WernerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 22. August
1896.
Deutsches Reich.
Berliu. Ueber die neue Marinevorlage meldet ein parlamentarischer Berichterstatter: Admiral Tirpitz sei beauftragt worden, einen Entwurf für die geplante Flotten- vermehrung auszuarbeiten; er habe auch seine Aufgabe erfüllt. In der neuen Vorlage seien die finanziellen Forderungen bedeutend herabgesetzt worden, die Angaben schwanken zwischen l 00 und 150 Millionen. Auf Grund dieses Entwurfes solle weiter vorgegangen und dem Reichstage eine Vorlage gemacht werden.
— Der „Reichsanzeiger" stellt die bisherigen Nachrichten über die Strandung des „Iltis" zusammen und bemerkt dann: Aus Allem geht hervor, daß die gemeldeten Angaben der Geretteten und Leuchtthurmwächter auf unbedingte Sicherheit keinen Anspruch machen können und daß ein endgültiges Urtheil erst nach Eingang der schriftlichen Vernehmungen gebildet werden kann. — Was die in den Zeitungen aufgetauchten Gerüchte über den nicht ganz seetüchtigen Zustand des Kanonenbootes anbelangt, so ist zu bemerken, daß sich Schiff und Maschine nach den Angaben des vorigen Kommandanten bei der Kommandoübergabe im Frühjahr dieses Jahres in guter Verfassung befanden und das Kanonenboot durchaus seetüchtig uud sicher war. — Auch die Schiffsbiographie des Kanonenbootes enthält die Ansichten früherer Kommandanten, wonach man sich an Bord in schlechtem Wetter durchaus sicher gefühlt habe.
— Zum Lehrer in Deutsch-Ostafrika ernannt ist der . Volksschullehrer Karl Jörsen aus Lügumklostcr, seit Jahresfrist zweiter Lehrer in dem holsteinischen Kirch- dorfe Kapstedt. Er hat sich verpflichtet, gegen ein jährliches. Gehalt von 5000 Mark fünf Jahre in Ostafrika zu bleiben.
— Das Welthandelsmonopol in Petroleum ist durch die von uns mitgetheilte Verschmelzung zweier bedeutender . Petroleumeinfuhrhäuser, -die-^ast--ganz Deutschland mit Petroleum versorgen, wieder näher gerückt. Bekanntlich erstrebt der amerikanisch - englische Petroleumtrust, an dessen Spitze die Millionäre Rockefeller und Rothschild stehen, die Durchführung des Petroleumweltmonopols Nach einer Meldung der „Deutsch. Volksw. Korresp." wendet der preußische Finanzminister der Frage ein besonderes Interesse zu. Angeblich soll er über Mittel nachsinnen, der Wirksamkeit des amerikanisch-englischen Spekulantenringes im Augenblick der Gefahr energisch enlgegenzutretem Der zunächst liegende Gedanke richte sich auf Verstaatlichung der in Deutschland vorhandenen Petroleumquellen und Bewilligung von Mitteln, um Bohrungen nach neuen Quellen vorzunehmen; daß solche noch vorhanden sind, beweisen die erfolgreichen Bemühungen der Vereinigten Deutschen Petroleumwerke.
In Sachsen bereitet sich gegenwärtig eine Bewegung vor, die namentlich von den durch Arbeiter begründeten sehr zahlreichen Konsumvereinen getragen wird, und die sich gegen die vom Landtag und Regierung gutgeheißene, den Konsumvereinen aufzuerlegende Umsatzsteuer von drei Prozent wendet. Gedrängt, besonders von den kleinen Kaufleuten und Krämern, haben sich viele sächsische Gemeindeverwaltungen beeilt, jene Umsatzsteuer einzuführen. Die Konsumvereine fühlen sich, zumal da sie bereits staatliche und Gemeindeeinkommensteuer zahlen, durch die Umsatzsteuer arg geschädigt, ja selbst in ihrem Bestehen gefährdet. Sie wollen daher — wenigstens was die Arbeiterkonsumvereine anlangt — in nachdrücklicher, einheitlicher Weise gegen diese neue Steuermaßregel zu Felde zu ziehen. Die Agitation geht namentlich von dem Dresdener, Leipziger, Chemnitzer und Zwickauer Bezirk aus, in denen große Konsumvereine bestehen.
Ein großes Beispiel von Duldsamkeit gab Sonders- Hauseu. Ein Antrag der dortigen katholischen Gemeinde, die der evangelischen Stadtgemeinde gehörige St. Crucis- kirchc für ihren Gottesdienst mit benutzen zu dürfen, wurde nach Befürwortung des Ober-Konsistorialraths Zahn angenommen, mit der Begründung, das gewähren zu wollen, was man sich selbst gewährt wünsche.
Münster (Elsaß), 15. August. Am Sonnabend, den 8. d. M-, kam eine Anzahl französischer Soldaten vom 5. Jägerbataillon zu Fuß zwischen der Schlucht und dem Sulzer See in der Nähe des Wurzelsteins über die Grenze auf deutsches Gebiet, drang in die Melkerei „Schupfern" dort ein und entwendete einen Reservemilitärrock aus derselben, den sie mit nach Frankreich hinübernahm. Nach Angabe des Melkers stien die französischen Jäger in kleineren Trupps
möglich ein jeder seine Vorräthe gegen Feuersgefahr versichert, damit im Falle eines Unglücks eine thunlichst erreichbare Ausgleichung des erlittenen Schadens stattfinden möge. Ich mache hierbei ausdrücklich darauf aufmerksam, daß nach dem Erlaß des Herrn Ober- Präsidenten vom 28. Februar 1878 die Abhaltung von Hanskollekten aus Anlaß von Beschädigungen durch Brand ebensowenig wie bei Hagelschlag genehmigt werden wird. Gleichzeitig richte ich an die Kreisbewohner die dringende Mahnung, ein besonderes Augenmerk auf die sichere Aufbewahrung der Streich- Zündhölzer zu richten, damit namentlich unverständige Kinder nicht in deren Besitz gelangen und durch Spielen damit, wie schon oft geschehen, Feuerschaden verursachen. Die Herren Ortsvorstände wollen für thunlichste Bekanntmachung des Gesagten Sorge tragen, und auch die Herren Lehrer hieraus Anlaß nehmen, in ent- sprechender Weise auf die Schulkinder einzuwirken."
* — Die Landwirthe können nicht genug darauf aufmerksam gemacht werden, die etwa schon gedroschene Frucht, die in diesem Jahre alle mehr oder weniger feucht nach Hause gekommen ist und durch das anhaltende nasse Wetter am Boden selbst noch anzieht, nur in dünnen Schichten zu lagern und sich die Mühe nicht verdrießen zu lassen, dieselbe recht oft — möglichst täglich — am Boden bei gutem Luftzug mit einer Schaufel zu wenden, da sie sonst durch mirzende Frucht und die daraus seitens der Müller sich ergebenden Beanstandungen in großen Schaden kommen.— Also nochmals: Fleißig wenden!
' — Das Hanauer Proviantamt macht bekannt, daß es mit dem Ankauf von Hafer begonnen hat. Der Ankauf vom Produzenten ohne Zwischenhandel ist besonders erwünscht. Landwirthe, welche Hafer an das Proviantamt verkaufen wollen, haben eine Probe ihrer Waare von mehr als ’/* Liter unter Angabe der verkäuflichen Menge nebst Preisforderung an dasselbe einzusenden, worauf ihnen Mittheilung zugehen wird, welcher Preis für solche bezahlt werden kann. Der Preis wird ausschließlich fürLieferungfreibiszumMagazin des Proviantamts vereinbaart. Wir machen die Land- wirthe auf solches günstiges Anerbieten speziell aufmerksam.
* — Die Einstellung derRekruten erfolgt in diesem Jahre bei der Kavallerie am 7. Oktober, bei der Infanterie, Artillerie und den Pionieren am 15. Oktober.
* — Das amerikanische System der Gepäckabfertigung, das eine vereinfachte Handhabung des auf- gegebenen Reisegepäcks gestattet, ist nunmehr auch, zunächst probeweise, auf der Linie Frankfurt-Halle cin- geführt worden.
* — Eine für Radfahrer wichtige Entscheidung hat vor Kurzem das Reichsversicherungsamt getroffen. ES hat erklärt, das Fahrrad sei nicht mehr als Gegenstand deS Sports, sonvern als Verkehrsmittel anzusehen, da es weit verbreitet sei und für manche Gewerbebetriebe eine erhebliche Bedeutung gewonnen habe. Es müsse somit als ein der Gcflogenheit der Bevölkerung entsprechendes Beförderungsmittel anerkannt werden, und seien daher solchen Gewerbetreibenden, die in ihrem Beruf ein Fahrrad benützen und dabei verunglückten, Renten zuzubilligen.
* — Der Einjährig-Freiwilligendienst der Volksschullehrer. In sämmtlichen 114 preußischen Volks- schullehrerseminarien, welche ihren Abiturienten den Berechtigungsschein für den Einjährig-Freiwilligendienst ausstellen dürfen, hat nicht ein einziger Kandidat Gebrauch von diesem Rechte gemacht. Sie verzichten auf die „Ehre" des Einjährig-FreiwilligendiensteS wegen der hohen Kosten und dienen lieber 10 Wochen ohne Schnüre. In Württemberg ist ganz dasselbe der Fall. Allein mit dem Jahre 1900 hört diese freie Wahl auf, und dann tritt das harte „Muß" an die Lehrer heran.
* — Neue Hundertmarkscheine sind seit Kurzem in Verkehr gekommen. Sie zeigen gegen die älteren Scheine verschiedene Veränderungen. Während bisher die vordere Seite nur einen Stempel des Reichsbankdirektoriums trug, sind jetzt zwei Stempel vorhanden. Die Nummer des Scheines ist in rothen Zahlen auch auf der Rückseite, und zwar in der Mitte oben und unten, angebracht. Die Namensunterschriften des Reichsbankdirektoriums enthalten mehrfach andere Namen als bisher; auch betrügt die Zahl acht, während die alten Scheine nur sieben Unterschriften hatten. Farbe und Größe der Scheine ist jedoch unverändert geblieben.
herübergekommen, hätten zuerst die Knöpfe und die Achselklappen von dem deutschen Militärrock geschnitten und dann schließlich den ganzen Rock mitgenommen; eine Verwegenheit sondergleichen. Der Melker, der allein bei seiner Melkerei war, konnte gegen die 10 bis 12 französischen Jäger selbstverständlich nichts ausrichten. Er machte, der Straßb. P. zufolge,. von demVorkomm- niß selbst Anzeige, so daß Untersuchung eingeleitet worden ist. Die genannten Jäger lagen jenseits der sran- zösichen Grenze in dem Dorfe Valtin im Quartier. Die Melkerei „Schupfern" steht einige hundert Meter diesseits der Grenze.
Aus Düsseldorf wird dem „B. T." geschrieben: Mit Spannung wartet ganz Düsseldorf auf die Anberaumung des Termins in dem großen Skandalprozeß gegen den Homöopathen Dr. med. Albrecht Volbeding, während der Angeklagte inzwischen gegen die bedeutende Kautionssumme von 200,000 Mk. aus der Haft entlassen worden ist. Die öffentliche Verhandlung wird jedenfalls im Lauf des Herbstes stattfinden. In die auf Betrug lautende Anklage sind außerdem homöopthischen Wunderdoktor sein Apotheker Lange, ferner seine beiden Bureaubeamten Könnecke und Wingcrath eingeschlossen. Diese beiden, die trotz ihres gänzlichen Mangels an medizinischen Kenntnissen bei ihm förmlich die Stellung von Assistenzärzten einnahmen, bezogen aus dem Großbetrieb ihres Herrn und Meisters jährliche Gehälter und Tantiemen von 8 — 12000 Mk. und führten im übrigen ein Leben wie kleine Standesherren, denn Volbeding's reichbesetzter Weinkeller stand ihnen stets zur Verfügung. Die Gesammteinnahmen des Wunderdoktors, die ihm hauptsächlich aus seiner brieflichen Praxis zuflossen, werden annähernd aus eine halbe Million jährlich geschätzt.
Mainz, 17. August. Der Kaserneninspektor Nie- meyer wurde gestern Nacht in heimtückischer Weise, als er mit einem Bekannten aus einer Gesellschaft heimkehrte, von mehreren Männern, denen er in keiner Weise nahe- getreten war, Überfällen und durch Messerstiche tödtlich verletzt. Der so schwer Verletzte hat den Krieg von 1870/71 mitgemacht. Gerade gestern vor 26 Jahren hat er in der Schlacht von Mars la Tour das Eiserne Kreuz erworben.
Gießen, 18. August. Der Absender einer anonymen Neujahrskarte wurde durch Zufall durch den Empfänger derselben entdeckt. Da die Karte grobe Beleidigungen enthielt, erhob der Adressat, ein hiesiger städtischer Beamter, Klage gegen den Schreiber der Karte. Mit Rücksicht auf die schweren Anschuldigungen, welche der Verfasser unter dem Deckmantel der Anonymität dem Empfänger vorgeworfen hatte, erkannte das hiesige Schöffengericht auf eine Strafe von 4 Wochen Gefängniß.
Ansland.
Aus Kreta kommen immer neue sehr beunruhigende Nachrichten. In dem Bezirk Apokorona und Rygalitza haben abermals blutige Kämpfe stattgefunden. Nach den letzten Telegrammen wurden zehn Dörfer und einige Städte geplündert. In Temenos sümpfen die Muha- medaner, von türkischen Truppen unterstützt, schon seit einigen Tagen gegen die Christen. Den türkischen Truppen wurde eine Halbbatterie zur Hilfe nachgesandt. Wie verlautet, soll das Revolutionskomitee die Kretenser zu dem Eide verpflichtet haben, nur unter griechischer Fahne zu sümpfen. Alle Botschaften erwarten Instruktionen ihrer Regierung bezüglich ihrer weiteren Haltung gegenüber der veränderten Lage auf Kreta.
In Newyork dauert die große Hitze fort. Hunderte von vermodernden Menschen- und Thierleichen verbreiten einen furchtbaren Gestank. Dabei ist die Tollwuth unter den Hunden ausgebrochen; 16 kleine Kinder sind schon von tollen Hunden gebissen worden. Der „Herold" schätzt die Zahl der Opfer der Hitze in Newyork allein auf 2000 Personen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 21. August.
* — Der Landrath Freiherr von Schleinitz zu Hersfeld erläßt folgende Bekanntmachung: „Im Hinblick auf den Umstand, daß die Gefahr eines Brand-Unglücks um so größer ist, je mehr Nahrung dem ausgebrochenen Feuer sich bietet, veranlasse ich die Herren Ortsvorsteher des Kreises, daß jetzt, wo nach beendeter Ernte die Scheuern mit brennbaren Stoffen gefüllt sind, soweit