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Samstag, den 12. September

1896.

Die Koiserzusamtuenknnft in Breslau.

Die Breslauer Kaisertage sind vorüber. Kaiser Wilhelm hat seinen hohen Gast mit den ihm gebührenden Ehren und mit majestätischem Pomp ausgenommen. Auch die Bevölkerung Brcslaus hat alles gethan, was in ihren Kräften steht, um der Bedeutung des Ereig­nisses gerecht zu werden. Wenn auch der Besuch des russischen Herrscherpaares vorwiegend als die Erfüllung eines Gebotes der Höflichkeit anzusehen ist, so wird dies doch weit überwogen durch seine politische Bedeutung. Das zeigen zunächst die Trinksprüche, die am Sonnabend beim Festmahl von den beiden Monarchen ausgebracht worden sind. Dieselben sind zuerst ungenau übermittelt worden und halten hier und da Anlaß zu Mißdeutungen gegeben. Diesen wurde jedoch durch die richtige Wieder­gabe der Worte bald der Boden entzogen. Kaiser Wil­helm begrüßte den Zaren als denTräger alter Tra­dition, den Hort des Friedens," und Nikolaus II. ver­sicherte, daß erDon denselben traditionellen Gefühlen beseelt sei, wie unser Kaiser." Es war auch ohnedies bekannt, daß der Zar für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und durchaus nicht geneigt ist, den fran­zösischen Kriegshetzern enlgegenzukommen. Der deutsche Reichskanzler hatte beim Zaren eine Audienz von einer Slunde. Die Berathungen der Minister führten zu dem Ergebniß, daß, wie glaubhaft mitgetheilt wird, die völlige Uebereinstimmung derselben, sowohl bezüglich der Ge- sammtlage als auch hinsichtlich aller gegenwärtig schwe­bender Fragen festgestellt wurde. Der Jubel der Fran­zosen dürfte Hiernach etwas abgekühlt werden. DerRc- vanchclraum ist abermals der Erfüllung ferner gerückt. Hätte der Zar wirklich die Absicht, sich auf die fri..-^ fische Revanchepolitik zu verpflichten, so würde er schwer­lich den ruhmgekrönten Feldzeichen des schlesischen Armee­korps die Auszeichnung erwiesen haben, nach der Parade an ihrer Spitze mit unserem Kaiser nach dem König­lichen Schlosse zurückzureiten. Das alles sind immerhin Ergebnisse, mit denen wir wohl zufrieden sein können. Der Zar hat sich so verhalten, wie er sich bei den Be­ziehungen der beiden Völker zu einander verhalten mußte. Rußlands Interessen liegen im Osten und berühren sich mit den unserigen in keiner wesentlichen Frage. Auch wir Deutschen haben keine Veranlassung, auf Rußland mit unfreundlichen Augen zu blicken; uns kann nur daran liegen, bei voller Wahrung unserer nationalen Würde ein freundschaftliches Verhältniß zu dem mäch­tigen Nachbarreiche aufrecht zu erhalten. Die Begegnung der Monarchen hat gezeigt, daß in Bezug auf die Ach­tung der gegenseitigen, nicht widerstreitenden Interessen beider Völker in den maßgebenden Kreisen Uebereinstim­mung besteht. Hierin liegt Die Bedeutung der Breslauer Kaisertage.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat an den Großherzog von Baden nachstehendes Telegramm gerichtet:

An den Großherzog von Baden, Königliche Hoheit, Karlsruhe.

Zu Deinem 70. Geburtstage, an welchem Dir von Deinem Volke und aus allen Theilen Deutsch­lands Beweise aufrichtiger Verehrung und Liebe dar- gebracht werden, drängt es auch Blich, Dir Meine aus vollem Herzen kommenden Glückwünsche zu senden. Indem Ich es freudigst anerkenne, wie hervorragend Deine Verdienste um die Begründung und Erhaltung der Machtstellung Unseres gemeinsamen Vaterlandes sind, und wie Du es verstanden hast, die Bande der Freundschaft zwischen Uns, Unseren Häusern und Regierungen immer fester und inniger zu knüpfen, danke Ich dem Allmächtigen, daß er Dich bisher so gnädig bewahrt hat, und flehe zu ihm, daß er Dich, begleitet von der Liebe des deutschen Volkes und der Anerkennung der Bundcsmrsten zum Segen Deines Landes und des ganzen Reiches noch lange in rüstiger Kraft erhalte. Die Kaiserin schließt sich keinen Glück- und Segenswünschen von ganzem Herzen an und wird Mich bei Dir vertreten, da Mich die Pflicht hier festhält.

Görlitz, den 9. September. Wilhelm.

Die hochbedeutsame Kundgebung unseres Kaisers auf dem Paradediner in Gocrlitz wird nicht verfehlen überall den tiefsten Eindruck zu machen. Noch der authentischen Mittheilung aus dem Munde unseres Kaiser? denkt der Zar nicht an den Krieg, sondern will

seine Truppen nur im Dienste der Kultur und zum Schutze des Friedens verwendet wissen. Der Kaiser betonte weiter die volle Interessengemeinschaft zwischen den Beherrschern der drei Kaiserreiche, für die auch der Zar rückhaltlos eintrete. Durch diese Darlegung unseres Kaisers gewinnt der Zarenbesuch noch eine erhöhte Be­deutung und ist in der That als eingroßer historischer Vorgang" anzusehen.

Berlin, 6. Septbr. Beim Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe hat eine Konferenz sämmtlicher in Breslau anwesenden deutschen und russischen Staatsmänner stattgefunden, in welcher in erster Reihe die orientalische Frage diskutirt wurde, bezüglich deren man in Breslau wie s. Z. in Wien gemeinsames Vorgehen beschlossen hat. Fürst Hohenlohe, der als Besitzer ausgedehnter in Rußland belesener Güter den russischen Staats­männern zum großen Theil persönlich bekannt ist, ist für die Breslauer Verhandlungen der rechte Mann auf dem rechten Platze gewesen.

Eine als Härte empfundene Auslegung des Reichs-Mililärpcnsionsgesctzes ist von der Heeresverwal­tung jetzt endgiltig fallen gelassen. Nach einer Bestim­mung dieses Gesetzes haben sich alle Invaliden, denen auf Grund ihres Gesundheitszustandes eine zeitlich be­grenzte Pension zugesprochen ist, auf besondere Vorladung gelegentlich des Oberersatzgeschäftes zur militärärztlichen Untersuchung zu stellen. Wer diese Vorstellung ver­säumte, ging mangels einer triftigen Begründung kurz- weg seiner Ansprüche dauernd verlustig. Nach einer neuen Bestimmung wird dagegen fortan den Unter­suchungskommissionen in solchen Fällen sreigeftellt, in die Frage der weiteren Pensionsberechtigung solcher Invaliden einzutreten, falls diese später wieder aus freien Stücken um eine ärztliche Untersuchung ihres Gesundheitszu­standes zur Erhaltung ihrer Pension einkommen sollten. Dieser Verordnung ist, das besonders beachtet zu werden verdient, rückwirkende Kraft bcigelegt worden.

Die Landwirthschaftskammer der Provinz Branden­burg hat interessante Erhebungen über die Einfuhr russischer Gänse und die damit verbundene Gefahr der Einschleppung der Geflügelpest angestellt. Darnach sind 1895 allein in zwölf Amtsbezirken des Oderbruches nach Schätzung etwa 262,325 Stück Gänse eingeführt worden, hiervon verendeten au der Geflügelpest 16,972 Stück. Sämmtliche Amtsvorsteher berichten, daß diese letztere Ziffer in Wirklichkeit weit überschritten ist. Ein­zelne Ortschaften und Kreise sollen bereits vollständig verseucht sein.

Ein Berliner Blatt berichtet, daß in diesen Tagen seitens der preußischen Staatsbahn-Verwaltung eine freihändige Vergebung von 240 Stück Lokomotiven an die Werke von Henschel-Cassel, Egestorsf-Hannover, Borsig und Schwartzkopff-Berlin, Vulkan-Stettin re. stattgefunden hat im Gesammtbetrage von rund 12Mill. Mark. Da alle Werke voll besetzt sind, so konnte die Lieferung erst für die Monate August bis Dezember nächsten Jahres übernommen werden.

Einsteigen nach Cheliabinsk-Kiakhta-Wladiwostok- Peking . . . Werden wir es erleben, daß die Portiers des Bahnhof Friedrichsstraße in Berlin diesen Zug abrufen ? Ein Wagenzug zwischen Berlin - Petersburg - Peking, welcher mit derselben Schnelligkeit fährt wie die Pull- mannzüge zwischen New-Aork und Chicago, würde in etwa sieben Tagen den Reisenden von der Friedrich­straße nach der chinesischen Hauptstadt bringen. Eine solche Schnelligkeit wird zwar schwerlich erreicht werden, aber in dem gewöhnlichen Tempo der russischen Bahnen würde die Strecke in etwas mehr als zehn Tagen zurück- zulegen zu sein. Die Entfernung zwischen Petersburg und Peking ist ungefähr 5000 Kilometer. Man muß abwarten, ob die Mission Li-Hung-Tschang den Bau dieser Bahn aus dem Gebiet der Projekte in das der Wirklichkeit rücken wird. Inzwischen ist die Linie Cheliabink nach Wladiwostok am stillen Ozean (4547 englische Meilen) schon zum dritten Theil vollendet; während des Jahres 1895 wurden nicht weniger als 918 Meilen vollendet, 70,000 Arbeiter sind an dem Bau beschäftigt, abgesehen von dem Stab von Ingenieuren und Verwaltungsbeamten. Eine projektirte Hauptab­zweigung der großen sibirischen Eisenbahn von Kiakhta nach Peking hat eine Länge von 600 bis 700 Meilen, und das Terrain bietet keine unüberwindbare Schwierig­keiten. Reisende, welche diesen Weg gemacht haben, erzählen, daß in der Mongolei zwar einige Gebirgsketten

zu durchschneiden seien, daß aber die Linie in der Haupt' suche der bisherigen Handelsstraße folgen könne. Von Peking wird man ohne Schwierigkeit nach Tientsin gelangen können. Vicrhundertnndfünfzig Millionen Menschen werden so in nächste Nähe des europäischen Verkehrs gebracht werden, und dasgelbe Gespenst," gegen das der Weckruf des bekannten kaiserlichen Bildes geht, hat dann Fleisch und Blut angenommen. Jeden­falls stehen wir unmittelbar vor einer der größten Verschiebungen im Verkehrswesen, die die Welt je gesehen hat.

Jnsterburg, 9. Sept. Aus dem hiesigen Zuchthause beabsichtigten in der vergangenen Nacht 28 Sträflinge auszubrechen. Dieselben waren im Besitz von Brech­stangen, Feilen, Sägen und Strickleitern. Diese Gegenstände fand man in Strohsäcken versteckt. Im Schtafraum der Sträflinge war ein Fenster von Traillen bereits befreit. Die Nachtaufscher und Militärposten sollten niedergemacht merbett. Vereitelt wurde der lang- vorbcreitcte Plan dadurch, daß ein Sträfling dem Direktor Anzeige erstattete.

Weimar. Eine Klage um 5 Pfennig gegen den Eisenbahnsiskus ist bei dem Amtsgericht in Erfurt cin- gereicht worden. Der der Klage zu Grunde liegende Sachverhalt ist folgender: Nach einer Tarifbestimmung sollen die Personen-Fahrpreise, die bei der Multiplikation der Einheitssätze mit den Entfernungs-Kilometern einen Betrag zwischen 10 und 15, 20 und 25 und 30 und 35 Pfg. ergeben, auf die nächste Fünferstelle also aus 15, 25 und 35 Pfg., abgerundet werden. Dessenunge­achtet werden für eine Fahrkarte vierter Klasse von Apolda nach Weimar 40 Pfg, erhoben, obwohl der eigentliche Fahrpreis 2 X 15% = 30^s Pfg. beträgt, die Fahrkarte also nur 35 Pfg. kosten müßte. Ein Be­wohner von Weimar will sich die Mehrforderung nicht gefallen lassen und hat die Entscheidung des GerichtS angerufen.

Ulm, 3. Sept. Der Theaterrezensent desUlmer Tageblatts" wurde von der Strafkammer als Berufs- iustanz zu 30 Mk. Geldstrafe und Tragung der Kosten beider Instanzen verurtheilt, weil er im letzten Winter in einem Konzertbericht eine Sängerin alskrähende Jungfrau" bezeichnet hatte.

Speyer, 6. Sept. Wegen Tanzens sind in einer Ortschaft der Borderpfalz nach derFranks. Ztg." jüngst die jungen Dorfschönen dutzendweise zur Polizeihast geführt worden auf Grund des bayerischen Polizeistraf- gesetzbuchcs, wonach junge Mädchen und Burschen, die noch die Sonntagsschule besuchen, wenn siezur Tanz­musik" gehen, d. h. öffentlich tanzen, zu Haftstrafen verurtheilt werden. Die Sonntagsschule müssen die entlassenen Volksschülerinnen und Volksschüler drei Jahre lang besuchen, also bis zum 17. Lebensjahre.

Ausland.

Konstantiuopel, 8. Sept. Der abgesetzte armenische Patriarch Jsmirlian wurde gestern Abend von der türkischen Polizei aus seinem glaste in Skutari aus­gewiesen und auf ein türkisches Schiff gebracht, das ihn nach Kleinasien in die Verbannung bringen wird. Der Verbannung des Patriarchen schließt sich die zahlreicher Armenier an, die, wenn sie nicht Grundbesitz im Werthe von 300 Pfund hier Nachweisen können, Konstantinopel verlassen müssen. In den Kreisen der Pforte zirkulirt lautFranks. Ztg." mit Bestimmtheit die fast unglaub- liche Nachricht, der Zar und die Königin von England hätten dem Sultan zu der schnellen Niederwerfung der anarchistischen Zustände telegraphisch ihren Glückwunsch ausgesprochen.

Völlige Ruhe herrscht auch jetzt in Konstantinopel noch nicht und der Zukunft blickt man geradezu mit Sorge entgegen. Die Mächte haben denn auch noch nicht abgelassen, ihre Geschwader in den türkischen Ge­wässern zu verstärken. Die Aburtheilung der Schuldige» an dem Konstantinopeler Putsch ist eine überaus strenge; auch über diejenigen Polizeibeamten, welche es unter­lassen haben, rechtzeitig einzugreifen und die Straßen- metzeleien zu verhindern, werden schwere Strafen ver­hängt. Von den übrigen Armeneniern kann ein jeder, ohne daß es irgend welcher Förmlichkeiten bedurfte, das Ausland zum dauernden Aufenthalt aufsuchen. Von dieser Freiheit haben bereits viele Hunderte Gebrauch gemacht. Die Auswanderung richtet sich naturgemäß vornehmlich nach Griechenland, doch werden gewiß auch