dieser Beziehung könnte die bürgerliche Strafrechts- pflege sich vielfach ein Beispiel daran nehmen. Das Strafmaß, auf welches daS Militärgericht erkannt hat, beweist auch, daß der Fall für den Lieutenant sehr ungünstig gelegen haben muß; ob das Urtheil dem öffentlichen Rechtsbewußtscin Genüge leistet, ist freilich eine andere Frage.

Gegen die schwindelhaften Waschmittel beabsichtigt der Verband deutscher Seifenfabrikanten auf Grund des Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb geeignete rechtliche Maßnahmen in die Wege zu leiten und behufs Erniedrigung der Sodazölle Schritte zu thun.

Folgende Jahresgehälter beziehen die Direktoren der nachstehenden Banken : Deutsche Bank 60 000 Mk., Bank für Handel und Industrie 40 000 Mk., National- dank für Deutschland 160 000 Mk., Jnternationalbank 175 000 Mk., Dresdener Bank 193 000 Öls., Berliner Handelsgesellschaft 230 000 Mk., und Diskontobank 55 000 Mk.

Halle a. S., 22. Okt. Zu lebenslänglicher Zucht­hausstrafe begnadigt wurde die 66jährige Wittwe Stahl aus Köttichau. Dieselbe hatte das neugeborene Kind ihrer Nichte verhungern, lassen, und dann die Schweine mit der Leiche gefüttert, weshalb das Naumburger Schwurgericht sie am 13, Juni zum Tode verurtheilte.

Görlitz, 22. Okt. Im Wieder-Aufnahme-Verfahren verurtheilte heute das Schwurgericht den Krämer Ernst Pufe aus Horka wegen Ermordung seiner Geliebten, der Dienstmagd Marie Wetzold, zum Tode. Pufe hat die That vor 16 Jahren begangen und war bereits einmal wegen desselben Verbrechens unter Anklage gestellt worden. Damals gelang es jedoch nicht, ihn zu überführen.

Mannheim, 24. Okt. Heute Vormittag sollte ein Lehrling des Bankgeschäftes Weil & Benderlin die Summe von 36,700 Mark bei der Pfälzischen Bank in Ludwigshafen abliefern. Er führte die Summe in einem Söckchen bei sich, das er hinten an sein Velociped gebunden hatte. Am jenseitigen Ausgange der Rhein­brücke bemerkte er, daß das Geld verschwunden war, das auch noch nicht wiedergefunden werden konnte. Zu gleicher Zeit hatte man zwei Handwerksburschen sich eiligst über die Brücke entfernen sehen.

Wie aus Darmstadt, gemeldet wird, wurde am Sonnabend auf einer benachbarten Jagd ein 11jähriger Knabe durch einen Landwirth aus Crumstadt aus un­mittelbarer Nähe erschossen. Der Knabe soll, um sich vor dem Regen zu schützen, mit einem über den Kopf gezogenen Sack im Gebüsch gesessen haben, wo er von dem Jäger, der den verhängnißoollcn Schuß abgegeben hat, für ein Stück Wild gehalten wurde.

Groß-Gerau, 23. Okt. Der Landwirth Ludwig Rothmann von Erfelden wurde vom hiesigen Schöffen­gericht wegen Verkaufs gewässerter Milch in eine Geldstrafe von 50 Mark und in die Kosten des Ver­fahrens verurtheilt.

Gießen, 22. Okt. In Kirtorf bei Alsfeld erregt eine Meineid-Affäre nicht geringes Aufsehen. Zwei angesehene Ortsbürger sind festgenommen worden. Zwei andere, welche ebenfalls verhaftet werden sollten, verübten Selbstmord.

i Würzburg, 23. Okt. In der Klagesache der Herren v. Thüngen gegen die Hölricher und Heßdorfer Bauern wegen Zwangsablösung von Holzrechten war auf heute Termin angesetzt. Auf Antrag des Klägers wurde die Sache aus unbestimmte Zeit bis zur Stellung eines neuen Antrags ausgesetzt. Hiernach scheint es, als ob die Herren von Thüngen das klügere Theil gewählt hätten und auf die zwangsweise Ablösung der Holz­rechte verzichten wollten. Bekanntlich ist den Herren v. Thüngen ein Theil des Waldes, auf dem das Holz­recht der Bauern ruht, zur Anlage des Hammelburger Schießplatzes um einen so hohen Preis abgekauft worden, daß sie die Bauern ruhig im Besitze ihres Holzrechtes lassen können. Folgende Warnung veröffentlicht das Fr. Volksblatt.": Es scheint in der Nähe von oder in Würzburg selbst eine Falschmünzerbande ihr Wesen zu treiben, denn seit einigen Tagen sind falsche Zwei Markstücke im Umlauf. Wir wollen deshalb nicht ver­säumen, hierauf ganz besonders aufmerksam zu machen.

Brückenau. Ein schöner Ausflugspunkt von hier aus ist bekanntlich der eine Stunde von hier gelegene Auersberg. Dort oben soll nun von der Rhönklubsektion Brückenau ein Aussichtsthurm errichtet werden. Sehr namhafte Beträge sind bereits gezeichnet und hofft man, daß mit Beginn der Badesaison im kommenden Jahre der Thurm errichtet ist. Die Aussicht von der Höhe des Auersberges ist prachtvoll.

Ausland.

Rom, 24. Okt. Die Civiltrauung des Prinzen von Neapel mit der Prinzessin Helene von Montenegro fand heute Vormittag in einem Saale des Quirinals statt. Um 11'/» Uhr verließen die Herrschaften den Quirinal und fuhren nach der Kirche Santa Maria degli Angeli, wo die kirchliche Trauung stattfand. Aus Anlaß der Vermählung den Prinzen von Neapel stiftete der König 100000 Frks. für die Armen Roms und befahl dem Minister des königlichen Hauses, während der Festtage für die Armen in anderen Gegenden Italiens reichliche Wohlthaten zu spenden.

Koustantinopel, 22. Okt. Gestern ist ein Militär­zug von Salonik nach Uskueb, zwischen den Stationen Demirkapu und Krivokak, entgleist. Der Zugführer und zwei Offiziere find todt, sonst ist Niemand verwundet. Drei Güterwagen sind gänzlich zertrümmert. Als Ent­gleisungsursache ist in Gegenwart der Staats-, Civil- und Militärbehörden aus Salonik unzweifelhaft Bahn- frevel festgestellt worden. Man stellte fest, daß in einer Kurve im äußern Strang die Schienen gelöst worden

waren. Außerdem war eine Schiene des inneren Stranges durch große Steine gehoben, um die Ent- gleifung sicher herbeizuführen. Aus dem Ganzen geht hervor, daß sachverständige Hände die Vorbereitungen des Unglückes bewirkt haben.

Marseille, 23. Okt. Gestern versuchten mehrere Individuen, die aus dem Auslande gekommen waren, sich einer in einem hiesigen Depot lagernden Menge Dynamit, die sich auf 20 Kilogramm belief, zu be­mächtigen, wurden aber von der Polizei daran verhindert. Nach neueren Ermittelungen fehlen von diesen 20 Kilo­gramm 3 Kilogramm, über deren Verbleib man nichts weiß. Gleichzeitig mit dem Fehlen des Dynamits wurde auch das Verschwinden der verdächtigen Personen fest­gestellt, von denen einige die italienische Grenze über­schritten haben sollen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 27. Okt.

* Der Verband deutscher Kriegs-Veteranen, dessen Sitz in Leipzig ist und welcher jetzt schon nahe an 50,000 Mitglieder in ganz Deutschland zählt, ist be­strebt, das Loos derjenigen hülfsbedürftigen Veteranen welche keine gesetzliche Pension erhalten, durch Staats­hülfe zu verbessern. Seinen Bestrebungen ist es mit zu verdanken, daß durch das Reichsgesetz vom 22. Mai 1895 15,000 erwerbsunfähigen Veteranen eine jährliche Beihülfe von je 120 Mark gewährt wird. Auf das humanitäre Wirken des Verbandes deutscher KriegS- veteranen sind auch nachfolgende zwei Fälle von erst jetzt erlangter Entschädigung resp. Pension zurückzuführen, indem dieselben durch den Verband zur Kenntniß des Kriegsministeriums gelangten: Ein Veteran (Invalide) in Burbach a. d. Saar halte im Jahre 1874 seinen Civilversorgungsschein zurückgegeben, erhielt aber durch ein Versehen dafür keine Entschädigung ausbezahlt. Im Jahre 1893, als der Fehler erkannt wurde, erhielt er für die letzten 5 Jahre die Anstellungsentschädigung nachgezahlt, doch waren für die vorhergehenden Jahre diese Ansprüche verjährt. Von dem neuen Kriegs­minister wurde die nochmalige Prüfung dieser Angelegen­heit angeordnet und der arme hülfsbedürftige Veteran hat 1008 Mark nachgezahlt erhalten. Ein anderes Mitglied des Verbandes, ein Veteran aus den Kriegen 1864 und 1870/71 in Wilhelmshaven, war nach 18jähriger Dienstzeit ohne Pension entlassen worden; auf die Bemühungen eines Bevollmächtigten des Ver­bandes deutscher Kriegsveteranen hat der alte Veteran nachträglich eine monatliche Pension von 15 Mark dauernd bewilligt erhalten und circa 4000 Mark nach­gezahlt bekommen. In den letzten Tagen hat der Verband zu Gunsten seiner Mitglieder mit einer großen Versicherungsgesellschaft in Berlin einen Vertrag ab­geschlossen, wonach die Mitglieder des Beteranen-Ver- bandes, sowie deren Familienangehörige ohne Beschränk- ung des Alters und ohne eine Aufnahmegebühr in die Sterbekasse (Volksversicherung) dieser Gesellschaft aus­genommen werden. Es ist anzuerkennen, daß sich durch Gründung dieses Verbandes Leute gesunden haben, welche das Loos der armen Veteranen in uneigennütziger Weise zu verbessern suchen.

* Mittheilung der Handelskammer. Prioat- postverbindung OberzellSterbritz. Von dem Herrn Regierungs - Präsidenten wurde um ein Gutachten zu einem bezüglichen Anträge aufgefordert, der von Oberzell aus im Interesse der dortigen Holzwaaren- Fabrikation zunächst an die kaiserl. Ober-Postdirektion in Kassel gerichtet, von dieser aber abgelehnt worden war. Es zog die Handelskammer genauere Informationen über die betreffenden Verhältnisse ein und glaubte auf Grund deren Information allenfalls in der Richtung anheimstellen zu sollen, daß das Verkehrsbedürfniß durch versuchsweise anzuordnende Einrichtung der von Oberzell gewünschten Privalpost für einen bestimmten Termin festgesetzt werden möchte. Das Plenum der Handels­kammer stimmte diesem Vorschläge zu.

Die Wissenschaftliche Deputation für das Medi- zinalwesen hat ein Obergutachten über Maltonweine abgegeben, bei welchem der Chemiker Professor Emil Fischer als Berichterstatter thätig war. Es wird aus« geführt, daß diese Produkte, die immerhin als eine bc- achtenswerthe Leistung der Gährungsindustrie bezeichnet werden können, nach Art ihrer Bereitung, nach den Resultaten der Analyse und nach den bisherigen ge«