SchWernerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 54. Samstag, dea 4. Juli 1896.
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^pftplllHIAPtt °"l d-e „Schlüchterner Zeitung" gpvpltUUUyVll werden noch fortwährend von allen ----~ ' Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Juli. Der Kaiser hat heute Nachmittag um 5 Uhr von Wtlhemshaven aus die diesjährige Nordlandreise angetreten. Die „Hohenzollern" dürfte morgen Abend 10 Uhr Sundal (am Mauranger Fjord) erreichen und dort vor Anker gehen. — Die Kaiserin trifft heute Abend um 11 Uhr 23 Minuten aus Wilhelmshaven auf der Wildparkstation wieder ein und wird bis auf Weiteres im Neuen Palais residiren.
— Hundertjährige Geburtstags-Feier für Kaiser Wilhelm I. Es hat sich in Berlin ein Komitee gebildet, um den 100. Geburtstag des Gründers der deutschen Einheit, seiner Bedeutung als nationaler Festtag entsprechend, in würdiger, weihevoller Weise zu feiern. Im Anschluß an die Enthüllung des Nationaldenlmals an der Schloßfreiheit wird ein historischer Festzug, an welchem sich die gesammte Bürgerschaft betheiligen soll. Einheitliche Feierlichkeiten an allen deutschen Orten werden veranlaßt. Zum Präsidenten wurde General v. Sasse, zum Vize-Präsidenten Johannes Trojan gewählt.
Bremen, 1. Juli. Dem „Norddeutschen Loyd" ging von dem Kaiser heute aus Wilhelmshaven folgendes Telegramm zu: „Als Zeichen meines besonderlichen kaiserlichen Wohlwollens habe ich den Führern deutscher Seehandelsschiffe, so lange sie Offiziere des Beurlaubten- standts sind, die Berechtigung verliehen, das Eiserne Kreuz auf der deutschen Handelsflagge zu führen. Durch diese Auszeichnung möchte ich das Band fester knüpfen, welches meine Marine mit der Handelsschifffahrt verbindet, auf deren Unterstützung zu rechnen sie im Kriege angewiesen ist. Gleichzeitig sollen die Oifiziere des Beurlaubtenstandes darin meine Anerkennung und einen Ansporn erblicken, sich auch fernerhin durch Gewissenhaftigkeit in der Führung der ihnen anvertrauten Schiffe auszuzeichnen. Wilhelm, I. B."
Bremen, 29. Juni. Ein erst 16 Jahre alter Lehrling einer hiesigen großen Firma, der im Laufe eines Jahres einem seiner Prinzipale nicht weniger als 20,000 Mark aus dem Geldschrank gestohlen hat, wurde heute von der Strafkammer des Landgerichts zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt. Der kaum dem Knabenalter entwachsene junge Mensch hatte schon recht noble Passionen und verschwendete das Geld in der leichtsinnigsten Weise; unter anderem kaufte er sich zwei Segelboote für 950 Mark und 3000 Mark, für welche er eine ständige, mit goldstrotzenden Uniformen ausgestattete Besatzung hielt.
Hamburg. Welche Gesammtkosten die Cholera im Herbst des Jahres 1892 dem Hamburgischen Staate verursachte, ergiebt sich aus der erst jetzt von der Budget- Kommission erledigten Staatshaushalts-Abrechnung |für 1893, welches Jahr eine Reihe von Nachforderungen und Sonderausgaben zwecks Sanierung des Stadtgebietes nötig machte. Das Jahr 1892 erforderte insgesammt 3,299,999 Mark, unter denen als größere Posten sich befinden: für Baracken 764,000 Mark, für das Krankenhaus als Sander-Ausgabe 1,162,000 Mark, für Desinfektionen, Kranken-Transporte 1,260,000 Mark, zusammen mit einer Reihe kleinerer Posten für Cholera- bekämpfung obige Summe. DaS Jahr 1893 erforderte noch 1,562,864 Mark, die Seuche hat also insgesammt 4,562,864 Mark Kosten dem Staatssäckel auferlegt.
Harzburg i. H., 27. Juni. Bei der heutigen Auktion Einjähriger Fohlen des Harzburger Gestüts wurde für Fohlen die enorme Summe von 150,000 Mk. erzielt. Die beiden theuersten Fohlen kosteten 25,000 und 21,000 Mark.
Essen, 20. Juni. Essen ist Großstadt geworden. Gestern wurde auf dem hiesigen Meldeamte der 100,00fte Einwohner angemeldet. Die Zahl 100,000 hat freilich nur eine formelle Bedeutung, denn nicht das Mehr der nnen Person macht einen Ort zur Großstadt, sondern Zug großstädtischen Lebens, der durch eine Stadt aber man hat sich daran gewöhnt, erst Städte von 100,000 Einwohnern als Großstädte zu betrachten, im Jahre 1801 das Benediktinerstift Essen mit den ®«bcn Städten Essen und Steele und einigen Dörfern wcmarisirt wurde, zählte die Stadt Essen 3480 Ein- Mner. Im Jahre 1802 war es von Preußen als Entschädigung in Besitz genommen und 1803 dieser
Macht zugesprochen worden, der es auch nach dem Interregnum des Großherzogthums Berg 1813 wieder zufiel. Erst von den fünfziger Jahren an beginnt der Aufschwung Essens, der in seiner Eigenart ohne Gleichen dasteht. Er ist zum großen Theil das Werk eines Mannes. Der Name Friedrich Krupp ist von dem Aufschwung Essens untrennbar. Während die Stadt 1850 erst 8673 Einwohner zählte, tritt in den nächsten Jahrzehnten in Folge des gewaltigen Aufschwungs der Kruppschen Werke und überhaupt der Entwickelung der deutschen Industrie ein rapides Anwachsen der Bevölkerung in die Erscheinung.
Elberfeld, 20. Juni. In ihr interessantestes Stadium treten im Juli oder August die Arbeiten an dem Wupperviadukt bei Mingsten. Es beginnt um die angegebene Zeit die Montage des großen Mittelbogens, die ohne jedwede Unterrüstung, nur mit Hülse mächtiger Drahtseile bewerkstelligt wird. Dabei handelt es sich um eine Spannweite von 170 Metern und um eine Höhe von 107 Metern. Im Ganzen werden dazu 8 Seile verwendet, auf jeder Seite 4, deren Ende in 30 Meter tiefen Ankerkammern befestigt sind. Die Bruchfestigkeit eines solchen Taues ist auf 500 000 Kilogramm berechnet; die thatsächliche Beanspruchung soll aber nur den vierten Theil betragen. Das Eisengewicht der beiden Bogenträger reicht einschließlich des von ihnen getragenen Fachwerkes an 1700 Tonnen heran. Um schließlich, wenn die beiden Bogenhälften bis zum Sckeitel heranmontirt sein werden, die zwei Schlußstücke zusammenpassen zu können, sind an den Bogenpfeilern hydraulische Pressen angebracht, durch die eine Zurück- kippung der Pfeiler ermöglicht wird. So leicht sich das liest, so gewaltig ist die Arbeitsleistung, handelt es sich doch um Eisenkolosse von mehr als 65 Meter Höhe, von den gemauerten Widerlagern aus gerechnet. Ueberhaupt kann sich von der Riesenhaftigkeit des Werkes, das in Höhe und Spannweite alle ähnlichen Brücken der Neuzeit übertrifft, nur der einen vollkommenen Begriff machen, der es gesehen hat.
Metz, 30. Juni. Das Artillericdepot III. in Devant-les-Ponts steht seit 7 sthr in Hellen Flammen. Um 73M Uhr erfolgte eine theilweise Explosion. Zahlreiche Personen wurden schwer verletzt, einige sind todt. Da eine große Menge Explosionsstoffe im Zeughaus lagert, schwebt die Umgebung in größter Gefahr. — Die im Artilleriedepot gelegenen Granaten sind 10Min. vor 8 Uhr explodirt. Genaue Nachrichten über die Größe des Unglücks fehlen. Man meldet 15 todte und 50 verwundete Soldaten und Feuerlöschmänner. Der Bahnverkehr nach Luxemburg und Trier ist gesperrt. — Im Ganzen sind fünf Personen todt. Man spricht von weiteren Vermißten. Schwer verwundet und amputirt sind 14 Personen, darunter 10 Soldaten, zwei Lösch- männer, ein elfjähriger Knabe und ein Mädchen von 16 Jahren. Als leicht Verwundete wurden im Garnison- lazareth 40 bis 50 Personen, meistens Civilisten, verbunden. Vernichtet sind 6 vollständige Artillerie-Fuhrparks und viel Artilleriematerial im Werthe von 1 Va Mill, Mainz, 26. Juni. Wie das Weinpantschen rasch ganze Vermögen einbringt, zeigt eine Gerichtsverhandlung gegen die Inhaber einer Mainzer Weinhandlung, Bernhard Cahn aus Udenheim und Max Mannheimer aus Gräsenhausen, aus § 10 des Gesetzes über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und § 4 des Weingesetzes. Ein Wirth aus Erzhausen hatte von den Angeklagten im August vorigen Jahres 2000—3000 Liter Wein zu 48 Pfennig das Liter bezogen, der Wirth verzapfte ihn zu 50 Pfennig den Schoppen; den Gästen behagte der Wein, das chemische Untersuchungsamt aber erklärte ihn für gefälscht. Die Angeklagten selbst gaben an, daß sie aus 11 Stück 94er Engelstadter und Bubenheimer Most, sowie 1 Stück Drubwein durch Zusatz von Zuckerwasser aus 30 Centnern Zucker, 144 Liter 95prozentigem Spritt, 30 Stück Wein (?!) gemacht haben. Dann verflachen sie aus 8 Stück Gemisch 4 Stück Ober-Saulheimer. Der Amtsanwalt beantragte gegen jeden Angeklagten 300 Mark Geldbuße, das Gericht erkannte nur auf 50 Mark. Die Selbstkosten der Weinpantscher waren: Das Stück Most 94er Engelstadt-Buben-
heimer 300 M........ 3,300 M.
1 Stück Drubwein..... 300 „
30 Centner Zucker je 30 M..... 900 „
144 Liter 95prozentigen Spritt 70 Pfg. 100 „
Selbstkosten für 30 Stück 4,600 M.
Verkauft an den Erzhäuser je 576 Mark, nehme an durschn. 500 M. das Stück 15,000 M.
Bleibt Gewinn 10,400 M.
Ab Strafe.......100 M.
Ab Kosten....... 300 M.__
Reingewinn 10,000 M.
Wie ersichtlich, bringt also der „vernunftgemäß" (handelsüblich) betriebene „Weinhandel" trotz der Strafen noch einen hohen Gewinn.
Würzburg, 1. Juli. Die Verkündung des Urtheils in dem Prozeß des Freiherrn v. Thüngen gegen die Gemeinde Burgsinn ist vom Landgericht auf den 14. d. M. vertagt worden.
Ausland.
Rom, 30. Juni. Die gestern erlassene päpstliche Encyklcka über die Einheit der Kirche beginnt mit den Worten: Satis cognitum. Sie enthält 112 Anführungen aus der Hl. Schrift und den Kirchenvätern, mittelst deren die Verfassung der Kirche mit dem Grundprinzip der Einheit dargestellt ist. Letztere begreife mehrere unter sich verschiedene Gemeinschaften, aber eine einzige Kirche, welche Christus die Seine genannt habe. Um sie nicht den verschiedenen Auslegungen der Menschen zu überlassen, habe Christus die Apostel gewählt und ein immerwährendes lebendiges und anthentisches Magisterium gegründet. Es heiße die Kirche verleumden, wenn man sie so darstelle, als wenn sie in die weltlichen Dinge eingreifen oder Rechte der Herrscher an sich reißen wolle. Die Kirche sei die über allen anderen stehende Gesellschaft, gleich wie das übernatürliche Ziel, welches sie verfolge, über allen anderen stehe. Da eine vollkommene Gesellschaft ohne eine höchste Gewalt unmöglich sei, habe Christus die Einheit der Leitung eingesetzt und so die Einheit in der Kommunion vervollständigt. Er hat diese Leitung dem heiligen Petrus und seinen Nachfolgern mit der höchsten Autorität übertragen, neben der auf Erden keine andere höhere Autorität bestehen soll mit dem Privileg, daß sie niemals im Glauben fehlen können. Niemand könne neben dem päpstlichen Stuhl, dessen Autorität keine bloße äußerliche, sondern eine mit voller Gewalt bekleidete sei, einen andern errichten. Die Encyklika schließt mit der Aufforderung an alle diejenigen, welche sich zu Jesum Christum, dem Sohne Gottes und Erlöser, bekennen, seiner Kirche an- zuhängen, wie er sie eingesetzt hat.
Frankreich. Der Herzog von Nemours ist in PariS gestorben. Prinz Ludwig Karl Philipp Raphael von Orleans, Herzog von Nemours, war der am 25. Oktober 1814 zu Paris geborene zweiälteste Sohn des „Bürgerkönigs" Ludwig Philipp. Er hatte am 27. April 1840 die Prinzessin Viktoria von Sachsen-Koburg und Gotha geheirathet, die am 10. November 1857 im Alter von 35 Jahren starb. Der Herzog hinterläßt vier Kinder, den Grafen von Eu, den Herzog von Alentzon und zwei Töchter, von denen die ältere mit dem Fürsten Czartoryski vermählt ist. Der Sekretär des Herzogs von Nemours zeigte dessen Tod auf dem Standesamts in Versailles in der bei den Monarchisten gebräuchlichen Form „Seine königliche Hoheit, der Herzog von Nemours Sohn Seiner Majestät des Königs der Franzosen u. s. m." an. Der Standesbeamte verweigerte die Eintragung dieser, wie er sagte, veralteten Bezeichnungen. Der Sekretär, Graf de Riancey, bestand auf seiner Formel. Ein sich nun entspinnender Wortwechsel wurde vom Beamten mit der Erklärung beendet, daß er die Entscheidung des Staatsanwalts anrufen werde.
New-Uork, 29. Juni Das „New-Aorker Journal" veröffentlicht eine Depesche aus Havana, nach welcher die Aufständischen den Plan kundgegeben hätten, die Hauptstadt mittelst Dynamit zu zerstören, falls es nicht gelingen sollte, die Spanier auf andere Weise aus derselben zu vertreiben. Sie hätten ihren Parteigängern in der Stadt bereits ihre Absicht mitgetheilt und diese beeeilten sich daher, die Stadt so schnell als möglich zu verlassen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern. 3. ^uli.
* — In unserer Stadt treten gegenwärtig die Masern in solchem Umfange auf, daß die Schulen geschlossen werden mußten. Auf dem Seminar haben aus dem Grunde die Sommerferien auch 8 Tage früher begonnen.