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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
tM 55. Mittwoch, den 8. Juli 1896.
N-ft-l! 11irN«>N “Uf b,c "Schlüchterner Zeitung" JPVHlUuilyt H werden noch fortwährend von allen
- Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Das Bürgerliche Gesetzbuch.
Mit der imposanten Mehrheit von 222 gegen 48 Stimmen und bei einer verhältnißmäßigen Fülle im Reichstag, wie sie in der sommerlichen Junihitze kaum noch erwartet wurde, ist der Entwurf des bürgerlichen Gesetzbuches in der entscheidenden Gesammtabstimmung zur Annahme gelangt. Die fleißige, aufopfernde und unermüdliche Arbeit von zwanzig langen Jahren hat ihre Früchte getragen. Der seit Jahrzehnten gehegte und gepflegte Lieblingsgedanke des deutschen Volkes, der geeinten deutschen Nation auch die langersehnte Rechts einheit zu geben, ist nun zur Erfüllung gebracht worden. Ein Werk von ganz besonders hervorragender Bedeutung ist seiner Vollendung entgegen geführt worden. Denn nicht nur für jeden Einzelnen gewinnt das bürgerliche Recht im Laufe des Lebens praktische Wichtigkeit, da keiner von den Bestimmungen desselben unberührt bleibt, sondern eine noch weit größere Bedeutung hat es f ü r die Erstarkung und Festigung des Ge - m e i n g e f ü h l s , auf dem doch die Entwicklung unseres Gesammtreichcs beruht.
Dieses Werkes wollen wir uns freuen, ob auch manche Entscheidung bei der großen Gesetzesarbeit nicht nach unserem Sinne ausgefallen, mancher unserer Wünsche unerfüllt geblieben ist. Handelte es sich doch um ein Gesetzbuch für das ganze deutsche Reich; sollte es zu Stande kommen, so mußte den Rechtsgewohnheiten aller Theile Deutschlands Rücksicht gezollt werden. Was dem Einen seine Eule, ist dem Andern seine Nachtigal. Es liegt in der Natur der Dinge, daß ein so gewaltiges gesetzgeberisches Werk, daß ein Gesetzentwurf, der in weit über 2000 Paragraphen die allerverschiedenartigsten und mannigfaltigsten Dinge zu ordnen und zu regeln hat, sich nicht in allen Theilen der Zustimmung Aller erfreuen kann. Zu mannigfaltig sind die Meinungen, die Grundsätze, die Denkungsarten der Menschen, um es zu ermöglichen, daß ihnen Allen in jeder Frage nach Wunsch geurtheilt, nach ihrem Willen entschieden werde. Auch die Redaktoren des bürgerlichen Gesetzbuchs waren nicht im Stande, das Unmögliche möglich, das Unzulängliche zum Ereigniß zu machen. Aber wenn von zwei Wegen, die zu Gebote standen, manch einmal der gewählt wurde, der diesem nicht, wohl aber jenem gefällt, so mag sich dieser damit zu trösten versuchen, daß an manch anderer Stelle der Weg gewählt wurde, der jenem nicht, wohl aber diesem gefällt. Was der Entwurf über die Rechtsfähigkeit der Vereine beschlossen hat, kann auch den maßvollsten Ansprüchen schwerlich genügen. In der Frage der Ehescheidung ist sogar ein Rückschritt gegenüber dem bisher geltenden Recht zu verzeichnen, da die Möglichkeit der Ehescheidung nicht einmal in dem Maaße gewährt worden ist, wie es vor hundert Jahren das preußische Landrecht fcstgrstelll hat. Wir könnten noch manche andere Ausstellungen, die wir an Oem Werke zu machen haben, erwähnen, aber diese Unzufriedenheit mit einzelnen Bestimmungen kann die Befriedigung, die Genugthuung nicht hindern, die wir trotz aliebern lebhaft und aufrichtig über das Gelingen des großen Werkes empfinden. Diese unsere Befriedigung wird dadurch erheblich vergrößert, daß es noch in letzter Stunde gelungen ist, eine erhebliche Verschlechterung des Gesetzentwurfes, die Streichung der unheilbaren Geisteskrankheit als Ehescheidungsgrund, zu verhindern.
Die Thatsache, daß wir nun endlich in den Besitz des langersehnten, gemeinsamen und für Alle geltenden Rechts gelangen, diese Thatsache ist von so großer, von so nationaler Bedeutung, daß demgegenüber alle Bedenken gegen Einzelheiten des Gesetzwerkes weit zurück- treten. Und indem wir dieser Bedenken vergessen, wollen wir uns rückhaltlos des großen Fortschrittes freuen, der unserem Rechtsleben nunmehr beschieden ist, und der Stärkung und Festigung, die hierdurch unserer Reichs- nnheit zu Theil geworden ist.
Deutsches Reich.
Berlin. Auf seiner Nordlandreise ist unser Kaiser an Bord der Jacht „Hohenzollern" Sonnabend früh bei klarem Wetter in Kopervik (Norwegen) eingetroffen.
Weiterreise nach Sundal erfolgte tags darauf.
Sonntag Vormittag hielt der Kaiser an Bord der „Hohenzollern", wo sich alles wohl befindet, den Gottesdienst ab.
— Der Kaiser hat an den Reichskanzler folgendes Telegramm gerichtet: „Seiner Durchlaucht dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, Berlin. Christiansand, den 3. Juli 1896. Eurer Durchlaucht spreche Ich Meine hohe Befriedigung über die endgiltige Erledigung des großen Werkes aus, das Deutschland ein einheitliches bürgerliches Recht sichert. Mit dem Ausdruck Meiner Anerkennung verbinde Ich gern Meinen besonderen Dank für Ihre angestrengte Mitwirkung und erfolgreiche Leitung bei dieser Arbeit, in deren Abschluß Ich ein neues Bindemittel für das im Reich geeinte Vaterland erblicke. Wilhelm I. E.
— Das vorläufige Ergebniß der Volkszählung vom 2. Dezember 1895 gewährt einen Einblick in die während des abgelaufenen Jahrfünftes eingetretene bemerkens- werthe Veränderung in der Vertheilung der Bevölkerung auf die Städte (einschließlich der im Stande der Städte vertretenen ländlichen Gemeinden) und das platte Land. In den jetzigen Gebietsgrenzen der Städte beziehungsweise ländlichen Gemeindeeinheiten betrug die Zunahme der Bevölkerung von 1890 —1895
Personen aufs Tausend
in den Städten 1,092,226 -{— 92,1
auf dem platten Lande 800,202 4-14,2
Die Volkszunahme ist hiernach in den Städten mehr als doppelt so stark wie in den ländlichen Gemeindeeinheiten gewesen.
— Die Bierproduktion hat sich im Reiche in den letzten 20 oder 25 Jahren verdoppelt. Es wurden gebraut 16 Millionen Hektoliter Bier im Jahre 1872 und 36 Millionen Hektoliter im Jahre 1895. Dagegen ist die Zahl der kleinen Brauereien von 1872 bis 1895 von 13,761 auf 7108 gesunken, die der großen Brauereien, solcher nämlich, die mehr als 1500 Doppelcentner Malz verbrauchen, von 366 auf 923 gestiegen. Die kleinen Brauereien können mit den großen nicht konkurriren, sie gehen zu Grunde.
— Der Direktor der Rheinisch-West'älischen Bank, Hermann Friedmann, wurde zu sechs Jahren Zuchthaus und sieben Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte zehn Jahre Zuchthaus und Ehrverlust von gleicher Dauer beantragt.
— Im Beisein des Kaiserpaares, des Erbgroß- Herzogs von Oldenburg und des Erbprinzen von Meiningen hat sich am Mittwoch der Stapellauf des Panzerschiffes „Ersatz Preußen" in Wilhelmshaven vollzogen. „Ersatz Preußen" ist das größte deutsche Panzerschiff und das erste, welches drei Schrauben erhält. Das Schiff ist bei 11,000 gönnen Deplazement 115 Meter lang, 20,4 Meter breit und hat einen Tiefgang von 7,83 Meter. Die drei getrennt in wasserdichten Räumen liegenden und von einander unabhängigen Maschinen indiziren 13,000 Pferdekräfte, womit die für einen Hochseepanzer beträchtliche, höchste Geschwindigkeit von 18 Seemeilen stündlich bei Gebrauch aller drei Schrauben erzielt wird. Bei 2 Schrauben vermindert sich die Schnelligkeit auf 16, bei einer auf 10 Meilen. Die Artillerie hat auf ganz schwere Kaliber völlig verzichtet, dagegen hohen Werth auf Mittelartillerie und Schnellfeuerkanonen gelegt. Mithin besteht die Armirung nur aus 4 Stück 24 Centi- meter Kanonen, 18 Stück 15 Zentimeter Schnellfeuergeschützen, 12 Stück 3,7 Zentimeter Revolverkanonen, 8 Stück 8 Millimeter Maschinengewehren und 6 Torpedo-Lanzirrohre. Die Panzerung besteht aus einem Harway-Gürtelpanzer, welcher sich bis zu */s der Tiefe um das Schiff herumzieht; der Panzer erreicht in der Mitte eine Stärke von 300 Millimeter, an den Enden von 150 Millimeter. Ueber Maschinen und Kessel zieht sich ein gewölbtes Panzerdeck. Die Besatzung betragt 655 Mann; die Herstellungskosten belaufen sich auf etwa 20 Millionen Mark.
Hamburg, 30. Juni. Die Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen verschiedene hiesige Beerdigungs- Dereine und Uebernehmer von Beerdigungen eingeleitet wegen Verdachts des Betruges und Wuchers. Die Beschlagnahme der Geschäftsbücher ist verfügt. Die Untersuchung wurde dadurch veranlaßt, daß für Särge, Ausstattungen u. s. w. unerhört hohe Preise berechnet, sowie baare Vorlagen den Hinterbliebenen besonders hoch an- gerechnet sein sollen.
Bremen, 4. Juli. Laut einer Depesche aus Japan
ist der Dampfer „Hozui Maku" nach einer Kollision mit einem fremden Dampfer gesunken. 178 Personen sind dabei ertrunken.
Halle. Der „Verband der landwirthschaftlichen Genossenschaften der Provinz Sachsen und der angrenzenden Staaten” hielt hier feinen achten Verbandstag ab. Dem Geschä tsbericht ist zu entnehmen, daß das Genossenschaftswesen im vergangenen Jahre einen erheblichen Aufschwung genommen hat. Es wurden neu gegründet 56 Genosscuschaften, darunter 10 Molkereigenossenschaften, 2 Ein- und Verkaufsvereine, 42 Spar- und Darlehns- । lassen, 1 Schlachtviehversicherungsgenossenschaft und 1 Brennereigenossenschaft. Im Ganzen umfaßt der Verband jetzt 264 Genossenschaften. Den weiteren Verhandlungen ist zu entnehmen, daß, wie Landesökonomierath v. Mendel-Steinfels mittheilte, das hier in Halle zu erbauende Kornhaus 180,000 bis 200,000 Mark kosten wird, und daß in demselben bis zu 5000 Tonnen Getreide sollen gelagert werden können. Für den Betrieb des Kornhauses wird eine eigene Verkaufsgenossenschaft mit beschränkter Haftung gebildet werden. Der in der Versammlung anwesende Direktor der Preußischen Central-Genossenschaftskasse, Freiherr von Huene, gab die Erklärung ab, daß die Kasse das Kornhaus-Unternehmen nach Möglichkeit fördern werde.
Licgnitz, 3. Juli. Eine räthselhafte Angelegenheit beschäftigt gegenwärtig die hiesigen Gerichte. Vor beinahe fünf Jahren, am 16. August 1891, wurde auf der Chaussee zwischen Brinkendorf und Neudorf ein Mann in leblosem Zustande aufgefunden. Es war ein auf der Durchreise befindlicher Schuhmacher Namens Krafczyck, Bei der Leiche stand die Ehefrau, welche angab, der Mann habe Krämpfe. Der Todte lag aber in einer großen Blutlache und war, wie sich bald herauSstellte, durch einen Schuß in den Kopf gelödtet. Die Frau nahm man fest, aber sie wurde mangels stichhaltiger Beweise bald wieder auf freien Fuß gesetzt, weil angenommen wurde, der Mann habe Selbstmord begangen. Jetzt, nach fünf Jahren, ist nun das hiesige Gericht ersucht worden, die Untersuchung wieder aufzunehmen, die sich gegen diese vorgenannte Frau des Krafczyck, jetzt vcrheirathct an einen gewissen Schmidt in Lehn in Hannover, richtet. Dieselbe soll bereits drei andere vollendete Gattenmorde und einen versuchten auf dem Gewissen haben. Die Leiche des Krafczyck wird wahrscheinlich ausgegraben werden. Am letzten Sonnabend fand durch eine Gerichtskommission eine Besichtigung des Thatortes statt. Auch eine Anzahl von Zeugen wurde geladen. Auf den Ausgang der mysteriösen Angelegenheit darf man sehr gespannt sein.
In Ostpreußen streifen in mehreren Städten die Bäcker; sie wollen fortan kein Hausbackbrod und Kuchen zum Backen annehmen. In L y ck hat dieser Beschluß der Bäcker die Einwohnerschaft sehr in Harnisch gesetzt, und sie hat der Innung eine dreitägige Bedenkzeit gegeben. Aendern die Bäckermeister in dieser Zeit ihre Ansicht nicht, dann sollen neue Bäckereien entstehen. Der Vorstand der Bäckerinnung O st e r o d e macht folgendes besannt: „Laut Bundesrathsverordnung vom 4. März 1896 stehen den Bäckern nur 12 Stunden Arbeitszeit zu; da selbige mit dieser kurzen Spanne Zeit nicht auskommen, sind sie gezwungen, die Hausbackbrode und Kuchen vollständig auszuschließen; es werden also von jetzt ab keine Hausbrode, sowie Kuchen zum Backen angenommen. In den meisten Bäckereien fängt die Arbeit des Abends 8 oder 9 Uhr an und muß, um nicht gegen das Gesetz zu verstoßen, spätestens um 8 oder 9 Uhr Morgens beendet sein."
Ausland»
Fünfkirchen (Ungarn), 1. Juli. In der Ortschaft Szill hat ein Müllergcselle aus geringfügigem Anlaß einem Gastwirth, dessen Gattin, dessen 14jährigen Knaben und ein 1 l jähriges Mädchen heute Nacht todtgeschlagen. Der Mörder ist verhaftet.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 7. Juli.
— Auf Befehl des Kaisers werden u. A. folgende Truppentheile verlegt: zum 29. September 1896: die 2. Eskadron des 2. westfälischen Husaren-Regiments Nr. 11 von Benrath nach Düsseldorf, zum 30. September 1896: das 1. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 130 von Saargemünd nach Metz, zum 1. Oktober