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WüchternerMung

- Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 62.

Rost-ilttnapn auf dieSchlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen

* ~ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Teutsches Reich.

Berlin, 29. Juli. DerReichsanzeiger" veröffent­licht folgendes Telegramm des Kaisers aus Bergen an den commandirenden Admiral: Es erfüllt Mich mit tiefem Schmerze, Kunde zu erhalten von dem Verluste des KanonenbootesIltis", welches in der Ausübung seines Dienstes mit sämmtlichen Offizieren und dem größten Theil der Besatzung an der chinesischen Küste gestrandet ist. Viele brave Männer, an deren Spitze ein so hervorragend tüchtiger Offizier, als der Commandant war, stand, habe Ich verloren, Das Vaterland wird mit Mir trauern und die Marine in warmer Erinnerung diejenigen halten, welche bis zum letzten Athemzuge in der Erfüllung ihrer Pflicht das höchste Gebot des Lebens sahen."

Unsere Marine ist wiederum von einer schweren Katastrophe betroffen worden, wie sie in diesem Umfange glücklicherweise nur selten sich zu ereignen pflegt. Wie ein an das Oberkommando der Marine gelangtes Tele­gramm aus Tschisu (China) meldet, ist das Kanonen­bootIltis" während eines Taifuns am 23. Juli zehn Meilen nördlich Southeast Promontory untergegangen. Elf Mann der Besatzung sind gcretet, alle Uebrigen, einschließlich der Offiziere, umgekommen. Seit der Katastrophe, von welcher in den sechziger Jahren die Arcona", die damals mit Mann und Maus in den ostasialischen Gewässern spurlos verloren ging, betroffen wurde und seit dem Untergänge der KanonenbooteAdler" undEber" vor Samoa und dem Untergänge des Kriegsschiffs CorvetteAugusta" im Indischen Ozean, hat unsere Marine kein ähnliches trauriges Ereigniß, wie das, welchem jetzt derIltis" zum Opfer gefallen ist, zu verzeichnen gehabt. Der Taifun, dieser furchtbare, in den asiatischen Gewässern, besonderes im Chinesischen und Indischen Ozean, zu gewissen Jahreszeiten auf­tretende Wirbelsturm vernichtet alles, was in seinen Bereich kommt. Die Schiffer kennen die verheerende Gewalt dieses Sturmes, der sich schon vorher an den Küsten bemerkbar macht, und sie trachten deshalb mit ängstlicher Sorge dem Bereich dieses Wirbelwindes, der in concentrischen Kreisen auf mehrere Meilen sich erstreckt, zu entkommen. Wieso nun trotzdem derIltis" in den Taifun gerathen ist, wird wohl erst die nähere Unter­suchung des Unglücksfalles ergeben. DerIltis" ge­hörte zur Nordscestation, war aber schon seit einigen Jahren in Ostasien stationirt. Erst vor einigen Monaten wurde das Schiff viel genannt, als es, um Deutsche zu beschützen, das Fort Kelung auf der Insel Formosa beschoß. Das Schiff hatte 489 Tonnen Deplacement, 340 indizirte Pierdekräfte, etwa 85 Mann Besatzung und führte vier Schnellfeuergeschütze an Bord.

Interessante Versuche werden beim Garde-Füsilier- Regimem in Berlin vorgenommen. Es ist nämlich durch Regimentsbefehl bestimmt worden, daß beim Marschieren ein schnelleres Tempo als das bisher übliche angenommen werden soll. Das Kilometer Wegs wird jetzt in 8 bis 9 Minuten zurückgelegt. Eine neue Vorschrift ist beim 3. Garde-Gegiment zu Fuß schon jetzt für die am 21. September zur Entlassung kommenden Reserven ergangen. Mit der Einführung der zweijährigen Dienst­zeit wurde bekanntlich der bis dahin bestehende Brauch abgeschafft, den Leuten eine Uniform mit in die Heimat zu geben. Nur diejenigen, denen nachweislich die Mittel fehlen, sich einen bürgerlichen Anzug zu beschaffen, er­halten eine Uniform, müssen diese jedoch binnen 14 Tagen an den Truppentheil zurückschicken. Die Reservisten, die eigene Sachen hatten, konnten damit bisher nach Belieben schalten. Beim 3. Garde-Regiment ist jetzt diesen Leuten untersagt worden, auf der Heimreise ihre eigenen Sachen zu tragen; sie sollen, wie die anderen bürgerliche Kleidung anzichen. Sollte diese Neuerung allgemein eingeführt werden, so würden die gerollten Achsel­klappen so gut wie ganz von der Bildfläche verschwinden.

Eine entsetzliche Blutthat versetzte den Osten von Berlin in große Aufregung. Dort hat der 49 Jahre alle Schmied O. Pieske mit einem Schlächtermesser 4 Per- wucn, die Waschfrau Schmidt, deren 22jährige Tochter, den 7jährigen Sohn Otto (dessen Vater der Mörder ist) und die 14 Monate alte Enkelin iödtlich verwundet und

Samstag, den 1. August

BaaigBaai»amww^^ sich dann selbst auf eine entjetzliche Weise das Leben genommen.

Hamburg, 27. Juli. Einen brutalen Racheakt ver­übte dieser Tage ein französischer Koch in dem weltbe­kannten Pfordleschen Restaurant in Hamburg, der ein dort bedienstetes Mädchen mit Liebesantrügen belästigte, aber kein Gehör gefunden hatte. Er wußte es so ein- zurichten, daß als das Mädchen ihm auf der Treppe begegnete, er scheinbar mit einem großen Behälter voll kochendem Fett ausglitt und den Inhalt desselben über die Unglückliche ausschüttete. Das Mädchen liegt schwer erkrankt und nicht vernehmungfähig im Krankenhause darnieder. Der inzwischen verhaftete, aus Bischheim im Niederelsaß gebürtige Koch leugnet energisch, wird aber schwer durch die Aussage eines Nebenmädchens belastet, die angicbt, gehört zu haben, der Beschuldigte habe der Verletzten zugcschworen, ihr einmal etwas unter vier Augen beizubringen, woran sie ewig denken werde. Diese selbst hat auch sofort nach dem Geschehniß aus- gcrufeu, sie sei vom Koch absichtlich mit dem glühenden Fett begossen worden. Aus Hamburg wird geschrieben: Im April d. I. gründeten einige Hessen hier einen Hessen-Klub", dabei von dem Gedanken ausgehend, daß es wohl nichts schöneres sei, als außerhalb des Heimatlandes sich zu vereinigen, um die Landsmann­schaft zu pflegen. Auf dieser Grundlage wurde denn auch derHessen-Klub" aufgebaut und heute haben wir die Genugthuung, daß 70 Hessen dem Klub angehören, während jede Woche 6 bis 7 Neuanmeldungen einlaufen. In diesen Klub, welcher nur einzig und allein die Lands­mannschaft hegen und pflegen soll, kann jeder Hesse eintreten und wir machen darauf aufmerksam, daß das Vereinslokal bei dem Landsmann Georg Pfeiffer, Klub- und Ballhaus, große Rosenstraße Nr. 40, ist.

Essen, 25. Juli. Ueber eine Musterklasse höherer Töchter schreibt die ,Ess. Bztg.': Ein widerwärtiger Anblick wurde gestern Abend den Reisenden zu Theil, welche mit dem Zuge 8 Uhr 32 ausHügel" nach Essen hier zurückfuhren. Es stiegen nämlich die zahlreichen Schülerinnen einer Töchterschule mit ein, welche erst einen ohrenzerreißenden Skandal im Wagen machten, sich dann Cigarren anzündeten und frech darauf los pafften. Eine der flottesten Schmökerinnen war viel­leicht kaum 12 Jahre alt, während die anderen reichlich 12 und 14 Jahre alt waren.

Barmen, 25. Juli. Das Gesetz über die unlauteren Wettbewerb beginnt in der Geschäftswelt seine Wirkungen auszuüben. Im Schaufenster eines hiesigen Geschäfts sind seit langer Zeit billige Tücher zu einem Preise aus­gestellt, der nach Ansicht eines Konkurrenten viel zu niedrig gegenüber dem Werth der Waare ist. Er schickte daher mehrere Personen in das betr. Geschäft, um grö­ßere Posten dieser Tücher zu verlangen. Das geforderte Quantum sagen wir 12 Dutzend wurde jedoch nicht abgegeben, sondern nur ein Theil desselben, z. B. drei Dutzend, obwohl noch größere Posten vorräthig waren. Die Konkurrenz hat nun laut ,Barm. Ztg.' auf Grund des Gesetzes gegen die unlauteren Wettbewerb Anzeige gegen die Firma erstattet. Auf den Ausgang des gerichtlichen Pro­zesses darf man gespannt sein.

Aus Bayern, 25. Juli Der.Krach des Schwabacher Vorschußvereins, bei dem kleine Leute über eine Mil­lion Mark verloren haben, hat furchtbare Nachwirkungen. Da die Konkursmasse nicht reicht und nicht korrekt ge- wirthschaftet wurde, ist gegen 17 Aufsichtsrathsmitglieder Klage auf Zahlung von 992,000 Mk. gestellt und zu­gleich Versicherungsverfügung erlassen worden, da man in Erfahrung brächte, daß verschiedene Aufsichtsräthe den Versuch machten, durch Cession und andere Manipu­lationen sich mancher Vermögensstücke zu entäußern. Durch diese Versicherungsverfügung sind mehrere Indu­strielle in der regelrechten Fortführung der Geschäfte behindert.

Konstanz. Eine Durchgängerin, ein etwa 16 Jahre altes Mädchen, das gute Herrenkleider trug, und die Haare kurz geschnitten hatte, wurde dieser Tage in Friedrichshafen in einer Wirthschaft betroffen, als es zechende Handwerksburscheu regalirte. Auf dem Rath­haus gab dasHerrchen", das aus der Schweiz kam, seinen richtigen Namen an, worauf die in Ravensburg lebenden Eltern telephonisch unterrichtet wurden. In einem Packet, das dem Mädchen gehörte, fand man einen geladenen Revolver. Ein Schutzmann begleitete es auf den Hafenbahnhos, da es mit dem Zug heim-

1896.

fahren sollte. Als er den Damm überschritt, stürzte sich das Mädchen über die Hafenmauer in den See. Mit großer Mühe konnte es mit Haken lebend herausgezogen werden. Es wurde in das Krankenhaus gebracht, wo es von Vater und Schwester abgeholt wurde.

Ausland.

Paris, 28. Juli. Aufsehen erregt eine Touloner Meldung ds Jntransigcant, wonach in der vorgestrigen Nacht drei italienische Torpedoboote unauffällig sich dem Touloner Hafen näherten und an dem Sainte Margu- eritcfelsen anlegten. Eines der Boote, die allcsammt von der Hafenwache für französische gehalten wurden, drang sogar bis zu den Pontons des Touloner Kricgs- hafens vor. Am folgenden Morgen fand man am Pontongeländer folgende befestigte Visitenkarte:Eduardo Girosi, Schiffslieutenant, Kommandant des Torpedos 135 in Spezia." Alle drei italienischen Boote waren nach diesem kühnen Wagestückchen ruhig wieder ins offene Meer hinausgefahren und davongedampst. Die Spreng­geschosse der französischen Marine sind gegenwärtig Gegenstand einer lebhaften Erörterung. Der ehemalige Sekretär des Admirals Aube, Paul Fontin, hat im Ev^nemeut" Enthüllungen über die Unwirksamkeit der Gußeisen-Sprenggeschosse der Marine gemacht. Auf Befehl des Marineministers wurden bei ihm Haussuchungen vorgenommen, die aber ohne Erfolg blieben. Die fran­zösische Marine verwendet an Bord hauptsächlich zwei Arten von Geschossen, erstens volle oder fast volle Stahl­geschosse, die bestimmt sind, die dicken Panzer über der Wasserlinie zu durchbohren, und die selbst unter starken Neigungswinkeln auf eine Entfernung von einem bis zwei Kilometern eine Dicke Hartstahls zu durchschlagen vermögen, die mindestens einem Kaliber gleich ist, zweitens Hohlgeschosse aus Gußeisen, die theils mit schwarzem Pulver, theils mit Melinit gefüllt sind. Zu allen Zeiten haben die Marineoffiziere gegen die Verwendung der Gußeisenbomben protestirt, da dieselben durchaus un­wirksam sind. So mußte Admiral Courbet während des chinesischen Krieges bei dem Angriff auf Futschau davon abstchen, die unter der Pagode ankernden chinesischen Dschunken in den Grund zu bohren, weil die Kiele derselben aus hartem Holz gefertigt waren, das dem Anprall der französischen Bomben völlig Widerstand leistete.

Rom, 27. Juli. Wie aus Sizilien bringen die Blätter auch aus Sardinien haarsträubende Berichte über die dortigen Zustände. Die liberaleNuova Sar- degna" aus Sassari schreibt:Das Elend hier zu Lande ist erusetzlich, und die Ernte bietet keine Aussicht auf Abhilfe; denn mit Ausnahme von ein wenig Gerste sind die Körnerfrüchte durch die schlechte Witterung zu Grunde gegangen und die Weinlese verspricht nicht ein­mal genug für die Zahlung der Steuern. DieUnione Sarda" theilt mit, daß im Bezirke Ogliastro eine wahre Hungersnoth herrscht, und erzählt von einem Dorfe, dessen halb verhungerte Einwohner wegen des aus einer verschlossenen Hütte hervordringenden Bratengeruchs den Verdacht geschöpft hatten, der Besitzer derselben möchte irgendwo Fleisch gestohlen haben, welches sie selbst kaum noch aus der Erinnerung kannten. Als man die Thür gewaltsam erbrach, fand man einen Hundekadaver, von dem der Mann einen Schenkel briet. Das Blatt ver­sichert, in vielen Gemeinden seien alle Hunde, Katzen und sogar Esel geschlachtet und verzehrt worden.

Südafrika. Den Engländern scheint es in Süd­afrika recht schlecht, zu gehen. Die allgemeine Lage in Rhodesia hat sich nicht gebessert. Es ist kein ent­schiedener Fortschritt zur Beendigung des Aufstandes in den letzten Tagen gemacht. General Carrington scheint einen neuen Angriff vorzubereiten, doch sind Kapitän Nicholsons Truppen, der den Feind aus einer starken Position vertreiben sollte, geschlagen worden. Bulawayo ist einer nur kleinen Anzahl von Vertheidigern überlassen. Die Bevölkerung ist in größter Angst, da die Zulus die Stadt umschwärmen. Kapitän Laings Gefecht gegen zwei der besten Regimenter Lobengulas war offenbar erfolglos, da die Rebellen noch jetzt am Rande d'cr Matoppo Hills in unmittelbarer Nähe der Gefechtsortes selbst gesehen werden. Der Preis der Lebensrnittel in Gwelo ist unerschwinglich. Die Hungersnoth zieht sogar die Thierrvclt in Mitleidenschaft. So wurden Hunger- leidende Löwen in unmittelbarer Nachbarschaft von Tuli gespürt. Der Abzug der Ansiedler nach Süden dauert fort.