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SchluchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, den 10. Oktober 1896.

47. Jahrgang.

NoKsllitttioil °"l dieSchlüchterner Zeitung" |ltUUHy£ll werden noch fortwährend von allen =1 ""^- Postanstalten und Landbriefträgern

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Der Zar in Paris.

Ganz Frankreich schwimmt in einem Wonnemeer. Gegen drei Millionen Provinzler sind nach Paris geeilt, um das große Ereigniß in nächster Nähe mitzuerleben: Der selbstherrische Monarch des heiligen Rußland, um- janchzt von den demokratischen Republikamrn des revolutionären Frankreich, der gottgeialbte Zar, um- schmettert von den wild aufreizenden Klängen der Tyrannenblut lechzenden Marseillaise, der Beherrscher Sibiriens, umringt von hochbeglückten Jakobinern und tief sich verneigenden Kommunarden, der Hort der byzantinischen Rechtgläubigkeit, umjubelt von den Enkeln Voltaire«, es ist ein Schauspiel, so unfaßlich wider­spruchsvoll, daß man es für die Ausgeburt einer toll- gewordenen Phantasie halten müßte, wenn nicht Kronstadt und Toulon geschichtliche Thatsachen wären, und das Programm für den Zarenbesuch in Paris schwarz auf weiß die Tage vom 5. bis 9. Oktober 1896 als die­jenigen bezeichnete, an denen die Welt erfahren soll, daß Ben Akiba Unrecht hat.

Am Montag endlich war für Frankreich der große Tag gekommen. Nachmittags 3 Uhr ist der Zar in den Hafen von Cherbourg eingelaufen und ging das Zaren­paar ons Land. Die Kaiserin ging zuerst aus Land. Der Kaiser in der Uniform eines Kapitäns zur See hatte das Großkreuz der Ehrenlegion angelegt. Präsident Faure schritt entblößten HaupteS auf die Kaiserin zu, verneigte sich tief vor ihr und küßte ihr die Hand. Der Kaiser grüßte den Präsidenten militärisch. Darauf reichten der Kaiser und der Präsident sich die Hand, worauf letzterer den Kaiser willkommen hieß. Der Kaiser dankte in einigen Worten.

Vor der Landung hatte der Zar die französische Flotte, die mitten im Kanal die englische Begleitflotte abgelöst hatte, Revue passiren lassen. In Cherbourg rastete man nach der Ueberfahrt, die so beschwerlich war, daß die Kaiserin an dem Diner wegen Uebermüdung nicht Theil nehmen konnte. Nach Beendigung des Banketts unterhielten sich der Kaiser und Präsident Faure eine geraume Zeit. Der Präsident geleitete als­dann das Kaiserpaar bis zum Zuge. Der Kaiser reichte dem Präsidemen die Hand, letzterer küßte die Hand der Kaiserin. Als das Zarenpaar den Zug bestiegen hatte, wurden auf den Forts die Geschütze gelöst. Der Zug des russischen Kaiserpaares fuhr um 8'/» Uhr ab. während der Zug des Präsidenten noch eine Viertelstunde in Cherbourg verblieb. Ju dem letzteren befanden sich auch Loubet, Brisson, Meline, sowie andere offizielle Persönlichkeiten. Auf Cherbourg kommt Paris, wo das Programm für Dienstag außer dem Einzüge den offiziellen Empfang im Elysse und Galavorstellung in der großen Oper umfaßt. Der Zar konnte in Peiers- burg keinen enthusiastischeren Empfang finden, nichtmehr russische Farben finden als in Paris, und ebenso manches andere noch konnte den Zaren in dem republikanischen Frankreich an seine moskowitlsche Heimath erinnern. Genau so wie in Rußland wurden die Schienen von Soldatentrupps bewacht; die Spaliere in der Stadt konnten in Rußland nicht dichter sein und nach russischer Art werden überall die Polizisten bei der Vorüberfahrt des Zaren dem Zuge den Rücken kehren und das Publikum beobachten.

Dienstag Vormittag 10 Uhr trafen das Kaiserpaar Und der Präsident der Republik in Paris ein. Beider Einfahrt des Zuges wurde die russische Hymme, dann die Marseillaise angestimmt, während von demHotel des Invalides" her Salutschüsse ertönten. Der Kaiser, die Kaiserin und Präsident Faure blieben 10 Minuten im Empfangssalon. Der Kaiser trug die russische Uniform, die Kaiserin eine weiße Toilette. Das Wetter, das erst bedrohlich ausgesehen hatte, war inzwischen prachtvoll geworden. Nachdem die russischen Majestäten den Zug verlassen hatten, wurden dieselben von dem Präsidenten des Gemeinderaths begrüßt, hierauf fand die Besichtigung der Ehrenkompagnie und die Vorstellung der Minister und des Kardinals Richard statt. Nach Verlassen deS Bahnhofspavillons bestiegen das Kaiserpaar Und Präsident Faure einen vierspännigen Wagen, welcher auf der Fahrt von Kavallerie und Spahis eskortirt wurde.

Die Menge brach beim Erscheinen der Majestäten in brausende Hochrufe aus. Um 11" Uhr kam der Zug in der russischen Botschaft unter den begeisterten Zurufen des Publikums an.

Die Ankunft des Zaren im Elysöe erfolgte um 3 Uhr 20 Minuten. Faure erwartete den Kaiser auf der Höhe der Freitreppe umgeben von der maison militaire. Beide Staatsoberhäupter schüttelten sich freundschaftlich die Hände und bcgaben sich alsdann in einen Salon, wo sie eine 20 Minuten währende private Unterredung hatten. Sodann führte Faure den Zaren in einen anderen Salon, wo er die Minister vorstellte. In den anderen Sälen waren der Erzbischof Richard, Generale und hohe Würdenträger versammelt, die durch die verschiedenen Minister vorgestellt wurden. Um 4 Uhr verließ der Zar das Elysöe. Am Abend waren die Straßen von einer ungeheuren Menschenmenge dnrchwogt. Hundertausende bewegten sich auf den Boulevards und lärmten und sangen wie an den Tagen der Pariser Volksfeste. Der Wagenverkehr wurde ein­gestellt. Die Illumination war glänzend. Das Feuer- werk war dagegen nicht sehr gelungen, insbesondere wurde die Feuercascade, welche vom Eifelthurm Herab- fließen sollte, durch den Wind vereitelt. Der Zar, der dem Feuerwerke beiwohnen sollte, erschien nicht. Es scheint, daß der Zar sich in Folge Ueberanstrengung unwohl fühlt, was auch durch sein fortdauerndes bleiches Aussehen bestätigt wird. Wie die Blätter berichten, machte der Empfang in Paris auf das russische Kaiser­paar einen tiefen Eindruck. Besonders die Kaiserin äußerte sich enthusiastisch und voll Entzücken. Der Kaiser bemerkte gegenüber dem Präsidenten Faure und den ihm vorgestellten politischen Persönlichkeiten, er werde niemals diesen Tag vergessen.

Deutsches Reich.

Berlin. An der Kronrathssitzung im Jagdschloß Hubertusstock unter dem Präsidium des Kaisers, welche von 11 Uhr Vormittags bis 2 Uhr Nachmittags dauerte, nahmen der Reichskanzler, sämmtliche Staatsminister, der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Dr. Graf von Posadowsky - Wehner und der Unterstaatssekretär Humbert Theil.

Der Kaiser wird Mitte Oktober incognito mit kleiner Begleitung in Essen eintreffen, um die Fortschritte der Geschütztechnik in den Krupp'schen Werken aus eigener Anschauung kennen zu lernen.

Fortgesetzt gelangen an den Kaiser und das preuß. Kriegsministerium von den als Anwärtern für die aus Grund des Reichsgesetzes vom 22. Mai 1895 zu gewährende Beihilfe vorgemerkten Veteranen Gesuche um Bewilligung der ihnen in Aussicht gestellten Unter­stützung. Um diese überflüssigen Gesuche, die eine große Belastung der Behörden verursachen, möglichst zu ver­mindern, sollen die Provinzialregierungen von Zeit zu Zeit darauf Hinweisen, daß die vorgemerkten Anwärter die Beihilfen erst erhalten können, sobald verfügbare Mittel hierzu bereit stehen, und sie ihrem Vorzugsrecht nach an der Reihe sind.

Der offizielle Schluß der Berliner Ausstellung findet definitiv am Donnerstag, den 15. Oktober, Nach mittag 4 Uhr, durch den früheren und den jetzigen Handelsminister, die Herren v. Berlepsch und Vrefeld im Kuppelsaale des Hauptgebäudes statt.

Eine deutsch-afrikanische Landwirthschafts-Gesell­schaft hat sich in Berlin gebildet. Sie beabsichtigt: Den Viehbestand in unseren Kolonien zu veredeln und zu vermehren; alle Maßregeln zu fördern, die der Ent­stehung und Ausbreitung von Viehseuchen entgegenwirken; die Einfuhr edler HauSthier-Rassen aus Deutschland nach Afrika und Ausfuhr geeigneter Thierarten nach Europa zu betreiben und endlich den Betrieb der Landwirthschaft zu heben und die Kolonien den weiteren bäuerlichen Kreisen zu erschließen.

Osnabrück, 5. Oktober. Eine wichtige Entscheidung, die in weiter Kreisen lebhaften Beifall finden dürfte, hat neulich der Kultusminister getroffen. Ein Schüler des CarolinumS zu Osnabrück ist wegen Theilnahme an einer verbotenen Schülerverbindung, wegen Unbot- mäßigkeit bei der Untersuchung und frecher Weigerung das Verbindungsmaterial auszuliefern, von allen höheren Lehranstalten der Monarchie entfernt worden. Sollte derselbe sich irgendwo als Externer zur Reifeprüfung melden, so muß vor der Zulassung die Genehmigung des Ministers eingeholt werden. Man sieht, daß

Idie Behörde gewillt ist, dem Unfuge der Schülerver- bindungen energisch zu begegnen. Für die Eltern liegt darin eine ernste Mahnung, sich die Neberwachung ihrer an Gymnasien studirenden Söhne angelegen sein zu lassen.

Solingen, 4. Oktober. Je weiter die Arbeiten an der Riesenbrücke zu Müngsten fortschreiten, um so ge­fährlicher scheinen sie zu werden. Die enorme Höhe des riesenhaften Bauwerkes mag wohl manche» Schwindel­anfall begünstigen, und da bedeutet denn jeder Sturz unrettbar den Tod. In voriger Woche mußte der vierte Arbeiter infolge Absturzes von der Brücke sein Leben aushauchen; in einer Höhe von etwa 50 Meter fiel er von einer Leiter herab und kam unten mit zerschmetterten Gliedern an. Wie schwer die Wucht des Falles war, kann man daraus entnehmen, daß der Körper des Un­glücklichen unterwegs ein zolldickes Brett, auf das er aufschlug, wie ein Blatt Papier durchlöcherte. Der Aermste kam als Leiche unten an. Er war die einzige Stütze seiner betagten Mutter. Es scheint, als ob die Riesen"-Brücke auch riesige Menschenopfer fordern wollte, ehe sie dem Verkehr übergeben wird.

Düsseldorf, 30. Septbr. Vor einiger Zeit stand vor dem hiesigen Schöffengericht ein Schneidermeister unter der Anklage eines ganz eigenartigen Betruges. Er hatte einem Herrn auf Bestellung und nach Maß einen Anzug zu liefern. Da er aber alle Hände voll Arbeit hatte, sich aber die Kundschaft jenes Herrn nicht ent- gehen lasse» wollte, so verfiel er auf ein Mittel, das ihm zwar einen Verdienst von ca. 25 Mark, schließlich aber auch eine Gefängnißstrafe von 6 Wochen eingebracht hat. Er ging zu einem der großen Kleidermagazine, kaufte einen Anzug für 26 Mark, änderte denselben an einigen Stellen und lieferte ihm dem Besteller zu einem 50 Mk. übersteigenden Preise. Das Schöffengericht erblickte in dieser Manipulation keinen Betrug und sprach den Angeklagten frei. Die Berufsstrafkammer aber, die sich auf Berufung des Vertreters der Staatsanwalschaft mit der Sache zu befassen hatte, verurtheilte den Schneidermeister zu einer Gefängnißstrafe von 6 Wochen.

Frieden«», 29. Sept. Ein neues Gebiet ist für die weibliche Erwerbsthätigkeit in der Gärtnerei erschlossen. Eine hier bestehende Gartenbauschule hat vor einigen Tagen sieben Schülerinnen entlassen, die nach zwei­jährigem Lehrkursus sich einem Examen unterwarfen und deren Leistungen von der Prüfungs-Kommission als vorzüglich" bezeichnet wurden. Die jungen Damen haben die Befähigung erworben, die Verwaltung größerer Gärten selbstständig zu übernehmen und zu leiten.

Ausland.

Aus Frankreich kommt gleichzeitig mit den Festbe­richten die Kunde von dem Tode eines Verschollenen. General Trochu, der Vertheidiger von Paris, ist im Alter von 81 Jahren in Tours gestorben.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 9. Oktbr.

* Forstaufseher Gärtner von Bengendorf ist als Förster nach Neuhof, Kreis Fulda, versetzt worden.

* Dem Kantor Gunke l in Oberzell ist der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohen- zollern verliehen worden.

* Die erste Lehrcrstelle zu Oberzell ist durch Pensionierung ihres bisherigen Inhabers frei geworden und soll neu besetzt werden.

* Nach Bekanntmachung Königl. Konsistoriums im Regierungsamtsblatt soll die Pfarrstelle zu Hohenzell anderweitig besetzt werden.

* Für Loosbesitzer! Unerhobene Treffer und Haupttreffer aus den Jahren 1894/95 und rückwärts. Laut Originalliste der schwedischen 10 Thaler-Loose sind ca. 3000 St. Trefferlose unerhoben geblieben. Aehnlich verhält es sich bei Ansbach-Gunzenhausener, Amsterdamer, Augsburger, Barletta, Braunschweiger, Autarkster, Finn- länder, Freiburger, Mailänder, Sachsen-Meininger (bei S.-M. tritt bei verschiedenen Serien die Verjährung im Monat März, Juli und November ein), Oldenburger, Pappenheimer, Neuchateller, Oestcrreicher, Hamburger, Ungarischen, Kurhessische», Dessauer und Venediger Loosen, überhaupt bei allen andern Loosgattungen und sonstigen kündbaren Papieren. Bei Türkischen 400« Frank-Loosen sind ca. 5 000 000 Frank Treffer, worunter 10 Haupttreffer u. s. w. unerhoben geblieben. Abgesehen von den horrenden Zinsenverlusten, welche die Inhaber