WüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
76. Samstag, den 19. September 1896.
W^- Kitte, vergessen Sie nicht, -WG
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich. angehörenden Dame den Aussatz festgcstellt und dieselbe
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin unternahmen' von allem Verkehr mit Menschen abgeschlossen. Nun t kommt aus Halle die Nachricht, daß auch dort ein mit
am Dienstag Nachmittag eine gemeinsame Spazierfahrt in die Umgebung des Neuen Palais. Mittwoch früh
machte der Kaiser wiederum einen längeren Spazierritt. W — Ueber den Untergang des „Iltis" liegt nun der schriftliche Bericht des Kontreadmirals Tirpitz vor. Neues ergibt sich daraus nicht. Der „Iltis" ist in den Ausläufer eines Taifun gerathen und dann auf Klippen gestrandet. Die Nacht war trübe, weshalb nach Ansicht des Leuchtthurmwärters Schwilp, eines Deutschen, das Licht des 9 Seemeilen entfernten Leuchtthurmes vom Schiffe aus wahrscheinlich nicht gesehen wurde.
— Mit dem Plan der Erhöhung der Beamtengehälter ist auch die Frage der Aufhebung der Gemeindesteuer-Privilegien der Staatsbeamten, Geistlichen u. s. w. wieder in den Vordergrund getreten. Bisher haben sich fast alle Städtetage für die Aufhebung dieser Privilegien ausgesprochen. Für die volle Heranziehung der Staats- beamten rc. zu den Gemeindesteuern wird angeführt, daß, wenn der Staat die Beamten mit ihrem Diensteinkommen voll zu den StaatSsteuern heranziche, dies auch betreffs der Gemeindeabgaben geschehen müsse. ES wird als eine Unregelmäßigkeit bezeichnet, daß man, nachdem durch die neuere Gesetzgebung den Beamten dieselben bürgerlichen Rechte wie den übrigen Bürgern eingeräumt worden sind, gleichwohl die auf der Grundlage des früheren Unterschiedes beruhenden Vorschriften über die Steuer- privilegien noch aufrecht erhalte.
— Die neueren Bestimmungen über die Militärdienstzeit der Volksschullehrer werden in der „N. A. Z." wie folgt zusammengestellt: „Vom Jahre 1900 ab haben sämmtliche Volksschullehrer ein Jahr zu dienen. Die früher eingeführte Verkürzung ihrer Dienstzeit auf 10 Wochen war nicht im Interesse der Lehrer, soudern im Interesse der Volksschule eingeführt worden. Jetzt ist den Volksschullehrern auch die Berechtigung beigelegt worden, als Einjährig-Freiwillige dienen zu können, insoweit ihnen das Abgangszeugniß vom Seminar die wissenschafiliche Qualifikation dazu bescheinigt. Können und wollen die Volksschullehrer außerdem die sonstigen Bedingungen erfüllen, also sich selbst kleiden, unterbringen, ernähren, so werden sie als Einjahrig-Freiwillige (mit Schnüren sowie den sonstigen Erleichterungen, Wahl der Garnison rc.) eingestellt. Anderenfalls dienen sie wie jeder andere Mann, aber nur ein Jahr, und sollen möglichst zusammen und abgetrennt von den übrigen Leuten untergebracht und ausgebildet werden. Das Ziel ihrer Ausbildung soll sein, sie als Unteroffiziere der Reserve verwenden zu können."
— Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland schätzt man auf rund 200 000. Im Winter sind es mehr, im Sommer sinkt die Ziffer wieder. In dem harten Winter 1892/93 wurden in Berlin nach einer von socialdemokratischer Seite angestellten Erhebungen etwa 40000 Arbeitslose gezählt. Das Ergebniß der Arbeits- loscnzählung in Hamburg läßt diese Schätzungen als zutreffend erscheinen. Man zählte dort im Jahre 1895 am 14. Juni 11634 männliche und 4260 weibliche, am 2. Dezember, während eines ungewöhnlich milden Winters, 14 785 männliche und 3504 weibliche Arbeitslose d. h. 24®/o der Einwohnerschaft.
— Der Aussatz (Lepra) in Deutschland. Diese gefürchtete Krankheit nimmt in Ostpreußen langsam an Ausdehnung zu. Man schätzt die Anzahl der in den Kreisen an der russischen Grenze vorhandenen Aussätzigen auf 5—600 und plant deshalb die Errichtung von sog. Lcpraasylcn, in welchen die vom Aussatz befallenen bis an ihr Lebensende internirt werden. Denn nur dadurch ist der Ausbreitung der furchtbaren Krankheit ein Ziel zu setzen, da die Medicin keine Gegenmittel kennt. — In Charlottenburg bei Berlin hat man vor kurzem an einer aus Ostpreußen stammenden, den besseren Ständen
Aussatz behafteter Mann entdeckt wurde. Der Erkrankte hatte sich während eines längeren Aufenthaltes auf den Molukken angcstcckl. Daß die Hallesche Klinik alles thun wird, um eine etwa mögliche Weiterverbreitung dieser gräßlichen Krankheit zu verhüten, ist selbstver- stündlich. Der Kranke befindet sich gegenwärtig in der Jsolirstation der medizinischen Klinik, die bereits einen Bericht über den Fall an die Regierung eingeschickt hat.
Potsdam. Ein improvisirter Hosball. Zu dem Geburtstag der Tochter unseres Kaiservaares am Sonntag fand Nachmittags eine große Kindergesellschaft im Marmor-Palais bei Potsdam statt, bei welcher die Kapelle des zweiten Garde-Regiments zu Fuß konzertirte. Die kleine Prinzessin Victoria Louise machte selbst die Honneurs und bewirthete höchst eigenhändig die Musikanten mit Kaffee und Kuchen. Einen recht glücklichen Tag hatte dabei ein Leierkastenmann, der zufällig im Wildpark umherzog. Die kleinen Gäste wollten tanzen, da jedoch die Hofmusik zu rauschend war, ließ der Kaiser umherschicken, ob irgendwo ein Leierkasten auszutreiben
sei. den der vor des
Das Glück wollte es, daß einer der Bedienten erwähnten Leierkastenmann fand, und nun mußte nichts weniger als salonfähige Italiener im Saal der Kinderschaar erscheinen, um auf direkten Wunsch
Kaisers alles zu spielen, was er auf der „Walze" habe. Nach den Klängen der „Ganzen kleinen Frau"
und ähnlicher Lieder tanzten und sangen die Geladenen, bis die Zeit zum Aufbruch nahte. Der Kaiser, der sich über den improvisirten Hofball köstlich amüsirte und über die Erweiterung der musikalischen Kenntnisse seiner jüngsten Kinder herzlich lachte, ließ dem Dreyorgelspieler ein Honorar von 150 Mk. reichen.
Königsberg i. Pr., 15. Sept. Die „Hart. Z g." theilt die unerfreuliche Nachricht mit, daß von drei hiesigen Gymnasien circa 60 Primaner wegen Theilnahme an streng verbotenen Schülerverbindungen entlassen werden mußten.
Hamburg, 15. Sept. Der englische Arbeiterführer Tom Mann, der beauftragt war, in der heutigen See- mannsvcrsammlung über die Anbahnung eines gemeinschaftlichen Vorgehens der englischen und der deutschen Seefahrer einen Vortrag zu halten, wurde bei seiner Ankunft nebst seinem Begleiter, dem norwegischen Agitator Fehr verhaftet und polizeilich aus Hamburg ausgewiesen Dieselben werden zugleich mit dem gestern ausgewiesenen Sekretär Buzzo heule Abend nach London eingeschiffl. Weitere Ausweisungen von Ausländern, die sich an der Agitation belheiligt haben, stehen bevor. Die Einberuser der Versammlung protestirten gegen die Ausweisung.
Mainz, 11. September. Die besten diesjährigen Artillerie - Schießresultate hat die erste Batterie des Nassauischen Feldartillerie-Regiments Nr. 27 erzielt. Sie erhielt den Kaiserpreis.
Ausland.
Türkei. Die Botschafter erhielten eine neue Drohung des armenischen Komitees, daß dasselbe alsbald ab wieder blutige Demonstrationen unternehmen werde. Die Brücken wurden Mittags militärisch besetzt. —■ Eine neue Panik entstand Mittwoch Vormittag in der Vorstadt Pera. Die Polizei ertappte ein Mitglied des armenischen Geheimkomitees, als dasselbe einen armenischen Juwelier brandschatzte. Der Revolutionär flüchtete, und ein Dutzend Polizisten verfolgten ihn. Unter all der Unruhe ging das Erdbeben, welches um 12 Uhr 30 Minuten Mittags stattfand, fast spurlos vorüber. — Die bisherigen Wachen im Iildiz-Palast wurden am Sonntag Abend durch andere ersetzt, auch die Leibdiener des Sultans wurden vom Hofe verbannt. — Die türkische Fmanznoth ist ans's Höchste gestiegen und es
fehlen die Mittel, die Truppen und die Sicherheitsorgane zu bezahlen. Die Generalgouverneure, welche die Pforte dringend ersuchte, Gelder zu senden, erklärten, dies sei jetzt unmöglich.
England. Der Londoner Polizei ist ein großer Coup gelungen. Sie hat die Verschwörung einer 15 bis 20 Mann starken Bande von Dynamitarden entdeckt und nachdem sie sie lange beobachtet, in dem Augenblicke dingfest gemacht, als sie sich anschickte, ihre verbrecherischen Pläne auszuführen. Fenier und Nihilisten scheinen sich zusammengethan zu haben, in England gegen den Zaren, die Zarin und die Königin Viktoria mit Dynamilbomben vorzugehen. Die Verhaftungen in Antwerpen, Rotterdam, Boulogne und Glasgow sind die Folgen der Entdeckung. Die Herren verfügten über bedeutende Geldmittel und lebten sehr flott, vermuthlich um den Verdacht, daß sie Anarchisten seien, abzulenken bezw. gar nicht erst aufkommen zu lassen. Bei der Gelegenheit ist auch der Verbrecher verhaftet worden, der im Jahre 1882 die Ermordung der Staatssekretäre in dem Phönixpark zu Dublin geleitet hat. Von den Verhafteten sind zwei von englischen Detektivs auch in Breslau und Wien beobachtet worden.
London, 16. Sept. Die irische Nationalalliance in New-Aork hat eine Sammlung für die Vertheidigung der hier verhafteten Dynamitbolde eröffnet. Am Dienstag Nachmittag waren bereits 50,000 Dollar gezeichnet.
Aus den in Antwerpen entdeckten Rezipienten fehlen 10 Kilo Glyzerin und 15 Kilo Schwefelsäure. Die Ucberfahrt Tynans nach Europa wurde angeblich von dem russischen Nihilisten Rabinowitz bezahlt, der, als ein sehr geschickter Chemiker, der Lehrer der Dynamitbolde in New-Dork gewesen zu sein scheint. Derselbe ist seit dem Bekanntwerden des KomplotS verschwunden.
Spauie«. Die Lage in Spanien wird immer kritischer. Zu dem Kriege auf Kuba, dem Ausftande auf den Philippinen, der revolutionären Bewegung der Republikaner im Innern deS Landes kommt jetzt noch die Drohung der Carlisten, einen neuen Bürgerkrieg heraufbeschwören zu wollen. Man glaubt indessen, daß der Papst, die Geistlichkeit und der österreichische Hof ihren Einfluß bei Don Carlos geltend machen werden, um ihn und seine Anhänger dazu zu bewegen, sich wenigstci.s unter den jetzigen kritischen Umständen ruhig zu verhalten.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 18. Sept.
* — Durch Beschluß des Kreisausschusses vom 5. d. Mts. ist der Dicnstmagd Katharina Korn, bei Herrn Lehrer a. D. Ouehl in Schlächtern in Anbetracht ihrer langjährigen treuen Dienstzeit eine abermalige Prämie von 10 Mark bewilligt worden.
— Das Reichspostamt läßt erklären, die statistischen Erhebungen über die Gewichtsabstufungen hätten mit der Erhöhung des einfachen Briefgewichts von 15 auf 20 Gramm nichts zu thun; mit anderen Worten: eine solche Erhöhung ist nicht beabsichtigt.
* — Der Kauf einer Forderung oder eines Wechsels zu einem unter Ausbeutung der Nothlage rc. des Verkäufers festgesetzten auffallend niedrigen Preise ist Wucher. Nach einem Urtheile des Reichsgerichtes ist nämlich als Wucher zu bestrafen der Kauf einer Forderung bezw. uneS Wechsels, bei welchem der Käufer die Nothlage, den Leichtsinn oder die Unerfahrenheit des Verkäufers, der durch den Erlös ein wirthschaftliches Geldbedürfniß befriedigen will, durch einen in ausfälligem Mißverhält- "iß zum Werthe der Forderung gezahlten niedrigen Preis ausbeutet.
* — Vor einer Mädchenhändlerin, Namens Bertha Schmidt, wird jetzt gewarnt. Sie stammt aus Ruppern- dorf und bereist gegenwärtig mit ihrem Ehemann Deutschland auf einen am 26. Mai 1896 von der Bezirkshauptmannschaft Reichenberg ausgestellten Paß. Das Ehepaar sucht besonders Dienstmädchen unter falschen Vorspiegelungen nach dem Auslande zu locken, von wo aus sie unter dem Versprechen guter Stellungen in die verschiedensten Städte »ersäht werden. In Wirklichkeit werden die Mädchen aber nur ihrem Ver- derben entgegengeführt. Der Beschreibung nach ist die Schmidt 40 Jahre alt, mittelgroß, hat blonde Haare und blaugraue Augen.
* — Wer als Zeuge, Geschworener oder Schöffe beruhen, eine unwahre Thatsache zur Ablehnung vor-