MüchterilerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren- Raum 10 Pf.
M 79.
Mittwoch, den 30. September
1896.
VW" Kitte, vergessen Sie nicht, *^
falls Sie die , Tchlüchterner Zeitung" bisher durch die Post bezw. vom Landbriefträger bezogen haben, das Abonnement auf dieselbe für das nächste Vierteljahr rechtzeitig erneuern zu wollen, damit in der regelmäßigen Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Post liefert nur bis zum 30. d. M. und nur in dem Falle weiter, wenn der Abonnementsbetrag mit dem etwaigen Bestellgeld im Boraus entrichtet ist.
Zu recht zahlreiche« Bestellungen auf das mit 1. Oktober beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Brotes fast völlig beraubter menschlicher Wesen, Hunderttausende von Wittwen und Waisen vor dem äußersten Elende und dem Hungertode erretten zu helfen. DaS Opfer der Barmherzigkeit, welches wir zur Linderung des Massenelends in Armenien erbitten, muß gemessen an der Größe der Noth, ein des deutschen Namens würdiges sein. Wir brauchen die Bitte nur auszusprechen, und aller Orten werden sich, deS sind wir gewiß, freiwillige Hände finden, um Gaben für Armenien zu sammeln. Wir bitten, die Sammlungen an unsern Schatzmeister, Herrn Verlagsbuchhändler Warneck, Berlin W., zu übersenden, der auch einzelne Beiträge in Empfang nimmt. (Unterschriften)
— Die russische Regierung hat den Zoll bei Einfuhr feiner Lederwaaren aus Deutschland auf 2 Rubel pro russisches Pfund, d. h. auf 15 Mark 86 Pfg. pro Kilogramm erhöht. Dadurch ist eine Einfuhr solcher Lederwaaren völlig ausgeschlossen, da der Zoll 60 Prozent des Werthes der Waaren auSmacht. (Allein in Offenbach liegen für mehr als 400 000 Mark Waaren zum Versandt bereit, die, falls die neue Zollverfügung nicht bald aufgehoben wird, fast völlig werthloS werden, da sie für die WeihnachtSsaison bestimmt sind.)
— Die Provinzialsynoden, welche Ende September ihre Versammlungen abzuhalten pflegen, haben diesmal nicht versäumt, die Duellfrage auf ihre Tagesordnung zu setzen. Von mehreren Synoden werden fast übereinstimmende Beschlüsse gegen daS Duell bekannt. Man verlangt gegen Duellanten die Verhängung von Kirchen- zuchtmaßregeln auf kirchengesetzlichem Wege. Der Ober- kirchenrath wird um Anweisung darüber gebeten, wie sich der einzelne Geistliche bei der Beerdigung der im Duell Gefallenen zu verhalten habe. Die Generalsynode wird gebeten, ein Wort gegen daS Duell und für Einführung von Ehrengerichten bei dem Kaiser einzulegcn. Man setzt alle Hrbel in Bewegung, „damit der auf dem christlichen und sittlichen Gewissen des Volkes lastende gesellschaftliche Bann deS Duells ohne Schädigung berechtigten Ehrgefühls verschwinde."
— Die im Staatsbesitz befindlichen Waldungen haben sich seit einigen Jahren unter Abrechnung der erfolgten Verkäufe und sonstigen Abtretungen durch Ankauf und Eintausch, namentlich von Oedland, um 5500 — 8200 ha. jährlich vergrößert. Nach dem Staalshaushaltsctat für 1896/97 beträgt die Fläche der preußischen Staatswaldungen zur Zeit 2759453 ha., worunter sich 285151 ha zur Holzzucht nicht bestimmten Bodens (Moore, Seen, Pachtländereien u. s. w.) befinden.
— Die ostpreußische Landwirthschaftskammer hat den Antrag gestellt, die Staatsregierung wolle allgemeine Staffeltarife für landwirthschaftliche Produkte nach dem Westen und Süden einführen. Dagegen scheinen sich im Westen Bedenken zu erheben; die Korrespondenz des landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen bemerkt wenigstens dazu, daß es nicht recht abgesehen sei, waS die Ostpreußen hierdurch zu erreichen hofften. Die Getreidepreise des Westens sind trotz der höheren Produktionskosten daselbst bereits ebenso niedrig wie im Osten. Ein vermehrter Export könnte sie nur noch Unter diese herabdrücken, wodurch die westliche Landwirthschaft zwar geschädigt, der östlichen aber nicht geholfen würde. Die Staffeltarife für Vieh hätten den gleichen Erfolg gehabt. Jedenfalls würden die westlichen Provinzen die geeigneten Schritte zur Abwehr thun, insbesondere werde sich der landwirthschaftliche Verein für Rheinpreußen auf seiner bevorstehenden General- Versammlung mit dieser Frage befassen. Ob die Leitung deS Bundes der Landwirthe sich nun auch der Landwirthschaft des Westens annehmen wird?
— Eine gesetzliche Regelung der Fischerei der Ufereigenthümer für Hannover und Hessen-Nassau wird vorbereitet.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser gedenkt bis Anfang Oktober in Rominten zu verweilen und sich dann nach dem Jagdschloß Hubertusstock in der Schorfhaide zu begeben. Ueber die Dauer des Aufenthaltes dort sind feste Bestimmungen noch nicht getroffen. Am 18. Oktober wohnt der Kaiser der Feier au der Porta west- phalica bei
— Von den infolge der armenischen Wirren im türkischen Reiche nach dem Mittelmeer beorderten vier Fregatten „Stosch", „Stein", „Moltke" und „Gneisenau" werden einige ihre Ausrüstung derartig beschleunigen, daß sie die Auslandreise unverzüglich antreten können. Diese Eile, sowie die Thatsache, daß auch die übrigen Mächte fortgesetzt und aufs schleunigste ihre Geschwader im Mittelmeer verstärken, läßt daraus schließen, daß man in Konstantinopel demnächst außerordentliche Dinge erwartet.
— In ihrem Bestreben, politische Kundgebungen zu Gunsten der Armenier zu unterdrücken, hat die Regierung dem in zahlreichen Versammlungen als Redner ausgetretenen armenischen Professor Thumajan jede weitere agitatorische Thätigkeit dadurch abgeschnitten, daß sie ihm die Ausweisung in Aussicht stellte. In den armenierfreundlichen Kreisen ist nun der Gedanke regt geworden, den deutschen Kaiser zu bitten, dem Beispiele seiner hohen Ahnen zu folgen und wie diese die einst vertriebenen Hugenotten, Zillerthaler und Salzburger in ihre Staaten aufnahmen, so auch den Armeniern im deutschen Gebiet eine Freistatt zu gewähren. Das Mutterland könne jetzt freilich einen Bevölkerungszuwachs en gros nicht mehr ertragen, aber die Kolonien könnten das recht gut. DaS Klima würden die Armenier besser ertragen als die Europäer, und daß sie arbeiten können, bewiesen die armenischen Lastträger in Konstantinopel zur Genüge. — Wir glauben nicht, daß ein derartiges Gesuch die Zustimmung deS Kaisers und seiner Regierung finden wird. Wer die Armenier kennt, wird sie lieber außerhalb als innerhalb der Grenzpfähle seines Vaterlandes sehen; sie würden auch in den deutschen Kolonien Unheil anrichten.
— Ein Aufruf für Armenien wird jetzt in Berlin verbreitet, er lautet wie folgt: Unter den Augen der Christenheit sind in den letzten 10 Monaten im türkischen Armenien mehr als 100 000 Christen wehrlos hingeschlachtet, 2500 Dörfer geplündert und zerstört, 568 Kirchen und 77 Klöster geplündert und zerstört, 646 christliche Dörfer zwangsweise zum Islam konvertirt, 328 christliche Kirchen in Moscheen verwandelt, 170 gregorranische Priester und 21 protestantische Prediger um ihrer Weigerung willen, den Islam anzunehmen, ermordet worden. Ein Schrei der Entrüstung geht durch die ganze gebildete Welt, und daS Gewissen der Christenheit erwacht. Auch in Deutschland will sich das Gefühl der Solidarität mit den Christen deS Morgenlandes und die Entrüstung über die Orgien des muhammedanischen Fanatismus nicht länger zum Schweigen bringen lassen. Man fragt sich mit Recht, ob das deutsche Volk länger die Stimme der Wahrheit und Gerechtigkeit überhören und die Pflichten der Menschlichkeit gegenüber der unsäglichen Noth des armenischen Volkes verläugnen darf. Denn es handelt sich hier nicht nur um die Ehre der Christenheit, sondern die elementare Gewalt menschlicher Empfindungen bäumt sich auf gegen die unerhörte Thatsache, daß man im Zeitalter der Humanität und Bildung Zeuge solch thierischer Graussamkeit und barbarischer Greuel sein muß. Darum rufen die unterzeichneten deutschen Männer das deutsche Volk ohne Unterschied der Konfessionen und politischen Ueberzeugungen auf, ein dem Untergänge geweihtes christliches Volk, eine halbe Million auSgeplündeter, obdachloser, der Kleider, der Betten und des täglichen
Stettin, 24. September. Die hiesige Strafkammer verurtheilte vor einigen Wochen wegen Mißhandlung eines Gefangenen den Polizeiwachtmeister Meier zu 6 Monaten Gefängniß und den Polizeisergeanten Lorenz zu einem Jahre Zuchthaus, den Letzteren unter dem erschwerenden Umstand der versuchten Erpressung eines Geständnisses. Jetzt theilt das „Naugarder Kreisblatt" unter dem 23. September Folgendes mit: „Der wegen Vergehens im Amte zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahre verurtheilte Polizeisergeant Lorenz aus Altdamm ist gestern, nachdem er 8 Tage von der gegen ihn erkannten Strafe in der Naugarder Strafanstalt verbüßt hat, durch allerhöchsten Gnadenerlaß aus der Strafhast entlassen worden."
Altdöbern (Niederlausitz), 22. Sept. In den umfangreichen Forsten deS Grafen v. Witzleben hierselbst ist seit einigen Jahren australisches Wild eingeführt, nämlich das Känguruh. Es sind ursprünglich zwei Paare angeschafft, die sich gegenwärtig auf 9 Köpfe vermehrt haben. DaS Känguruh lebt mit dem übrigen Wild, wie Rehe, Hirsche, Hasen und Kaninchen, friedlich neben einander und findet auf dem fruchtbaren, graS- reichen Forstbeständen reichliche Aesung in den dort wachsenden saftigen Kräutern. Diese Thiere sind scheuer als Rehwild, und wenn man sich an sie heranpirscht, so springen sie, sobald sie eine Gefahr wahrnehmen, kraft ihren langen, muskulösen Hinterläufe mit jedem Sprung 6—9 Meter weit schnell fort, so daß die Schnelligkeit ihrer Fortbewegung eine bedeutende ist. Den vorigen Winter haben sie hier sehr gut ertragen, aber sie werden auch wie das andere Wild an bestimmten Aesungsplätzen im Winter gefüttert. Ein Känguruh, welches aus dem gräflichen Revier in ein Nachbarjagdgebiet gerathen war, wurde vor einiger Zeit dort geschossen. Das Fleisch ist äußerst schmackhaft. Die Einführung dieser Wildart kann auch anderweit nur empfohlen werden.
— In Sprockhövel bei Mitten wurde ein gewisser Düsterly festgenommen, der falsche Fünfmarkscheine angefertigt und in den Verkehr gebracht hatte. Die Falschscheine sehen den echten Scheinen täuschend ähnlich, es soll davon eine größere Menge in Umlauf sein.
Mühlhausen i. Th., 25. Sept. Als ein Zeichen der Zeit schreibt dem „Mühlhäuser Anzeiger" aus dem gothaischen Nachbarorte K. der Eisenbahnarbeiter Z.: „Heute, Sonntag, den 20. September, wollte ich dem evangelischen Nachmittagsgottesdienste beiwohnen; es war jedoch bloß der Herr Geistliche und der Herr Schullehrer außer mir anwesend. Da sagte der Herr Geistliche zu mir: „Lieber Mann, es thut mir leid, für uns drei wollen wir heute den Gottesdienst auslassen." Als Grund für diese betrübende Erscheinung wird dem genannten Blatte mitgetheilt, daß in mehreren Dörfern bei K. Kirmes war.
Ausland.
Orsowa, 28. September. Der Einweihungstag des Eisernen Thorkanals verlief unter dem brausenden Jubel der Bevölkerung äußerst glänzend. Dem Königsschiff 'mit dem Kaiser von Oesterreich und den Königen von Rumänien und Serbien folgte das Torpedoboot „Donau- Monitor" und eine Dampferflotille. Von den Uferstationen donnerten die rumänischen Gebirgsbatterien ihre Salutschüsse, welche der „Donau-Monitor" erwiderte. Die rumänischen Regimenter säumten die Ufer ein. Als das Kaiserschiff die Rosenguirlande an der Kanals- Mündung durchschnitten hatte, folgte das heilige Gebet des Bischofs und der Trinkspruch des Kaisers. Nach der Rückfahrt fand Hoftafel in Herkulesbad statt, sodann die Abreise der drei Majestäten nach Orsowa, Belgrad und Budapest.
Türkei. Die türkische Polizei hat rund 250 Bomben, sowie eine Menge Waffen, Sprengstoffe und Kostüme zum Verkleiden der revolutionären Armenier als türkische Soldaten und Studenten gefunden und ausgestellt. Schließlich wurde auch eine mit Dynamit gefüllte Mine entdeckt, welche von der großen armenischen Kirche in Galata begann und unter der nahegelegenen griechischen Kirche weiterführte.
Brüssel. ZeitungSmeldungen zufolge gelangte eine bewaffnete Räuberbande in das Frauenkloster WiherieS in der Provinz Hennegau, vergewaltigte die Nonnen und plünderte daS Kloster. Die Gensdarmerie ist den Räubern auf der Spur.