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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 50.

Samstag, den 20. Juni

1896.

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Bestellungen auf das 3. Quartal 1896 (Juli, August, September) der

bitten wir durch die Post (auch Landbriesträger) oder Boten gefl. aufgeben zu wollen und zwar möglichst bis zum 29. d. Mts. Spätere Bestellungen resp. Nachlieferungen müssen an die Post extra bezahlt werden. Die Expedition.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser empfing Mittwoch Vormittag im Neuen Palais den japanischen Feldmarschall Iamagala und begab sich darauf nach Charlottenburg zur Einweihung des auf dem Hofe der neuen Kaserne für das Königin Elisabeth - Garde-Grenadier-Regiment errichteten Denkmals.

Der Weith der deutschen Ausfuhr tm Jahre 1895 betrug 3,318100 000 M., 356,6 Mill. mehr als 1894 d. i. die größte Steigerung, die je von einem Jahre zum anderen stattgefunden.

Die Novelle zur Gewerbeordnung, durch die u. a. der Hausirhandel cingedämmt werden soll, ist nun in dritter Lesung endgillig vom Reichstag angenommen worden. Die Reichstagskommission zur Vorberalhung des Bürgerlichen Gesetzbuches hat dem Paragraphen, der vom Wildschadenersatz handelt, die Bestimmung angefügt, daß auch der durch Hasen oder Fasanen an- gerichtete Schaden vergütet weroen soll.

Karlsruhe. Es ist ein seltener Fall, wenn ein Staatsanwalt aus seinem Amte scheidet, um lediglich Journalist zu werden. Dieser Fall tritt jetzt in Baden ein, wo der Staatsanwalt Dr. Jolly in Karlsruhe den Staatsdienst aufgibt, um in den Dienst derMünchener Allgcm. Ztg." zu treten. Die Trennung vom Staats­dienste wird freilich nur als vorläufig bezeichnet. Wir möchten wünschen, daß alle Staatsanwälte und Richter wenigstens in größeren Städten eine mehr oder minder lange Zeit als Journalisten sich beschäftigen. Es würde das für die Rechtsprechung, namentlich in Preßprozessen, nur von Vortheil sein.

Aus Barmen wird geschrieben: Bei dem in Jserlohn stattgcfundenen Gesangweltstreite wurde dem hiesigen GesangvereinLiederfreund" und demDeutsche Eiche"- Dortmund der zuerkannt gewesene erste Preis wieder abgesprochen, weil diese beiden Vereine mitgepumpten" Sängern aufgetreten waren, um den Sieg zu erringen.

Ausland.

Brest, 18. Juni. Der englische DampferDrum- mond Castle" lif um Mitternacht auf Felsen auf in der Nähe der Molenen-Jnseln. Das Schiff sank in drei Minuten. Von 250 an Bord befindlichen Personen wurden nur drei gerettet. Bergungsdampfer sind am Abend nach der Unglücksstelle abgegangen.

Nokohama, 17. Juni. Die Nordprovinz wurde von einem heftigen Erdbeben und einer mächtigen Fluthwelle heimgesucht. Fast die ganze Stadt Kamaishi ist zerstört. An tausend Menschen sind umgekommen. Innerhalb 20 Stunden erfolgten 125 Erdstöße.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 16. Juni.

* Der für künftigen Sonntag Abend angesagte Familienabend des evangelischen Jünglingsvereins ist mit Rücksicht auf das zu gleicher Zeit im Seminar stattfindende Concert auf acht Tage später verlegt worden.

* Zwei Enkelinnen des großen Pariser Geiger­königs Boucher werden am Sonntag Abend in der Aula des Seminars ein Konzert (Geige und Klavier) veranstalten. Es liegt uns eine Menge Recensionen größerer Zeitungen vor, die alle voll des Lobes sind über die prächtigen musikalischen Leistungen der beiden jungen Damen; auch haben wir Kenntniß genommen von prinzlichen und fürstlichen Attesten. Aus einem größeren Provinzialblatt entnehmen wir aus der Besprechung eines Konzertes obiger Damen folgendes: »Bei dem letzten Konzert fesselte in erster Linie die Geigerin Fräulein Ernestine Boucher unser Interesse bis zum letzten Bogenstriche im höchsten Grade. Es war nicht bloß das Virtuosenhaft Technische, was uns bei dem Spiel des Frl. E. Boucher zur ungeheuchelten Bewunderung Hinriß, die junge Dame spielte nicht nur

den Fingern, sondern auch mit dem Herzen. Ihre Geige weinte, lachte, jubelte. Ihr Spiel weckte unser

innerstes Empfinden und stimmte uns zu erhebenden Gedanken. Der letzteren würdig zur Seite steht ihre Schwester, die Pianistin Frl. Elmire Boucher, welche gleichfalls auf ihrem Instrumente vollendete Meister­schaft bewies. Sie bethätigte Kraft des Anschlags, virtuose Technik und in letzterer Hinsicht namentlich eine stauncnswcrthe Fingerbehendigkeit. Auch ihr muß man das Prädikat einer Künstlerin ersten Ranges zuerkennen." Wir hoffen, daß sich das Konzert eines der Künstlerinnen würdigen, recht zahlreichen Besuches erfreuen und Niemand sich diesen musikalischen Hochgenuß entgehen lassen wird.

* Die Kaufleute haben sich seit Bestehen der Sonntagsruhe wiederholt darüber beschwert, daß die Gastwirthc während der Stunden, in denen die Kauf­läden Sonntags geschlossen sein müssen, Lebensmittel außer dem Hause verkaufen. Die preußische Regierung hat nun bestimmt, daß die Gastwirthe nur Wein und Bier vom Faß am ganzen Sonntag außer dem Hause verkaufen dürfen. Die Lieferung zubereiteter Speisen aus den Küchen der Gasthäuser war schon früher ge­stattet worden.

* Die Sitzbänke in der vierten Wagenklasse werden demnächst wieder entfernt werden. In den aus den Reparaturwerkstätten zurückgekommenen Wag-" dieser Klasse fehlen bereits diese Bänke. Die Verkehrs- statistik soll ergeben haben, daß die 3. Wagenklasse in Folge der bequemeren Einrichtung der 4. Wagenklasse bedeutend weniger benutzt wurde und eine merkliche Mindereinnahme in der Eisenbahnverwaltung verursacht hat. Wir wollen nicht hoffen, daß die Eisenbahn­verwaltung eine sozialpolitisch so verfehlte Maßnahme treffen wird, wie die Abschaffung der Bänke in der 4. Klasse sein würde. Der ärmeren Bevölkerung würde damit eine Wohlthat entzogen, lediglich zu dem Zwecke, um den Säckel des Eisenbahnfiskus zu

füllen. Da möge man lieber die erste Wagenklasse aufheben, die ohnehin ihre Kosten nicht deckt.

* In Sterbfritz ist die Maul- und Klauen­seuche ausgebrochen und demgemäß Sperre verhängt. (Siehe heutiges Kreisblatt.)

Ueber die Aufnahmeprüfung bei den Schullchrer- seminaren hat der Kultusminister eine Verfügung er­lassen, nach der wieder auf das in den allgemeinen Be­stimmungen vom Jahre 1872 festgesetzte Verfahren zu- rückgegriffen werden soll. Danach ist die Prüfung eine Konkurrenzprüfung, das heißt aus der Zahl der Be­werber werden jedesmal die Besten ausgcwählt nach der Zahl der vorhandenen etatsmäßigen Zöglingsstcüen Den übrigen Berwervern bleibt es überlassen, sich bei einem anderen Seminar einer erneuten Prüfung zu unterwerfen. Diese Bestimmung war durch eine Ver­fügung vom Jahre 1888 dahin abgeändert worden, daß ein absoluter Maßstab angelegt werden sollte, und jeher Bewerber, der den gestellten Anforderungen genügte, erhielt ohne Rücksicht auf die Zahl der verfügbaren Plätze ein Reifezeugniß. Mit diesem Zeugniß erhielt er ohne weitere Prüfung eine Aufnahme in ein anderes Seminar, an welchem etwa Plätze frei waren. Nach­dem in den letzten Iahen eine bedeutende Vermehrung der staatlichen und städtischen Präparandenanstalten statt­gefunden, sind alle Seminare mit genügendem Nachwuchs versorgt. Die überzähligen Bewerber finden daher gegenwärtig auch an anderen Seminaren mit ihrem Reifezeugniß in der Regel keine Aufnahme, und damit ist die Ausstellung des Zeugnisses zu einer leeren Form geworden, erweckt falsche Hoffnungen und hindert das rechtzeitige Ergreifen eines anderen Berufes. Der Minister hat daher verfügt, daß vom 1. April 1897 ab die Bestimmung wegen Ausstellung von Zeugnissen über die Befähigung zum Eintritt in ein Lehrerseminar wieder außer Kraft tritt.

Salmünstcr, 16. Juni. Gestern Vormittag gegen 10 Uhr rannte am Eisenbahn-Uebergang oberhalb Sal-

Münster eine von Elm kommende Hilfsmaschinc in die Schweincherde, wobei ca. zehn Stück getödtet wurden. Das Unglück soll dadurch geschehen sein, daß die Barriere nicht geschlossen war.

Lieber. Von Wilddieben erschossen wurde in der Nacht vom Sonntag auf Montag der Förster Hermann. Zwei verdächtige Personen sind verhaftet worden. Ueber die That wurde uns noch folgendes mitgetheilt: In Bieder wohnen die beiden Förster Hermann und Wöll- mann sich gegenüber. Gestern (Montag) früh gegen 4 Uhr hörte der eine der Beiden einen Schuß fallen, und machte sich mit dem anderen auf, um die Heim- kchrenden Wilderer abzufangen. Sie trafen auch zwei (ihnen als Wilderer wohl bekannte) Männer, von denen der eine bei ihrem Anblick die Flucht ergriff. Während nun Wöllmann diesen verfolgte, ging Hermann auf den zweiten los. Dieser zog einen Revolver und gab 4 Schüsse auf den Unglücklichen ab. Eine Kugel, welche die Lunge durchdrang, war alsbald von tödtlicher Wirkung. Die Section fand gestern Nachmittag statt.

Burgsinn, 17. Juni. In dem bekannten Wald­processe, der seit 300 Jahren zwischen der Gemeinde Burgsinn und dem Freiherrlich von Thüngen'schen Ge- sammtgeschlechte geführt wird, findet endlich nach zahl­losen Terminsverlegungen am 19. Juni vor dem königlich Landesgericht Würzburg eine Verhandlung statt. Der Werth der Streitsache beziffert sich auf mehr als zwei Millionen Mark. Das Ende des Processes ist allerdings noch nicht zu erwarten, da erst die Vorein- reden der verklagten Partei (der Gemeinde) gegen die Klagsansprüche zur Verhandlung kommen werden. Aber der Anfang vom Ende scheint nun allmählich doch heranzunahen.

Hanau, 15. Juni. Ein entsetzlicher Unglücksfall reignete sich Samstag Abend unweit der Bahnstation im benachbarten Groß-Auheim. Der 19jährige Sohn des Nachtwächters im Frankfurter Ostbahnhof, Simon Stickler aus Kahl bei Seligenstadt, welcher seit 8 Tagen bei Groß-Auheim als Streckenarbeiter beschäftigt war, wollte nämlich einen Güterzug zur Heimfahrt noch be­nutzen. Da aber der Zug nicht anhielt, sprang der junge Mensch in frevelhaftem Leichtsinn auf offener Strecke auf das Trittbrett eines Wagens. Der gefähr­liche Sprung gelang zwar: allein dem tollkühnen Springer entfiel dabei der Rock, den er über einen Arm gehängt hatte. Weil er dieses Kleidungsstück nicht im

Stiche lassen wolle, sprang er wieder herab, erfaßte den iRock und wagte zum zweiten Male den schaurigen

Sprung auf den in voller Fahrgeschwindigkeit befindlichen Zug. Diesmal aber stürzte er infolge Ausgleitens herab, wurde überfahren und grauenhaft verstümmelt. Die beiden Beine wurden ihm vollständig abgequetscht und der eine Arm total ausgerissen. Nach einer halben Stunde erlöste der Tod den Unglücklichen von seinen schreck­lichen Qualen. Der Bursche, das bedauerliche Opfer unbegreiflichen Leichtsinnes, wird als ein sonst sehr braver, fleißiger und nüchterner Mensch geschildert. Sein tragisches, wenn auch selbstverschuldetes Ende findet allenthalben begreifliche Theilnahme.

Hanau, 15. Juni. Die Wald- und Feldjagd in der Hochstädter Gemarkung ist dem Landgrafen von Hessen für den respektablen Preis von 2450 Mk. auf 9 Jahre verpachtet. Wie theuer mag da wohl jeder Bock oder Hase zu stehen kommen?

Aus Kurhessen, 15. Juni. Herr Oberlandstallmeister von der Marwitz zu Dillenburg, welcher in der ganzen Provinz bekannt und auf landwirthschaftlichen Ausstellungen als Sachverständiger, sowie als Kommissionsmitglied bei Pferdeschauen, Prämiirungen mitwirkte, wird am 1. Juli d. Js. in den Ruhestand treten und von seinem jetzigen Wohnorte Dillenburg nach Eberswalde übersiedeln. DerVogelsberger Rindviehzüchterverein" in dem Städtchen Biedenkopf hat auf der gegenwärtig in Stuttgart tagenden Landwirthschaftsausstellung nicht weniger als 15 Preise auf die ausgestellten Thiere erhalten, und zwar: einen Züchterpreis, vier erste, drei dritte Preise und vier Anerkennungen. Die Geldbeträge beziffern sich auf ca. 1200 Mark. In der That ein erfreulicher Erfolg, der zur Nacheiferung angespornt.

Kirchhain, 15. Juni. Wegen nicht standesgemäßen Benehmens wurde Amtsrichter Flohr in Kirchhain, (früher in Hilders) aus dem Richlerstand ausgestoßen und aus dem Staatsdienst entlassen. Er war bereits vor mehreren Monaten vom Amte suspendirt.