SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 9. September
1896
Amtliches.
J.-Nr. 6213. Im Anschluß an die allgemeine Versammlung deutscher Pomologen und Obstzüchter findet vom 1. bis 6. Oktober 1896 eine allgemeine Obstausstellung im Königlichen Orangericschlosse und Auepark in Cassel statt.
Damit nun auch der Obstbau des hiesigen Bezirkes in vollem Maße zur Geltung komme, ist es, um bei der obstbautreibenden Bevölkerung die erforderliche Anregung zu geben, nothwendig, zu wiederholten Malen von der Abhaltung der Ausstellung Kenntniß zu geben, Mittel und Wege zu zeigen, die Ausstellung zu beschicken und auf den Besuch dieser Ausstellung aufmerksam zu machen.
Eine rege Betheiligung des Bezirkes an der Ausstellung würde für die Aussteller um so eher Anerkennung finden, als von Seiten des Gartenbau-Vereins Cassel eine große Anzahl von Ehrenpreisen und Medaillen nur zur Verltzeilung im diesseitigen Vereinsbezirke gestiftet worden sind.
Die Ausstellung der Gegenstände geschieht, falls der Aussteller sie nicht besorgen kann oder will, durch den Ausschuß, so daß also auch hier Ersterem die Arbeit so leicht als möglich gemacht wird-
Ich halte die ausgedehnteste Betheiligung an dieser Ausstellung für höchst wünschenswerth und fordere zur Beschickung derselben hiermit auf.
Ein Exemplar der Ausstellungsordnung liegt zur Einsicht der betheiligten Kreise in meinem Büreau aus.
Schlüchtern, den 4. September 1896.
Der Königliche Landrath: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Kaisertage in Breslau begannen am Freitag mit der Enthüllung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I., bei welcher der frühere Oberpräsident von Scydcwitz die Ansprachen an die kaiserlichen Majestäten hielt. Nach der Feier nahm der Kaiser einen Ehren- trunk im Rathhause entgegen und besichtigte sodann den „Ring", wo die Schulkinder Spalier gebildet hatten und das Kaiserpaar jubelnd begrüßten. Abends fand ein Festmahl im königl. Schlosse statt, an dem die Notabeln der Provinz theilnahmen. — Der Kaiser hat Sonnabend mit der Kaiserin, dem Prinzen Heinrich, Leopold und anderen preußischen, deutschen und fremden Fürstlichkeiten in Breslau den Zaren und die Zarin bei ihrer Ankuust auf dem Bahnhof begrüßt. Außerdem waren der Reichskanzler und Staatssekretär v. Marschall, die Generalität, und die Spitzen der Behörden anwesend. Nach dem bei solchen Gelegenheiten üblichen Formalitäten erfolgte die Abfahrt nach dem Landeshause, wobei die beiden Kaiser und die beiden Kaiserinnen je in einer Equipage saßen. Die Ankunft des Zarenpaares, das auch sein Töchterchen mitgcbracht hat, war 8 Uhr 50 M. erfolgt. Nachdem das russische Kaiserpaar im Landes- Hause das Frühstück eingenommen hatte, machten Zar und Zarin gegen 10'/» Uhr dem deutschen Kaiser und der Kaiserin im Schlosse einen Besuch. Nach kurzem Aufenthalte erfolgte die Abfahrt der deutschen und russischen Herrscherpaare nach dem Paradefelde. Die Straßen der Stadt glichen einem wahren Fahnenwalde, an den Häusern und zwischen den Masten ziehen sich herrliche Laubgewinden aus Tannen und Eichenzweigen hin, deren frisches Grün zu den Farben der Fahnen in reizvollem Kontrast steht. Abends fand eine überaus prächtige Illumination und ein von tausend Musikern ausgesührter Zapfenstreich statt.
— Die „National-Sozialen," d. h. die Christlich Sozialen Naumanufichcr Richtung, zu denen auch der bekannte Pastor Göhre gehört, werden demnächst mit einem neuen Blatte hervortreten, das den Namen „Zeit" führen soll und für das angeblich 400 000 Mk. vorhanden sind. Herr Oberwinder, der sich von Herrn Stöcker losgesagt hat, wird anscheinend die Leitung des neuen Organs übernehmen, das dem Blatte des ehc- nialigen Ho Prediger Stöcker, dem „Volk," eine fühlbare Konkurrenz machen, wenn nicht gar den Todesstoß versetzen wird. Man meint auch, daß die Slöcker'sche christlich soziale Partei der Naumannschen nationalsozialen Partei gegenüber einen um so schwereren Stand haben wird, als Herr Oberwinder die ganze Organisation in der Hand hatte.
Spandau. Eine heftige Eplosion fand am Donnerstag Mittag in der königl. Geschützgießerei statt. Beim Einschmelzen von alten Geschossen war unter die Metall
stücke eine noch nicht krepirte Granate gerathen, die sich im Ofen entzündete. Unter furchtbarer Detonation wurde eine Masse von Schmelzstücken aus dem Ofen geschleudert; der in nächster Nähe befindliche Arbeiter Lorenz erlitt schwere Verletzungen im Gesicht; ein Auge ist verloren, das andere erheblich beschädigt. Der Verunglückte ist sofort nach der königlichen Klinik in Berlin geschafft worden. Zwei andere Arbeiter haben leichtere Verletzungen davongetragen.
Magdeburg, 1. September. In der Ploetzkyer Mordangelegenheit sind jetzt im Ganzen 18 Personen, unter denen sich junge verheirathete Bauern und Söhne wohlhabender Landwirthe befinden, verhaftet worden. Ueber den vor Jahresfrist verübten Mord wird in Ploetzky Folgendes erzählt: Der Kossätheusohn Smok aus dem benachbarten Pretzien unterhielt mit einem hübschen und reichen Bauernmädchen in Ploetzky ein Liebesverhältniß und zog sich dadurch den Neid und Haß sämmtlicher Ploetzkyer jungen Männer zu. Die gute Partie wurde, wie das aus dem Lande häufig der Fall ist, dem Auswärtigen nicht gegönnt. Bei einem Tanzvergnügen kam dieser Haß zum Ausbruch. Es wurde eine Schlägerei angezettelt, bei dem Alle über Smok hersielen. Derselbe brach bewußtlos zusammen und wurde in diesem Zustande in einem Pserdestalle unter dem Dung verscharrt, wo er vermuthlich erst seinen Tod durch Ersticken gefunden hat. Nachdem die Leiche hier einige Wochen versteckt gehalten war, wurde sie in einen nahe gelegenen Teich geworfen. Die jetzt vorgenommenen Verhaftungen sind veranlaßt durch zwei Berliner Kriminalbeamte, die mehrere Wochen tn den Ploetzkyer Steinbrüchen gearbeitet haben.
— Einen weiblichen Kommunalbeamten besitzt seit Kurzem die Stadt Alt-La»dsbcrg; man hat dort der Wittwe des verstorbenen Bürgermeisters die Verwaltung von Kassengeschäften gegen ein Gehalt von 1000 Mk. übertragen. Für die Bürgermeisterstelle sind gegen 100 Meldungen eingegangen.
Lübeck, 2. September. Die Schifffahrt auf der Steckennitz, dem ältesten Kanale Deutschlands, ist mit dem gestrigen Tage geschlossen worden, da der Bau des Elbe-Travekanals dem Bette des alten Kanals auf einer ziemlich großen Strecke folgt, und während der Bauzeit Schifffahrtsbetrieb auf dem Kanal ausgeschlossen ist. Der Steckenitzkanal hätte im Jahre 1898 die 500jährige Jubelfeier seines Bestandes und Betriebes erreicht, da derselbe 1398, wie urkundlich nachgcwiescn, zum ersten Male befahren worden ist. Die Steckenitzfahrer, welche auf dem alten Kanal ihren Erwerb gesucht und gefunden haben, sehen mit einer gewissen Wehmuth das alte Flußbett eingehen. Es ist jedoch mit Bestimmtheit zu erwarten, daß dieselben durch die in wenig Jahren erstehende große geräumige Wasserstraße des Elbe-Travekanals voll entschädigt werden für die jetzige Unterbrechung ihres Schisfahrtsbctricbes.
Oldenburg. Zur Warnung. Mit einer gefährlichen Verletzung am Auge suchte hier eine Frau aus Heid- kamp bei einem Arzt Hilfe; sie hatte eins ihrer Kinder auf dem Arme gehabt, das mit einer Gabel spielte. Unglücklicher Weise stieß das Kind der Mutter diese Gabel in das eine Auge, welches so schwer verletzt wurde, daß es seine Sehkraft einbüßte. Der Fall lehrt auss neue, wie gefährlich scharfe und spitze Gcräthe in den Händen der Kinder werden können.
Essen. Die Firma Krupp soll nach der „Rh. W. Ztg." allen Ausländern, höheren wie niederen Beamten und Arbeitern gekündigt haben. Die Gehälter wurden theilweise auf längere Zeit vorausbezahlt. Den Grund dieser Maßregel konnte das genannte Blatt vorläufig nicht erfahren. — Unsere Stadt -zählt jetzt 27 Bürger, von welchen jeder sich im Besitze von einer Million Mk. befindet. Von diesen 27 Millionären besitzen 13 sogar je über zwei Millionen Mark Vermögen. Essen schlägt mit dieser Zahl 6 an Einwohnerzahl größere Städte Deutschlands, so Königsberg, welches nur 7, Stettin mit nur 8, Barmen mit nur 9, Danzig mit nur 3, Dortmund mit nur 5, Krefeld mit nur drei Glücklichen, die ein Vermögen von über 2 Millionen Mk. besitzen.
Horde. Die Stadt Hürde hat einen Steuerprozeß verloren, der eine fühlbare Einbuße für den Gemeinde- säckel herbeiführen wird. Die Schlackenmühle auf dem Hörder Verein hatte der Stadt Hürde schon manche Sorge gemacht. Sie war der Anlaß zum Prozeß
Massenez, und außerdem erbitterte es, daß das Werk seinen Theilnehmern, die auswärts wohnen, so reichen Gewinn brächte, während diejenigen, die das Geld besamen, in Hürde nicht so recht zur Steuer heran- gezogen werden konnten. Schließlich glaubte die Stadtverwaltung einen Weg gefunden zu haben, der gestattete, die erwähnten Herren zur Gemeindesteuer heranzuzichen. So wurde der Professor Scheibler in Charlottenburg jährlich mit 15 000 Mk. zur Gemeindesteuer herangezogen, ebenso andere Herren, desgleichen auch der Hörder Verein mit hohen Summen. Die Betreffenden zahlten, erhoben aber Einspruch und klagten. Nun hat die letzte Instanz, das Oberverwaltungsgericht, gesprochen. Die Stadt muß Herrn Scheibler gegen 30 000 Mark zurückzahlen. Der Hörder Verein forderte 55 000 Mk. und hat in der ersten Instanz schon gewonnen. Die Stadt hat nach der „Köln. Ztg." im Ganzen gegen 90 000 Mk. zurückzuzahlcn. Eine schwere Last für eine Gemeinde, die nur wenige kräftige Steuerzahler hat und deren Bevölkerung zum größten Theil aus Fabrikarbeitern besteht.
Ueber eine Art Haberfeldtreiben im bergischen Lande wird aus Radevormwald vom 1. ds Mls geschrieben: Unter dem Namen „Heraustrommeln" gibt es auch im bergischen Lande eine Art Volksjustiz, die in der letzten Woche in Radevormwald zu entsetzlichen, an Revolutionstage erinnernden Auftritten geführt hat. Das Verfahren dieses Heraustrommelns ist im Allgemeinen Folgendes. Wenn ein Ehemann sich ehelicher Untreue schuldig gemacht hat, so versammelt sich das Volk zu Hunderten des Abends vor dessen Wohnhause und bringt dem Missethäter eine greuliche Katzenmusik dar, bei der Ofen- deckel, Lampencylinder, Peitschen und schrille Pfeifen die Hauptinstrumente bilden. Dies Konzert wiederholt sich an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Am vorigen Freitag Abend wurde wieder nach langer Pause einem hiesigen Landwirth ein solcher Ohrenschmaus bereitet. In seiner Wuth schoß derselbe auf die Menge und traf einen jungen Mann derart in den Hals, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Das Schlimmste aber ereignete sich am Montag Abend, als ein hochgestellter Beamter unserer Stadt, der in derselben Weise beschuldigt wird, „herausgetrommelt" werden sollte. Zu Hunderten hatte sich die Menge aus dem Marktplätze versammelt. Das Konzert begann. Unsere Polizei mit dem Gens- darmen war machtlos, besonders da sämmtliche Laternen des Marktplatzes ausgelöscht waren. Als endlich der Gensdarm dazu überging, unter die Menge zu schießen, als auch schon einer durch eine Kugel verwundet ins Krankenhaus getragen werden mußte, ergriff die Menge eine solche Wuth, daß ein Sturm auf das Rathhaus erfolgte. Die Ziegeln eines Neubaues, abgerissene Schiefer, Pflastersteine, alles mögliche diente als Wurf- geschoß, und bald waren sämmtliche Fenster des Rath- hauses zertrümmert. Eine strenge Untersuchung ist eingeleitet und für heute Abend eine größere Polizeimacht aus den Nachbarstädten herbeigerufen worden.
Koblenz. Eine Steuer auf Hühner und Hähne — 30 Pfg. für ein Stück Federvieh über 2 Kilo, 10 Psg. für leichteres Federvieh — haben die Stadtverordneten in Koblenz beschlossen. Für Kanarienvögel sind ferner pro Stück 3 Pfg. zu zahlen. Nur noch die Täubchen bleiben steuerfrei.
Metz. In drei Monaten sind nicht weniger als 5 Generäle der Mctzer Garnison verabschiedet worden und 3' ir: Gouverneur Generallieutenant von Arndt, Kommandant Generallieutenant von Spankeren, der Kommandeur der 66. Jnf.-Brigade Generalmajor v. Arentsschild, der Kommandeur der 68. Jnf.-Brigade Generalmajor Buchfink und der Kommandeur der Küniglich Bayerischen 10. Jnf.-Brigade Generalmajor Frhr. von Hirschberg.
Straßburg. Lebensretter und Strafmandat, wie reimt sich das zusammen? Darüber giebt folgende Mittheilung des „Elsässer Journals" die Antwort: Der muthige Lehrer aus Schiltigheim, welcher neulich beim Baden einen seiner Kollegen mit Hintansetzung seines eigenen Lebens vom Tode des Ertrinkens rettete, ist mit einem Strafmandat (mit Kosten 2.50 Mk.) wegen Badens an unerlaubter Stelle bedacht worden .. Tableau!
Neustadt a. S., 31. Aug. Der jüngste Viehmarkt war trotz der ungünstigen Witterung der größte seit vielen Jahren. Es waren über 4000 Stück Vieh auf dem Markte und hat sich das Geschäft recht lebhaft ent-