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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
72. Samstag, den 5. September 1896.
Deutsches Reich. ।
Berlin, 2 Scpt. Der Kaiser ist heute Abend 6*/a Uhr mittelst Sonderzuges in Dresden eingetroffen. Auf dem Bahnhöfe fand großer militärischer Empfang statt; auch die Minister und die Spitzen der Behörden waren anwesend. Die Begrüßung des Kaisers mit dem König war überaus herzlich. Das Publikum begrüßte den Kaiser mit begeisterten Hochrufen. — Nach einer Bekanntmachung im Amtsblatt der Regierung zu Gumbinnen wird der Kaiser auch in diesem Jahre in der Zeit vom 20. September bis 7. Oktober zur Rothwildjagd auf Jagdschloß Rominten weilen.
— Das „Militärwochenblatt" meldet: Prinz Albert von Sachsen-Alienburg und der Fürst von Schaumburg- Lippe wurden zu Generalen der Kavallerie ernannt. Der kommandierende General des III. Armeekorps, v. Lignitz, wurde zum General der Infanterie befördert. Den Gouverneuren von Straßburg, v. Jena, und von Köln, v. Leipziger, wurde der Charakter als General der Infanterie verliehen.
— Generaloberst Freiherr v. Los beabsichtigt, wie die „Tägliche Rnndschau" aus zuverlässiger Quelle erfahren haben will, noch diesen Herbst seinen Abschied cinzureichen. Er habe bereits dem Kaiser seinen Entschluß mitgetheilt. Eingeweihte Kreise wollen wissen, der Chef des Militärkabinets v. Hahnke sei zum Nachfolger Loös als Oberbefehlshaber in den Marken und als Gouverneur von Berlin ausersehen.
— Als Todesursache des Fürsten Lobanow wird ein Herzschlag angegeben, der ihn auf seiner Rückreise nach Kiew getroffen habe. Schon seit längerer Zeit litt der Fürst an Berkalkung der Venen, wovon er durch eine Massagekur in Dresden Heilung suchen wollte. Sein Schwächezustand in Wien war hochgradig. Bei einem Besuche des italienischen Botschafters wurde er von einer Ohnmacht befallen. Sein Befinden veranlaßte ihn auch zu der plötzlichen Rückreise.
— Daß der ungeheuerliche Plan, den Welthandel in Petroleum zu monopolisiren, seiner Verwirklichung wieder ein gutes Stück näher gekommen ist, haben wir schon neulich besprochen. Was das aber zu bedeuten hat, wenn das Petroleum konsumirende Publikum über kurz oder lang der Ausbeutung des internationalen Ringes auf Gnade und Ungnade überliefert wird, kann man am besten sehen, wenn man sich die Petrolcums- preise des vorletzten Frühlings ins Gedächtniß zurückruft. Die damalige Preissteigerung hat Deutschland rund 100 Millionen Mark gekostet. Die Preiserhöhung von einem einzigen Pfennig für ein Liter Petroleum macht auf den deutschen Konsum eine Mehrbelgstung von 10 Millionen Mark aus. Der Staatssekretär Graf Posadowsky bemerkte damals im Reichstage, daß, wenn die Bestrebungen des Petroleumringes es ermöglichen sollten, den Petroleumpreis auf die Höhe von 1875 zurückzuführen, so würde dadurch die Einfuhrmenge an Petroleum für Deuischland um jährlich 300 Millionen Mark vertheuert. Das ist eine Steuer, die alle staatlichen Abgaben weit hinter sich läßt.
— Ein ungeheurer Brand, der sehr beträchtliche Werthe vernichtete, hat am Freitag auf der Elbinsel Sieinwärder bei Hamburg stattgefunden. Das Feuer brach um halb 6 Uhr Morgens in einem Schuppen der Export-Lagerhaus-Gesellschaft aus und nahm sofort große Dimensionen an. Alsbald nach dem Ausbruch des Brandes rückte die Feuerwehr sowie die als Dampfspritzen verwendeten Fährdampfer, zusammen 20 Dampfspritzen mit etwa 40 Rohren auf die Brandstätte und entwickelten eine außerordentliche Thätigkeit. Fortwährend ertönten donnerähnliche Detonationen in unaufhörlicher Folge, sodaß die Bewohner der anliegenden Stadttheile in Aufregung geriethen und Tausende nach der Brandstätte eilten. Die Detonationen rührten, wie man annimmt, von den starkgepreßten Salpeterballen her, von denen sich eine große Anzahl in dem Waarenlager befand. Thurmhohe Feuersäulen, Balken und Holztheile wurden fortgeschleudert. Ein Regen von Steinnüffen, die hageldicht niederfielen, überschüttete die Elbe und die Schiffe im Hafen. Einige Feuerwehrleute wurden durch Steinnüsse verletzt. An dem Schaden, welcher die Höhe von annähernd 3 Millionen Mark erreicht, par- tizipiren gegen 40 Versicherungsgesellschaften des Ju- und Auslandes. Der Schaden an Gebäuden wird voraussichtlich 200 000 Mk. nicht übersteigen. Die bisherigen polizeilichen Vernehmungen haben eine Fahr
lässigkeit nicht ergeben, es scheint vielmehr eine Selbstentzündung vorzuliegen.
— Die Zahl der Zwangsversteigerungen von Grundstücken in Berlin und der Umgebung hat eine bedeutende Höhe erreicht. So sind in voriger Woche allein fünfzehn Subhastationen zu vermerken. Für die bevorstehenden fünf Wochen sind bereits für über sicbcnzig Subhastationen Termine amtlich festgelegt. Von den Vororten kommen hier in erster Linie Charlotlenburg und Weißcusee in Betracht.
Elberfeld, 29. Aug. Ein höchst seltener Fall von Mißbildung eines Neugeborenen ist vor einigen Tagen hier vorgekommen: einem hiesigen Privatsekretär wurde ein Mädchen geboren, das, sonst gesund, kräftig und völlig normal entwickelt, völlig der Augen entbehrt. Die Augenhöhlen sind vorhanden, die Augäpfel, die eigentlichen Augen, fehlen aber vollständig. Ein zu Rathe gezogener Augenarzt erklärte, daß ihm ein ähnlicher Fall in seiner langjährigen Praxis noch nicht bekannt geworden sei. Das arme Wesen wird Zeit seines Lebens blind bleiben.
Erfurt, 1. Scpt. Die hiesigen Dienstmädchen haben zu einer Polizeiverordnung Anlaß gegeben, durch die verboten wird, ohne Zustimmung des Hausbesitzers Hausund Wohnungsschlüssel anzufertigen. Die Mädchen ließen sich bisher ruhig eigene Schlüssel machen, um sich ungeniert bewegen zu können. Dem daraus entstandenen Unwesen soll nun ein Ende gemacht werden.
Gotha. Um der Zigeunerplage im Gothaischen nach Möglichkeit entgegentreten zu können, verfügte Herr Landrath Dr. Dietsch-Gotha, daß jeder Orts-Schultheiß, welcher die Niederlassung von Zigeunern in der Nähe seines Ortes duldet, in eine Geldstrafe von 30 M. zu nehmen sei.
— In Judenbach bei Sonneberg feierte am 23. v. M. die Familie Engelhardt das seltene Fest der 200jährigen Seßhaftigkeit im genannten Orte. Zur Feier waren 91 Glieder der Familie, alt und jung und ihr Senior, der Schultheiß Engelhardt, versammelt. Die Feier bestand in einem Gottesdienst, Festtafel und Ausflug. Eine von einem Familienmitglied gestiftete Familienchronik weist nach, daß die Familie schon seit 1322 besteht.
Offenbach, Als Sitz für den neuen sozialdemokratischen Parteivorstand ist nunmehr Offenbach ausersehen, da dorten nach dem hessischen Vereinsgesetze eine abermalige Auflösung nicht zu befürchten ist. Schon seit mehreren Tagen hält sich Liebknecht in Offenbach auf, um die Sache mit den sozialdemokratischen Führern daselbst zu regeln und vorzubereiten.
— Wie nachlässig oft mit dem Einkleben von Jnvalidenmarkcn verfahren wird, geht aus einer in Augsburg vorgenommenen städtischen Kontrolle der Unfall- und Jnvaliditäts- und Altersversicherungskarten hervor. Darnach wurden bei 3906 Arbeitgebern insgesammt 19 864 Karten kontrollirt, in denen nicht weniger als 70 370 Marken im Betrage von 16,027 Mark fehlten. Natürlich mußten in allen Fällen die Arbeitgeber in Strafe genommen werden.
— Der kleinste Vieh- und Pferdemarkt der Welt dürfte am letzten Donnerstag in Marienburg (Westpreußen) stattgefunden haben. Es waren dort nämlich im Ganzen nur eine Kuh und 2 Pferde zum Verkauf gestellt. Da die betreffenden Besitzer dieser Thiere von dem zahlreich anwesenden Publikum angestaunt und schließlich verhöhnt wurden, zogen auch sie mit ihren Thieren wieder nach Hause.
Ausland.
Wien, 2. Sept. Das Neue Wiener Tagblatt erhält eine Nachricht, nach der seitens aller Mächte Kriegsschiffe Weisungen empfingen, nach den türkischen Gewässern abzugehen.
Bern. Zum Unglück in Kienholz. Aus Bern wird geschrieben: Der amtliche Hilferuf enthält folgende Angaben: Das Unglück ist über 27 Familien mit 148 Personen hereingebrochen, Jhte Häuser stehen in Schutt und Schlamm begraben, ihre Gärten und Pflanzungen mit allen für den Winter berechneten Feldfrüchten sind zum größten Theil auf ewige Zeiten zugedeckt und daher verloren. Was noch den Elementen entrissen werden konnte, war unreif und daher für den Menschen nicht genießbar. Nebst den angeführten schwer heimgesuchten Bewohnern von Kienholz ist eine noch doppelt so große
Zahl unglücklicher Mitbürger, im Dorfe Brienz wohnend, welchen an der Unglücksstätte ebenfalls der größte Theil der Kartoffelernte und sonstiger Gemüsepflanzungen vernichtet worden ist, und die, weil fast sämmtlich der ärmeren Klasse angehörend, mit Schrecken und Bangigkeit dem nächsten Winter entgegensehen. Beständig arbeitet das verheerende Element im Lammbach an der Verwüstung weiter, und es ist einstweilen noch kein Aufhören abzusehen. Gegen Feuerschaden giebt es Versicherungen, so daß ein großer Theil des Schadens ersetzt werden kann. Gegen die Verwüstung der Wildbäche und Schuttüberführungen giebt es keine Versicherung. Bei Brandunglücken bleibt wenigstens die fruchtbare Erde zur Produktion der nöthigsten Lebensmittel noch benutzbar, während bei dem Unglück in Kienholz Gebäude und Erde zu Grunde gehen.
Madrid, 31. Aug. Der Ministerpräsident Canovas bei Castillo erklärte in einer Unterredung, der Aufstand auf den Philippinen sei sehr ernster Natur, er habe je- bö4- die Zuversicht, daß die Aufständischen bereits zer- strcnt seien. Des Weiteren erkannte der Ministerpräsi- beB an, daß die Lage Spaniens noch nie so ernst war feistem Unabhängigkeitskriege, man könne aber auf den Pätriotismus aller Parteien zählen. Der Ministerprä- ^dent wird 2000 Mann nach Manila an Stelle der Erbetenen 1000 Mann schicken.
Malta, 1. Sept. Die britischen Kriegsschiffe „Ra- millies", „Trafalgar" und zwölf andere sind heute zu einer Kreuzfahrt nach der Levante abgegangen. Beide Schiffe gehören zu den größten Schlachtschiffen der englischen Flotte. Der „Ramillies" hat 14,150, der „Trafalgar" 11,940 Tons.
Aus Kreta kommen immer noch beunruhigende Nachrichten. Die Zerstörung christlicher Dörfer durch die Muselmanen wird trotz wiederholt eingetroffener militärischer Verstärkungen fortgesetzt. Die Erledigung der kretensischen Angelegenheiten wird durch die Haltung der Muhamedaner erschwert. Nach Meldungen der christlichen Abgeordneten aus Kanea hätten die muhameda- nischen Notabeln in Kanea und Kandia erklärt, sie würden lieber den Tod erleiden, als die Einsetzung christlicher Behörden auf Kreta zugeben. Auch der mu« hamedanische Pöbel sei zum Aeußersten entschlossen, um die Einrichtung einer autonomen Verwaltung, in welcher die Christen überwögen, zu verhindern.
Konstantinopel. Die Meldungen aus Konstantinopel lauten nicht besonders beruhigend. Die Großmächte sind jedoch, wie verlautet, dahin übereingekommen, auf jeden Fall eine Wiederholung der Greuelszenen zu verhindern. — Dank dem strengen Befehl des Sultans, weiteres Blutvergießen zu vermeiden, und dank einer förmlichen Sicherheitsarmee ist es jetzt ruhig. Viele Flüchtlinge sind von den Schiffen in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Dafür benutzen viele Armenier die Ruhepause zur Flucht ins Ausland. Auf den Straßen bewegt sich viel Volk. Alle europäischen Geschäfte sind offen. Die armenischen Geschäfte sind geschlossen, ebenso die griechischen. In den Straßen trifft man viele Armenier, darunter auch Priester, die unbelästigt bleiben. Nur ihre düsteren Mienen und die Leichenzüge erinnern an die wahre Situation. Zweitausend Armenier, als Türken verkleidet, sollen sich in die Umgegend geflüchtet und bewaffnet haben. Sie drohen angeblich mit einem Einbruch in Konstantinopel, um die Europäer anzugreifen und dadurch eine europäische Intervention herbeizuführen. — Hier zirkulirt das Gerücht, daß Fürst Lobanow, der verstorbene Minister des Aeußern, von Armeniern vergiftet worden sei, weil er nichts für die Armenier thun wollte. — Vornehme Armenier, welche im Wagen Galata passirten, wurden als sie als Armenier erkannt waren, von der Menge umzingelt, erdrosselt und in schändlicher Weise zerstückelt. Armenische Frauen und Jungfrauen sowie Knaben sind zu Hunderten am verflossenen Sonnabend geschändet und nachher getödtet worden. Eine gräßliche Szene spielte sich am Bosporus vor dem kaiserlichen Palaste Dolma-Bagdsche ab. Drei Knaben und ein Mädchen der vornehmen Armenierfamilie Markarian sollten mittelst eines Kaiks auf ein europäisches Schiff gebracht werden. Als türkische Softas es bemerkten, setzten sie dem Kaik nach, und es kam zu einem erbitterten Kampfe zwischen den Bootführern und den Türken. Trotz der herzzerreißenden jammervollen Rufe der Kinder gaben die Softas, welche