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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 86. Samstag, den 24. Oktober 1896. 47. Jahrgang.
IS^ftollltMAOtt auf die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen i ■ "'^- ......U Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Das Kaiserpaar ist Donnerstag früh um 8 Uhr aus Wiesbaden auf der Wildparkstation wieder eingetroffen nud begab sich, nach herzlicher Begrüßung der auf der Station erschienenen fünf ältesten königlichen Prinzen, zu Wagen nach dem Neuen Palais. Um 11 Uhr Vormittags fand bei der Kaiserin, deren Geburtstag gestern am königlichen Hofe gefeiert wurde, kleine Gratulation statt, welcher später eine Familien- frühstückstafcl folgte, an der auch Prinz Heinrich von Preußen und Prinz Christian zu Schleswig-Holstein- Sonderburg-Augustenburg, welche gestern im Neuen Palais eingetroffen sind, theilnahmen. Abends um 8 Uhr fanb in der Jaspis-Gallerie des Neuen Palais ein größeres Diner zu etwa 70 Gedecken statt.
— Die „Voss. Ztg." läßt sich aus diplomatischen Kreisen berichten, daß die Begegnung des Zaren müdem deutschen Kaiser einem Wunsche des ersteren entspringe. Er habe das Bedürfniß gehabt, sich nach seiner Rückkehr aus Frankreich mit Kaiser Wilhelm auszusprechen.
— Der Zweck und die Bedeutung der zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren neuerdings ausgetauschten Besuche in Darmstadt und Wiesbaden wird jetzt von authentischer Seite festgestellt. Der Reichsanzeiger schreibt nämlich: „Das Zusammentreffen des Besuches Seiner Majestät des Kaisers von Rußland in Darmstadt und des Aufenthalts Seiner Majestät des deutschen Kaisers in Wiesbaden hat naturgemäß zu einer gegenseitigen Begrüßung der beiden Monarchen geführt, welche, frei von allem offiziellen Ceremoniell, lediglich den Charakter der Intimität bewahrte, wie sie der traditionellen Freundschaft und den nahen verwandtschaftlichen Beziehungen der beiden Herrscher entspricht. Der offizielle Gegenbesuch unserer Majestäten bei den kaiserlichen Herrschaften in Rußland ist, wie wir hören, für den Beginn des nächsten Sommers verabredet." Es ist allerdings eine bittere Ernüchterung für die Franzosen, in so offizieller Weise die „Intimität", die „traditionelle Freundschaft" und die „nahen verwandtschaftlichen Beziehungen" zwischen Kaiser Wilhelm und dem Zaren öffentlich proklamirt zu sehen. Denn es unterliegt doch nicht dem geringsten Zweifel, daß die Publikation im Reichsanzeiger mit Wissen und Willen beider Monarchen geschah.
— Die Einberufung des Landtags erfolgt zum 20. November d. J.
— Die Getreidepreise sind feit, Wochen in stetiger, bis vor Kurzem langsamer, seit einigen Tagen aber schnellerer Steigerung. Der höchste Regulirungspreis für Weizen, der vor einem halben Jahre, am 20. April, 137 war, wurde Montag 173 notirt, der für Roggen 131 gegen 120 vor einem halben Jahre.
— In der Armee werden jetzt erweiterte Versuche angestellt zur Einführung der Bekleidung aus theer- farbenem Tuche und zwar, wie der „Konf." erfährt, zuerst im Bereiche des königlich sächsischen Generalkommandos. Bei verschiedenen Truppentheilen in Bayern finden Erprobungen über die Zweckmäßigkeit der neu ausgegebenen Probe einer Litewka, sowie Versuche darüber statt, ob eine Aenderung der nach früherer Probe gefertigten Litewken auf solche neuer Art oder zu einer ähnlichen gefälligeren Form ohne unverhältniß- mäßigem Aufwand an Arbeit und ohne zu große Kosten angezeigt und durchführbar ist.
— In der Person des 17jährigen Schlosserlehrlings Wilhelm Große ist einer der Mörder des Justitsraths Levy ergriffen worden. Er ist geständig und bezeichnet als Anstifter und Mitthäter den noch nicht ergriffenen früheren Schreiber Levys, Namens Brunno Werner.
Hamburg. Das 100 OOOste Faß Heringe wurde am Sonnabend mit dem Dampfer „Breslau" von Leith in dieser Saison in Hamburg gelandet und von den Arbeitern bekränzt. Die Heringseinfuhr hatte einen Werth von 8 Mill. Mk. Man ersteht hieraus, welch ein reiches Feld der deutschen Hochseefischerei noch zu beackern übrig bleibt. — Die Engländer haben bekanntlich geglaubt, die Konkurrenz Deutschlands in England selbst unterbinden zu können, indem sie verlangten, daß von uns eingeführte Waaren als Made in Germany
gekennzeichnet werden müßten. Welchen Erfolg sie damit erzielt haben, ist bekannt. Aber nicht nur die Konkurrenz Deutschlands im eigenen Lande, sondern auch die im internationalen Verkehr wird ihnen immer
unbequemer. Da ist denn ein Bericht von großem Interesse, den der britische Konsul in Hamburg, Charles Dundas, erstattet hat, und in dem er seinen Landsleuten Rathschläge zur Bekämpfung der deutschen Konkurrenz ertheilt. Es heißt da:
„Der Hamburger Hafen ist nicht nur einer der besten, sondern auch der besteingerichtete, wenn nicht der beste der Welt. So kommt es, das es „der" Hafen Deutschlands und einer der bedeutendsten Europas ist. Da Hamburg Freihafen ist, so können Waaren ein- und ausgeführt werden so lange sie im Freihafentheil bleiben. Dieser Vortheil ist es namentlich, welcher den Handel Hamburgs zu dem gemacht hat, was er ist. Andere Länder sollten hiervon Notiz nehmen. Ich habe schon früher meine Landsleute auf verschiedene Sachen aufmerksam gemacht. Sie scheinen aber nicht darauf zu achten, daß die Deutschen wirklich auf unsern Märkten konkuriren, und das auf Märkten, auf welchen wir das Monopol zu haben glaubten. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche glauben, das deutsche Waaren ebenso gut sind, wie die unserigen. Aber es ist keine Frage, daß die Deutschen den Bedürfnissen der Kunden mehr Aufmerksamkeit schenken und in dieser Beziehung mehr Jntellienz entfalten. Die Engländer machen verschiedene Fehler: 1. Bisher hat der britische Fabrikant in dem Glauben gelebt, daß seine Kunden das nehmen müssen, was ihm gefällt, nicht was ihnen gefällt; 2. die Konsuln können viel helfen, aber kompetente Agenten, die das Ausland von Zeit zu Zeit besuchen, können sie nicht ersetzen. Dazu gehört persönliche Erfahrung. Würden die englischen Fabrikanten diese nöthige Ausgabe nicht in Betracht ziehen, so würde sich dieselbe gewiß bezahlen. So lange wir Engländer unsere Konkurenten nicht mit ihren eigenen Waffen bekriegen und dasselbe Geld auf Unternehmungen ausgeben und unsere Täuschung, daß alles Englische besser sei als alles Uebrige, einsehen, fürchte ich, daß künftige Generationen für die Sünden und die Kurzsichtigkeit ihrer Vorväter zu leiden haben werden. Ich muß ein Wort der Vernunft an meine Landsleute hinzufügen, nämlich: eine Zeit lang keine Streiks anzufangen. Daraus wird viel Gutes hervorgehen. Die Außenstehenden sehen sich das Spiel an. In England ahnt man nicht, welches Unheil diese Streiks anrichten, wie sie den Handel ablenken und in die Hände der Konkurenten liefern."
Deutschlands Handel und Industrie können auf dieses Zeugniß des Ausländers stolz sein, der anerkennen muß, daß wir in lauterem Wettbewerbe durch die Tüchtigkeit unserer Geschäftswelt vorwärts kommen.
Posen. In der Opalenitzaer Krawallaffaire ist nunmehr Anklage erhoben und Termin vor dem Schwurgericht in Meseritz auf den 28. und 29. Oktober angesetzt worden. Angeklagt sind neun Personen. Die Anklage lautet auf Landfriedensbruch.
Breslau, 21. Okt. Das Oberlandesgericht verwarf heute die Berufung des Postfiskus gegen die kürzlich erfolgte Entscheidung des hiesigen Landgerichts, welches den Fiskus zu der Anerkennung verurtheikte, ohne Erlaubniß des Magistrats keine Telephondrähte über Straßen und Plätze ziehen zu dürfen, und die schon bestehenden zu entfernen.
Dresden, 21. Oktober. Wie die „Dresd. Neuesten Nachrichten" melden, hat sich der in Blasewitz bei Dresden wohnhafte Schriftsteller Dr. Eulenburger sammt Frau und drei Kindern wegen Nahrungssorgen vergiftet.
Rastatt. Arge Ausschreitungen hat sich ein elsässischer Rekrutentransport zu Schulden kommen lassen. Der Zug hatte auf dem Bahnhof in Rastatt Aufenthalt. Als die Reise weiter gehen und die Rekruten den Zug wieder besteigen sollten, verweigerten sie sowohl der । militärischen Begleitungsmannschaft wie dem Bahnpersonal den Gehorsam und gaben ihrem Unmuth durch Zertrümmerung von 118 Trinkgläser Ausdruck. Der Bahnsteig war von den Scherben wie besäet. Schließlich ließen sie sich zur Weiterfahrt bewegen, es scheint aber ihre Radaulust doch noch nicht gemindert gewesen zu sein, denn es ist die Nachricht in Rastatt eingetroffen, daß von ihnen zu Heidelberg an einem durchfahrenden Schnellzug die Fenster eingeworfen worden seien Zwischen Karlsruhe und Heidelberg stellte einer den
Zug durch das Nothsignal. In dem ganzen Zug ze» trümmerten die Rekruten die Glasscheiben, rissen die Schilder herunter und schnitten die meisten Riemen ab. Von Karlsruhe aus wurde telegraphisch militärische Hilfe verlangt; die jedoch zu spät eingetroffene Meldung mußte nach Darmstadt weitergegeben werden. Hier war eine Batterie Artillerie bereit gestellt, die jedoch keinen Anlaß mehr zum Einschreiten hatte, da inzwischen die Ruhe wieder hergestellt war. In Heidelberg wurde wegen der gefährlichen Haltung der Mannschaften, die mit Gläsern und Flaschen umherwarfen, das Zugpersonal mit Revolvern ausgerüstet. Wie es heißt, soll der Ruf „Vive la France“ wiederholt ausgestoßen wurden sein. Die Straßb. Post erblickt in dem Vorgang einer Reflex der jüngsten Vorgänge in Frankreich und der damit in Verbindung stehenden chauvinistischen Treibereien, die besonders von in Frankreich lebenden Elsässern ausgehen.
Bensheim, 18. Okt. In dem merkwürdigen Zustand des Nachtwandels zog sich der j.ne^t eines hiesigen Industriellen in vergangener Nacht gefährliche Verletzungen zu. Derselbe erhob sich nach Mitternacht von seinem im zweiten Stockwerk befindlichen Nachtlager, öffnete das Fenster und wollte durch dasselbe unbekleidet in den Hof hinabsteigen. Er hielt sich zunächst mit den Händen an der Fensterbank fest und suchte mit den nackten Füßen eine Stütze. Dabei trat er das Fenster im unteren Stocke ein, blieb mit den Füßen in den zerbrochenen Fensterscheiben hängen, aus denen er sich schließlich mit schrecklich zerschnittenen Füßen und Beinen befreien konnte. In diesem Zustande fand ihn heute Morgen sein Dienstherr, der den Bedauernswerthen alsbald in's hiesige Hospital verbringen ließ. Der Knecht war erst vor wenigen Tagen in den Dienst getreten und ist ein fleißiger und treuer Mensch.
Alzey, 19. Oktob. In der Nachbargemeinde Albig bat sich der Lehrerberuf in einer und derselben Familie durch verschiedene Generationen vererbt. Daselbst wirken nämlich seit 168 Jahren die Nachkommen der Familie Hartleb im Lehramt. Sämmtliche männliche Sprossen dieser Lehrerfamilie widmeten sich dem Lehrberufe. Zwei derselben sind gegenwärtig in Mainz thätig.
Vom Rhein. Hochwasser wird aus dem Stromgebiet des Rheins gemeldet. Die Mosel und besonders die Saar steigen stark. Die unteren Theile der Stadt Trier sind überschwemmt. In Reblingen riß das Hochwasser das Gerüst der Saarbrücke fort. Vom Rhein, der Nahe und der Mosel wird Hochwasser gemeldet. Die Nähe ist übergetreten, verschiedene Laufbrücken wurden fort- gerissen. Oberhalb der Stadt Koblenz sind die Ufer und der Leinpfad überschwemmt; das Wasser wächst fortwährend. In Ruhrort ist das untere Geleis im Nordhafen überschwemmt. — In der Eifel, im HunS- rück, Hochwald- und Jsargebirge ist am Freitag und Sonnabend viel Schnee gefallen und ein empfindlicher Frost eingetreten. Die Verkehrswege sind vielfach nicht zu passiren.
Ausland.
Rom, 21. Oktober. Die mit so großem Pomp in Szene gesetzte päpstliche Mission zur Befreiung der italienischen Gefangenen in Abessinien scheint definitiv gescheitert zu sein. Der Delegat des Papstes, Monsignor Macaire, kehrt nämlich mit ganzen zwei Gefangenen an die Küste zurück. Es sind dies der vom NeguS Menelik freigelassene Unterarzt Madia und der Korporal Barbarossa. Gegen Ende Oktober werden sie in Djibuti sein, nachdem alle drei am 14. d. Mts. in Harrar eingetroffen sein dürften.
Aus Konstantinopel wird berichtet: Konsularberichte aus Kharput stellen bezüglich der am 15. September in Eghin stattgehabten Unruhen fest, daß eine Tags vorher aus Konstantinopel eingetroffene Depesche, wonach die Armenier einen Anschlag planten, und die infolgedessen getroffenen Maßnahmen wesentlich zur Erregung der Mohamedaner beigetragen haben. Von den 1150 armenischen Häusern in Eghin sind 980 total zerstört und sämmtliche Häuser sind geplündert. 2000 Armenier, darunter 50 Frauen und Kinder, wurden getödtet.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 23. Okt.
* — Der Vorstand des Hausbesitzer-Vereins in Cassel hat in einer im verflossenen Monat an den LandeS- Ausschuß gerichteten Eingabe auf den für die creditbe-