SchlWernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 7. Oktober 1896.
47. Jahrgang.
3M?lhs ^AMt auf bie -Schlüchterner Zeitung» Uliyvll werden noch fortwährend von allen — ^"—- .....- Postanstalten und Landbriefträgern
s.>wie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist aus Rominten in Eberswalde eingetroffen, von wo er sich mit der Kaiserin nach Hubertusstock begab.
— Der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe ist wieder in Berlin eingetroffen.
Ueber den Wahehe-Aufstand find, wie dem „B. L.-A.» aus Dar-es-Salam gemeldet wird, nach dem Abmarsch deS Kompagnieführers Prince nach Uhehe weitere Nachrichten eingelaufen, die ein Zusammenziehen der auf den Küstenstationen nur irgend zu entbehrenden Mannschaften der Schutztruppe zur Folge hatten. Dem auf einer Inspektionsreise nach dem Inneren begriffenen stellvertretenden Gouverneur Oberstlieutenant v. Trotha sind Eilboten nachgesandt worden, damit dieser im Nothfall mit seinem Korps die Reise abkürzen unb, von Tabora nach Uhehe vormarschiren kann. Die deutschen Kriegsschiffe „Seeadler" und „Condor", die sonst meistens auf der Rhede von Sansibar liegen, sollen die geschwächten Küstenbesatzungen ergänzen und werden zu diesem Behuf in Dar-es-Salam bezw. Kilwa stalionirt. — Diese Maßnahmen beweisen, daß das Gouvernement den Aufstand für sehr bedrohlich hält.
— Nachdem die Getreidepreise auf einen unerhört tiefen Stand gefallen waren, sind sie neuerdings beträchtlich gestiegen. Während vor einigen Monaten die diesjährigen Ernte-Aussichten überwiegend günstig zu sein schienen, stellt sich jetzt heraus, daß die Ernte. Ergebnisse der meisten Länder hinter den damaligen Schätzungen weit zurückbleiben, und zwar noch mehr in Bezug auf die Beschaffenheit, als auch auf die Menge des geernteten Getreides. Ungünstige WitterungsVerhältnisse haben viel dazu beigetragen, diese Wendung herbeizusühren. Trotz der großen Maisernte scheint der Weltmarkt jetzt um so mehr geneigt zu sein, die Getreide- Preise zu erhöhen, als die Kartoffelernte in vielen Gegenden durch das Uebermaß an Niederschlägen sehr stark gefährdet worden ist. Faßt man die Getreide- Ernten aller Länder, soweit sie sich zur Zeit übersehen lassen, zusammen, so stellt sich heraus, daß die Ernte an Weizen und Roggen am meisten hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Weniger ungünstig sind die Ergebnisse der Ernte an Gerste und Hafer. Diese beiden Getreidearten mögen annähernd noch eine Mittelernte erreichen, während die Ernte an Roggen und Weizen hinter einer solchen beträchtlich zurückzubleiben scheint. Verhältnißmäßig am besten lassen sich bereits die Ergebnisse der Weizenernte übersehen. Für diese sind die Ermittelungen der Ernte-Statistiker am weitesten gediehen. Es liegen bereits vier zahlenmäßige Aufstellungen vor, nämlich die des ungarischen Ackerbau- Ministeriums, des französischen Fachblattes „Echo agricole", des englischen von Dornbusch geleiteten Fachblattes und des russischen Finanzministeriums. Alle vier Aufstellungen besagen, daß die diesjährige Weizenernte der Welt erheblich kleiner ist, als die Ernte des Vorjahres. Da nun bereits die vorjährige Ernte nach den statistischen Ermittelungen ein knappes Ergebniß geliefert haben soll, so würde danach die 1896er Ernte hinter einem mittleren Ertrage ziemlich weit zurückbleiben. Den größten Ausfall hat die russische Schätzung ermittelt. Sie soll den Betrag des Vorjahres um 94 Millionen Pud unterschreiten und nur 580 Millionen Pud Weizen geliefert haben Eine reiche Weizenernte haben nach den russischen Ermittelungen in diesem Jahre nur Frankreich, England, Italien, die Balkanländer und die Türkei oufzuwcisen. Spanien, dessen Ernte schon im vorigen Jahre unbefriedigend ausgefallen war, wird abermals durch eine Mißernte heimgesucht. Auf Grund des Ergebnisses der vier oben beregten Aufstellungen hätte man zum mindesten für das Speise-Getreide höhere Preise zu erwarten. Wir wollen die Sorgfalt der Sachverständigen, welche jene Schätzungen ausgestellt haben, nicht beanstanden, dürfen aber nicht unerwähnt lassen, daß ihre Ermittelungen sich im vorigen Jahre nicht besonders bewährt haben. Den Landwirthen möchte man wünschen, daß in diesem Jahre die Preisbewegung den Schätzungen der Ernte-Statistiker mehr entsprechen wird.
— Zur Bcsoldungsfrage der Volksschullehrer wird der „Voss. Ztg." aus Lehrerkreisen geschrieben: Die Mittheilungen über die späte Eröffnung der Landtags- session einerseits und die in Anssichi stehende Neuregelung der Beamtengehälter andererseits haben in der Volks- schullehrerschaxt eine tiefe Erregung hervorgerufen. Es verlautete bisher nichts darüber, ob das Lehrerbesoldungsgesetz in der alten Form und mit den alten Gehaltssätzen wieder vorgelegt werden soll oder nicht. Das Gesetz wurde von den Lehrern als ein Nothgesctz aufgefaßt, dazu bestimmt, die traurigen Hungerlöhne der Landlehrer im Osten des Staates wenigstens in etwas zu bessern und gesetzliche Ordnung in die bisherige Unordnung und Willkür zu bringen. Eine ganz andere Bedeutung erhält aber das Lehrerbesoldungsgesetz im Rahmen einer allgemeinen Regelung der Beamtengehälter. Die Lehrer sagen sich wohl nicht ohne Grund, daß bei dieser Gelegenheit die Lehrergehälter in ein angemessenes Verhältniß zu den Gehältern der Beamten gebracht werden sollten. Die Vorlage . forderte für die Lehrer vom fünften Dienstjahre ab 900 Mk., bis dahin 720 Mk. und setzte eine Steigerung dieses Einkommens auf 1620 Mk. in 27 Dicnstjahren fest. Ein Einkommen in dieser Höhe beziehen in Preußen wie im Rriche nur die letzten Unterbeamten, z. B. die Briefträger, die Kanzlei- und Hausdiener, die Weichensteller und Heizer, während zahlreicheKategorien von Unterbeamten, wie die Gerichtsboten, Kassendiener, Maschinisten, sowohl im Anfangs- wie im Höchstgehalte weit über die Beträge des Lehrer- besoldungsgesetzes hinausgehen. Die Regelung muß auch Jedermann, der die Arbeit und den Bildungsgang der Lehrer und der mittleren Beamten vergleicht, als billig bezeichnen. Wo der Staat Volksschullehrer in seinen unmittelbaren Dienst genommen hat, z. B. bei den Vorschulen der höheren Lehranstalten, der Kadetten- anstalten und den übrigen militärischen Bildungsanstalten, den Gefängnissen und Strafanstalten, zählt er sie auch zu den mittleren Beamten, wenn auch die Gehälter nicht so hoch sind wie die der meisten mittleren Beamten. Sie betragen an den höheren Lehranstalten und Kadetten- anstalten 1400 bis 2800 Mk. bezw. 1600—3200 Mk. (Berlin), an den übrigen Anstalten 1200—2200 bezw. 1500 bis 2900 Mk. Das Lehrerbesoldungsgesetz sollte wenigstens diese Gehaltssätze aufnehmen. Verbleibt es bei den 900—1620 Mk., so werden die Lehrer in Zukunft ein Mindest- und Höchstgehalt beziehen, das die Hälfte und weniger beträgt als das jetzige der meisten mittleren Beamten. Wenn nun die geplante Besserung bei den letzteren eine Erhöhung um 300-600 Mk. bringt, so wird das Gehalt der meisten mittleren Beamten um 150 v. H. höher sein als das der Volksschullehrer. Es heißt den Werth der Schule doch gründlich verkennen, wenn man den Lehrer in seinem gesetzlich sichergestellten Einkommen unter den Kanzlei- diener und Portier bringt. Der Verfasser dieser Zuschrift an die „Voss. Ztg." hat leider Recht und seine Ausführungen bedürfen keines Kommentars.
— In militärischen Kreisen wird die von der „Post" gemeldete Auszeichnung sämmtlicher Offiziere und Portepeeunteroffiziere des Grenadierregiments Prinz Karl von Preußen Nr. 12, denen die chinesischen Orden vom doppelten Drachen verliehen worden sind, vielfach besprochen. Man ist der Ansicht, daß damit eine Neuerung geschaffen ist, die den Werth der Dekorirung erheblich herabzusetzen geeignet ist. Es wird sogar milgetheilt, daß ursprünglich auch Bedenken im Militärkabinet geherrscht haben, ob eine solche Dekorirung gntzuheißen wäre; diese scheinen indessen überwunden zu sein. Erwähnt sei noch, daß in militärischen Kreisen das so dekorirte Regiment den Namen: „Das Drachenregiment" erhalten hat.
Lübben, 30. Scpt. Im Sprcewald ist es um die Ernte geradezu trostlos bestellt. Wohin auch das Auge schaut, überall Wasser, stundenweit sind die Wiesen überschwemmt. Modergeruch entsteigt den unter Wasser stehenden Wiesen, schwebt über den faulenden Kartoffeln- bectcn. Hafermandeln, Grummelhaufen und Flachs müssen aus dem Wasser geholt und auf hohen Sturz, ädern getrocknet werden. Das Vieh verweigert die Aufnahme der Kartoffeln und Rüben, denn auch die scheinbar guten haben bereits einen unangenehmen Geruch angenommen. Viele Beete Kartoffeln brauchen gar nicht gehackt zu werden, da Alles verfault ist, und viele Hektar Wiesen nicht gemäht, denn das GraS ist
bereits schwarz und stinkend. Wahrlich ein traurige8 Bild Dom sonst so fruchtbaren Spreewald. Obst gib1 es in diesem Jahre auch nicht, da es in Folge der Dürre im Frühjahr abgefallen ist. Viele Besitzer haben, Der» anlaßt durch die Dürre der vorhergehenden Jahre, die meisten Hackfrüchte auf nassem, schwerem Boden angt» baut, daher ist die Noth um so größer!
Apolda, 27. Scpt. Das erste Schwein, welches bei der Eröffnung des hiesigen Schlachthofes sein Leben hat lassen müssen, ist ein „Aktienschwein" gewesen. Auf eine Anregung des Direktors Müller hin hatte sich eine Vereinigung gebildet, die ein Borstcnthicr ankaufte und am Eröffnungstage mit Antheilscheinen zu je 3 Mk. auf dem Markte erschien. Die „Subskription" fand auf die Ankündigung hin, daß das Aktienschwein portionsweise verspeist werden sollte, so starke Betheiligung, daß die Anleihe zehnfach überzeichnet wurde. Mit dem Herauskommen des Wellfleisches wurden die Antheilscheine bereits mit 3,75 Mk. gehandelt und als Meister Opel die Würste in den Kessel that, lautete die Notiz auf 4,50 Mk. Geld. Wie hoch sie bei Vertheilung der Würste gestiegen war, entzieht sich unserer Kenntniß, und man ist in ganz Apolda jetzt, nachdem auch die Salzknochen an den Mann gebracht sind, neugierig darauf, wieviel Dividende auf die Schweineaktien zur Vertheilung gelangen wird.
Gießen, 3. Oktob. Das Schwurgericht verurtheilte heute den früheren Rechner der Stadt Vilbel, Hermann Rausch, der beschuldigt war, aus verschiedenen ihm anvertrauten Kassen, der Gemeindekasse, der Kasse der israelitischen Kultusgemeinde u. s. w. beinahe 17 000 Mk. unterschlagen zu haben, zu 4'/, Jahren Zuchthaus, wovon ein halbes Jahr Untersuchungshaft in Abzug kommt, und 5 Jahren Ehrverlust.
Ausland.
Paris. Auf seiner europäischen Rundreise ist der Zar nun auch zu den Franzosen gekommen. Von England ist er Montag in den französischen Kriegshafen Cherbourg eingefahren, und hat schon seinen Fuß auf französischen Boden gesetzt.
Belgien. Ein eigenartiger Riesenprozeß wird jetzt, wie die „Etoile belge" meldet, die Brüsseler Gerichtshöfe beschäftigen. Als im Fahre 1883 die Klerikalen an das Ruder kamen, setzten sie sofort über 1100 Lehrer als überflüssig ab und bewilligten ihnen Wartegclder. Durch Ministerialerlaß wurden diese Wartegelder herunter- gesetzt, zum Theil sogar ganz aufgehoben. Die Lehrer erachten diese Maßnahme als ungesetzlich und haben gemeinsam die Regierung zu verklagen beschlossen.
London, 2. Oktober. Im Peoples Palaca Variety Theatre, einer populären Musikhalle in Aberdeen, brach gestern Abend kurz nach Beginn der Vorstellung Feuer im Bühnenraume aus. Die Künstler auf der Bühne, sowie das übrige Theaterpersonal flüchteten rasch. Unter dem Publikum der Gallerie und des Parterre entstand eine entsetzliche Panik. Alles drängte den Ausgängen zu. Inzwischen griffen die Flammen so rasch um sich, daß Vielen der Rettungsweg abgeschnitten ward. Die Zahl der Todten ist noch unbekannt; bislang wurden sechs Leichen gefunden, doch ist der Lebensverlust wahrscheinlich viel größer; 36 Personen wurden mehr oder minder verletzt, davon vier tödtlich. Das Theater ist völlig niedergebrannt.
Rußland. Große Goldfelder in Ostsibirien sind, wie ein Telegramm aus Wladiwostok meldet, durch die unter der Führung der Herren Bogdanovitsch und Leniakin zur Erforschung von Kamtschatka ausgesandte Expedition in dem zwischen Chumikan und Ayan ge- legenen Distrikte entdeckt worden. Diese Goldfelder sind sehr reich und von bedeutender Ausdehnung. Nach einer Mittheilung des Patent- und technischen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz wurde Gold von hervorragender Qualität an vierzehn verschiedenen Stellen im vulkanischen Gestein der River Aikashra Banks gefunden. Diese Meldung ist eine weitere Bestätigung, daß in dem wenig bewohnten Sibirien noch ungeheure Mineralreich- thümer ihrer Erschließung harren.
New-Dork, 4. Okt. Der „New. Herold" berichtet, daß die Spanier eine schlimme Niederlage in der Provinz Pinar del Rio erlitten. Die Rebellen erbeuteten sechs Kanonen, 1000 Spanier wurden getödtct.
New-Dork, 30. Sept. Ein heftiger Sturm verheerte gestern die Staaten an der Küste des atlantischen Ocean»,