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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
^U 75. Mittwoch, den 16. September 1896.
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist nach Beendigung der Kaiser- manöver nach Potsdam zurückgekehrt.
— Der preußische Landtag wird, wie die „Germ." hört, Ende Oktober einberufen werden. Es werden dem Landtage sofort der Entwurf eines Sparkassen-Gesetzes, die Vorlage wegen Erwerbung von Theilen der Hess. Ludwigsbahn und der Entwurf einer Landgemeinde- und einer Städteordnung für die Provinz Hessen-Nassau zugehen. Der Staatshaushalts-Etat soll dagegen wiederum erst im Januar eingebracht werden.
— Eine Verjüngung des Personals der indirekten Steuerverwaltung soll seitens des Finanzmimsters beabsichtigt sein, namentlich durch Pensionierung der höheren Aussichtsbeamten, welche die anstrengenden und aufreibenden Bereifungen ihrer Dienstbezirke nicht voll und ganz zu versehen vermögen. Die angeordneten Ermittelungen sollen von den Vorstehern der Hauptsteuer- und Hauptzollämter auch auf diejenigen Beamten ausgedehnt werden, die im Abfertigungs- und Bureaudienste thätig sind, namentlich die älteren Hauptamts-Assistenten und die im Lebensalter vorgeschrittenen Zoll- und Steuereinnehmer erster Klasse.
— Der Minister des Innern hat für die Ausbic,»ng und Lieferung von Wirthschaftsbedürfnissen für die Strafanstaltsverwaltung neue Bedingungen ausgestellt und angeordnet, daß Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Magerkäse, Milch und Butter, soweit das ohne Schädigung fiskalischer Interessen geschehen kann, von Produzenten zu beziehen sind. Die Regierungspräsidenten sind ermächtigt, bei dem Bezüge landwirthschaftlicher Erzeugnisse von Produzenten geeignetenfalls den freihändigen Ankauf anzuordnen. Ferner hat der Minister bestimmt, daß die Anstalten vier Wochen vor der öffentlichen Bekanntmachung der Ausbietung den Ausbietnngstermin, die Art und Menge der zu liefernden Gegenstände, die Aus- bietungs- und Lieferungsbedingungen der Landwirth- schaflskammer oder, wo eine solche noch nicht vorhanden ist, dem landwirthschaftlichen Centralverein der Provinz mittheilen sollen.
— Das Verbot des Detailreisens für Manufactur- Waaren, Wäsche und Bekleidungsgegenstände aller Art soll, wie verlautet, bereits aufgehoben worden sein. Auch für eine Reihe anderer Branchen sollen nach den Ergebnissen der auf Anordnung des Bundesraths in den Einzelstaaten eingestellten Erhebungen Ausnahmen von dem Verbote des Detailreisens zu erwarten sein.
— Die Einfuhr und der Verbrauch von Petroleum in Deutschland ist stetig gestiegen. Während 1870 noch der Verbrauch sich pro Kopf auf 1,87 Kilogr. stellte, beträgt er 1895 14,8ö Klgr. Im Jnlande betrug die Erzeugung 10620, die Einsuhr aus Amerika 749258, aus Rußland 55078 Tonnen. Deutschland wird demnach noch lange Zeit von den Amerikanern im Bezug von Petroleum abhängig sein.
— Payers Südpolexpedition. Nach der „N. Fr. Pr." hat sich der Nordpolfahrer Paper über Nansen und über seine eigenen Zukunftspläue folgendermaßen geäußert: „Für mich steht Nansens außerordentlicher Erfolg außer Zweifel, nicht allein der hohen Breite wegen, bis zu der er gelangte, sondern ebenso sehr durch seine Durchforschung neuer Gebiete, durch die unzweifelhaft lehrreichen Beobachtungen der an Bord zurückgebliebenen Gelehrten, durch die Tüchtigkeit des Kapitäns Sverdrup und die Standhaftigkeit der Besatzung des „Fram" überhaupt. Wenn Nansen sich wirklich in der Lage befand, eine Strömung im Nordosten des Karischen Meeres zu erweisen, so ist das ein großer Erfolg, eine wahre Entdeckung an sich. Wir waren seinerzeit außer Stande, eine solche Strömung festzustellen." Paper sagte dann, die Berliner Geographische Gesellschaft habe ihn bestimmt, seinen ursprünglichen Plan einer wissenschaftlich-künstlerischen Expedition nach Nordostgrönland mit einer Süd-
p o l e x p e d i t i o n zu vertauschen. Die sämmtlichen deutschen geographischen Gesellschaften beabsichtigen im Winter eine mächtige Agitation, um das Zustandekommen dieser vom Geheimrath Neumayer schon seit Jahrzehnten befürworteten Südpolexpedition zu sichern. Käme diese nicht zu Stande, dann werde er (Paper) sich im nächsten Jahre nach Franz-Josefsland begeben, wohin ihm Lord Harlsworth sein Schiff zur Verfügung stelle, um Jackson aufzusuchen.
Lobau (Sachsen), 12. Scpt. Als der kaiserliche Hofzug heute Mittag in der Station hielt und der Kaiser sich bereits vom König von Sachsen verabschiedet, den Hofzug aber noch nicht bestiegen halte, fuhr der Dresdner Schnellzug 11 Uhr 55 Minuten in die zweite Maschine des kaiserlichen Hofzuges. Es wurde Niemand verletzt. Der Hofzug mußte zurückgezogen und in ein anderes Gleis überführt werden. Infolge dessen gab es eine Verspätung von 40 Minuten.
München, 12. Scpt. Vom 9. baperischen Infanterie- Regiment trägt zur Zeit im Manöver das 3. Bataillon den neuen Jnsanteriehelm. Spitze und Wappen sind aus Aluminium und kleiner als bei den bisherigen Helmen; das Gewicht des Ganzen soll das der Feldmütze kaum überschreiten.
Mainz, 10. Scpt. Gestern Nachmittag hat sich in einer Fabrik in Weisenau ein eigenthümlicher Unglücksfall ereignet; ein Schornsteinfeger, der einen Fabrikschornstein zu reinigen hatte, blieb in dem Schornstein hängen. Heute Morgen wurde in der Fabrik bemerkt, daß der Schornstein verstopft war und mit Hilfe von 3 Schornsteinfegern gelang es dann, den Unglücklichen mit vieler Mühe aus seiner gefährlichen Lage zu befreien. Er mußte in das Hospital verbracht werden, da er kaum noch ein Lebenszeichen von sich gab._______
Ausland.
Wien, 11. September. Wie die „Pol. Korr." mit- theilt, sind die Gründe für die Enthebung des Obersten und die Dregadierung von II Offizieren des russischen Kaiser Franz Joseph-Dragonerregiments zu gemeinen Soldaten merkwürdiger Natur. Darnach haben die Offiziere nach einem Gelage, daß durch ein freundliches Begrüßungstelegramm des Kaisers veranlaßt wurde, in weinfeligem Zustande Juden attackirt und derart gemiß- handelb, daß die Polizei interueniren mußte. Der Oberst wurde gemaßregelt, weil er von diesen Vorgängen nicht höheren Orts referirte.
Wien, 11. September. Nach einer Konstantinopeler Meldung soll der Zar, nachdem die anarchistische Erhebung der Armenier zu seiner Kenntniß gelangt war, dem türkischen Botschafter, welcher ihm durch Kaiser Franz Joseph vorgestellt wurde, seine ganze Sympathie für den Sultan ausgesprochen haben. Ferner soll der Zar erklärt haben, die Armenier seien Agitatoren, welche keinerlei Sympathien verdienten.
Brüx, 10. Sept. In der vergangenen Nacht sind zwischen der Johnsdorfer Straße in dem letztentstandenen Bruchgebiete, sowie am Bahnkörper der Aussig-Teplitzer Eisenbahn von Neuem Erdsenkungen mit Rissen entstanden. Eine Vermehrung und eine Erweiterung der Risse ist wahrscheinlich. Bewohnende Gebäude sind nicht gefährdet. Der Bahnverkehr ist vorläufig eingestellt. Die Erdsenkungen sind um so bedenklicher als dieselben veranlaßt sind durch einen Bruch in einer Duxer Kohlengrube. 3 Häuser sind eingcstürzt, andere haben Risse und Sprünge. Das Terrain ist abgesperrt. Es werden noch Wasserbrüche in dem Annaschachte befürchtet.
Belgien. Bei einer Spazierfahrt des Königs im Laekener Schloßpark scheuten die Pferde und schleuderten den Wagen in einen Teich. Der Kutscher und der Adjutant wurden verwundet; der König selbst schwebte in der Gefahr des Ertrinkens. Auf seinen Hülferuf eilte Prinzessin Klementine mit der Dienerschaft herbei, die den König aus seiner gefährlichen Lage befreite,
Paris, 12. Sept. Die Nachrichten aus Madagaskar sind so beunruhigend, daß man befürchtet, den Feldzug mit mindestens 20000 Mann wieder beginnen zu müssen. Mehrere Blätter verlangen die Absetzung und Verbannung der Königin, in deren Palast die Fäden des Aufstandes zusammenlaufen.
Türkei. Die Verfolgung der Armenier wird fortgesetzt unter völliger Mißachtung der öffentlichen Meinung in Europa. Jetzt richten die türkischen Behörden ihre Thätigkeit hauptsächlich gegen die den oberen Ständen ungehörigen Armenier, nachdem die Knüttel- männer auf höheren Befehl viele Tausende armer Armenier in schändlichster Weise ermordet haben. Die Lage der Armenier wird immer schwieriger, zumal ihnen selbst die Flucht unmöglich gemacht wird, da die Regierungen der nächstgelegenen Länder, wie Rußland und Rumänien, ihnen die Aufnahme versagen. Besonders schlimm haben es die ins Gefängniß geworfenen Ar- menier. In Konstantinopel werden nach der „Franks. Ztg." viele dort gefangen gehaltenen Armenier bestialischen Torturen ausgesetzt. Man reißt einzelnen die Bärte aus, andern werden die Augen verbrannt. Mehrere spaniolische Juden wurden wegen Theilnahme an den Plünderungen ebenfalls verhaftet. Die spanische Judengemeinde von Haskiöi richtete an den Sultan eine Eingabe, in der sie feststellt, daß sie von der türkischen Polizei unter Todesdrohnngen gezwungen worden sei, an den Plünderungen theilzunehmen. Wie verlautet, wurde der Ortschaft Hasklöi deshalb eine Kontribution von 3500 Pfund, in acht Tagen zahlbar, auserlegt.
Nach weiteren Erhebungen und Berechnungen aus Konstantinopel beträgt die Zahl der umgekommenen Armenier 7000. Die Panik unter den Armeniern, die noch immer in den einzelnen Botschaften eine Zuflucht suchen, dauert fort. Die Präfektur allein ließ fast dreitausend Todte verscharren, nämlich am ersten Schlacht- tage 1800, am zweiten 587, am dritten 11 und am vierten 499. Wie viel Tausende fielen außerdem in den Vorstädten, wie viel Tausende sind ins Wasser geworfen! Auf dem armenischen Friedhofe in Schischli wurde ein Massengrab von zwanzig Meter Länge und zehn Meter Breite und über anderthalb Meter Tiefe aufgeworfen, worin man die Leichen in zwei Schichten übereinander- legte. Das Grab reichte nicht aus, worauf auch ein trockengelegter Brunnen mit den Opfern, unter denen viele blos scheintodt waren, vollgeschüttet wurde.
Aus New-Aork wird berichtet: Der öconomische Einfluß der Velocipede wird wie folgt beschrieben: „Reitpferde lassen sich kaum mehr verkaufen. Die Pferdeverleiher machen um die Hälfte oder zwei Drittel schlechtere Geschäfte. Der Wagenbau geht so erbärmlich, daß einige der bedeutensten Firmen schon bankerott gemacht haben. Die Sattel- und Pferde-Geschirrmacher legen sich auf Sättel für Velocipede. Reitschulen sind in Radfahrschulen verwandelt worden. Reitlehrer haben sich nach einem anderen Berufe umsehen müssen."
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 15. Sept.
* — Im Verlage von G. D. Baedeker in Essen ist ein Schriftchen erschienen, betitelt: „Die Ernährung und Haltung der Ziege als Milchthier des kleinen Mannes" von Dr. E. Kloepfer, Direktor der landw. Schule Kettwig (Ruhr). Preis 40 Pfg. In Parthieen von 100 Exemplaren 30 Pfg. In diesem Werkchen ist in gemeinverständlicher Form die rationelle Haltung und Pflege der Ziegen und deren Milchleistung erläutert. Die Broschüre wird ihren guten Zweck umsomehr erfüllen, als der kleine Mann nur wenig von der Viehhaltung versteht und derartige Spezialwerke bisher nicht veröffentlicht sind.
— Zum Einjährig-Freiwilligen Dienst der Volks- schullehrer haben sich bisher nur einige wenige Schul- amtskandidaten gemeldet. Solche Meldungen dürften aber in Zukunft ganz ausbleiben, wenn folgendes Vor- kommniß, das die „Deutsche Lehrerzeitung" meldet, all- gemeine Geltung haben sollte: „Von den Schulamts- kandidaten, die im Laufe dieses Sommers in Hilchen- bach entlassen worden sind, hatten sich zwei zum einjährig-freiwilligen Militärdienst gemeldet und um Zurückstellung bis nach Ablegung der zweiten Lehrerprüfung gebeten. Zu ihrer großen Verwunderung wurde ihnen jedoch von der Aushebungskommission in Siegen die Mittheilung gemacht, daß eine Zurückstellung bis zu dem