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Erscheint Mittwoch und Samstag, Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

1896.

Deutsches Reich.

Berlin. Das leichte Unwohlsein des Kaisers ist vollständig gehoben. Gestern nahm der Kaiser die Vor- träge der Chefs des Militär- und Civilcabinets entgegen. Der commandirende General von Wittich wurde heute im Schloß empfangen.

Ueber den Untergang des KanonenbootesIltis" wird aus Berlin gemeldet:Nach einem am Sonntag Abend beim kommandierenden Admiral cingctroffencn Telegramm des Admirals Tirpitz ist S. M. Kanonen­bootIltis" auf der Reise nach dem Süden bei auf­kommendem stürmischen Ostwind und unsichtigem Wetter des Abends längs der Küste von Shantung gegangen und plötzlich festgekommen. Der Chef der Kreuzer- division nimmt an, daß der Kommandant wahrscheinlich Stromversetzung und Abtrift unterschätzt habe; mit voller Sicherheit habe sich dies indes nicht feststellen lassen."

Ingenieur Otto Lilienthal abgestürzt und ver­storben. Der Ingenieur Otto Lilienthal der bekannte Erfinder eines Flugapperates, ist am Montag bei einem Flugversuche in der Nähe von Rhinow tödilich ver­unglückt. Lilienthal hat vor mehreren Jahren schon einmal Unglück gehabt, als er in einem westlichen Vor­orte Berlins seinen Apparat in Thätigkeit zeigen wollte. Er sauste damals, anstatt langsam zu gleiten, von einem Hügel hinab, landete jedoch zu seinem Glück in einem kleinen Sumpfe. Der weiche Boden war nachgiebig, so daß der Flieger mit, wenn auch nicht gerade leichten, so doch auch nicht lebensgefährlichen Verletzungen davon- kam. Für den Spott brauchte er damals nicht zu sorgen. Trotzdem ließ er von seinen Plänen nicht ab und ist dafür in den Tod gegangen. Der Versuch bei Rhinow mißlang ebenfalls. Lilienthal stürzte wieder mit seinem Apparat herab und blieb mit schweren Verletzungen auf dem Platze liegen. Alan schaffte den Verunglückten so bald als möglich nach Berlin in die königliche Klinik. Aber die Kunst der Aerzte vermochte ihm nicht mehr zu helfen. Schon um 6 Uhr Nachmittags starb er an einem Bruch der Wirbelsäule und schweren inneren Verletzungen.

DerVorw." theilte kürzlich mit, daß der Ab­geordnete Bebel den Bund der Landwirthe wegen Ver­gehens gegen das Vereinsgesetz denunzirt habe. Wie die Slaalsb.-Ztg. aus dem Anwaltskreise des Moabiter Justizpalastcs jetzt erfahren, hat Herr Bebel nicht nur den Bund der Landwirthe, sondern auch die national­liberale und die konservative Partei aus demselben Grunde bei der Staatsanwaltschaft denunzirt.

Posen. Das furchtbare Unwetter, das vor mehreren Tagen in der Provinz Posen wüthete, hat viele Opfer gefordert. Durch die Herabfallenden Hagelstücke sind etwa ein Dutzend Leute ganz erheblich verletzt worden. In Mechlin zerstörte der Sturm mehrere Siallungen, wobei 30 Stück Rindvieh erschlagen wurden. In Konärski, Dombrowka und Tesin wurden 3 Windmühlen zertrümmert. In Kalej und Umgebung fand man viel erschlagenes Wild, so etwa 60 Rehe, 100 Hasen, 150 Rebhühner und eine Anzahl Hirsche. In den Kreisen Schrimm rc. sind viele Störche und Reiher durch Hagel umgekommen. Ein Glück ist es, daß die Roggenernte schon vollständig hereingebracht war.

Brcslau. Zwecks Abschaffung der obligatorischen Civilehe ist aus der lutherischen Freikirche in Preußen dem Oberkirchen-Kollegium zu Brcslau der Wunsch ausgesprochen worden, es möchte von ihm in diesem Sinne ein Petition an den Reichstag gerichtet werden. Das Oberkirchen-Kollegium hat der Bitte keine Folge geleistet und seine ablehnende Haltung folgendermaßen begründet:Die Stellung, welche bei Einführung der Civilehe unsere Kirche eingenommen hat, und welche in den Ausführungen S. 457 der Synodalbeschlüffe ihren Ausdruck gefunden hat, glauben wir auch jetzt innehalten zu sollen. Die Erfahrungen der inzwischen verflossenen Jahre sind für unsere Kirche keineswegs derartige gewesen, daß wir Beruf und unmittelbare Veranlassung zur Herbeiführung einer gesetzlichen Aenderung erkennen müßten, von welcher es noch dazu dahin steht, ob sie unserer Kirche nicht nach anderer Richtung Erschwernisse bereiten könnte."

Mciniugeu. Einen sehr bemerkenswerthen Versuch mit der Einführung eines unentgeltlichen Stellen- und Arbeitsnachweises will für das ganze Herzogthum Mei- ningen das dortige Ministerium vom 1. September ab machen. DasRegierungsblatt" berichtet über diesen

; Plan: Es wird wöchentlich zweimal, am Montag und Freitag, als besondere Beilage desRegierungsblattes für das Herzogihum Sachscn-Mciuingcu" ein Verzeichniß (Liste) sowohl offener Stellen und Ärbeitsgclegeuheilen als von Gesuchen um Stellen oder Beschäftigung aus gegeben. Die Ortsvorstände (Magistrate, Bürgermeister­ämter, Schultheißen) werden ersucht, dies Verzeichniß an der für öffentliche Anschläge bestimmten Stelle (Gemeinde- tafel) sofort anheften zu lassen. In dem Verzeichniß werden unentgeltlich sowohl Angebote von offenen Stellen und von Arbeitsgelegenheit als Gesuche um Stellen oder Beschäftigung und Arbeit aus dem Herzogthum sowie die bekannt gewordenen Erledigungen von Angeboten und Gesuchen kurz und übersichtlich mitgetheilt. Angebote und Gesuche der einen wie der anderen Art sowie Mit­theilungen über Erledigung derselben sind schriftlich an die Redaktion desRegierungsblattes" zu richten. Man wird sich dazu am besten der Postkarte bedienen. Der Versuch verspricht um so mehr zu glücken, da das Staatsministerium erklärt, daß es Vorschläge zur Ver­besserung der Einrichtung mit Dank entgegennehmen und eingehend prüfen werde. Jedenfalls verdient die Initiative der Meininger Regierung Anerkennung.

Altona, 9. August. Von 6665 durch die hiesige Polizei im Jahre 1895 vorgenommenen Verhaftungen erfolgten nicht weniger als 1005, also 15 Prozent, wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit und Kuppelei. Diese abnorm große Menge von Sittlichkeitsdelikten in einer Stadt von nur 150000 Einwohnern erklärt sich aus der Nachbarschaft Hamburgs.

Vor einiger Zeit wurde in Solingen ein Mann in Polizeistrafe genommen, weil dessen Kind zu Kaisers Geburtstag die Schule versäumt, d. h. an der patriotischen Schulfeier nicht theilgenommen hatte. Der Vater erhob gegen diesen Strafbefehl Einspruch, indem er betonte, Kaisers Geburtstag sei ein schulfreier Tag, am aller­wenigsten aber dürfe man ihn zwingen, sein, Kind an einer patriotischen Kundgebung, die nicht im Rahmen des Schulunterrichts liege, theilnehmen zu lassen. Das Schöffengericht von Solingen theilte diese Ansicht und hob den Strafbefehl der Polizeibehörde als unbegründet auf. Hiergegen legte nun der Amtsanwalt Berufung ein, und die Folge davon war, daß sich die Strafkammer in Elberfeld mit der Sache befaßte, die das erstinstanzliche Urtheil aufhob und den Mann zu der im Strafbefehl festgesetzten Strafe verurtheilte und zwar in Ueberein­stimmung mit einem Gutachten der königlichen Regierung zu Düsseldorf, das aus Anlaß dieses Spezialfalles von der Anklagebehörde eingeholt worden war. In diesem wurde unter anderem ausgeführt: Die Schule habe sich keineswegs auf den Unterricht zu beschränken, zu ihren Ausgaben gehöre auch die Erziehung und Bildung des Charakters. Die Schule solle der Jugend insbesondere patriotische Gefühle einimpfen, und dazu würden vorzugs­weise die patriotischen Gedenktage benutzt.

Gießen, 8. August. In eine unerwartete Situation kam jüngst ein junger Oekonom aus dem Rheinland im benachbarten Dutenhofen, Kreis Wetzlar. Demselben war durch einen hiesigen Stellenoermittler nach dorthin eine Stelle besorgt. Der junge Verwalter war, um sich seinem neuen Chef vorzustellen, nach Dutenhofen ge­fahren und war im Gasthof daselbst eingekehrt, woselbst er sich mit einem zufällig anwesenden Herrn in französischer Sprache unterhielt. Vom Verlassen des Gasthofes an wurde er vom Polizeidiener des Ortes überwacht und bis vor das Haus des ihn erwartenden Landwirths be­gleitet. Das Gehöft in dem sich der Verwalter aufhielt, wurde bald von Bauern umzingelt, und bald trat auch das Ortsoberhaupt in dasselbe, um sich bei dem angeblich Verdächtigen nach seinen Legitimationspapieren zu er­kundigen. Diese hatte er aber theilweise bei seinem früheren Brodherrn noch zurückgelassen, und diejenige Legitimation, die er vorlcgcn konnte, wurde zu Unrecht für gefälscht und der junge Mann für verhaftet erklärt und in die nächste Wirthschaft abgeführt, von wo aus derselbe in Gewahrsam kommen sollte. Seinem energischen Protest hiergegen hat es der Stellungsuchende zu danken, daß man ihn endlich freigab. Der also Belästigte hat Strafantrag wegen Freiheitsberaubung gestellt.

Ausland.

Wien, 11. Aug. In dem Beneschauer Kreis (Böhmen) wollen Gänsehirtinen in einem romantischen Thal zwischen schroffen Felsen die Muttergottes gesehen

haben. Seitdem zieht das Landvolk, die Feldarbeiten im Stiche lassend, in hellen Schaaren nach diesem Orte.

Rom. Durch einen italienischen Kreuzer wurde an der italienisch afrikanischen Küste ein holländischer Dampfer beschlagnahmt. Aus Perin wird nun, laut derGerm.", Näheres berichtet. Als die Durchfahrt von mit Waffen bcladcnen Schiffen durch deu Suezkanal angekündigt war, wurde ein Kreuzerdicnst eingerichtet. Der Kreuzer Etna" bemerkte denDoclwyk", der 30000 bis 40 000 vorzügliche Flinten, wahrscheinlich aus einer belgischen Fabrik, an Bord hatte DerEtna" forderte denDoelwyck" auf, den Salut zu geben, ohne daß der Doclwyk' diesem Verlangen nachkam, und befahl ihm sodann, seine Flagge zu hissen und anzuhalten. Der Doelwhck" suchte zu entkommen. Hierauf gab der Kommandant desEtna" derAretusa" den Befehl, dem verdächtigen Schiffe den Weg abzuschneiden. Der Kapitän desDoclwyk" hißte nunmehr die holländische Flagge und verlangsamte seine Fahrt. Die Beschlag­nahme wurde sodann befohlen. Die Beschlagnahme fand in den Küstengewüssern des italienischen Territoriums statt. Das Prisengericht wird über die Kaperung des Doelwick" sein Urtheil abgeben. DemFanfulla" zu­folge wäre derDoclwyk" aus Rotterdam nur mit einem einzigen französischen Reisenden an Bord abgegangen. Die Waffen wären für Abessinien bestimmt gewesen.

Aus Rußland. Wie die Schulverhältnisse in Ruß­land liegen, beweist der letzte Jahresbericht der Lozder Schuldirektion. Danach sind die Kinder von etwa 35 000 Fabrikarbeitern heute gar nicht in der Lage, eine Schule besuchen zu können, weil es in den vorhandenen Lehranstalten an Platz fehlt. Durchschnittlich werden kaum 2,5 Procent der Kinder in Rußland einen wenn auch dürftigen Unterricht erhalten. Der erste sibirische Courierzug. In Tomsk (Sibirien) ist der erste Zug der Transsibirischen Eisenbahn eingetroffen. Der Train ist von dem Gouverneur, den Behörden und hervorragenden Persönlichkeiten empfangen worden. Am 31. Mai 1891 wurde zu diesem gewaltigen Unternehmen der erste Spatenstich gethan. Unstreitig gehört diese Bahn zu den ausgedehntesten Eisenbahnbauten der Welt. Es sind nämlich seither bereits große Stücke dieses 7609 Kilo­meter langen Schienenweges dem Verkehr übergeben worden; so im August vorigen Jahres die Strecke Tscheljabinsk (sibirische Grenze)Omsk mit 793 Kilo- metern, im Oktober wieder die Süd-Ussuribahn Wladiwo­stok Graskaja mit 414 Kilometern. Dazu kommt die jetzt eröffnete Strecke Omsk Tomsk, und es wird aus Petersburg berichtet, daß noch vor Ablauf dieses Bau­jahres die Linie Krasnojarsk am Jenissei, 1385 Kilo­meter von Omsk, erreicht wird; man hofft nun, bis 1904 mit dem ganzen Riesenwerke fertig zu sein. Wie schon erwähnt, beträgt die Gesammtlänge der Bahn (mit zwei kleineren Zweiglinien) 7609 Kilometer; die Route Paris Konstantinopel ist nur 3042 Kilometer, die nordamerikanische Central-Pacificbahn 5357 Kilometer lang. Doch viel lehrreicher als diese Ziffern ist wohl die folgende Zusammenstellung:

Entfernung Fahrtdauer

Bon Wien über Warschau

nach Moskau.... 2007 Kilometer 2 Tage 9 St.

Bon Moskau über den

Ural nach Tscheljabinsk 2007 3 15

4014 Kilometer 6 Tage

Bon Tscheljabinsk^ bis

Wladiwostock am Stillen Ocean......7115_______13 ,, 10 St.

Wien-Wladiwostock. . . 11429 Kilometer 19 Tage 10 St.

Türkei. Der mohamedanische Fanalismus hat auf Kreta neue Greuel gezeitigt. In Konstantinopel ein­getroffene Meldungen bestätigen, daß in Anapolis, zwei Stunden östlich von Kanea, 1500 Mohamedaner ein­gedrungen sind, die Häuser geplündert und die Kirchen entweiht haben. 32 Christen wurden getödtet, darunter drei Priester, ein Priester verbrannt. Von Kandia aus wurde ein Bataillon nach Anapolis entsandt. An der macedonischen Grenze scheint die aufständische Bewegung doch einen größeren Umfang anzunehmen. In Mace- donieu herrscht völlige Anarchie. Haarsträubende Be­richte über die Vergewaltigungen der christlichen Be­völkerung werden hier verbreitet. Die Auswanderung ist dabei nahezu unmöglich gemacht, auch eine heimliche Flucht über die Grenze mit großen Gefahren verbunden. Die Stimmung der christlichen Bevölkerung in Macedonien ist daher eine sehr erregte, um nicht zu sagen, verzweifelte,